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Max Grote

Massoumi Gallery – „Für die Messe zu groß und zu dunkel“

Artworks: Max Grote
Portraits: Stephan Ziehen

Die MASSOUMI Gallery ist ein Ort für kuratorisch anspruchsvolle Ausstellungen, die aktuelle gesellschaftliche, mediale und persönliche Themen verhandeln. Mit über 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zählt sie zu den markantesten privaten Galerieräumen Hamburgs.

Im Mittelpunkt steht der Dialog, zwischen Werken, Künstler*innen und Publikum. Die Galerie zeigt zeitgenössische Kunst jenseits klassischer White-Cube-Formate und fördert Austausch und Zugänglichkeit. Parallel präsentierte Soloausstellungen ermöglichen ein tieferes Eintauchen in einzelne künstlerische Handschriften und eröffnen neue Perspektiven auf das aktuelle Kunstgeschehen.

Gegründet wurde die Galerie von Sahar Massoumi, Juristin und seit 2017 in der Kunst aktiv. Ihr Ziel: neue Stimmen sichtbar machen, Berührungsängste abbauen und Räume schaffen, in denen Kunst nicht nur gezeigt, sondern erlebt werden kann. Gelegen in den historischen Stadthöfen im Herzen Hamburgs, liegt der programmatische Fokus auf Künstler*innen mit kultureller Relevanz, ästhetischer Stärke und wirtschaftlichem Potenzial – insbesondere aufstrebende und mid-career Positionen.

Cyte unterhielt sich mit Sahar Massoumi, der Leiterin und Gründerin der Galerie und einem ihrer Künstler – Max Grote – über das Verhältnis Künstler/Galeristin und die Arbeiten von Max.

Cyte: Max, was war die erste Arbeit, die du gemacht hast, an die du dich jetzt noch erinnerst?

Max: Muss ich kurz nachdenken. Ich habe erst vor ungefähr dreieinhalb Jahren angefangen zu malen. Das erste war ein richtig schlimmes Bild. Ich habe eine Leinwand auf den Boden gelegt und erst mal geguckt, was kann man mit Farben machen. Und dann habe ich ein großes Skelett gemalt. War jetzt nicht so der Wahnsinn. Davon habe ich auch keine Fotos mehr.

Cyte: Übermalt?

Max: Nee, weggeworfen alles.

Cyte: Wirklich?

Max: Ja, ja. Ja, da war so dick Acrylfarbe aufgetragen, war ganz schlimm. Daraus konnte man nichts mehr machen.

Cyte: Und ist dann die technische Verbesserung durch Übung gekommen oder eher weil du angefangen hast, Kunst zu studieren?

Max: Wahrscheinlich durch Machen. Nicht durchs Studium. Ich habe einfach immer mehr Bilder gemalt. Irgendwann ging es mehr ins Detail. Nach und nach wurde es immer akademischer.
Aber so richtig geübt habe ich das nie. Es gab einen Professor von mir, der an der Weißensee unterrichtete. Er hat mir Aufgaben gestellt. Er wollte, dass ich etwas im Detail male, möglichst genau. Das habe ich zwar nicht gemacht, aber er hat immer gesagt, guck mal ganz genau hin. Das ist mir im Kopf geblieben, „guck mal ganz genau hin“. Denn es ist ja alles, beispielsweise bei einem Porträt, auf dem Referenzfoto drauf. Man muss es sich nur genau angucken.

Cyte: Die Sachen, die ich bisher gesehen habe sind formal alle super stark. In Kombination mit dem, was ich in anderen Interviews von dir gelesen habe, sind sie allerdings inhaltlich schwer zu greifen. Du lehnst es – soweit ich es verstanden habe – auch ab, sie mit einer Bedeutung aufzuladen oder zu sehr zu interpretieren. Machst du das bewusst so oder fehlt dir da die Haltung?

Max: Bewusst viel aufzuladen? Ich habe relativ simple Gedanken, die ich dann lustig finde oder ganz interessant. Das sind meistens ein, zwei Sätze, die ich in einem Bild ausformuliere. Dann ist es das, was es ist. Viele andere Leute machen viele andere Dinge. Aber für mich ist es dann nur das. Ich kann eigentlich immer sehr genau sagen, was ich da gemacht habe.

Cyte: Okay, erzähl mal.

Max: Es variiert von Bild zu Bild. Es gibt kein wirklich übergeordnetes Thema, an dem ich mich abarbeite. Ich benutze viele unterschiedliche Szenen, die dann auch fast gleich aussehen, aber trotzdem etwas anderes sind.

Cyte: Ist das dann eher intuitiv?

Max: Nein, intuitiv würde ich nicht sagen. Ich überlege mir schon vorher, was ich mache, auf meiner Leinwand. Das soll dann so aussehen, wie ich es mir vorstelle.

Cyte: Wie kommst Du zu den Inhalten?

Max: Ich recherchiere nicht speziell zu einem Thema. Es passiert aus einem Gefühl heraus. Meistens ist es sehr persönlich.

Cyte: Reicht dir das, um Relevanz zu schaffen? Um zu erklären, wo Du herkommst? Ganz viele haben Geschichten, Botschaften, Sachen, Haltungen, die sich offensichtlich oder weniger offensichtlich in den Bildern darstellen. In dem, was ich von dir gelesen habe, klingt es erstmal so, dass das für dich keine Rolle spielt. Ich fand das tatsächlich sehr erfrischend. Häufig ist es doch so, dass jemand sagt, „damit stelle ich den Weltuntergang, den Weltfrieden dar“. Man guckt sich diese Bilder an und denkt, wo denn, was denn, wie kann ich das hier ableiten. Deine Sachen wirken erstmal viel ambitionsloser, was das angeht.

Max: Was nach außen hin transportiert wird oder was der Betrachter sieht, das ist mir relativ egal. Ich habe mein Thema, das ich in einem Bild abhandle. Und es ist dann auch fällig. Ich bin erst zufrieden, wenn ich weiß, ich habe das Bild verhandelt.
Es geht nur um mich. Und das Bild, das Sahar sieht oder das Sahar relevant findet oder nicht, das ist dann nicht mehr verhandelbar. Das ist nicht mehr Gegenstand zwischen mir und dem Bild. Wenn Sahar es gut findet, dann finde ich das toll oder freue ich mich. Aber es ist nicht wichtig für meine eigene Arbeit.

Cyte: Deine Bilder haben außergewöhnliche Titel. Wie kommen sie dazu?

Max: Es gibt ein Bild das heißt, „Deine Stärken sind schon irgendwie Porträts“. Das hat Sahar irgendwann mal zu mir gesagt. Meine andere Galeristin hat mal ein ähnliches Statement gemacht. Ich fand es lustig, eine Serie daraus zu machen. Jetzt heißt ein anderes aus der Serie „Für die Messe zu groß und zu dunkel“.

Cyte: Ah. Okay. Wie ist dein Verhältnis zu deiner Galeristin, die ja in irgendeiner Form auch kommerzielle Erwartungen an dich hat, und auch nicht zu schwarze oder zu dunkele Bilder für Messen haben möchte? Behältst du dir die Freiheit vor, bei dem zu bleiben, was dir kommt? Oder kollidieren Anspruch der Galerie und eigene Freiheit miteinander?

Max: Mein Job ist es ja nur, Bilder zu malen. Was ich bis zur Ausstellung fertig habe, das habe ich dann. Damit muss Sahar leben und das was da ist, verkaufen. Wenn das zu groß und zu dunkel ist, dann sind das dennoch genau diese Bilder. Es ist nicht mein Job, es zu verkaufen.

Cyte: Ist das nicht der ewige Streit zwischen Agent/Galerist und Künstler? Der Künstler sagt, du musst die richtigen Leute finden, die meine Kunst gut finden und verstehen. Und der Galerist sagt, du musst mir die richtigen Bilder malen, die ich verkaufen kann.

Max: Ja, bestimmt. Aber davon lasse ich mich nicht so beeinflussen. Ich habe Sahar fünf Bilder versprochen und eins davon ganz riesig. Ob das ganz große Bild verkauft wird oder nicht, wer weiß. Aber Sahar bietet mir diese große Wandfläche an und die nutze ich.

Sahar: Aber es ist ja schon klar, wenn ein Bild von, sagen wir fünf, sechs Metern da hängt, ist es eher nicht für den privaten Gebrauch geeignet. Vermutlich wird es kein Verkaufsschlager. Aber ich will ja trotzdem meinen Künstler möglichst gut repräsentieren und zeigen, was er kann. Und da ist es von mir ein klares Verkaufsinteresse, so ein Format zu zeigen.
Wenn Max nur noch Fohlen malt und ich aber ein Fan von seinen Porträts bin und ich weiß, dass sie auch im Markt gut funktionieren, ist es nicht ganz egal, was der Künstler dann in der Zeit schafft. Als Galeristin wirkt man auch auf das Konzept ein und ist richtungsweisend tätig.
Ich lese den Markt, den Max in dem Fall nicht lesen kann, weil er in seiner Materie ist und seine Kreativität auslebt. Da ich den Markt lese und darüberhinaus weiß, was meine Sammler mögen, muss ich natürlich auch in deren Sinne, im Sinne der Galerie und damit im wirtschaftlichen Sinne handeln.
Aber es ist immer ein schmaler Grad zwischen „wie stelle ich meinen Künstler zufrieden, wie kann er sich möglichst zu 100 Prozent ausdrücken?“ und „wie bekomme ich diese Bilder auf den Markt und wie lassen sie sich gut verkaufen?“. Das ist eine ganz feine Linie. Es hängt sehr viel an der zwischenmenschlichen Beziehung; wie funktionieren Galeristin und Künstler im Miteinander?

Max: Das ist erstmal gar kein Streitpunkt, denn ich mache ohnehin Selbstporträts und Sahar will Selbstporträts. So geht es Hand in Hand.

Cyte: Wird im Studium dieses Verhältnis zum Agenten, zur Galeristin behandelt? Sagt man euch, dass eure Kunst, eure kreative Freiheit mit dem Interesse des Kunstmarkts konfrontiert wird und was das bedeuten kann? Oder hält man das fern von euch?

Max: Meines Wissens wird das nicht thematisiert. Es geht eigentlich nur um die Arbeit. Aber im Endeffekt mache ich Flachware, Malerei und das geht immer ganz gut im Markt und wird am meisten verkauft.
Was ich jetzt genau male, das verhandele ich mit mir selber. Ich sehe schon, dass meine Potsdamer Galeristin „so groß und dunkel“ nicht mag, aber… die Leute arbeiten ja trotzdem noch mit mir.

Sahar: Vermutlich weil wir in dir ein Potenzial sehen und eine Willenskraft und eine Neugier, dich selbst zu erforschen, Kunst zu erforschen. Zu erkennen, was ist die Relevanz, was ist die Relevanz in den Bildern? hat Max für mich sehr interessant gemacht. Als er seine Bilder vorstellte, diese vermeintlich schweren Bilder, die irgendwas Krasses aussagen müssen, die mit ganz viel Verantwortung aufgeladen werden müssen, war da diese ironische Art und Weise von Max in seinen Worten, seinem Ton. Dieser Gegensatz hat mich so interessiert, die Schwere und die Ironie dahinter.

Cyte: In den Deichtorhallen gibt es jetzt QR Codes neben den in der Regel sehr aufgeladenen Erklärtexten zu den Arbeiten. Die QR-Codes führen zu Texten in einfacher Sprache. Auf einmal ist vieles, das vorher so hochtrabend war, sehr schlicht und fast entmystifiziert. Ich finde das sehr sympathisch! Also ein bisschen wie deine fatalistische Herangehensweise, Max. Dennoch nehme ich Dir dieses komplett ambitionslose nicht ab. Außerdem braucht man manchmal als Betrachter auch ein bißchen Halt und Bezüge, um Arbeiten besser zu verstehen.

Max: Wenn ich mich zum Beispiel selber nackt male – ich hatte mal eine Essstörung, vielleicht auch immer noch, wer weiß und das wird dann eben verhandelt – mache ich Referenzphotos. Ich projiziere das Photo eins zu eins. Zu Beginn wollte ich einfach mal schauen, ob ich das überhaupt kann. Die Frage war, halte ich es aus, mich selber genauso, eins zu eins nackt zu malen? Das ist schon ein relativ ernsthaftes Thema.
Während des Prozesses fand ich dann immer Elemente in den Bildern, die es eigentlich lustig machen. Wie bei zum Beispiel Engel, die meistens disproportioniert dargestellt sind, immer ein bisschen lustig aussehen.
Es ist nur eine persönliche Auseinandersetzung über das Thema XY. Und das sind bei mir immer nur ein, zwei Sätze, die bei jedem Bild für mich da stehen. Ich könnte natürlich noch immer ganz genau darauf eingehen, was meine Referenzen sind und wo ich die Motive eventuell klaue, aber das ist ja dann nicht Teil des Themas, das ich verhandle.

Cyte: Meinst du nicht? Ich glaube, aus dem Blickwinkel des Betrachters ist es manchmal hilfreich, dass man Sachen besser einordnen kann oder verstehen kann. Ohne Hinweis stehe ich davor, hab ein düsteres Bild mit einem lustigen Titel, der gar nicht mit dem, was ich sehe korrespondiert. Die Bilder haben einen ziemlichen Impact und auch eine Schwere. Es sind keine bunten, leichten, heiteren Bilder, sondern die sagen „Guten Tag, guck mich an“. Und offenbar steckt da mehr drin als der Titel vermuten lässt. In diesem Fall eine Essstörung.

Max: Du meinst also, dass du mehr siehst, als ich mit dem vermeintlich abseitigen Titel preisgeben möchte?

Cyte: Ja.

Max: Warum? Warum glaubst du nicht, dass ich das nicht sagen würde, wenn da noch mehr wäre?

Cyte: Weil zumindest diese formale äußere Stränge, die sehr mit den Titeln kollidiert, etwas anderes vermuten lässt. Das schreit geradezu danach den Hintergrund besser zu verstehen. Versteh mich nicht falsch, ich finde das gut. Sonst würde ich mich damit nicht so lange aufhalten. Ich mag dieses Lapidare, das die Dinge haben. Auf der anderen Seite schreit alles in mir und will wissen, wieso malt der schwarze Einhörner in derart dystopischer Landschaft? Und dann heißt das Bild, „Deine Stärken sind schon die Porträts“.

Max: Ich finde das lustig. Es steckt eine gewisse Erwartungshaltung darin.
Das soll nicht überheblich klingen. Ich finde das einfach nur witzig.
Aber ja, es hat etwas Therapeutisches. Und darin sehe ich gleichzeitig die Ironie. Eine Farbstimmung zu erzeugen und diese dann aufzubrechen mit dem Thema, das da gerade verhandelt wird, das finde ich lustig. Eigentlich habe ich nur einen Riesenspaß mit der Malerei. Ich nehme die Arbeit, das Malen an sich sehr ernst. Aber ich möchte mir jetzt noch nicht den Spaß an der Malerei nehmen lassen.
Wenn ich so ein ernstes Thema, so toternst verhandeln würde, dann würde mich das nicht bereichern. Ich mache das, was mir jetzt Spaß macht. Wer weiß, was ich in einem Jahr mache. Würde mir das keinen Spaß machen, dann könnte ich auch Jura studieren. Das würde mir auch keinen Spaß machen. Da würde ich vielleicht mehr Geld verdienen. Aber das will ich nunmal nicht. Künstler ist der Lebensentwurf, den ich gewählt habe.

Sahar: Du hast ja auch ursprünglich mit was anderem angefangen und dich dann für die Malerei entschieden, hast gemerkt, es zieht dich an die Leinwand.

Max: Davor habe ich Mode gemacht. Das ist immer körpergebunden.
Das hat mir nicht so viel Spaß gemacht.

Cyte: Sahar, wie strategisch gehst Du vor, wenn Du so eine Karriere aufbaust? Welche Maßnahmen triffst Du? Wie weit beeinflusst Du auch die Künstler?

Sahar: Mein Job ist es, das Sprachrohr nach außen zu sein und Max auf dem Kunstmarkt zu platzieren. Meine Galerie ist kein Museum. Das heißt, die Galerie muss den Künstler so weit fördern, dass er weiter Kunst machen kann. Gleichzeitig muss die Galerie wirtschaftlich arbeiten. Das zu verbinden ist ein schmaler Grad. Das eine geht nicht ohne das andere.
Es ist mir wichtig, in die Köpfe reinzugucken. Die Menschen dahinter zu verstehen, Kunstschaffende zu verstehen. Eine persönliche Bindung zu schaffen. Ich sage Max immer, ich bin nicht die Person, die nur deine Bilder an die Wand hängt und verkauft.
Sondern ich bin die Experience-Partnerin. Das heißt, wir müssen ganz nah beieinander sein. Wir sind am besten ständig im Austausch, sehen, welchen Schritt der andere macht. Wir telefonieren ein- bis zweimal die Woche damit ich seine Entwicklung quasi hautnah erlebe. Mit ihm mitdenken kann.
Daraus entwickelt sich eine individuelle Strategie. Es gibt nicht die eine Strategie, in die ich alle Künstler, die ich habe, hinein modelliere. Man muss genau wissen, wo möchtest du hin, lieber Max? Was möchtest du?

Max: Ich will erstmal von meiner Kunst leben können. Ich will große Bilder malen können. Und nicht jedesmal Sorgen haben, dass bei meinem Farblieferanten meine Kreditkarte abgelehnt wird. Ich will auch irgendwann Kinder haben. Die sollen es natürlich auch nicht schlecht haben.

Cyte: Als Künstler gibt es ja drei Messarten, wie du Erfolg bzw. Relevanz messen kannst. Das eine ist, dass du halt viel verkaufst. Das Zweite, dass deine Bilder im öffentlichen Diskurs stattfinden und darüber gesprochen wird. Und dass eine Anerkennung durch Museen oder öffentliche Institutionen entsteht.

Max: Natürlich würde ich gerne in Museen hängen. An Museen verkaufen. Wer will nicht an Museen verkaufen.

Cyte: Verkaufen an Museen ist, glaube ich, ganz selten der Fall, oder?

Max: Naja, Museen kaufen ja auch an. Also, ich habe mich in letzter Zeit viel damit beschäftigt. Das gibt es!

Cyte: Meistens haben die ja zu wenig Geld.

Max: Also, ich würde einem Museum auch etwas schenken, wenn die es ausstellen würden.

Cyte: Hast du schon mal das Gefühl gehabt, dass du mit irgendwelchen Sachen, mit Bildern gescheitert bist, dass sie dir nicht gelungen sind? Übergemalt und weggeschmissen, wie das allererste, aber auch jetzt noch?

Max: Ja, ich glaube, sowas denke ich immer eher im Nachhinein. Weit in der Vergangenheit würde ich sagen, die Bilder, die sind mir nicht gelungen.
Ich hatte so große Ölkreidezeichnungen. Die habe ich Sahar gezeigt.
Dann habe ich lange überlegt, ist das ein Werk oder ein Atelierprodukt? Ich würde nicht sagen, sie seien nicht gelungen. Sie sind einfach noch nicht reif. Oder irgendwelche Studien. Vieles veröffentliche ich nicht, weil ich sage, es noch nicht fertig.

Cyte: Lässt dich das an dir zweifeln?

Max: Nö, also, mein großer Zweifel, den ich immer habe, ist die Angst, dass mir irgendwann die Ideen ausgehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich jetzt malen soll.

Cyte: Ach ja?

Max: Es bestätigt sich nicht, aber es ist trotzdem so eine irrationale Angst, die da ist.

Cyte: Leer gemalt?

Max: Ja. Aber eine gescheiterte oder nicht fertig gewordene Arbeit, die lässt mich nicht zweifeln. Es gibt im Bild manchmal etwas, das mich unzufrieden macht. Dann lasse ich es einfach eine Woche stehen und eventuell mache ich weiter.

Cyte: Wie tauscht ihr euch aus? Sahar, du sagst, dass du versuchst, einmal die Woche mit ihm zu sprechen. Tauscht ihr euch dann z.B. auch darüber aus, wie Preise gemacht werden und was du dir vorstellst für die anstehende Ausstellung?

Sahar: Max hat ja schon ein paar Bilder verkauft, es gibt schon einen Richtwert.
Aber mit jeder Ausstellung und Präsenz kann so ein Wert auch wachsen. Und ich gucke mir das natürlich sehr nah an. Am Ende ist es wichtig, dass Max sich wohl fühlt bei den Preisen, die ich vorschlage. Andererseits muss ich den Markt im Blick habe, reasonable bleiben.
Es gibt einen Marktwert oder einen Markt, der bereit ist, für die Bilder von Max Summe X zu zahlen. Wenn es um eine große Ausstellung geht, kann man immer darüber sprechen, ob man ihn anpasst, denn das ist der nächste Meilenstein eines Künstlers.
Ich bin ein Freund von organischem Wachstum. Ich setze nicht auf den Hype, denn der Fall kann danach sehr tief gehen. Das möchte ich nicht. Ich setze auf eine nachhaltige Beziehung zu Max und dabei ist es mir wichtiger, dass er seinen sogenannten kommerziellen Kunstmarktwert erhält. Der Aufbau eines Künstlers ist eine zarte, kleine Pflanze, die man wirklich gut behandeln muss. Es bringt nichts, einen Künstler zu verbrennen. Da hat Max noch viel zu viel vor sich, als dass man da jetzt ganz weit oben ansetzt. Davon hat keiner etwas.
Aber Preise sind gar nicht unser Hauptthema.

Cyte: Max, wie reagieren deine Kommilitonen? Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, der hier studiert, auch schon von einer Galerie vertreten wird und auch zu entsprechenden Preisen dann verkauft. Wie reagieren sie auf dich? Gibt es hier viel Neid oder Konkurrenz oder schottet man sich ohnehin voneinander ab?

Max: Meine Freunde freuen sich für mich. Die sehen ja auch, wie viel ich arbeite. Neid erfahre ich nicht.

Cyte: Und wenn es schon so gut läuft, wie es sich andeutet, hast du manchmal das Gefühl, dass du hier fehl am Platz bist, an der Kunsthochschule?

Max: Nö.

Cyte: Was nimmst du mit, was lernst du?

Max: An der Kunsthochschule wird einem heute nicht mehr viel beigebracht. Aber ich sehe sie schon als einen Ort, an dem ich mir auch die Freiheit nehmen kann, mich zu entwickeln. Ich muss kein Atelier finanzieren. Ich bekomme Unterhalt. Davon kann ich meine Miete zahlen. Das heißt, ich bin erstmal in einem relativ sicheren Rahmen, in dem ich machen kann, was ich will, in dem ich mich austoben kann. Das ist so, wie ich das Studium hier sehe. Ich bin nicht an so eine Markterwartung gebunden.
Wenn ich jetzt schreckliche Bilder male, die Sahar nicht mehr ausstellen will, dann ist das natürlich erstmal irgendwie blöd. Aber es ist auch kein Weltuntergang, denn ich habe kein eigenes Atelier zu finanzieren oder Kredite abzubezahlen.

Cyte: Bist du enttäuscht, dass es an der Uni nicht verschulter zugeht, du keine Techniken lernst, Input bekommst, inspiriert wirst, Dinge erfährst, wie man sich später auf dem Kunstmarkt bewegt usw.? Oder war das von vornherein nicht wichtig?

Max: Meine Erwartungen an das Studium hier, sind relativ gering gewesen. Hauptsache ich habe meinen Atelierplatz und kann malen. Das war und ist mir das Wichtigste. Damit bin ich zufrieden. Und der Professor, der meinte, „guck mal ganz genau hin“, mit dem tausche ich mich noch ab und an aus. Der hat ja auch eine Karriere gemacht. Und wenn ich Hilfe brauche oder das Gefühl habe, ich muss mich jetzt mal austauschen, dann spreche ich auch mit den Lauten hier an der Uni.
Jetzt habe ich Jorinde Voight als betreuende Professorin. Die habe ich aber nur ganz kurz getroffen. Aber sie wäre hier meine Ansprechpartnerin.
Maltechniken oder was auch immer, das kann man ja sich alles selber beibringen.
Es ist ja nicht wie vor 50 Jahren, dass man Fachwissen von Fachpersonen braucht. Es gibt für alles ein YouTube-Tutorial. Das reicht schon.

Cyte: Aber eigentlich skandalös, oder? Also, Du studierst an der HfBK und lernst Maltechniken per YouTube Tutorials?!

Max: Es gibt natürlich noch Werkstätten, die man benutzen kann.
An der Weißensee habe ich mal ein bisschen Lithographie gemacht. Da braucht man einen Werkstattleiter, der einen anleitet. Da gibt es ganz viele technische Abläufe, bei denen man erstmal eine erfahrene Hand braucht. Mit YouTube braucht man da nicht anzukommen.
Aber die Uni ist keine Malschule mehr in dem Sinne, bei der man sich an Professor XY orientiert. Es gibt ja auch keine Werkstätten mehr, wie in der Renaissance, in der man sich an seinen Meister orientieren muss. Man tauscht sich mit den Kommilitonen aus. Das inspiriert auch. Ich finde das auch sinnvoller, als sich mit Professoren auszutauschen. Die Profs sind 55, 60 Jahre alt. Das ist eine ganz andere Generation.

Cyte: Na klar, eine andere Generation, aber vielleicht wissen die halt ein paar Sachen, die du noch nicht weißt.

Max: Ja, was den Kunstmarkt und wie verhalte ich mich da, betrifft. Aber wie arbeiten die Leute, was beschäftigt die Leute, ist ja viel aktueller bei meinen Kommilitonen. Viel, viel aktueller!

Cyte: Sahar, wieviele Künstler würdest du auf die Art, wie du Max jetzt vertrittst, noch aufnehmen? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es eine Mischung. Du vertrittst Max fest hier in Hamburg. Dann hast du Künstler, die bei Dir ausstellen, für eine Show bei dir sind, die du aber nicht exklusiv vertrittst. Möchtest du mehr Künstler wie Max, die Du exklusiv vertrittst?

Sahar: Von Exklusivverträgen halte ich gar nichts. Ich finde es schön, wenn Künstler sich auch an anderen Orten in Deutschland oder wo auch immer, vertreten lassen können. Denn letztlich profitiere ich auch davon, wenn Max eine Galerie in München oder in Zürich oder sonst wo auf der Welt hat. Das ist doch schön.
Deswegen ist es meistens immer nur auf Hamburg beschränkt und es ist so viel Arbeit, dass man sich zwar mehr Künstler wünscht, die Künstler der Galerie sind, aber es eigentlich gar nicht schafft. Die Kapazitäten der Galerie sind mit fünf bis acht Künstlern ausgeschöpft.

Cyte: Max, Du hast noch in Potsdam eine Galerie?

Max: Genau, in Potsdam ist es Sandra Schindler. Mit ihr fahre ich jetzt auf die „Positions“. Außerdem transportiert sie meine Bilder und finanziert den Katalog für meine Ausstellung im Kunstraum Potsdam
Nächstes Jahr im Oktober bin ich noch in Stuttgart, in der Galerie Better Go South.

Cyte: Das war ja in der Vergangenheit durchaus anders. Da hatte eine Galerie den Künstler nach langen Ringen exklusiv und dann aber auch auf jeden Fall nur für dieses eine Land. Vielleicht sogar manchmal, weltweit, je nach Galerie.
Jetzt scheint es so zu sein, dass es variabler geworden ist. Dazu gehört doch aber auch, dass sich die Künstlerinnen und Künstler immer wieder selber darum kümmern müssen, Galerien zu finden

Max: Ich bin da ziemlich lucky. Die meisten kommen mittlerweile auf mich zu. Ich schätze mich sehr glücklich, dass das so ist. Das kommt durch Social Media, viel Instagram. Oder einfach über Gespräche, zum Beispiel der von Better Goes South, der Michi Preuß, der hat mit Sahar geredet. Darüber ist Sahar auf mich aufmerksam geworden. Das scheint sich zu fügen. Und den von Kunstraum Potsdam, den hatte ich über meine Potsdamer Galeristin kennengelernt.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich um so extrem viel Ausstellungen kümmern muss. Das Timing ist eigentlich das Wichtigste. Ich muss wissen wie viele Bilder ich wann brauche.

Cyte: Wie erlebst du das bei deinen Kommilitonen? Ist das für alle so, dass dieser Instagram-Weg unabdingbar geworden ist?

Max: Ich kenne viele Leute, die machen das gar nicht. Aber ich kenne auch niemanden, der das gar nicht macht und damit erfolgreich ist. Dank Instagram kann ich jedem Interessierten in jeder Situation mein Portfolio zeigen. Ich muss keinen Aufwand betreiben, eine Illustrator-Datei neu erstellen und dann ewig warten, bis die lädt. Ich kann das einfach so zeigen oder schicken. Das ist schon sehr, sehr praktisch.

Sahar: Das ist tatsächlich für unser Scouting auch wichtig. Es ist die erste Instanz für mich, wenn ich Künstler researche. Ich gucke ganz viel über Instagram.
Für mich ist es sehr schön, dass man durch den Feed gehen kann, durch die gesamte Historie. Ich gucke mir das erste Kunstwerk an, das jemals gepostet wurde.
Das ist für mich ein Anfangspunkt, um zu sehen, wie war die Entwicklung in welcher Zeit. Das ist eine schöne Übersicht. Wenn man es nicht komplett ausschlachtet und verkommerzialisiert, wie es leider viele Künstler tun, dann ist es eine schöne Plattform, um sich einen Überblick über eine Künstlerin, einen Künstler zu verschaffen.

Cyte: Wie ist denn dein Output? Wie viele Sachen schaffst du so?

Max: Ich versuche so im Schnitt eine Arbeit die Woche zu machen. Ja, das passt auch relativ gut.

Cyte: Vielen Dank für das Gespräch.

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ART

The Space

THE SPACE //

Text + Portrait: Stephan Ziehen
Artworks + Exhibition pictures@The Space //

Subtitel: THE SPACE // ist ein von der Künstlerin Sarice Brudet initiiertes Ausstellungskonzept mit dem Ziel, neben den Ausstellungen einen Raum zum Nachdenken und zur Kunstvermittlung zu schaffen sowie Dialoge und interdisziplinäre Verbindungen zu fördern.

 

Cyte: Hi Sarice, wer bist Du und was machst Du?

Sarice: Hi, ich bin Künstlerin und mache auch kuratorische Arbeit. Studiert habe ich Ökonomie und Philosophie. Ich musste mittendrin auf die Fern-Uni Hagen wechseln, weil ich einerseits aufgrund der Ausstellungen und andererseits wegen meiner Model-Jobs viel unterwegs war. Der Kunst-Kontext hat mich seit jungen Jahren schon immer sehr interessiert und ich hatte das Glück durch die Fotoreisen und Auslandsaufenthalte mein Netzwerk in dem Bereich zu erweitern und dadurch einen großen Verteiler aufzubauen. Ich habe neben der Uni, um Geld zu verdienen, diverse Foto-Jobs gemacht. Und dann hat die Modelagentur mich irgendwann gefragt, ob ich Lust hätte Zeit im Ausland zu verbringen. Klar hatte ich. Eine der ersten Stationen war Hong Kong und da war ich 20. Seitdem ich klein bin male ich und habe mich mit Kunst als Kommunikationsform intensiv auseinandergesetzt.
Parallel zur Uni und dem Modeln habe ich daher auch immer weiter gemalt und mich mit Kunst beschäftigt. Nach dem Tod meines Vaters in 2005 und einer Zeit der Reflektion, ging es 2009 dann richtig los mit meiner ersten großen Ausstellung in Los Angeles. Wieder zurück in Europa und nach einem kurzen Rückschlag durch eine verdeckte Herzmuskelentzündung, folgten Solo- und Gruppenausstellungen und dann habe ich ab 2015 mit den Ausstellungen in Off-Spaces angefangen.

Cyte: Wie kam es zu diesen Off-Locations, was ist das?

Sarice: Vor Corona habe ich in leerstehenden Gewerbeflächen oder Wohnungen temporäre Ausstellungen gemacht. Da konnte ich z.B. die alte Bornhold-Ladenfläche am Neuen Wall bespielen und eine Fläche im Kaufmannshaus. Die Ausstellungen gingen über ein Wochenende oder bis zu 3 Monate. Und dann kam Corona. Alles stand still. Das war keine einfache Zeit, da ich ca. 3 Ausstellungen vorfinanziert habe, meine eigenen Produktionskosten hatte und dann schauen musste, wie man das irgendwie alles hinbekommt. Nach Corona Ende 2021 hat die Stadt Hamburg dieses Freiflächenprogramm „Raum für kreative Zwischennutzung“ ins Leben gerufen. Das war ein Zwischennutzungsprogramm von leerstehenden Gewerbeflächen bei denen ein Nutzungsvertrag vorliegt und nur eine Nebenkostenpauschale entrichtet wurde. Kulturschaffende zahlten 1,50€ pro Quadratmeter und der Rest der Nebenkostenpauschaule wurde durch einen Kulturfonds der Stadt Hamburg übernommen. Die leerstehenden Flächen konnten genutzt werden, bis ein Hauptmieter gefunden wurde.

CYTE: Was ist THE SPACE // für Dich?

Sarice: THE SPACE // ist ein Ausstellungskonzept im kuratierten Format, das ich initiiert habe mit dem Ziel neben den Ausstellungen einen Ort für Dialoge, Begegnungen, Austausch, Kunstvermittlung, kulturelle Bildung und interdisziplinäre Verbindungen zu schaffen. Oder auch Raum zu lassen für das Experiment oder unrealisierte Projekte. Die beiden Querstriche hinter THE SPACE // sollen dies auch symbolisieren, Raum zu lassen für Dialoge und Austausch und Raum zu geben für Ideen, Visionen, Studien und unrealisierte Projekte. Ich versuche immer jüngere mit etablierteren Positionen in einen Dialog zu stellen. Inhaltlich beschäftigen sich die Ausstellungen und das Begleitprogramm mit den Themen Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, Diversitäten, Identitäten, postkoloniale Aufarbeitung, Fragilität & Verhältnis von Natur & Mensch, Biodiversität und gesellschaftliche Strukturen. Ich mache viele Führungen für Schul- und Uniklassen, die jungen Freunde der Kunsthalle, Kunstvereine usw. und arbeite ein Begleitprogramm im Rahmen von Talks und Performances aus. THE SPACE // ist keine Galerie, hier werden keine Künstler und Künstlerinnen im klassischen Sinn vertreten, sondern es ist ein Ausstellungskonzept und es wird für jede Ausstellung ein Ausstellungsthema ausgearbeitet. Mit der Zeit ist das Projekt immer größer und größer geworden. Ich durfte vor der aktuellen Fläche eine Fläche am Ballindamm mit ca. 1.000 Quadratmeter bespielen. Nach einem Jahr wurde ein Hauptmieter gefunden und ich durfte anschließend zwei Flächen, eine mit 480 Quadratmetern und die andere mit 440 in der Kaiser-Wilhelm-Straße bespielen. Für die eine Fläche wurde Mitte dieses Jahres ein Hauptmieter gefunden, aber die zweite Halle darf ich weiterhin nutzen. Und solange kein Hauptmieter ist Sicht ist, kann der Vertrag verlängert werden.


Cyte: Toll.

Sarice: Ja. Es war gar nicht geplant, dass es so groß wird oder so lange geht und ist organisch gewachsen. Aufgrund dessen, dass ich viele Künstler*innen, Kuratoren und Kunstliebhaber in meinem Freundeskreis und Netzwerk habe, die dann ihrerseits andere Künstler*innen vorgeschlagen haben, wuchs es von ganz alleine.

Cyte: Wie ist das, ständig mit dem Risiko im Nacken, dass jederzeit ein Hauptmieter auftauchen kann? Das bietet nicht sonderlich viel Planungssicherheit.

Sarice: Es bietet sich immer irgendwie irgendwo eine Gelegenheit, diesen Ansatz zu verwirklichen oder einen anderen Ausstellungsort zu finden. Und ich weiß ja, dass dieses Risiko besteht. Das ist Planung genug. THE SPACE // ist eine Leidenschaft, keine Einkommensquelle. Für mich ist Kunst dazu da an Menschlichkeit zu erinnern und Dialoge zu führen. THE SPACE // soll ein Raum der Begegnungen sein. Ich bin selbst Künstlerin und habe das Glück, dass sich meine Arbeiten ganz ok im Moment verkaufen, wodurch ich mich finanzieren kann und so kann ich im Moment auch das Ausstellungskonzept ein wenig back-upen. Wo ich aber auch an meine Grenzen komme. Daher wäre es sinnvoll langfristig mit einer Stiftung oder Kulturförderung zusammen zu arbeiten. Die meisten der Arbeiten, die im THE SPACE // zu sehen sind können auch erworben werden. Jede Künstler*in hat Produktionskosten und private Kosten und daher freue ich mich über jede Arbeit, die einen Sammler*in findet. Es wurden auch schon Arbeiten an ein Museum verkauft. Mit den Künstler*innen ist die Vereinbarung, falls was verkauft wird, dass 15% an das Ausstellungskonzept gehen, so dass jeder auch etwas zu dem Konzept beitragen kann und die Nebenkostenpauschale, Transportkosten, Techniker usw. plus minus mit gedeckt werden können.

Cyte: Wirklich also Liebe zur Kunst, und dass man hier etwas umsetzt, einen Raum bietet.

Sarice: Ja, am liebsten kostendeckend! Es wäre natürlich besser, wenn man noch mehr Budget hätte. Dann könnte man noch weitere Ideen umsetzen, Publikationen machen, raumspezifische Arbeiten anfertigen oder ein Researchprogramm ausarbeiten. Oder man könnte dann auch alle freiwilligen Helfer und Supporter auch honorieren. Viele helfen ehrenamtlich mit und supporten. Hier werden auch keine Arbeiten gezeigt, die danach ausgesucht werden, was sich am besten verkaufen lässt, sondern Arbeiten, die zum Thema passen und es werden eher Showpieces gezeigt, d.h. großformatige Arbeiten oder auch raumspezifische Arbeiten, die generell schwierig zu verkaufen sind. Die Präsentation und die inhaltliche Auseinandersetzung sowie der Austausch stehen im Vordergrund, der Austausch und die Geschichten zu den einzelnen Arbeiten, die Thematik zu den einzelnen Arbeiten und wie diese Geschichten und Thematiken im Dialog stehen. Kuratieren kommt von dem lateinischen Wort „curare“, was so viel bedeutet wie „sorgen für“, „pflegen“, „sich kümmern um“. Jede künstlerische Arbeit und die Person hinter der Arbeit haben im übertragenden Sinne eine Stimme, etwas für das sie stehen, ein Thema, eine Aussage. Kuratieren bedeutet für mich auf diese Stimmen zu hören, versuchen zu verstehen, ernst zu nehmen und für sie einzustehen. Diese Positionen und Stimmen in einen Kontext und Dialog mit anderen zu bringen und im Rahmen einer Gruppenausstellung diesen Stimmen auch Gehör zu verschaffen.

Cyte: Aber du bist für alles, was hier gezeigt wird die Kuratorin und du entscheidest, was hier hängt und was nicht?

Sarice: Ja, aber ich tausche mich auch mit den teilnehmenden Künstler*innen oder mit meinem Inner Circle aus. Das ist ein schöner Dialog und ich bin immer offen für Vorschläge und Perspektiven und frage auch viel nach, aus dem heraus natürlich dann auch manchmal Ideen und neue Ansätze umgesetzt werden. Letztlich liegt die finale Entscheidung aber bei mir.

Cyte: Und wie geht es weiter?

Sarice: Die aktuelle Fläche kann weiter genutzt werden bis ein Hauptmieter gefunden wird. Ich bin dabei Stiftungen und Förderprogramme anzuschreiben, die das Ausstellungskonzept mit unterstützen, da es ohne eine Unterstützung und Förderung nicht finanziell tragbar ist. Je mehr Volumen das Ausstellungskonzept zur Verfügung hat, desto mehr Möglichkeiten habe ich, die Künstler*innen und deren Arbeiten weiterhin zu zeigen, Rahmenprogramme auszuarbeiten und raumspezifische Installationen umzusetzen.

Cyte: Du hast zwar nicht den Verkauf im Fokus aber dennoch, was verkauft sich am besten?

Sarice: Am meisten Freude machen die jüngeren Arbeiten, wenn die verkauft werden. Die sind noch nicht so teuer und die Künstler*innen stecken das Geld gleich meistens wieder in neue Produktionen. Wir haben auch größere Namen und Museumskünstler mit dabei, wie zum Beispiel Gregor Hildebrandt, der mit ausgestellt hat. Sein Ziel ist es nicht bei uns verkauft zu werden, er zeigt seine Arbeit, da er das Konzept und junge Kunst unterstützen möchte.

Cyte: Hat der nicht auch eine Professur in München?

Sarice: Ja, er ist Professor in München an der Kunstakademie, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist ein renommierter zeitgenössischer Künstler und setzt in seinen Arbeiten analoge Tonträger wie Kassettenbänder, Videobänder, Schallplatten und Kassettenhüllen ein. Seine Partnerin ist die Künstlerin Alicia Kwade, die auch Professorin an der HfbK Dresden ist. Im THE SPACE // wurden zwei ihrer Studenten gezeigt: Lukas Maksay, der unter anderem Betonarbeiten macht und Laura Theurich, die viel mit Glas, aber auch mit Bronze und anderen Materialien arbeitet.
Aus Gregor Hildebrandts Klasse wurde einmal eine Arbeit aus der Serie Nebelbilder von Lorenz Egle gezeigt sowie eine Arbeit von Franz Stein und Lara Koch.
Es bringt viel Freude zu sehen, wenn die dann irgendwann die Uni verlassen und ihren Weg erfolgreich gehen.

Cyte: Wie oft wechselst du die Ausstellungen?

Sarice: Drei- bis viermal im Jahr. Die Ausstellungen gehen auch etwas länger, ca. 2.5 – 3 Monate. Da hauptsächlich großformatige Arbeiten, Skulpturen und Installationen gezeigt werden, ist der Aufwand zu groß, die nur eine kurze Zeit hängen zu lassen. Und bis wirklich jeder da war, den man dort haben möchte und die ganzen Führungen organisiert hat, ist es gut einen längeren Zeitraum zu haben.

Cyte: Im Vergleich zu meinem ersten Besuch scheint jetzt viel mehr hier los zu sein. Euer Publikum hat sich vergrößert!?

Sarice: Ja, das stimmt. Der Verteiler vergrößert sich stetig durch die Besucher, die es wiederrum weitererzählen und natürlich durch die Künstler und Künstlerinnen, die ihre eigenen Netzwerke mitbringen und durch die Pressearbeit durch Freunde, die das Konzept supporten möchten.

Cyte: Nochmal die Frage zur Planbarkeit, wenn hier jetzt der Mietvertrag nicht verlängert würde, hast Du dann schon eine neue Fläche in Aussicht?

Sarice: So konkret nicht, aber es ergibt sich immer mal wieder etwas. Und wie schon gesagt, ich bin ja selber Künstlerin und wenn es so kommt, hätte ich mal wieder einige Monate am Stück mich nur auf meine Arbeiten zu konzentrieren. Was auch mal wieder ganz gut wäre.

Cyte: Was machst du für Arbeiten?

Sarice: Ich arbeite hauptsächlich abstrakt, aber habe auch eine klassische figurative Werkgruppe mit Ölarbeiten. Bei den abstrakten und informellen Arbeiten beschäftige ich mich im Moment mit der Materialität des Gewebes und dem Farbauftrag basierend auf Falttechniken mit Negativ- und Positivfalten, woraus ich Kompositionen entwickle. Es geht mir darum: „Making the invisible visible“ bzw. im übertragenden Sinne Strukturen sichtbar zu machen, etwas zu entfalten, das nicht offensichtliche sichtbar zu machen und wie man Empathie in eine Komposition übersetzen könnte und meiner Interpretation von Balance. Es gibt das Buch von Deleuze „Die Falte: Leibniz und der Barrock“ auf das ich mich unter anderem beziehe und inhaltlich beschäftige ich mit den Themen, die auch im THE SPACE // bearbeitet werden wie Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, sozialen Strukturen. Ich schreibe auch die Ausstellungstexte für die Ausstellungen im THE SPACE //. Abstraktion ist für mich auch eine Form des Widerstandes, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen, zu hinterfragen und andere Perspektiven einzunehmen.


Cyte: Ist es für dich und deine eigene Kunst hilfreich und förderlich, dass du durch diesen Raum ständig mit anderen Künstlern konfrontiert bist? Oder blockiert das auch?

Sarice: Auch ohne das Ausstellungskonzept würde ich mich tagtäglich mit Kunst auseinandersetzen. Ich besuche viele Ausstellungen und setze mich mit den Themen auseinander, die behandelt werden. Das einzige was nicht förderlich für meine eigene Arbeit ist, ist der Zeitfaktor, wenn irgendwelche organisatorischen Aufgaben anfallen, die Zeit von Studioarbeit wegnehmen. Das ist eigentlich das einzige Manko. Hätte ich mehr Budget, würde ich gerne jemanden anstellen, z.B. einen Student*in. Anstelle, dass sie/er in einer Bar arbeitet oder einen anderen Job machen muss, um das Studium zu finanzieren ist die Person hier und kann sich mit Kunst auseinandersetzen. Sowas wäre optimal. Denn bisher machen das hier alle ehrenamtlich, damit der Ausstellungsraum auch an möglichst vielen Tagen in der Woche geöffnet sein kann. Ich glaube, es gibt nichts frustrierenderes, als so eine Fläche bespielen zu können und dann Menschen vor verschlossenen Türen stehen lassen zu müssen, weil niemand da ist, der sie einlässt. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir diesen Raum bespielen dürfen und es einen Austausch gibt. Kulturelle Bildung und Kunstvermittlung kosten Geld, sei es in der Produktion von Kunstwerken oder dass sich Künstler*innen Gedanken machen und dies in Form von Kunst umsetzten, um so einen Dialog zu starten. Ich glaube, deswegen ist es gut und wichtig, dass es städtische Förderungen für Kunst und Kultur gibt. Bildende Künstler*innen werden ja oft gar nicht fürs Ausstellen bezahlt. Man nimmt frei zugängliche Ausstellungen manchmal für selbstverständlich. Wenn man Kunst in seinem Leben haben möchte, muss man umdenken und vielleicht öfter mal jüngere Arbeiten kaufen, um das Ganze zu unterstützen und nachhaltig Chancen zu ermöglichen.


Cyte: Findest du, dass Hamburg als Standort schwierig ist, um „teurere“ Kunst zu verkaufen?

Sarice: Das Geld ist da! Die, die ich kenne, kaufen aber häufig lieber in den großen Galerien und auf Messen im Ausland. Es scheint spannender zu sein eine große Arbeit in einer Galerie in Paris zu erwerben, als im eigenen Wohnort und man kann das Kauferlebnis mit einem schönen Trip und Museumsbesuchen verbinden. Nach London, Paris, Basel, New York oder so fliegen, das ist ein anderes Erlebnis für diese Käufer, Kunst einzukaufen.

Cyte: Wie würdest Du die Hamburger Kunstszene im Vergleich zu Berlin oder München einordnen? Ich hadere manchmal mit den Möglichkeiten und dem mangelnden Mut dieser Stadt in Bezug auf die Kunst. Wie siehst Du das?

Sarice: Ich finde, Hamburg hat sehr gute Künstler*innen, spannende Sammlungen, man kann hier eine sehr gute Ausbildung genießen und auch die Institutionen machen einen sehr guten Job. Wir haben in Hamburg jetzt auch eine neue Stadtkuratorin, Joanna Warsza. Sie und ihr Team sind sehr engagiert und haben ein sehr gutes Programm ausgearbeitet. Was ich an Hamburg auch sehr schätze ich die Kollegialität und dass man sich gegenseitig supportet. Auch die OFF-Art Szene, das sind freie Kunstorte in Hamburg, ist sehr stark. Ich finde eher die Außendarstellung schwierig und bedauernswert, da Hamburg in erster Linie als Musicalstadt dargestellt wird und weniger als Kunststadt. Hamburg kann Kunst und ist anders als Berlin und München. Die Sammlung Falckenberg in den Phoenixhallen in Hamburg Harburg ist einzigartig und gehört zu den bedeutensten Sammlungen der Welt. Dann gibt es das Woods Arts Institute, wo die Kunstsammlung Reinking zu sehen ist. Es ist ein riesiger Park mit Skulpturen und in der Mitte steht ein altes restauriertes Schulgebäude sowie mehrere Reetdachhäuser, wo die Kunst bewundert werden kann.

Cyte: Vielleicht liegt das auch daran, dass die öffentlichen Museen, also Deichtorhallen und Kunsthalle, selten Ausstellungen zeigen, die wirklich in Erinnerung bleiben. Und wenn dann wirklich mal etwas Spektakuläres wie die William Kentridge Ausstellung gezeigt wird, wurde sie ursprünglich für ein anderes Museum konzipiert und nur in Hamburg weitergeführt.
Ich habe häufig das Gefühl, dass Hamburg immer nur den Rest, den keiner haben will, zeigt.

Sarice: Hast Du die Ausstellung „Dix und die Gegenwart“, die Dr. Ina Jessen kuratiert hat, gesehen? Die mochte ich sehr!

Cyte: Ja, aber es ist irgendwie nie so, dass man Herzklopfen bekommt oder wirklich ergriffen ist. Häufig sind es zu viele Arbeiten, zu wenig Luft zwischen den Bildern und Skulpturen, man kommt selbst kaum zum Atmen und damit hat man keine Ruhe, die Werke wirklich zu betrachten und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Das ist wie eine Volkshochschulkurs für moderne Kunst, aber es fehlt die Leidenschaft und auch die Begeisterung für irgendwas.

Sarice: Mir hat die „Dix und die Gegenwart“ Ausstellung sehr gut gefallen. Die Ausstellung basiert auf ihrer langjährigen Forschung und sie schaut genauer auf ein bislang nicht beachtetes Kapitel, nämlich Dix’ Werk während der NS-Zeit (1922-1945), das häufig als unpolitisch und konform galt. Die Landschaftsbilder mit altmeisterlicher Pinselführung mit subtiler Kritik im Gewand der Anpassung hatte ich vorher noch gar nicht gesehen. Und den Gegenwartsbezug fand ich auch sehr interessant, bei dem 50 zeitgenössische Positionen gezeigt wurden mit Bezug auf Dix’ Themen, ikonografische Strategien und technische Ansätze. Aber das ist auch das Schöne an Kunst und dass Meinungen und Auffassungen verschieden sind, sonst wäre es ja langweilig. Der Moment, in dem man einfach gefesselt ist, stellt sich bei manchen ein und bei manchen nicht.

Cyte: Genau, wie zum Beispiel die Anne Imhof Ausstellung im Palais de Tokyo. Ich kannte damals eigentlich gar nichts von Anne Imhof, und ich bin da reingekommen und erst habe ich das alles nicht verstanden. Aber je weiter ich in diesen Raum vorgedrungen bin, desto mehr hat mich das weggeknallt.
Ich bin fast ohnmächtig geworden, weil ich das so toll fand und gedacht habe, ja, so muss Kunst 2021 aussehen. Auch wenn ich rückblickend gar nicht so richtig den Finger drauflegen konnte, was ich da eigentlich gesehen habe oder wie ich das einem beschreiben sollte, der nicht da war: ist es Malerei, ist es Installation, ist es dies, ist es das? Performance war dann auch noch, und es war aber alles zusammen so überwältigend. Den Anspruch muss man jetzt nicht permanent haben, aber zumindest hier und da sollte das aufblitzen. Und in Hamburg, habe ich das Gefühl, wird einfach nur abgearbeitet. Es fehlt an Lust, an Leidenschaft.

Sarice: Ich habe schon das Gefühl, dass es an Lust, Leidenschaft und Können in Hamburg nicht mangelt. Auch was die ganze Off-Szene in Hamburg leistet finde ich bemerkenswert. Sie es der Lycra Raum, Oel-Früh, das Westwerk, Frise, der 8. Salon, die Gruppe Motto im Gängeviertel, der Sender oder das Studio Peragine in der Hafencity. Oder auch der Kunstverein Gastgarten. Die machen ein tolles Programm. Ich glaube man kann gespannt sein, was in der Kunstszene in Hamburg in Zukunft bewegt wird.

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Seepferdchen

Seepferdchen
Ein Portrait von Andrea Grill
Naturkunden Nr. 95
Matthes & Seitz, Berlin, 2023
144 Seiten

Words: Henrike Heick

„Vogelkunde“ und „Pilzkunde“ waren Bücher, die wir – meine Geschwister und ich – uns als Kinder stundenlang angucken konnten. Also ich zumindest. Und ich behaupte, meine Geschwister taten das auch. Vielleicht auch nicht. Ich habe unerhört wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Überhaupt ist mein Erinnerungsvermögen recht eingeschränkt. Ich bin immer wieder total beeindruckt, wenn Menschen um mich herum Geschichten aus ihrer (oder meiner!) Vergangenheit sehr plastisch und detailreich erzählen. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, ob Seepferdchen sich erinnern. Dabei habe ich das Buch eben erst gelesen. Die einzige Entschuldigung, die ich dazu habe: mein Fokus lag nicht auf „Haben Seepferdchen Erinnerungen?“. Aber da war etwas mit Erinnerungen/Seepferdchen. Der Hippocampus in unserem Hirn, bzw. die zwei Hippocampen. Ihre Struktur ähnelt der Form kopfloser Seepferdchen (lat.: Syngnathus hippocampus). Taxonomiert im 16. Jhd. vom Anatom Julius Caesar Arantius, aus Venedig. Sie sorgen unter anderem für den Transfer von Inhalten vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis, sie speichern Erinnerungen.
Ich habe mir noch nie vorher Gedanken über Seepferdchen gemacht. Warum auch. Ich tauche nicht, hatte und wollte nie ein Aquarium und Monogamie unter Tieren hat mich auch nie besonders getriggert. Manche Menschen interessiert Monogamie unter Tieren sehr. Mich nicht. Ich sah einfach das Buch in einem neuen Buchladen bei uns um die Ecke und fühlte mich angezogen. Vollkommen irrational, ohne Bezug.
Und da bin ich nun, bei den Seepferdchen.

Es ist ein Büchlein aus der Reihe Naturkunden. Jeder Band konzentriert sich auf ein Tier oder ein Gewächs. Allesamt sind wunderschön illustriert – paradiesische Zustände für Cover-Käufer und Menschen, die gerne Bücher als kleine Aufmerksamkeit verschenken. Aber eben auch für Leser, die sich einen kurzweiligen und dabei fundierten Einblick über eine Spezies erhoffen.
Von Spinne, Eidechse, Wespe, Esel, Luchs und Elefant zu Birke, Kaktus, Tanne und Nelke und der Arten noch viel mehr. Naturkunden ist eine Bereicherung für jedes Bücherregal.

Im Falle des Seepferdchens lernt man:
Carl von Linné beschreibt als erster offiziell das Seepferd, 1785 in Uppsala. Er nennt es Syngnathus hippocampus, „pferdeähnliches Meereswesen“.
Heute verzeichnet die Wissenschaft 57 anerkannte Arten.
Es unterliegt dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES von 2004 – nach jahrelanger Lobbyarbeit des „Project Seahorse“, einer Initiative der kanadischen Meeresbiologin Amanda Vincent.
Es ist ein Fisch, genauer, ein Strahlenflosser – im Gegensatz zu Fleischflosser, zu denen Landwirbeltiere und auch der Mensch gehören.
Es überlebt nur in Salzwasser – in Zeiten, in denen man Seepferdchen noch zuhauf in der Brandung fand, nahmen Menschen sie mit nach Hause und setzten sie wie Goldfische in ein Behältnis mit Süßwasser. Sie wunderten sich, dass die armen Wesen das nicht länger als einen Tag durchhielten.
Es hat Knochen, keine Knorpel (Hai).
Es kommuniziert mittels „Klicken“ und „Knurren“ oder „Schnurren“. Das Klicken entsteht durch Pulsieren der Schwimmblase oder durch Bewegung der Schädelknochen. Das Knurren oder Schnurren – je nach Gemütslage – durch Muskelbewegung bzw. Vibration.
Es hat weder Gebiss noch Magen. Es saugt seine Nahrung mit einem „plopp“ ein und verdaut die Nahrung sofort. Das bedeutet auch, dass es immerfort essen muss, um nicht zu verhungern.
Es ist ein Meister der Anpassung. Das millionenjahrelange Überleben verdankt es seiner rasanten Anpassungsfähigkeit an jeglichen Lebensraum.
Es verbreitet sich durch Meeresströmung und gelangte so und gelangt weiterhin an die verschiedensten Enden der Welt – und passt sich an.
Es paart sich mehrere Male je Saison; auf der Nordhalbkugel geht die Saison von Mai bis September, auf der Südhalbkugel von September bis Mai. Rund um den Äquator, in tropischen Gewässern könnten sie sich theoretisch über das ganze Jahr hinweg fortpflanzen. Logisch.
Das Weibchen produziert 60 bis 2.000 Eier und bugsiert diese beim Paartanz – die Schwänze wickeln sich umeinander – in die Brusttasche des Männchens, das währenddessen Sperma abgibt, so dass sich Sperma und Eier bestenfalls begegnen und gemeinsam in der männlichen Brusttasche landen.
Je nach Wassertemperatur gebiert das Männchen die millimetergroßen Jungen nach zwei bis vier Wochen mittels teils tagelanger Kontraktionen.
Seepferdchen sind ab der ersten Sekunde auf sich selbst gestellt, die Brutpflege fällt aus.
Statistisch gesehen überleben von 1.000 Jungen 5.
Das Seepferd ist aus Mangel an Alternativen (!) monogam.
Die Verteidigung des Seepferds besteht im Verschwinden. Es passt sich seiner Umgebung an. Nur geübte Augen finden es zwischen den Seegräsern, Korallen oder auf dem Meeresgrund.
Seepferdchen gibt es auch in der Nordsee!
Auf Seemännisch heißt Seepferd „Ringelnatz“ – Joachim Ringelnatz ist der Künstlername ebenjenes Dichters, der sich nach seiner Schiffsjungenzeit nach dem Glücksbringer der Seefahrer, dem „Ringelnatz“ (= Seepferdchen) benannte.
Der erste Feind des Seepferds ist das Seepferd selbst: die meisten verhungern schlicht.
Der zweite Feind des Seepferds ist der Mensch: sein Lebensraum wird durch Schleppnetze, die den Meeresboden rasieren, zerstört; es endet als Beifang; es erstickt am Müll, den der Mensch in die Ozeane kippt; Pestizide küstennaher Landwirtschaft vergiften es; Es wird zu Medizin verarbeitet. Beliebt gegen Impotenz, aufgrund seiner angeblich strikten Monogamie. Obwohl es strenge Beschränkungen gibt, ist der illegale Handel mit getrockneten oder als Mehl und Staub (TCM, Homöopathie) verarbeiteten Seepferdchen nicht aufhaltbar (Impotenz!).

Das sind nur einige wenige Merkmale, die das Seepferd beschreiben und einen sehr verkürzten Einblick geben, in die kurzweilige aber überaus aufschlussreiche Lektüre dieses Bands. Und was der obigen Auflistung vollkommen abgeht, ist die Leidenschaft und Faszination mit der Andrea Grill – passionierte Schnorchlerin – sich für das Seepferd einsetzt. Wie wichtig das Seepferd für den Lauf der Welt ist, was seine Abwesenheit für die Welt bedeuten würde. Wie wichtig es ist, dieses Wesen zu schützen und es nur gerecht wäre, das Seepferd für das, was der Mensch ihm antut, zu entschädigen.
Sie streift den kulturgeschichtlichen Hintergrund der nicht in Übermaß vorkommenden aber wenn dann leidenschaftlichen Liebe der Menschen zu den Seepferdchen. Wer sich einmal eingehend mit ihnen beschäftigt hat, kommt nicht wieder von ihnen los. Das gilt für die europäische Oberschichten im 19., 20. Jahrhundert wie auch für native Völker auf uns fernen Inseln. Erstere interessierten sich für die Seepferdchen am Rande mit wissenschaftlicher Neigung, mehrheitlich aber aus dekorativer Lust und gesellschaftlichem Prestige. In England kamen in den 1850ern Aquarien in Mode und man traf sich im Londoner Regent´s Park im Fish House der Zoological Society zum Seahorsewatching. Native Völker, wie beispielsweise auf den Philippinen, lebten sehr lange sehr gut von ihrem Verkauf, wussten aber genau aus diesem Grund sie zu schützen und ihren Lebensraum zu erhalten.

Es ist ein Genuss auf so leichte und illustre Weise etwas über Wesen zu lernen, von denen man weiß, dass sie existieren, aber nicht, dass sie so wertvoll sind und dass das Wissen um sie eine Bereicherung ist.
Schützt die Seepferdchen!
Lest Naturkunden!

„Für die Erde als Gesamtheit sind wir Menschen nicht wichtiger als Plankton.“ Und wir richten sehr viel mehr Schaden an als Plankton.

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SOCIETY

Plätzchen und Kekse

Von Plätzchen und Keksen – Eine kleine Soziologie des Siehste

Words: Sandra Groll

Illustration: Tronje Thole van Ellen

Niemand möchte im Frühjahr eigentlich noch über Plätzchen sprechen. Ganz im Gegenteil, bis Ende August, Anfang September möchten wir von weihnachtlichen Themen verschont bleiben. Allerdings treibt mich seit der Vorweihnachtszeit eine kleine Kommunikationssituation um, deren Zeugin beziehungsweise Beteiligte ich wurde und sie liefert eine so schöne Vorlage für diesen Text, dessen letzte Version ich am Morgen der vorgezogenen Bundestagswahl schreibe. Wahlzeiten sind Zeiten, in der sich Kommunikationssituationen und die vorgeschlagenen Programmatiken zuspitzen und Eskalationsspiralen drohen. In der digitalisierten und vor allem algorithmisierten Gesellschaft mehr denn je. Da ist es doch gleich viel angenehmer über die triviale weihnachtliche Alltagssituation zu schreiben, in der zum einen die Frage eine Rolle spielt, was denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen sei und zum anderen spezifische Formen der Kommunikation auffällig werden, die wir auch im größeren Maßstab antreffen: Das Siehste! Das Siehste kann nämlich auf ganz unterschiedliche Weise genutzt werden und eine Weise ist toxischer Natur, um einmal eins der Modewörter der Selfcare-Kultur zu benutzen. Die Frage ist also Was passiert eigentlich in den Situationen, in denen wir zu unserem Gegenüber Siehste sagen? Geht es immer nur um Rechthaberei und Triumph? Oder steckt in dem Siehste je nach Kontext nicht auch etwas Positives?
Also geht es in dieser Frühjahrsausgabe zunächst einmal ganz kurz zurück in jene, je nach biografischer Vorerfahrung mehr oder weniger emotional aufgeladene Vorweihnachtszeit. Hinein also in den Mikrokosmos der feiertagsgeschwängerten Alltagskommunikation, Erwartungserwartungen, jahresendlicher Melancholie und Hektik. Und natürlich hinein in die Zeit der privaten Einladungen, bei denen man Zeuge werden kann, von kleinen Alltagsinteraktionen und Kommunikation zwischen Paaren, die unbedeutsam erscheinen aber strukturell doch auf so allgemeine Muster folgen, dass wir sie auch in öffentlichen Debatten finden. Zum Nachtisch wurde selbstgemachtes Gebäck gereicht, das ich so gelungen fand und nach dem Rezept fragte. Es wurde mir auch klaglos ausgehändigt, nur plötzlich stand sie im Raum: Die Frage ob zwischen Plätzchen und Keksen ein Unterschied besteht. Ganz GenX wie die Tischgesellschaft war, blieben die Handies in der Tasche und es wurde sich auf die guten, alten analog-argumentativen Entscheidungsketten verlassen. Bekanntlich gibt es recht unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Weihnachtsgebäck grundsätzlich beschaffen sein sollte, ob knackig trocken oder saftig weich. Der Runde war also schnell klar, dass diese Argumentationsrichtung wenig zielführend ist. Bildungsbürgerlich lässt sich an dieser Stelle elegant abbiegen, und zwar in eine Zweifrage: Ob sich der Wesenskern saftiger Plätzchen oder eher trockene Kekse in ihren Namen niederschlägt. Letzteres könnte man Blick auf das Takete-Maluma Phänomen der Gestaltpsychologie vermuten. Solche Fragen und Tischgespräche mögen harmlos anmuten, im Kontext von Beziehungsgeschichte und Paardynamik können sie jedoch eine Bedeutsamkeit annehmen und im Kontext latenter Konfrontationslinien und möglicher Eskalationsspiralen stehen, die weder den Paaren selbst noch den Gästen bekannt sind. Gäste finden sich in solchen Situationen schnell in der Rolle des Züngleins an der Waage wieder, ob sie wollen oder nicht. Und damit war ich, als Klugscheißerin von Berufswegen, auch schon aufgefordert, eine möglichst schlüssige Begründung zu liefern und damit Position zu beziehen. Gesagt, getan und schwups folgte ein charmant-triumphales „Siehste“ der Keksbäckerin und ich hatte meinen Case für die Frühjahrsausgabe.
Das Siehste ist eine sehr spezifische Form der Kommunikation: mehrdeutig, mit allerlei Verweisungssinn ausgestattet, kontextabhängig und mit Latenz aufgeladen. Je nach Rahmenbedingungen und Anschlussoperation wirkt das Siehste durchaus konfrontativ, aber nicht zwangsläufig unversöhnlich. Es kann paradoxerweise einen Streit einleiten oder durch als Pseudo-Streitangebot eine eingeschränkte Geste der Versöhnung sein. Es kann Hierarchieansprüche zum Ausdruck bringen oder bestärkend ermutigender Natur sein. Das Siehste ist somit in der Lage, sowohl stabilisierend wie destabilisierend zu wirken.
Bei näherer Betrachtung sind „Siehste“-Kommunikationen – wer hätte das gedacht – inhaltlich und sozial anspruchsvoll, denn sie finden im Mittelbereich konfrontativer Kommunikationen statt. Jenem Bereich also, in denen Etwas verhandelt wird, das weder gänzlich egal ist noch von einer solchen Bedeutsamkeit, dass es einer sofortigen Eskalation und der Verhärtung bedarf. Ich spreche hier bewusst von ‚Etwas‘, denn es ist nicht notwendigerweise das eigentliche Thema der Kommunikation, das in Siehste-Situationen zur Debatte steht. Die Frage nach Plätzchen oder Keks, ließe sich einfach per Googleabfrage klären und ist von so alltäglicher und anekdotischer Trivialität, dass sie eigentlich keines weiteren Kommentars bedarf. Wenn es nicht notwendigerweise der Inhalt ist, der in Siehste-Situationen zur Debatte steht, dann muss es das Nichtgesagte sein, etwas Latentes, vielleicht gar nicht Sagbares, dass aber irgendwie mitkommuniziert werden muss: es ist das Verhältnis der Kommunizierenden zueinander, und zwar in der vollen Komplexität aus individueller Geschichte, psychologischen Endloshorizonten, Tagesbefindlichkeit und Erwartungserwartungen an den anderen.
Dabei scheinen kraftvolle Emotionen im Spiel, die sich in Körperhaltung und Mimik widerspiegeln: die Blicke fest, die Körper aufrecht und das Kinn nach vorn. Ein Beobachter könnte vermuten, es könnte jederzeit losgehen mit der Eskalationsspirale. Tut es aber nicht, zumindest in der hier beschriebenen Variante der wohlwollenden Siehste-Kommunikation – nennen wir sie der Einfachheit halber die Plätzchenvariante. In dieser Variante setzt nämlich das Siehste eher eine Art Schlussstrich unter die Spannung. Das Siehste bekommt dann einen versöhnlichen, handreichenden Charakter, insbesondere wenn die Handreichung mit nonverbaler Zusatzkommunikation, wie etwa einer Entspannung der Körperhaltung und einer sanft werdenden Mimik einher geht. Ein Angebot, den kleinen Triumph zu akzeptieren und auf der Beziehungsebene versöhnlich weiterzumachen. Die dritte Instanz in dieser Situation, der Gast, unfreiwillig zum Linienrichter des eigentlichen Themas geworden, dürfte an dieser Stelle Erleichterung spüren und die beiden Hauptakteure können ohne Gesichtsverlust mit den beziehungsbestätigenden Anschlussoperationen beginnen.
Nicht immer enden Siehste-Kommunikationen so friedlich, denn das Siehste als performative Äußerung kann auch ganz anders in Erscheinung treten, nämlich als Versuch der einen Partei die Kontrolle zurückzuerlangen und Recht zu behalten. Dann ist das Siehste ein passiv-aggressives ‚Ich habe es dir doch gesagt‘, tendiert graduell in Richtung Unversöhnlichkeit, dient der Kommunikation von Hierarchie und leitet gewisse Toxizität in die folgenden Interaktionen ein. Wenig verwunderlich, dass dann auch die Reaktion des Gegenübers weniger, wie beim Plätzchen-Siehste in einem viel sagenden Lächeln mündet, sondern in Ablehnung, dem direkten Angriff oder in einer Fluchtreaktion, die je nach Persönlichkeitstyp in Schweigen oder Verschwinden münden kann. Anders als das Plätzchen-Siehste, geht es in diesem Siehste um Rechthaberei und darum, Überlegenheitssignale zu setzen. Darüber kann auch das sprachlich informelle Siehste nicht hinwegtäuschen, denn es vermittelt nur oberflächlich Nähe und Mitgefühl, während man dem Anderen unterschwellig Inkompetenz, Ignoranz und mangelnde Einsicht unterstellt. Diese toxische Form des Siehste hat mit dem Plätzchen-Siehste gemein, dass sie ebenso auf eine Vorgeschichte verweist und Angebote für Anschlussoperationen macht, aber die Beziehung im Weiteren belastet, da dieses Siehste persönlicher Selbsterhöhung dient und darauf angewiesen ist, den anderen abzuwerten. Und Siehste-Kommunikationen dieser Art sind destruktiv, schon allein deshalb, weil in diesem Siehste betont wird, wie erwartbar und unvermeidbar ein bestimmter Outcome war, weil es dem Gegenüber an Grundsätzlichem mangelt.
Neben den Plätzchen- und dem toxischen-Siehste, gibt es als dritte Form der Siehste-Kommunikation noch das ermutigende Siehste, in der Art von „Siehste, geht doch“. Dieses Siehste ist lobender Natur, denn es verweist auf und bringt die positiven Erwartungen zum Ausdruck, die an die andere Person gestellt und die von dieser erfüllt wurden. Es dient der Kommunikation von Unterstützung und enthält gleichzeitig die latente Aufforderung sich den Herausforderungen der Zukunft selbstbewusster zu stellen. Allerdings kann auch dieses Siehste je nach Kontext mehrdeutig und ambig sein. Seine ursprünglichste Form findet dieses Siehste sicherlich in Eltern-Kind-Kommunikationen, in dem es Bestätigung und Ermutigung ausdrückt. Auf die Paarebene gezogen ist es jedoch nur graduell weniger giftiger Natur als das toxische Siehste und aus diesem Grund mit Vorsicht zu genießen, denn es bleibt eine Spur elterlicher Fürsorge enthalten, die in Paarkonstellationen nicht immer angebracht ist.
Während das wohlwollende Plätzchen-Siehste soziale Bindungen und Beziehung, das ermutigende Lob-Siehste Selbstbewusstsein und Handlungskompetenz fördert, erzeugt das toxische Siehste Distanz, verstärkt Unsicherheit und setzt negative Dynamiken in Gang. Diese Qualität behalten die drei Formen des Siehste auch im größeren Maßstab, also in der kommunikativen Reaktion auf größere gesellschaftliche Fragestellungen. Mit dem wohlwollenden Siehste werden Entwicklungsprozesse und geklärte soziale Fragestellungen thematisiert und gleichzeitig Allianzen geschmiedet. Das ermutigende Siehste macht Fortschritte sichtbar und fordert gleichzeitig auf, weiterzumachen und sich mehr zuzutrauen. Es motiviert dazu, sich den Herausforderungen zu stellen. Das toxische Siehste, welches gerade im digitalen Raum die Debatten dominiert, emotionalisiert auf negative Weise und betreibt Rechthaberei auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. Leider ist es gerade Letzteres, dass uns im digitalen Kommunikationsrauschen auf den nicht ganz so sozialen Medien über die Maßen begegnet, da es an den systemischen Kontext dieser Medien besonders anschlussfähig ist. Und es mündet in schrecklich unproduktiven Zuständen: Siehste, ich habe es ja gesagt, das uns dieses oder jenes in den Abgrund führen wird. Dieses Siehste bietet keinerlei Lösung oder produktiven Beitrag an, macht es sich in der Kritik von Problemen ohne Beitrag zur Lösung allzu bequem und dient einzig und allein der eignen Profilierung und selbst das noch nicht einmal in produktiver Weise. Siehste, ich habe es ja gesagt, dass (hier bitte ein Thema der Wahl einsetzen) zu (hier einen gesellschaftlichen Zustand der Wahl einsetzen) führt! Und nun das Ganze auf X posten, drei Likes einsammeln und dann? Vielleicht wäre es sinnvoller in eine Beobachtung zweiter Ordnung zu wechseln und sich bei jeder Siehste-artigen Kommunikation, die uns so unvermittelt über die Lippen oder über die Tastatur kommen, zu fragen, welche der drei Formen des Siehste wir da eigentlich gerade gebrauchen wollen und warum. Machen wir mit einem wohlwollenden Plätzchen-Siehste ein Angebot eine positive Anschlussoperation zu finden und die Beziehung fortzuführen, motivieren wir uns mit einem ermutigenden Siehste die nächsten Schritte einzuleiten oder bereiten wir mit einem toxischen Siehste schlussendlich doch Eskalationen vor? Wir haben an dieser Stelle auf jeden Fall die Wahl ebenso wie wir die Wahl haben, die Frage nach dem Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen zu beantworten, offen zu lassen oder ganz zu ignorieren.
Wer zum Schluss dieses Textes doch noch wissen möchte, ohne selbst zu googeln worin denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen besteht und ob sich anhand der Namen Hinweise auf den Unterschied finden lassen, kann beantwortet werden: Qualitativ sind Kekse und Plätzchen nicht deutlich unterscheidbar. Weder in Süße, Trockenheit oder Größe lässt sich klar eine Grenze ziehen, wo der Keks aufhört, und das Plätzchen beginnt. Und ein Blick in Friedrich Kluges Etymologisches Wörterbuch erklärt die Herkunftsgeschichte der beiden Begriffe wie folgt: Das Plätzchen leitet sich vom Platz ab und ist bereits seit dem 14.Jahrhundert bezeugt. Vermutlich stammt aus dem nordwestdeutschen Raum, wo der Platz eine Alternativbezeichnung für das Stutengebäck ist. Dieses Hefegebäck wird eingeschnitten, wodurch es aufplatzt. Allerdings kann der Einfluss von Platz auf die Herausbildung des Wortes ebenso wenig ausgeschlossen werden, wie das mögliche Geräusch, das das Gebäck beim Aufplatzen im Backvorgang macht. Der Begriff Keks hingegen kommt erst im 19. Jahrhundert auf und ist eine Eindeutschung des englischen Cake. Man hat es auch hier mit einer Frage zu tun, die unentscheidbar ist. Die damit von uns ganz im Sinne von Heinz von Förster entschieden werden kann und dann zu Siehste-Kommunikation genutzt werden kann. Aber bitte keiner Toxischen.

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Modenschauen als kulturelles Event

Ein neues Phänomen macht sich in der Mode bemerkbar.
Es kam relativ schleichend, ist aber mittlerweile kaum noch zu übersehen. Wenn bis vor kurzem Modenschauen nur dazu dienten, den Menschen die neuesten Mode-Ideen der Designer zu präsentieren, so opulent und beeindruckend wie möglich – Image-Pflege inbegriffen – kommt inzwischen eine weitere Komponente hinzu, die mindestens genauso wichtig ist, wie die neuesten Kleider. Modenschauen werden so etwas wie ein kulturelles Event. Ein Celebrity-Schaulaufen, wie bisher sonst nur Red Carpet-Events für Filme oder Award-Shows. Klar, prominente
Gäste gab es schon immer bei den Shows, je bekannter desto prestigereicher für das entsprechende Label. Man sah sie dann in der ersten Reihe sitzen oder nach der Show in Interviews von der jeweiligen Kollektion schwärmen. Doch jetzt sieht man in den Live Streams zu den jeweiligen Shows eine unzählige Zahl an A, B und C Promis, die komplett vom jeweiligen Label ausstaffiert zu den Veranstaltungsorten chauffiert werden und dann die letzten Meter zur Venue laufen, um sich vor einer Wand von Kamerateams photographieren und filmen lassen. Das geht zum Teil über 45 Minuten so, bevor die eigentliche Show anfängt.
Vielleicht ist das nicht komplett neu. Aber dass man dies nun als elementaren Teil des Live Streams zeigt, deutlich länger als die eigentliche Show, ist doch b e m e r k e n s w e r t.
Das Fatale ist: ich gucke mir das auch tatsächlich gerne an. Zwar mit einer Mischung aus Ekel, Erstaunen und Sensations-Lust, aber ich bleibe dran, wie ein gewöhnlicher Schaulustiger…Ich weiß nicht, ob das alles von der Mode ablenken soll oder ob das Ganze als eine Art „Finish“ zu sehen ist? So nach dem Motto, wenn die schon mal alle da sind, dann sollen das auch wirklich alle mitbekommen. In jedem Fall wird aus einer 15 Minuten Show auf einmal ein 1-stündiges Spektakel. Begierig freut man sich darauf, die Stars und Sternchen zu identifizieren und sich genüsslich über ihre Garderobe auszulassen. Was bisher nur einem ausgewählten Publikum vorbehalten war, die live vor Ort anwesend waren, ist der – mehr oder weniger – Promiflash nun auch für uns normal Sterbliche erlebbar.
Vielleicht sogar noch spannender vor dem Bildschirm, als wenn man vor Ort war und nicht so gute Sicht hatte, wie die Kameras. Lustigerweise funktioniert das momentan auch noch komplett ohne Ton und Kommentartor. Eigentlich total langweilig, es passiert ja weiter nichts. Eher wie eine Party, wo man die Leute nur vom Namen kennt und noch nie live erlebt hat. Aber eben genauso unterhaltsam.
Nach den Promis kommt die Mode. Ob die dann noch so relevant ist, hängt von der jeweiligen Kollektion ab. Aber man versteht, dass bei dem Overkill an Kollektionen, dem mode-affinen Publikum mehr geboten werden muss, als nur eine mittelmässige Auswahl an Kleidern.
Brot und Spiele!
Aus dem Laufsteg-Event mit Fokus Mode (1980er) wurde ein Spektakel mit Kult-Djs und Artistik mit Fokus Mode (2000er) um heute zu einem Promishooting mit Fokus „Promis“ und ein bisschen Mode zu verkommen – Danke Social Media!!

Aber wie konnte es so weit kommen? Was hat sich geändert in der Mode – man sagt ja, dass Mode im ständigen Wandel ist und sich permanent verändert. Ich glaube das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar haben Leute immer Geld mit Mode verdient, sehr viel Geld, aber mittlerweile sind fast alle großen Labels in Gesellschaften, die börsennotiert sind. Und auf einmal kommen ganz andere Gesichtspunkte zum Tragen. Plötzlich geht es um Shareholder Values, also was haben die Aktienkäufer von den Marken. Und das sind einfach ganz andere Kriterien als vorher, also ganz andere als eine poetisch schöne und stringente Kollektion zu entwerfen. Jetzt geht es um gut verkäufliche, möglichst billig produzierte Klamotten, die zum höchstmöglichen Preis an ein darauf zugeschnittenes Publikum verkauft werden könen. Auch die Kampagnen haben sich verändert. Es gibt eigentlich nur noch Mode-Photos vor weißem Hintergrund. Keine Ideen, kein Image – alles total austauschbar. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass es der Luxus-Mode gerade so schlecht geht. Sie ist ohne Identität, absurd teuer, bar jeder Phantasie, niemand schert sich mehr ums Image. Kurzsichtig starren die Zahlencruncher auf Effizienz und Einsparung, um ihre Zielvereinbarung des laufenden Jahres zu erfüllen, ihren Bonus einzustreichen. Koste es was es wolle.
Irgendwas stört den Konsumenten offenbar daran. Klar, es geht gerade vielen finanziell nicht gut und alles andere, was es im Leben braucht, ist teurer geworden. Da spart man halt am ehesten am 800-Euro-T-Shirt von Dior. Blöd für alle Seiten: den Konsumenten, den Aktionär und vor allem am Ende für das Label. Eine Zeitlang konnte man seine Marke noch mit großen Logo-Prints teuer verkaufen. Nachdem das nun jeder kopiert hat, will es keiner mehr sehen. Nur leider ist mittlerweile das gute Image von einst verramscht worden, der Ruf ist dahin. Welche Sau treibt man jetzt durchs Dorf?
Irgendwann muss die Tatsache, dass ich mir eine namhafte Marke leisten kann auch mit etwas mehr untermauert sein, als mit dem Namen der Marke darauf. Es war von Beginn und bleibt es bis heute: grotesk
Das scheinen allmählich einige wenige begriffen zu haben. Mögen es mehr werden!
Es wäre schön, wenn die Männer mit den Excel-Tabellen die Brücke der Labels wieder verlassen, sie hatten ihren Spaß und sind gescheitert. Gebt den Designern das Steuer zurück, denn sie wissen, was sie tun.

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Kampagnen Flaute

Kampagnen Flaute
Words: Stephan Ziehen

Was ist nur los mit den Modekampagnen? Es wird immer öder, was sich die großen Labels in letzter Zeit einfallen lassen, um ihre Kundschaft zu locken. Wo früher mit tollen Inszenierungen, aufwändigen Sets und beeindruckenden Locations geworben wurde, sieht man mittlerweile nur noch öde Studio-Produktionen mit einfarbigen (gerne weiß oder grau) Hintergründen. Das, was sich früher Kampagne nannte, wird zu einem Lookbook mit besseren Modellen oder Celebrities. Top Photographen wie David Sims, Mario Sorrenti etc. könnten eigentlich von No-Name Photographen oder KI ersetzt werden, wenn das so weitergeht. Es gibt keine Visionen mehr und dabei ist es egal, ob das ganze digital oder gedruckt stattfindet. Gähnende Langeweile überall. Ich weiß nicht, ob es am Geld liegt oder an der desinteressierten Klientel, dass mittlerweile alles wie ein mittelklassiger Onlinestore aussieht. Wollen wir nicht mehr verzaubert werden, ist es uns egal, wie wir umworben werden? Reicht uns das, so wie es ist? Das wäre sehr traurig! Klar ich verstehe, dass Mode immer eine Reflexion auf die Zeit ist und so gesehen, ist es vielleicht verständlich, dass wir nur klare, simple Werbung zu sehen bekommen, nichts Umständliches, nichts Überinszeniertes etc.. Das Leben ist schon kompliziert genug. Aber, dass es derart lahm wird, ist wirklich traurig. Selbst so einfache Stilmittel wie spezielles Licht, besondere Looks von Farbigkeit und ähnlichem sieht man so gut wie gar nicht mehr. Paradebeispiele sind die aktuellen Kampagnen von Fendi, Louis Vuitton, Isabel Marant und Dior. Zu Tode gequälte Langweile, wo man hinschaut! Selbst so schwer messbare Dinge wie ein gewisser „Coolness Faktor“, der sich manchmal durch eine merkwürdige Pose, grundsätzliche Anti-Haltung oder Nicht-Inszenierung ausdrückt, ist kaum sichtbar. Alles mehr oder weniger helle und gut ausgeleuchtete Bilder in nachvollziehbaren Posen mit sehr gut sichtbaren Klamotten.
Es gibt zwar ein paar Lichtblicke, wo man sich die Mühe gemacht hat kleine Sets zu bauen oder interessante Hintergründe zu finden. Aber leider wird es gleich wieder zunichte gemacht durch Posen, die schlimmer sind als in jedem billigen Versandhauskatalog. Handtaschen, die so ordinär in die Kamera gehalten werden, damit jedem klar wird, wie verzweifelt man dieses Produkt an die Kundin bringen möchte. Wahrscheinlich der Traum eines jeden Produktmanagers oder Marketingleiters. Aber für uns Konsumenten nicht so toll! Denn die wichtigsten Informationen über die Produkte holen wir uns eh woanders. Aber wenn wir weiterhin bereit sein sollen, mehr Geld für Prada, Dior und Co. auszugeben, muss auch das Image entsprechend gepflegt werden. Und da reicht nicht eine Show in Shanghai, Barcelona oder Rio de Janeiro alle halbe Jahre, wo eh nur eine Handvoll Celebrities, Influencer und die dreieinhalb verbliebenen wichtigen Moderedakteure anwesenden sind. Auch wir, die den Kram am Ende bezahlen sollen, wollen mitgepflegt werden und sei es durch die schöne Illusion, bei einer interessanten, verrückten, coolen und vor allem besonderen Marken dabei zu sein. Wenn das gelingen soll, muss aber etwas mehr passieren als das, was da gerade geboten wird. Man hat das Gefühl, die Kauf-Flaute in der Mode ist hausgemacht. Die Geschäfte laufen schlecht, also sparen sie bei den Kampagnen. Aber gerade das Lustvolle, Überschwängliche und Leichtlebige regen uns doch an, uns jede Saison neu in die Mode zu verlieben. Mode ist keine Zahnbürste, kein 0815 Sachgegenstand, der dank rationaler Argumente verkauft wird. Mode ist Emotion und Verführung und mit diesen Mitteln sollte sie auch beworben werden! Also bitte!