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Cab

FONDATION CAB

Words: Stephan Ziehen

Mehr Provence geht nicht! St. Paul de Vence erfüllt alle Klischees, die Südfrankreich zu bieten hat:
Den Duft von Thymian, Rosmarin und Lavendel, zirpende Grillen, wilde Landschaften, luxuriöse Villen und das Blau des Mittelmeeres in der Ferne. Und natürlich waren alle da, die das schöne Leben zu geniessen verstehen: die Reichen, die Schönen und nicht zuletzt die Künstler. Viele Künstler haben hier in der Gegend gelebt und gearbeitet oder einfach nur ihre Ferien verbracht. Daher ist die Dichte an Kunstsammlungen aller Art groß. Von den üblichen Verdächtigen á la Henri Matisse, Marc Chagall und Pablo Picasso bis hin zu kitschigem, dekorativem Kunstgewerbe ist alles vertreten, vor allem in Form von Stiftungen.
Unter ihnen die FONDATION CAB. Sie sticht aus allen heraus.
Sie wurde in einem atemberaubenden Gebäude aus den 1950er Jahren gegründet, und präsentiert zum einen die Sammlung der Stiftung aber bietet als Künstlerresidenz auch ein Programm in der Wintersaison. Der französische Innenarchitekt und Designer Charles Zana hat das Gebäude komplett renoviert und mehrere Ausstellungsräume, eine Buchhandlung und ein Restaurant integriert. Umgeben von einem verwunschenem, mit Skulpturen und Installationen gespickten Garten mit herrlichem Blick über die Halbinsel Cap d’Antibes, ist die Fondation auch als Gästehaus mit vier verschiedenen Schlafzimmern und einem „Maison Démontable“ von Jean Prouvé zu mieten.Man schläft inmitten originaler Möbel aus den 50er und 60er Jahren und erlebt eine Zeitreise in die Kunst und des Designs dieser Epoche. Besonders das 6x6m große Holzhaus von Jean Prouvé – entwickelt 1944 als Übergangsunterkunft für die kriegsversehrte Bevölkerung – lässt einen die Gegenwart vergessen. Zusammen mit den besonderen Ausstellungen und dem gesamten Design des Hauses, atmet man Kunst plötzlich mit jedem Zug über Nacht ein.
In direkter Nachbarschaft gibt es außerdem noch die sehr sehenswerte Sammlung von Marguerite und Aimé Maeght und das wunderschöne Hotel Colombe d’Or, in dessen Gärten und Räumen sie Originale unter anderem von Jean Miró, Pablo Picasso, Alexander Calder, Henri Matisse, Alberto Giacometti und Fernand Léger zeigen. Das ist wirklich beeindruckend. Auch hier hat man einen fantastischen Ausblick. Zusammen ergibt das ein Sehnsuchtsort für alle Kunst- und Südfrankreich-Liebhaber.

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ART

Thomas Dillmann

Zwischen Beton und Stromkabeln: Der stille Zauber des Thomas Dillmann

Words: Henrike Heick
Photographer: Stephan Ziehen
All artworks by Thomas Dillmann@Galerie Drees

Thomas Dillmann ist einer dieser Künstler, bei denen man zweimal hinschauen muss. Nicht etwa, weil seine Bilder so laut sind. Im Gegenteil. Sie flüstern. Farbentsättigt murmeln sie etwas über vordergründig unspektakuläre Autobahnschilder, Parkbuchten, Industriegebiete, Hauswände, Baumwipfel – und lassen dabei eine seltsame Art von Fernweh und Geborgenheit entstehen. Der Betrachter weiß nicht sofort warum, aber irgendetwas in diesen Bildern berührt. Irgendetwas ist echt. Man meint ein Foto zu betrachten und in dieses Foto hineinzuversinken. Erst Sekunden später versteht man, es ist Malerei.

In Hannover malt Dillmann in seinem Atelier. Kaum Tageslicht, Neonröhren an der Decke, es ist kühl. Außer vielen Büchern, einigen wenigen Bildern an den Wänden, einem Sofa mit Tennisschlägern darauf, gibt es hier nur Leinwände, Farbtuben und tausender winziger Pinsel. Keine Ablenkung, reine Konzentration. Er hat sich selbst eine Art Bunker geschaffen, in dem nur die Bilder zählen – und ihre Entstehung. „Mörderanstrengend“ sei das, sagt er. Ein Sechs-Stunden-Tag reicht völlig. Danach ist er körperlich erschöpft, wie nach einem Tennismatch. Die Konzentration, die Präzision, der Rücken, das Stehen – es ist Malerei, aber es fühlt sich manchmal an wie Hochleistungssport in Zeitlupe.

Dass er heute vor allem in Formaten wie 40×60 oder 30×40 Zentimeter arbeitet, liegt nicht etwa an Platzmangel, sondern an der Zeit. Die großen Werke – zwei Meter breit, fünf Monate Arbeit – schafft er seltener. Der Aufwand, die Akkuratesse, das Aushalten von Detailversessenheit: Es frisst Stunden. Und das Alter, sagt er, mache es nicht leichter. Thomas Dillmann beklagt sich nicht. Es ist eher ein nüchternes Anerkennen der Realität: Kunst braucht Zeit. Und Ruhe.

**Die Gelassenheit im Bild**

Auffällig ist, was in seinen Bildern fehlt. Lebewesen. Nur kürzlich, nach 30 Jahren, tauchte zum ersten Mal wieder ein Mensch im Vordergrund auf – eine Ausnahme. Denn was Dillmann interessiert, ist nicht das Spektakel, sondern der Raum, den der Mensch hinterlässt. Die Straße, die er gebaut hat. Die Stadt, die er sich ausgedacht hat. Die Wand, an der er Plakate klebt. Es ist ein bisschen wie in den Fotografien von Stephen Shore, den Dillmann bewundert: Der Mensch zeigt sich nicht im Selfie, sondern in der Spur, die er der Welt eingeschrieben hat.
Und auch der Betrachter sieht endlich „den Rest“ – Lebewesen in Bildern ziehen unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich, “der Rest“ tritt dabei in den Hintergrund, Dillmann geht es aber genau um diesen Rest.

So malt Dillmann das, was andere übersehen würden. Eine karge Ausfallstraße in Rom. Einen schnöden Parkplatz. Eine leere Kreuzung in Spanien. Eine verwitterte Industriehalle in der französischen Provinz. Und doch passiert in seinen Bildern etwas Merkwürdiges: Sie verwandeln das Banale in etwas beinahe Erhabenes. Er schafft es, eine immense Wirkung in jedes Bild einzumalen, eine unwirkliche Anziehungskraft. Als hätte jemand einen Staubfilm von der Oberfläche der Wirklichkeit gewischt – und man sieht plötzlich klar. Ein Autobahnschild wird zur Poesie. Ein Schatten auf einer Wand erzählt von Zeit.

**Von Hessen nach Hannover**

Geboren ist Thomas Dillmann in Hessen, in einem großen, turbulenten Elternhaus. Acht Geschwister, Großeltern im Dachgeschoss, die Tante mit Familie im Anbau. Dillmann selbst war der Nachzügler, der Kleine. Die Eltern schon etwas älter, nicht mehr ganz so streng, aber die katholische Prägung – die war da. Heute sieht er das eher mit Distanz, fast mit Verwunderung, wie sehr sich die Rolle der Kirche gewandelt hat. „Das, was Jahrtausende unsere Kultur bestimmt hat, interessiert heute kaum noch jemanden“, sagt er. In manchen seiner Bilder – ein abgelegenes Kreuz, eine Mauer, die mehr andeutet als zeigt – scheint dieser Wandel durch.

**Fotorealismus unaufgeregt**

Dillmanns Stil? Fotorealismus, ja – aber nicht mit dem Vorschlaghammer. Keine Explosionen, keine Action, kein Drama. Stattdessen graues Licht, bewölkter Himmel, Farben, die fast entsättigt wirken. Und doch: ein Zauber, der sich erst mit dem zweiten Blick erschließt. Seine Bilder fordern Geduld. Man muss davorstehen. Man muss hinsehen. Dann bemerkt man, dass eine weiße Wand gar nicht weiß ist. Dass sie in Nuancen von Grau, Ocker, Grün und Rosa atmet.

Und ja: Es ist gemalt. Nicht fotografiert. Für viele der erste Aha-Moment. Denn auf den ersten Blick wirken die Bilder wie gute Fotos – aber sieht man ein zweites Mal hin – vor allem als Original –, erkennt man die Pinselstriche, die Mühe, das Handwerk. „Ich male sehr wenig“, sagt Dillmann. Damit meint er nicht den Output, sondern die Technik: Er verbringt Stunden damit, zu überlegen, bevor er den nächsten Strich setzt. Acryl ist unforgiving. Ein zu dunkler Farbton? Kaum zu korrigieren. Ein Pinselstrich zu viel? Versaut den ganzen Himmel. Das macht vorsichtig. Und verlangt eine fast meditative Haltung.

**Reisen, sehen, festhalten**

Viele seiner Motive stammen von Reisen – nicht spektakulär, eher alltäglich. Er immer auf dem Beifahrersitz (er hat keinen Führerschein), die Kamera immer bereit, knipst er stundenlang aus dem fahrenden Auto. „Ich versuche, den Kopf auszuschalten. Wenn der Instinkt sagt, das ist interessant, dann drücke ich ab.“ Warum, weiß er oft erst später. Manchmal Jahre später. Es gibt Bilder, die lagern zehn, fünfzehn Jahre auf seiner Festplatte, bevor er sie malt. Dann, wenn die Faszination bleibt – auch ohne die Erinnerung an die Reise, an die Sonne, an den Wein.

**Der Künstler als Anti-Vermarkter**

Dillmann ist kein Netzwerker. Kein Selbstdarsteller. Keine PR-Maschine. Er hat einen Galeristen, mit dem er seit über 20 Jahren zusammenarbeitet, und das reicht ihm. „Ich bin null Vermarktung“, sagt er. „Ich will ein Bild malen, das ich bin“, sagt er. Nichts anderes. Keine Strategie, keine Zielgruppenanalyse, keine Kunstmessen-Kalkulation.

Das macht ihn zu einer Ausnahme. In einer Kunstwelt, die oft schrill und laut ist, bleibt Dillmann leise. Doch wer ihn entdeckt, bleibt hängen und will mehr von der Karkheit, der Ödnis, dem Mineralischen.

**Gegen das Vergessen: Repros**

Wenn ein Bild verkauft wird, bleibt ihm nur das Repro. Und das ist Dillmann heilig. Stundenlang tüftelt er an der Farbübereinstimmung zwischen Original und Druck. Eine Graukarte, so lange bearbeitet, bis sie perfekt ist. Dann das Bild, neu abgemischt, gedruckt, verglichen. Es ist seine Art, das Werk festzuhalten. Denn wenn ein Bild weg ist, ist es weg. Und das schmerzt.

Manche Bilder, sagt er, vermisst er wirklich. Andere lässt er gerne ziehen. „Wenn jemand ein Bild will – super.“ Nur wenn es ein Lieblingsbild ist, fällt das Loslassen schwer.

**Ein Bild wie ein Gedicht**

Einmal malte Dillmann ein kleines Bild mit einem Schild vom Autobahnring in Rom – Napoli, Roma, Ausfahrt 26. „Ich dachte, das wird nie jemand kaufen.“ Sieben Anfragen später war klar: Dieses Schild war mehr als Verkehrsinformation. Es war ein Gedicht, wie eine Germanistin später zu ihm sagte. Ein Gedicht aus Richtung, Erinnerung, Gefühl. Das Unspektakuläre wird bedeutsam, wenn es im richtigen Licht steht – oder in der richtigen Malweise.

**Zukunft und Zweifel**

Natürlich fragt sich Dillmann manchmal, wie lange das noch so weitergeht. Ob er irgendwann „ausgemalt“ ist. Leer. Fertig. Aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es Motive. Noch gibt es Ideen. Noch gibt es Träume – buchstäblich. Manche Bilder kehren in seinen Träumen wieder, tauchen auf wie Gespenster, drängen sich in seinen Kopf. Er will sie malen. Noch nicht jetzt. Aber irgendwann.

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ART

Max Grote

Massoumi Gallery – „Für die Messe zu groß und zu dunkel“

Artworks: Max Grote
Portraits: Stephan Ziehen

Die MASSOUMI Gallery ist ein Ort für kuratorisch anspruchsvolle Ausstellungen, die aktuelle gesellschaftliche, mediale und persönliche Themen verhandeln. Mit über 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zählt sie zu den markantesten privaten Galerieräumen Hamburgs.

Im Mittelpunkt steht der Dialog, zwischen Werken, Künstler*innen und Publikum. Die Galerie zeigt zeitgenössische Kunst jenseits klassischer White-Cube-Formate und fördert Austausch und Zugänglichkeit. Parallel präsentierte Soloausstellungen ermöglichen ein tieferes Eintauchen in einzelne künstlerische Handschriften und eröffnen neue Perspektiven auf das aktuelle Kunstgeschehen.

Gegründet wurde die Galerie von Sahar Massoumi, Juristin und seit 2017 in der Kunst aktiv. Ihr Ziel: neue Stimmen sichtbar machen, Berührungsängste abbauen und Räume schaffen, in denen Kunst nicht nur gezeigt, sondern erlebt werden kann. Gelegen in den historischen Stadthöfen im Herzen Hamburgs, liegt der programmatische Fokus auf Künstler*innen mit kultureller Relevanz, ästhetischer Stärke und wirtschaftlichem Potenzial – insbesondere aufstrebende und mid-career Positionen.

Cyte unterhielt sich mit Sahar Massoumi, der Leiterin und Gründerin der Galerie und einem ihrer Künstler – Max Grote – über das Verhältnis Künstler/Galeristin und die Arbeiten von Max.

Cyte: Max, was war die erste Arbeit, die du gemacht hast, an die du dich jetzt noch erinnerst?

Max: Muss ich kurz nachdenken. Ich habe erst vor ungefähr dreieinhalb Jahren angefangen zu malen. Das erste war ein richtig schlimmes Bild. Ich habe eine Leinwand auf den Boden gelegt und erst mal geguckt, was kann man mit Farben machen. Und dann habe ich ein großes Skelett gemalt. War jetzt nicht so der Wahnsinn. Davon habe ich auch keine Fotos mehr.

Cyte: Übermalt?

Max: Nee, weggeworfen alles.

Cyte: Wirklich?

Max: Ja, ja. Ja, da war so dick Acrylfarbe aufgetragen, war ganz schlimm. Daraus konnte man nichts mehr machen.

Cyte: Und ist dann die technische Verbesserung durch Übung gekommen oder eher weil du angefangen hast, Kunst zu studieren?

Max: Wahrscheinlich durch Machen. Nicht durchs Studium. Ich habe einfach immer mehr Bilder gemalt. Irgendwann ging es mehr ins Detail. Nach und nach wurde es immer akademischer.
Aber so richtig geübt habe ich das nie. Es gab einen Professor von mir, der an der Weißensee unterrichtete. Er hat mir Aufgaben gestellt. Er wollte, dass ich etwas im Detail male, möglichst genau. Das habe ich zwar nicht gemacht, aber er hat immer gesagt, guck mal ganz genau hin. Das ist mir im Kopf geblieben, „guck mal ganz genau hin“. Denn es ist ja alles, beispielsweise bei einem Porträt, auf dem Referenzfoto drauf. Man muss es sich nur genau angucken.

Cyte: Die Sachen, die ich bisher gesehen habe sind formal alle super stark. In Kombination mit dem, was ich in anderen Interviews von dir gelesen habe, sind sie allerdings inhaltlich schwer zu greifen. Du lehnst es – soweit ich es verstanden habe – auch ab, sie mit einer Bedeutung aufzuladen oder zu sehr zu interpretieren. Machst du das bewusst so oder fehlt dir da die Haltung?

Max: Bewusst viel aufzuladen? Ich habe relativ simple Gedanken, die ich dann lustig finde oder ganz interessant. Das sind meistens ein, zwei Sätze, die ich in einem Bild ausformuliere. Dann ist es das, was es ist. Viele andere Leute machen viele andere Dinge. Aber für mich ist es dann nur das. Ich kann eigentlich immer sehr genau sagen, was ich da gemacht habe.

Cyte: Okay, erzähl mal.

Max: Es variiert von Bild zu Bild. Es gibt kein wirklich übergeordnetes Thema, an dem ich mich abarbeite. Ich benutze viele unterschiedliche Szenen, die dann auch fast gleich aussehen, aber trotzdem etwas anderes sind.

Cyte: Ist das dann eher intuitiv?

Max: Nein, intuitiv würde ich nicht sagen. Ich überlege mir schon vorher, was ich mache, auf meiner Leinwand. Das soll dann so aussehen, wie ich es mir vorstelle.

Cyte: Wie kommst Du zu den Inhalten?

Max: Ich recherchiere nicht speziell zu einem Thema. Es passiert aus einem Gefühl heraus. Meistens ist es sehr persönlich.

Cyte: Reicht dir das, um Relevanz zu schaffen? Um zu erklären, wo Du herkommst? Ganz viele haben Geschichten, Botschaften, Sachen, Haltungen, die sich offensichtlich oder weniger offensichtlich in den Bildern darstellen. In dem, was ich von dir gelesen habe, klingt es erstmal so, dass das für dich keine Rolle spielt. Ich fand das tatsächlich sehr erfrischend. Häufig ist es doch so, dass jemand sagt, „damit stelle ich den Weltuntergang, den Weltfrieden dar“. Man guckt sich diese Bilder an und denkt, wo denn, was denn, wie kann ich das hier ableiten. Deine Sachen wirken erstmal viel ambitionsloser, was das angeht.

Max: Was nach außen hin transportiert wird oder was der Betrachter sieht, das ist mir relativ egal. Ich habe mein Thema, das ich in einem Bild abhandle. Und es ist dann auch fällig. Ich bin erst zufrieden, wenn ich weiß, ich habe das Bild verhandelt.
Es geht nur um mich. Und das Bild, das Sahar sieht oder das Sahar relevant findet oder nicht, das ist dann nicht mehr verhandelbar. Das ist nicht mehr Gegenstand zwischen mir und dem Bild. Wenn Sahar es gut findet, dann finde ich das toll oder freue ich mich. Aber es ist nicht wichtig für meine eigene Arbeit.

Cyte: Deine Bilder haben außergewöhnliche Titel. Wie kommen sie dazu?

Max: Es gibt ein Bild das heißt, „Deine Stärken sind schon irgendwie Porträts“. Das hat Sahar irgendwann mal zu mir gesagt. Meine andere Galeristin hat mal ein ähnliches Statement gemacht. Ich fand es lustig, eine Serie daraus zu machen. Jetzt heißt ein anderes aus der Serie „Für die Messe zu groß und zu dunkel“.

Cyte: Ah. Okay. Wie ist dein Verhältnis zu deiner Galeristin, die ja in irgendeiner Form auch kommerzielle Erwartungen an dich hat, und auch nicht zu schwarze oder zu dunkele Bilder für Messen haben möchte? Behältst du dir die Freiheit vor, bei dem zu bleiben, was dir kommt? Oder kollidieren Anspruch der Galerie und eigene Freiheit miteinander?

Max: Mein Job ist es ja nur, Bilder zu malen. Was ich bis zur Ausstellung fertig habe, das habe ich dann. Damit muss Sahar leben und das was da ist, verkaufen. Wenn das zu groß und zu dunkel ist, dann sind das dennoch genau diese Bilder. Es ist nicht mein Job, es zu verkaufen.

Cyte: Ist das nicht der ewige Streit zwischen Agent/Galerist und Künstler? Der Künstler sagt, du musst die richtigen Leute finden, die meine Kunst gut finden und verstehen. Und der Galerist sagt, du musst mir die richtigen Bilder malen, die ich verkaufen kann.

Max: Ja, bestimmt. Aber davon lasse ich mich nicht so beeinflussen. Ich habe Sahar fünf Bilder versprochen und eins davon ganz riesig. Ob das ganz große Bild verkauft wird oder nicht, wer weiß. Aber Sahar bietet mir diese große Wandfläche an und die nutze ich.

Sahar: Aber es ist ja schon klar, wenn ein Bild von, sagen wir fünf, sechs Metern da hängt, ist es eher nicht für den privaten Gebrauch geeignet. Vermutlich wird es kein Verkaufsschlager. Aber ich will ja trotzdem meinen Künstler möglichst gut repräsentieren und zeigen, was er kann. Und da ist es von mir ein klares Verkaufsinteresse, so ein Format zu zeigen.
Wenn Max nur noch Fohlen malt und ich aber ein Fan von seinen Porträts bin und ich weiß, dass sie auch im Markt gut funktionieren, ist es nicht ganz egal, was der Künstler dann in der Zeit schafft. Als Galeristin wirkt man auch auf das Konzept ein und ist richtungsweisend tätig.
Ich lese den Markt, den Max in dem Fall nicht lesen kann, weil er in seiner Materie ist und seine Kreativität auslebt. Da ich den Markt lese und darüberhinaus weiß, was meine Sammler mögen, muss ich natürlich auch in deren Sinne, im Sinne der Galerie und damit im wirtschaftlichen Sinne handeln.
Aber es ist immer ein schmaler Grad zwischen „wie stelle ich meinen Künstler zufrieden, wie kann er sich möglichst zu 100 Prozent ausdrücken?“ und „wie bekomme ich diese Bilder auf den Markt und wie lassen sie sich gut verkaufen?“. Das ist eine ganz feine Linie. Es hängt sehr viel an der zwischenmenschlichen Beziehung; wie funktionieren Galeristin und Künstler im Miteinander?

Max: Das ist erstmal gar kein Streitpunkt, denn ich mache ohnehin Selbstporträts und Sahar will Selbstporträts. So geht es Hand in Hand.

Cyte: Wird im Studium dieses Verhältnis zum Agenten, zur Galeristin behandelt? Sagt man euch, dass eure Kunst, eure kreative Freiheit mit dem Interesse des Kunstmarkts konfrontiert wird und was das bedeuten kann? Oder hält man das fern von euch?

Max: Meines Wissens wird das nicht thematisiert. Es geht eigentlich nur um die Arbeit. Aber im Endeffekt mache ich Flachware, Malerei und das geht immer ganz gut im Markt und wird am meisten verkauft.
Was ich jetzt genau male, das verhandele ich mit mir selber. Ich sehe schon, dass meine Potsdamer Galeristin „so groß und dunkel“ nicht mag, aber… die Leute arbeiten ja trotzdem noch mit mir.

Sahar: Vermutlich weil wir in dir ein Potenzial sehen und eine Willenskraft und eine Neugier, dich selbst zu erforschen, Kunst zu erforschen. Zu erkennen, was ist die Relevanz, was ist die Relevanz in den Bildern? hat Max für mich sehr interessant gemacht. Als er seine Bilder vorstellte, diese vermeintlich schweren Bilder, die irgendwas Krasses aussagen müssen, die mit ganz viel Verantwortung aufgeladen werden müssen, war da diese ironische Art und Weise von Max in seinen Worten, seinem Ton. Dieser Gegensatz hat mich so interessiert, die Schwere und die Ironie dahinter.

Cyte: In den Deichtorhallen gibt es jetzt QR Codes neben den in der Regel sehr aufgeladenen Erklärtexten zu den Arbeiten. Die QR-Codes führen zu Texten in einfacher Sprache. Auf einmal ist vieles, das vorher so hochtrabend war, sehr schlicht und fast entmystifiziert. Ich finde das sehr sympathisch! Also ein bisschen wie deine fatalistische Herangehensweise, Max. Dennoch nehme ich Dir dieses komplett ambitionslose nicht ab. Außerdem braucht man manchmal als Betrachter auch ein bißchen Halt und Bezüge, um Arbeiten besser zu verstehen.

Max: Wenn ich mich zum Beispiel selber nackt male – ich hatte mal eine Essstörung, vielleicht auch immer noch, wer weiß und das wird dann eben verhandelt – mache ich Referenzphotos. Ich projiziere das Photo eins zu eins. Zu Beginn wollte ich einfach mal schauen, ob ich das überhaupt kann. Die Frage war, halte ich es aus, mich selber genauso, eins zu eins nackt zu malen? Das ist schon ein relativ ernsthaftes Thema.
Während des Prozesses fand ich dann immer Elemente in den Bildern, die es eigentlich lustig machen. Wie bei zum Beispiel Engel, die meistens disproportioniert dargestellt sind, immer ein bisschen lustig aussehen.
Es ist nur eine persönliche Auseinandersetzung über das Thema XY. Und das sind bei mir immer nur ein, zwei Sätze, die bei jedem Bild für mich da stehen. Ich könnte natürlich noch immer ganz genau darauf eingehen, was meine Referenzen sind und wo ich die Motive eventuell klaue, aber das ist ja dann nicht Teil des Themas, das ich verhandle.

Cyte: Meinst du nicht? Ich glaube, aus dem Blickwinkel des Betrachters ist es manchmal hilfreich, dass man Sachen besser einordnen kann oder verstehen kann. Ohne Hinweis stehe ich davor, hab ein düsteres Bild mit einem lustigen Titel, der gar nicht mit dem, was ich sehe korrespondiert. Die Bilder haben einen ziemlichen Impact und auch eine Schwere. Es sind keine bunten, leichten, heiteren Bilder, sondern die sagen „Guten Tag, guck mich an“. Und offenbar steckt da mehr drin als der Titel vermuten lässt. In diesem Fall eine Essstörung.

Max: Du meinst also, dass du mehr siehst, als ich mit dem vermeintlich abseitigen Titel preisgeben möchte?

Cyte: Ja.

Max: Warum? Warum glaubst du nicht, dass ich das nicht sagen würde, wenn da noch mehr wäre?

Cyte: Weil zumindest diese formale äußere Stränge, die sehr mit den Titeln kollidiert, etwas anderes vermuten lässt. Das schreit geradezu danach den Hintergrund besser zu verstehen. Versteh mich nicht falsch, ich finde das gut. Sonst würde ich mich damit nicht so lange aufhalten. Ich mag dieses Lapidare, das die Dinge haben. Auf der anderen Seite schreit alles in mir und will wissen, wieso malt der schwarze Einhörner in derart dystopischer Landschaft? Und dann heißt das Bild, „Deine Stärken sind schon die Porträts“.

Max: Ich finde das lustig. Es steckt eine gewisse Erwartungshaltung darin.
Das soll nicht überheblich klingen. Ich finde das einfach nur witzig.
Aber ja, es hat etwas Therapeutisches. Und darin sehe ich gleichzeitig die Ironie. Eine Farbstimmung zu erzeugen und diese dann aufzubrechen mit dem Thema, das da gerade verhandelt wird, das finde ich lustig. Eigentlich habe ich nur einen Riesenspaß mit der Malerei. Ich nehme die Arbeit, das Malen an sich sehr ernst. Aber ich möchte mir jetzt noch nicht den Spaß an der Malerei nehmen lassen.
Wenn ich so ein ernstes Thema, so toternst verhandeln würde, dann würde mich das nicht bereichern. Ich mache das, was mir jetzt Spaß macht. Wer weiß, was ich in einem Jahr mache. Würde mir das keinen Spaß machen, dann könnte ich auch Jura studieren. Das würde mir auch keinen Spaß machen. Da würde ich vielleicht mehr Geld verdienen. Aber das will ich nunmal nicht. Künstler ist der Lebensentwurf, den ich gewählt habe.

Sahar: Du hast ja auch ursprünglich mit was anderem angefangen und dich dann für die Malerei entschieden, hast gemerkt, es zieht dich an die Leinwand.

Max: Davor habe ich Mode gemacht. Das ist immer körpergebunden.
Das hat mir nicht so viel Spaß gemacht.

Cyte: Sahar, wie strategisch gehst Du vor, wenn Du so eine Karriere aufbaust? Welche Maßnahmen triffst Du? Wie weit beeinflusst Du auch die Künstler?

Sahar: Mein Job ist es, das Sprachrohr nach außen zu sein und Max auf dem Kunstmarkt zu platzieren. Meine Galerie ist kein Museum. Das heißt, die Galerie muss den Künstler so weit fördern, dass er weiter Kunst machen kann. Gleichzeitig muss die Galerie wirtschaftlich arbeiten. Das zu verbinden ist ein schmaler Grad. Das eine geht nicht ohne das andere.
Es ist mir wichtig, in die Köpfe reinzugucken. Die Menschen dahinter zu verstehen, Kunstschaffende zu verstehen. Eine persönliche Bindung zu schaffen. Ich sage Max immer, ich bin nicht die Person, die nur deine Bilder an die Wand hängt und verkauft.
Sondern ich bin die Experience-Partnerin. Das heißt, wir müssen ganz nah beieinander sein. Wir sind am besten ständig im Austausch, sehen, welchen Schritt der andere macht. Wir telefonieren ein- bis zweimal die Woche damit ich seine Entwicklung quasi hautnah erlebe. Mit ihm mitdenken kann.
Daraus entwickelt sich eine individuelle Strategie. Es gibt nicht die eine Strategie, in die ich alle Künstler, die ich habe, hinein modelliere. Man muss genau wissen, wo möchtest du hin, lieber Max? Was möchtest du?

Max: Ich will erstmal von meiner Kunst leben können. Ich will große Bilder malen können. Und nicht jedesmal Sorgen haben, dass bei meinem Farblieferanten meine Kreditkarte abgelehnt wird. Ich will auch irgendwann Kinder haben. Die sollen es natürlich auch nicht schlecht haben.

Cyte: Als Künstler gibt es ja drei Messarten, wie du Erfolg bzw. Relevanz messen kannst. Das eine ist, dass du halt viel verkaufst. Das Zweite, dass deine Bilder im öffentlichen Diskurs stattfinden und darüber gesprochen wird. Und dass eine Anerkennung durch Museen oder öffentliche Institutionen entsteht.

Max: Natürlich würde ich gerne in Museen hängen. An Museen verkaufen. Wer will nicht an Museen verkaufen.

Cyte: Verkaufen an Museen ist, glaube ich, ganz selten der Fall, oder?

Max: Naja, Museen kaufen ja auch an. Also, ich habe mich in letzter Zeit viel damit beschäftigt. Das gibt es!

Cyte: Meistens haben die ja zu wenig Geld.

Max: Also, ich würde einem Museum auch etwas schenken, wenn die es ausstellen würden.

Cyte: Hast du schon mal das Gefühl gehabt, dass du mit irgendwelchen Sachen, mit Bildern gescheitert bist, dass sie dir nicht gelungen sind? Übergemalt und weggeschmissen, wie das allererste, aber auch jetzt noch?

Max: Ja, ich glaube, sowas denke ich immer eher im Nachhinein. Weit in der Vergangenheit würde ich sagen, die Bilder, die sind mir nicht gelungen.
Ich hatte so große Ölkreidezeichnungen. Die habe ich Sahar gezeigt.
Dann habe ich lange überlegt, ist das ein Werk oder ein Atelierprodukt? Ich würde nicht sagen, sie seien nicht gelungen. Sie sind einfach noch nicht reif. Oder irgendwelche Studien. Vieles veröffentliche ich nicht, weil ich sage, es noch nicht fertig.

Cyte: Lässt dich das an dir zweifeln?

Max: Nö, also, mein großer Zweifel, den ich immer habe, ist die Angst, dass mir irgendwann die Ideen ausgehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich jetzt malen soll.

Cyte: Ach ja?

Max: Es bestätigt sich nicht, aber es ist trotzdem so eine irrationale Angst, die da ist.

Cyte: Leer gemalt?

Max: Ja. Aber eine gescheiterte oder nicht fertig gewordene Arbeit, die lässt mich nicht zweifeln. Es gibt im Bild manchmal etwas, das mich unzufrieden macht. Dann lasse ich es einfach eine Woche stehen und eventuell mache ich weiter.

Cyte: Wie tauscht ihr euch aus? Sahar, du sagst, dass du versuchst, einmal die Woche mit ihm zu sprechen. Tauscht ihr euch dann z.B. auch darüber aus, wie Preise gemacht werden und was du dir vorstellst für die anstehende Ausstellung?

Sahar: Max hat ja schon ein paar Bilder verkauft, es gibt schon einen Richtwert.
Aber mit jeder Ausstellung und Präsenz kann so ein Wert auch wachsen. Und ich gucke mir das natürlich sehr nah an. Am Ende ist es wichtig, dass Max sich wohl fühlt bei den Preisen, die ich vorschlage. Andererseits muss ich den Markt im Blick habe, reasonable bleiben.
Es gibt einen Marktwert oder einen Markt, der bereit ist, für die Bilder von Max Summe X zu zahlen. Wenn es um eine große Ausstellung geht, kann man immer darüber sprechen, ob man ihn anpasst, denn das ist der nächste Meilenstein eines Künstlers.
Ich bin ein Freund von organischem Wachstum. Ich setze nicht auf den Hype, denn der Fall kann danach sehr tief gehen. Das möchte ich nicht. Ich setze auf eine nachhaltige Beziehung zu Max und dabei ist es mir wichtiger, dass er seinen sogenannten kommerziellen Kunstmarktwert erhält. Der Aufbau eines Künstlers ist eine zarte, kleine Pflanze, die man wirklich gut behandeln muss. Es bringt nichts, einen Künstler zu verbrennen. Da hat Max noch viel zu viel vor sich, als dass man da jetzt ganz weit oben ansetzt. Davon hat keiner etwas.
Aber Preise sind gar nicht unser Hauptthema.

Cyte: Max, wie reagieren deine Kommilitonen? Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, der hier studiert, auch schon von einer Galerie vertreten wird und auch zu entsprechenden Preisen dann verkauft. Wie reagieren sie auf dich? Gibt es hier viel Neid oder Konkurrenz oder schottet man sich ohnehin voneinander ab?

Max: Meine Freunde freuen sich für mich. Die sehen ja auch, wie viel ich arbeite. Neid erfahre ich nicht.

Cyte: Und wenn es schon so gut läuft, wie es sich andeutet, hast du manchmal das Gefühl, dass du hier fehl am Platz bist, an der Kunsthochschule?

Max: Nö.

Cyte: Was nimmst du mit, was lernst du?

Max: An der Kunsthochschule wird einem heute nicht mehr viel beigebracht. Aber ich sehe sie schon als einen Ort, an dem ich mir auch die Freiheit nehmen kann, mich zu entwickeln. Ich muss kein Atelier finanzieren. Ich bekomme Unterhalt. Davon kann ich meine Miete zahlen. Das heißt, ich bin erstmal in einem relativ sicheren Rahmen, in dem ich machen kann, was ich will, in dem ich mich austoben kann. Das ist so, wie ich das Studium hier sehe. Ich bin nicht an so eine Markterwartung gebunden.
Wenn ich jetzt schreckliche Bilder male, die Sahar nicht mehr ausstellen will, dann ist das natürlich erstmal irgendwie blöd. Aber es ist auch kein Weltuntergang, denn ich habe kein eigenes Atelier zu finanzieren oder Kredite abzubezahlen.

Cyte: Bist du enttäuscht, dass es an der Uni nicht verschulter zugeht, du keine Techniken lernst, Input bekommst, inspiriert wirst, Dinge erfährst, wie man sich später auf dem Kunstmarkt bewegt usw.? Oder war das von vornherein nicht wichtig?

Max: Meine Erwartungen an das Studium hier, sind relativ gering gewesen. Hauptsache ich habe meinen Atelierplatz und kann malen. Das war und ist mir das Wichtigste. Damit bin ich zufrieden. Und der Professor, der meinte, „guck mal ganz genau hin“, mit dem tausche ich mich noch ab und an aus. Der hat ja auch eine Karriere gemacht. Und wenn ich Hilfe brauche oder das Gefühl habe, ich muss mich jetzt mal austauschen, dann spreche ich auch mit den Lauten hier an der Uni.
Jetzt habe ich Jorinde Voight als betreuende Professorin. Die habe ich aber nur ganz kurz getroffen. Aber sie wäre hier meine Ansprechpartnerin.
Maltechniken oder was auch immer, das kann man ja sich alles selber beibringen.
Es ist ja nicht wie vor 50 Jahren, dass man Fachwissen von Fachpersonen braucht. Es gibt für alles ein YouTube-Tutorial. Das reicht schon.

Cyte: Aber eigentlich skandalös, oder? Also, Du studierst an der HfBK und lernst Maltechniken per YouTube Tutorials?!

Max: Es gibt natürlich noch Werkstätten, die man benutzen kann.
An der Weißensee habe ich mal ein bisschen Lithographie gemacht. Da braucht man einen Werkstattleiter, der einen anleitet. Da gibt es ganz viele technische Abläufe, bei denen man erstmal eine erfahrene Hand braucht. Mit YouTube braucht man da nicht anzukommen.
Aber die Uni ist keine Malschule mehr in dem Sinne, bei der man sich an Professor XY orientiert. Es gibt ja auch keine Werkstätten mehr, wie in der Renaissance, in der man sich an seinen Meister orientieren muss. Man tauscht sich mit den Kommilitonen aus. Das inspiriert auch. Ich finde das auch sinnvoller, als sich mit Professoren auszutauschen. Die Profs sind 55, 60 Jahre alt. Das ist eine ganz andere Generation.

Cyte: Na klar, eine andere Generation, aber vielleicht wissen die halt ein paar Sachen, die du noch nicht weißt.

Max: Ja, was den Kunstmarkt und wie verhalte ich mich da, betrifft. Aber wie arbeiten die Leute, was beschäftigt die Leute, ist ja viel aktueller bei meinen Kommilitonen. Viel, viel aktueller!

Cyte: Sahar, wieviele Künstler würdest du auf die Art, wie du Max jetzt vertrittst, noch aufnehmen? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es eine Mischung. Du vertrittst Max fest hier in Hamburg. Dann hast du Künstler, die bei Dir ausstellen, für eine Show bei dir sind, die du aber nicht exklusiv vertrittst. Möchtest du mehr Künstler wie Max, die Du exklusiv vertrittst?

Sahar: Von Exklusivverträgen halte ich gar nichts. Ich finde es schön, wenn Künstler sich auch an anderen Orten in Deutschland oder wo auch immer, vertreten lassen können. Denn letztlich profitiere ich auch davon, wenn Max eine Galerie in München oder in Zürich oder sonst wo auf der Welt hat. Das ist doch schön.
Deswegen ist es meistens immer nur auf Hamburg beschränkt und es ist so viel Arbeit, dass man sich zwar mehr Künstler wünscht, die Künstler der Galerie sind, aber es eigentlich gar nicht schafft. Die Kapazitäten der Galerie sind mit fünf bis acht Künstlern ausgeschöpft.

Cyte: Max, Du hast noch in Potsdam eine Galerie?

Max: Genau, in Potsdam ist es Sandra Schindler. Mit ihr fahre ich jetzt auf die „Positions“. Außerdem transportiert sie meine Bilder und finanziert den Katalog für meine Ausstellung im Kunstraum Potsdam
Nächstes Jahr im Oktober bin ich noch in Stuttgart, in der Galerie Better Go South.

Cyte: Das war ja in der Vergangenheit durchaus anders. Da hatte eine Galerie den Künstler nach langen Ringen exklusiv und dann aber auch auf jeden Fall nur für dieses eine Land. Vielleicht sogar manchmal, weltweit, je nach Galerie.
Jetzt scheint es so zu sein, dass es variabler geworden ist. Dazu gehört doch aber auch, dass sich die Künstlerinnen und Künstler immer wieder selber darum kümmern müssen, Galerien zu finden

Max: Ich bin da ziemlich lucky. Die meisten kommen mittlerweile auf mich zu. Ich schätze mich sehr glücklich, dass das so ist. Das kommt durch Social Media, viel Instagram. Oder einfach über Gespräche, zum Beispiel der von Better Goes South, der Michi Preuß, der hat mit Sahar geredet. Darüber ist Sahar auf mich aufmerksam geworden. Das scheint sich zu fügen. Und den von Kunstraum Potsdam, den hatte ich über meine Potsdamer Galeristin kennengelernt.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich um so extrem viel Ausstellungen kümmern muss. Das Timing ist eigentlich das Wichtigste. Ich muss wissen wie viele Bilder ich wann brauche.

Cyte: Wie erlebst du das bei deinen Kommilitonen? Ist das für alle so, dass dieser Instagram-Weg unabdingbar geworden ist?

Max: Ich kenne viele Leute, die machen das gar nicht. Aber ich kenne auch niemanden, der das gar nicht macht und damit erfolgreich ist. Dank Instagram kann ich jedem Interessierten in jeder Situation mein Portfolio zeigen. Ich muss keinen Aufwand betreiben, eine Illustrator-Datei neu erstellen und dann ewig warten, bis die lädt. Ich kann das einfach so zeigen oder schicken. Das ist schon sehr, sehr praktisch.

Sahar: Das ist tatsächlich für unser Scouting auch wichtig. Es ist die erste Instanz für mich, wenn ich Künstler researche. Ich gucke ganz viel über Instagram.
Für mich ist es sehr schön, dass man durch den Feed gehen kann, durch die gesamte Historie. Ich gucke mir das erste Kunstwerk an, das jemals gepostet wurde.
Das ist für mich ein Anfangspunkt, um zu sehen, wie war die Entwicklung in welcher Zeit. Das ist eine schöne Übersicht. Wenn man es nicht komplett ausschlachtet und verkommerzialisiert, wie es leider viele Künstler tun, dann ist es eine schöne Plattform, um sich einen Überblick über eine Künstlerin, einen Künstler zu verschaffen.

Cyte: Wie ist denn dein Output? Wie viele Sachen schaffst du so?

Max: Ich versuche so im Schnitt eine Arbeit die Woche zu machen. Ja, das passt auch relativ gut.

Cyte: Vielen Dank für das Gespräch.

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ART

The Space

THE SPACE //

Text + Portrait: Stephan Ziehen
Artworks + Exhibition pictures@The Space //

Subtitel: THE SPACE // ist ein von der Künstlerin Sarice Brudet initiiertes Ausstellungskonzept mit dem Ziel, neben den Ausstellungen einen Raum zum Nachdenken und zur Kunstvermittlung zu schaffen sowie Dialoge und interdisziplinäre Verbindungen zu fördern.

 

Cyte: Hi Sarice, wer bist Du und was machst Du?

Sarice: Hi, ich bin Künstlerin und mache auch kuratorische Arbeit. Studiert habe ich Ökonomie und Philosophie. Ich musste mittendrin auf die Fern-Uni Hagen wechseln, weil ich einerseits aufgrund der Ausstellungen und andererseits wegen meiner Model-Jobs viel unterwegs war. Der Kunst-Kontext hat mich seit jungen Jahren schon immer sehr interessiert und ich hatte das Glück durch die Fotoreisen und Auslandsaufenthalte mein Netzwerk in dem Bereich zu erweitern und dadurch einen großen Verteiler aufzubauen. Ich habe neben der Uni, um Geld zu verdienen, diverse Foto-Jobs gemacht. Und dann hat die Modelagentur mich irgendwann gefragt, ob ich Lust hätte Zeit im Ausland zu verbringen. Klar hatte ich. Eine der ersten Stationen war Hong Kong und da war ich 20. Seitdem ich klein bin male ich und habe mich mit Kunst als Kommunikationsform intensiv auseinandergesetzt.
Parallel zur Uni und dem Modeln habe ich daher auch immer weiter gemalt und mich mit Kunst beschäftigt. Nach dem Tod meines Vaters in 2005 und einer Zeit der Reflektion, ging es 2009 dann richtig los mit meiner ersten großen Ausstellung in Los Angeles. Wieder zurück in Europa und nach einem kurzen Rückschlag durch eine verdeckte Herzmuskelentzündung, folgten Solo- und Gruppenausstellungen und dann habe ich ab 2015 mit den Ausstellungen in Off-Spaces angefangen.

Cyte: Wie kam es zu diesen Off-Locations, was ist das?

Sarice: Vor Corona habe ich in leerstehenden Gewerbeflächen oder Wohnungen temporäre Ausstellungen gemacht. Da konnte ich z.B. die alte Bornhold-Ladenfläche am Neuen Wall bespielen und eine Fläche im Kaufmannshaus. Die Ausstellungen gingen über ein Wochenende oder bis zu 3 Monate. Und dann kam Corona. Alles stand still. Das war keine einfache Zeit, da ich ca. 3 Ausstellungen vorfinanziert habe, meine eigenen Produktionskosten hatte und dann schauen musste, wie man das irgendwie alles hinbekommt. Nach Corona Ende 2021 hat die Stadt Hamburg dieses Freiflächenprogramm „Raum für kreative Zwischennutzung“ ins Leben gerufen. Das war ein Zwischennutzungsprogramm von leerstehenden Gewerbeflächen bei denen ein Nutzungsvertrag vorliegt und nur eine Nebenkostenpauschale entrichtet wurde. Kulturschaffende zahlten 1,50€ pro Quadratmeter und der Rest der Nebenkostenpauschaule wurde durch einen Kulturfonds der Stadt Hamburg übernommen. Die leerstehenden Flächen konnten genutzt werden, bis ein Hauptmieter gefunden wurde.

CYTE: Was ist THE SPACE // für Dich?

Sarice: THE SPACE // ist ein Ausstellungskonzept im kuratierten Format, das ich initiiert habe mit dem Ziel neben den Ausstellungen einen Ort für Dialoge, Begegnungen, Austausch, Kunstvermittlung, kulturelle Bildung und interdisziplinäre Verbindungen zu schaffen. Oder auch Raum zu lassen für das Experiment oder unrealisierte Projekte. Die beiden Querstriche hinter THE SPACE // sollen dies auch symbolisieren, Raum zu lassen für Dialoge und Austausch und Raum zu geben für Ideen, Visionen, Studien und unrealisierte Projekte. Ich versuche immer jüngere mit etablierteren Positionen in einen Dialog zu stellen. Inhaltlich beschäftigen sich die Ausstellungen und das Begleitprogramm mit den Themen Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, Diversitäten, Identitäten, postkoloniale Aufarbeitung, Fragilität & Verhältnis von Natur & Mensch, Biodiversität und gesellschaftliche Strukturen. Ich mache viele Führungen für Schul- und Uniklassen, die jungen Freunde der Kunsthalle, Kunstvereine usw. und arbeite ein Begleitprogramm im Rahmen von Talks und Performances aus. THE SPACE // ist keine Galerie, hier werden keine Künstler und Künstlerinnen im klassischen Sinn vertreten, sondern es ist ein Ausstellungskonzept und es wird für jede Ausstellung ein Ausstellungsthema ausgearbeitet. Mit der Zeit ist das Projekt immer größer und größer geworden. Ich durfte vor der aktuellen Fläche eine Fläche am Ballindamm mit ca. 1.000 Quadratmeter bespielen. Nach einem Jahr wurde ein Hauptmieter gefunden und ich durfte anschließend zwei Flächen, eine mit 480 Quadratmetern und die andere mit 440 in der Kaiser-Wilhelm-Straße bespielen. Für die eine Fläche wurde Mitte dieses Jahres ein Hauptmieter gefunden, aber die zweite Halle darf ich weiterhin nutzen. Und solange kein Hauptmieter ist Sicht ist, kann der Vertrag verlängert werden.


Cyte: Toll.

Sarice: Ja. Es war gar nicht geplant, dass es so groß wird oder so lange geht und ist organisch gewachsen. Aufgrund dessen, dass ich viele Künstler*innen, Kuratoren und Kunstliebhaber in meinem Freundeskreis und Netzwerk habe, die dann ihrerseits andere Künstler*innen vorgeschlagen haben, wuchs es von ganz alleine.

Cyte: Wie ist das, ständig mit dem Risiko im Nacken, dass jederzeit ein Hauptmieter auftauchen kann? Das bietet nicht sonderlich viel Planungssicherheit.

Sarice: Es bietet sich immer irgendwie irgendwo eine Gelegenheit, diesen Ansatz zu verwirklichen oder einen anderen Ausstellungsort zu finden. Und ich weiß ja, dass dieses Risiko besteht. Das ist Planung genug. THE SPACE // ist eine Leidenschaft, keine Einkommensquelle. Für mich ist Kunst dazu da an Menschlichkeit zu erinnern und Dialoge zu führen. THE SPACE // soll ein Raum der Begegnungen sein. Ich bin selbst Künstlerin und habe das Glück, dass sich meine Arbeiten ganz ok im Moment verkaufen, wodurch ich mich finanzieren kann und so kann ich im Moment auch das Ausstellungskonzept ein wenig back-upen. Wo ich aber auch an meine Grenzen komme. Daher wäre es sinnvoll langfristig mit einer Stiftung oder Kulturförderung zusammen zu arbeiten. Die meisten der Arbeiten, die im THE SPACE // zu sehen sind können auch erworben werden. Jede Künstler*in hat Produktionskosten und private Kosten und daher freue ich mich über jede Arbeit, die einen Sammler*in findet. Es wurden auch schon Arbeiten an ein Museum verkauft. Mit den Künstler*innen ist die Vereinbarung, falls was verkauft wird, dass 15% an das Ausstellungskonzept gehen, so dass jeder auch etwas zu dem Konzept beitragen kann und die Nebenkostenpauschale, Transportkosten, Techniker usw. plus minus mit gedeckt werden können.

Cyte: Wirklich also Liebe zur Kunst, und dass man hier etwas umsetzt, einen Raum bietet.

Sarice: Ja, am liebsten kostendeckend! Es wäre natürlich besser, wenn man noch mehr Budget hätte. Dann könnte man noch weitere Ideen umsetzen, Publikationen machen, raumspezifische Arbeiten anfertigen oder ein Researchprogramm ausarbeiten. Oder man könnte dann auch alle freiwilligen Helfer und Supporter auch honorieren. Viele helfen ehrenamtlich mit und supporten. Hier werden auch keine Arbeiten gezeigt, die danach ausgesucht werden, was sich am besten verkaufen lässt, sondern Arbeiten, die zum Thema passen und es werden eher Showpieces gezeigt, d.h. großformatige Arbeiten oder auch raumspezifische Arbeiten, die generell schwierig zu verkaufen sind. Die Präsentation und die inhaltliche Auseinandersetzung sowie der Austausch stehen im Vordergrund, der Austausch und die Geschichten zu den einzelnen Arbeiten, die Thematik zu den einzelnen Arbeiten und wie diese Geschichten und Thematiken im Dialog stehen. Kuratieren kommt von dem lateinischen Wort „curare“, was so viel bedeutet wie „sorgen für“, „pflegen“, „sich kümmern um“. Jede künstlerische Arbeit und die Person hinter der Arbeit haben im übertragenden Sinne eine Stimme, etwas für das sie stehen, ein Thema, eine Aussage. Kuratieren bedeutet für mich auf diese Stimmen zu hören, versuchen zu verstehen, ernst zu nehmen und für sie einzustehen. Diese Positionen und Stimmen in einen Kontext und Dialog mit anderen zu bringen und im Rahmen einer Gruppenausstellung diesen Stimmen auch Gehör zu verschaffen.

Cyte: Aber du bist für alles, was hier gezeigt wird die Kuratorin und du entscheidest, was hier hängt und was nicht?

Sarice: Ja, aber ich tausche mich auch mit den teilnehmenden Künstler*innen oder mit meinem Inner Circle aus. Das ist ein schöner Dialog und ich bin immer offen für Vorschläge und Perspektiven und frage auch viel nach, aus dem heraus natürlich dann auch manchmal Ideen und neue Ansätze umgesetzt werden. Letztlich liegt die finale Entscheidung aber bei mir.

Cyte: Und wie geht es weiter?

Sarice: Die aktuelle Fläche kann weiter genutzt werden bis ein Hauptmieter gefunden wird. Ich bin dabei Stiftungen und Förderprogramme anzuschreiben, die das Ausstellungskonzept mit unterstützen, da es ohne eine Unterstützung und Förderung nicht finanziell tragbar ist. Je mehr Volumen das Ausstellungskonzept zur Verfügung hat, desto mehr Möglichkeiten habe ich, die Künstler*innen und deren Arbeiten weiterhin zu zeigen, Rahmenprogramme auszuarbeiten und raumspezifische Installationen umzusetzen.

Cyte: Du hast zwar nicht den Verkauf im Fokus aber dennoch, was verkauft sich am besten?

Sarice: Am meisten Freude machen die jüngeren Arbeiten, wenn die verkauft werden. Die sind noch nicht so teuer und die Künstler*innen stecken das Geld gleich meistens wieder in neue Produktionen. Wir haben auch größere Namen und Museumskünstler mit dabei, wie zum Beispiel Gregor Hildebrandt, der mit ausgestellt hat. Sein Ziel ist es nicht bei uns verkauft zu werden, er zeigt seine Arbeit, da er das Konzept und junge Kunst unterstützen möchte.

Cyte: Hat der nicht auch eine Professur in München?

Sarice: Ja, er ist Professor in München an der Kunstakademie, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist ein renommierter zeitgenössischer Künstler und setzt in seinen Arbeiten analoge Tonträger wie Kassettenbänder, Videobänder, Schallplatten und Kassettenhüllen ein. Seine Partnerin ist die Künstlerin Alicia Kwade, die auch Professorin an der HfbK Dresden ist. Im THE SPACE // wurden zwei ihrer Studenten gezeigt: Lukas Maksay, der unter anderem Betonarbeiten macht und Laura Theurich, die viel mit Glas, aber auch mit Bronze und anderen Materialien arbeitet.
Aus Gregor Hildebrandts Klasse wurde einmal eine Arbeit aus der Serie Nebelbilder von Lorenz Egle gezeigt sowie eine Arbeit von Franz Stein und Lara Koch.
Es bringt viel Freude zu sehen, wenn die dann irgendwann die Uni verlassen und ihren Weg erfolgreich gehen.

Cyte: Wie oft wechselst du die Ausstellungen?

Sarice: Drei- bis viermal im Jahr. Die Ausstellungen gehen auch etwas länger, ca. 2.5 – 3 Monate. Da hauptsächlich großformatige Arbeiten, Skulpturen und Installationen gezeigt werden, ist der Aufwand zu groß, die nur eine kurze Zeit hängen zu lassen. Und bis wirklich jeder da war, den man dort haben möchte und die ganzen Führungen organisiert hat, ist es gut einen längeren Zeitraum zu haben.

Cyte: Im Vergleich zu meinem ersten Besuch scheint jetzt viel mehr hier los zu sein. Euer Publikum hat sich vergrößert!?

Sarice: Ja, das stimmt. Der Verteiler vergrößert sich stetig durch die Besucher, die es wiederrum weitererzählen und natürlich durch die Künstler und Künstlerinnen, die ihre eigenen Netzwerke mitbringen und durch die Pressearbeit durch Freunde, die das Konzept supporten möchten.

Cyte: Nochmal die Frage zur Planbarkeit, wenn hier jetzt der Mietvertrag nicht verlängert würde, hast Du dann schon eine neue Fläche in Aussicht?

Sarice: So konkret nicht, aber es ergibt sich immer mal wieder etwas. Und wie schon gesagt, ich bin ja selber Künstlerin und wenn es so kommt, hätte ich mal wieder einige Monate am Stück mich nur auf meine Arbeiten zu konzentrieren. Was auch mal wieder ganz gut wäre.

Cyte: Was machst du für Arbeiten?

Sarice: Ich arbeite hauptsächlich abstrakt, aber habe auch eine klassische figurative Werkgruppe mit Ölarbeiten. Bei den abstrakten und informellen Arbeiten beschäftige ich mich im Moment mit der Materialität des Gewebes und dem Farbauftrag basierend auf Falttechniken mit Negativ- und Positivfalten, woraus ich Kompositionen entwickle. Es geht mir darum: „Making the invisible visible“ bzw. im übertragenden Sinne Strukturen sichtbar zu machen, etwas zu entfalten, das nicht offensichtliche sichtbar zu machen und wie man Empathie in eine Komposition übersetzen könnte und meiner Interpretation von Balance. Es gibt das Buch von Deleuze „Die Falte: Leibniz und der Barrock“ auf das ich mich unter anderem beziehe und inhaltlich beschäftige ich mit den Themen, die auch im THE SPACE // bearbeitet werden wie Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, sozialen Strukturen. Ich schreibe auch die Ausstellungstexte für die Ausstellungen im THE SPACE //. Abstraktion ist für mich auch eine Form des Widerstandes, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen, zu hinterfragen und andere Perspektiven einzunehmen.


Cyte: Ist es für dich und deine eigene Kunst hilfreich und förderlich, dass du durch diesen Raum ständig mit anderen Künstlern konfrontiert bist? Oder blockiert das auch?

Sarice: Auch ohne das Ausstellungskonzept würde ich mich tagtäglich mit Kunst auseinandersetzen. Ich besuche viele Ausstellungen und setze mich mit den Themen auseinander, die behandelt werden. Das einzige was nicht förderlich für meine eigene Arbeit ist, ist der Zeitfaktor, wenn irgendwelche organisatorischen Aufgaben anfallen, die Zeit von Studioarbeit wegnehmen. Das ist eigentlich das einzige Manko. Hätte ich mehr Budget, würde ich gerne jemanden anstellen, z.B. einen Student*in. Anstelle, dass sie/er in einer Bar arbeitet oder einen anderen Job machen muss, um das Studium zu finanzieren ist die Person hier und kann sich mit Kunst auseinandersetzen. Sowas wäre optimal. Denn bisher machen das hier alle ehrenamtlich, damit der Ausstellungsraum auch an möglichst vielen Tagen in der Woche geöffnet sein kann. Ich glaube, es gibt nichts frustrierenderes, als so eine Fläche bespielen zu können und dann Menschen vor verschlossenen Türen stehen lassen zu müssen, weil niemand da ist, der sie einlässt. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir diesen Raum bespielen dürfen und es einen Austausch gibt. Kulturelle Bildung und Kunstvermittlung kosten Geld, sei es in der Produktion von Kunstwerken oder dass sich Künstler*innen Gedanken machen und dies in Form von Kunst umsetzten, um so einen Dialog zu starten. Ich glaube, deswegen ist es gut und wichtig, dass es städtische Förderungen für Kunst und Kultur gibt. Bildende Künstler*innen werden ja oft gar nicht fürs Ausstellen bezahlt. Man nimmt frei zugängliche Ausstellungen manchmal für selbstverständlich. Wenn man Kunst in seinem Leben haben möchte, muss man umdenken und vielleicht öfter mal jüngere Arbeiten kaufen, um das Ganze zu unterstützen und nachhaltig Chancen zu ermöglichen.


Cyte: Findest du, dass Hamburg als Standort schwierig ist, um „teurere“ Kunst zu verkaufen?

Sarice: Das Geld ist da! Die, die ich kenne, kaufen aber häufig lieber in den großen Galerien und auf Messen im Ausland. Es scheint spannender zu sein eine große Arbeit in einer Galerie in Paris zu erwerben, als im eigenen Wohnort und man kann das Kauferlebnis mit einem schönen Trip und Museumsbesuchen verbinden. Nach London, Paris, Basel, New York oder so fliegen, das ist ein anderes Erlebnis für diese Käufer, Kunst einzukaufen.

Cyte: Wie würdest Du die Hamburger Kunstszene im Vergleich zu Berlin oder München einordnen? Ich hadere manchmal mit den Möglichkeiten und dem mangelnden Mut dieser Stadt in Bezug auf die Kunst. Wie siehst Du das?

Sarice: Ich finde, Hamburg hat sehr gute Künstler*innen, spannende Sammlungen, man kann hier eine sehr gute Ausbildung genießen und auch die Institutionen machen einen sehr guten Job. Wir haben in Hamburg jetzt auch eine neue Stadtkuratorin, Joanna Warsza. Sie und ihr Team sind sehr engagiert und haben ein sehr gutes Programm ausgearbeitet. Was ich an Hamburg auch sehr schätze ich die Kollegialität und dass man sich gegenseitig supportet. Auch die OFF-Art Szene, das sind freie Kunstorte in Hamburg, ist sehr stark. Ich finde eher die Außendarstellung schwierig und bedauernswert, da Hamburg in erster Linie als Musicalstadt dargestellt wird und weniger als Kunststadt. Hamburg kann Kunst und ist anders als Berlin und München. Die Sammlung Falckenberg in den Phoenixhallen in Hamburg Harburg ist einzigartig und gehört zu den bedeutensten Sammlungen der Welt. Dann gibt es das Woods Arts Institute, wo die Kunstsammlung Reinking zu sehen ist. Es ist ein riesiger Park mit Skulpturen und in der Mitte steht ein altes restauriertes Schulgebäude sowie mehrere Reetdachhäuser, wo die Kunst bewundert werden kann.

Cyte: Vielleicht liegt das auch daran, dass die öffentlichen Museen, also Deichtorhallen und Kunsthalle, selten Ausstellungen zeigen, die wirklich in Erinnerung bleiben. Und wenn dann wirklich mal etwas Spektakuläres wie die William Kentridge Ausstellung gezeigt wird, wurde sie ursprünglich für ein anderes Museum konzipiert und nur in Hamburg weitergeführt.
Ich habe häufig das Gefühl, dass Hamburg immer nur den Rest, den keiner haben will, zeigt.

Sarice: Hast Du die Ausstellung „Dix und die Gegenwart“, die Dr. Ina Jessen kuratiert hat, gesehen? Die mochte ich sehr!

Cyte: Ja, aber es ist irgendwie nie so, dass man Herzklopfen bekommt oder wirklich ergriffen ist. Häufig sind es zu viele Arbeiten, zu wenig Luft zwischen den Bildern und Skulpturen, man kommt selbst kaum zum Atmen und damit hat man keine Ruhe, die Werke wirklich zu betrachten und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Das ist wie eine Volkshochschulkurs für moderne Kunst, aber es fehlt die Leidenschaft und auch die Begeisterung für irgendwas.

Sarice: Mir hat die „Dix und die Gegenwart“ Ausstellung sehr gut gefallen. Die Ausstellung basiert auf ihrer langjährigen Forschung und sie schaut genauer auf ein bislang nicht beachtetes Kapitel, nämlich Dix’ Werk während der NS-Zeit (1922-1945), das häufig als unpolitisch und konform galt. Die Landschaftsbilder mit altmeisterlicher Pinselführung mit subtiler Kritik im Gewand der Anpassung hatte ich vorher noch gar nicht gesehen. Und den Gegenwartsbezug fand ich auch sehr interessant, bei dem 50 zeitgenössische Positionen gezeigt wurden mit Bezug auf Dix’ Themen, ikonografische Strategien und technische Ansätze. Aber das ist auch das Schöne an Kunst und dass Meinungen und Auffassungen verschieden sind, sonst wäre es ja langweilig. Der Moment, in dem man einfach gefesselt ist, stellt sich bei manchen ein und bei manchen nicht.

Cyte: Genau, wie zum Beispiel die Anne Imhof Ausstellung im Palais de Tokyo. Ich kannte damals eigentlich gar nichts von Anne Imhof, und ich bin da reingekommen und erst habe ich das alles nicht verstanden. Aber je weiter ich in diesen Raum vorgedrungen bin, desto mehr hat mich das weggeknallt.
Ich bin fast ohnmächtig geworden, weil ich das so toll fand und gedacht habe, ja, so muss Kunst 2021 aussehen. Auch wenn ich rückblickend gar nicht so richtig den Finger drauflegen konnte, was ich da eigentlich gesehen habe oder wie ich das einem beschreiben sollte, der nicht da war: ist es Malerei, ist es Installation, ist es dies, ist es das? Performance war dann auch noch, und es war aber alles zusammen so überwältigend. Den Anspruch muss man jetzt nicht permanent haben, aber zumindest hier und da sollte das aufblitzen. Und in Hamburg, habe ich das Gefühl, wird einfach nur abgearbeitet. Es fehlt an Lust, an Leidenschaft.

Sarice: Ich habe schon das Gefühl, dass es an Lust, Leidenschaft und Können in Hamburg nicht mangelt. Auch was die ganze Off-Szene in Hamburg leistet finde ich bemerkenswert. Sie es der Lycra Raum, Oel-Früh, das Westwerk, Frise, der 8. Salon, die Gruppe Motto im Gängeviertel, der Sender oder das Studio Peragine in der Hafencity. Oder auch der Kunstverein Gastgarten. Die machen ein tolles Programm. Ich glaube man kann gespannt sein, was in der Kunstszene in Hamburg in Zukunft bewegt wird.

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ART

Bram Demunter

Bram Demunter – Collector and thief of thoughts, books, pictures, times and creatures

Subtitle: Bram Demunter is a Belgian artist, who changes the art world with his figurative works. Although it violates all the rules of contemporary art, it is all the more important and surprising. He creates his own world full of fantasy and poetry. Historical references are presented in a contemporary guise. Welcome to the magical world of a collector and thief of thoughts, books, pictures, times and creatures.
Bram has his upcoming solo exhibition from 8.2.2025 until 26.4.2025 in Tim Van Laere Gallery in Rome.

Cyte: Tell me a little bit about your work. I’ve been following your work for a couple of years now. And finally we have the time talking about your work. To me, there’s so much going on. Can you tell me a little bit about the background of the pictures and what are you intending to say?
Bram: I just finished all the works for the show. I started painting them last year at the same time as I was reading Don Quixote, which became in a way the starting point for these works. Don Quixote was reading adventure stories until he could not see the difference anymore between the real world and the one in his books. That’s the secret to a good adventure. The same archetypes and figures keep resurfacing in my head. They are my companions.
Cyte: So it’s about you in a way?
Bram: There are always elements of yourself if you paint or draw. The starting point was the book. But in the further year, other classical books and mostly epic poems started enter the work. The Ramayana, Paradise Lost, The song of Roland and Beowulf, classical stories and poems who connect and communicate with each other even though they were written in a very different context. The same goes for painting, a work from Simon Marmion and a 2000 year old mosaics or cave paintings in Indonesia. can talk to each other. I just constantly look in books, go to museums and and steal everything I like. I put it in one big story. Everything always deals with love, death, sorrow, happiness and nature. That’s all you need to build a world.
Cyte: But is everything related to each other? Or is it more random that you pick lots of things you see in that phase, in that time you paint the pictures and they come together in that work? Or are they related to each other?
Bram: In the end, everything becomes one epic poem in my head. I work for a long period on a work. Each day I have different moods and interests which I think you can see in the work. Two stories on the painting become one when you connect them. They are living and changing constantly while I’m working on them. I continuously keep overpainting them. When two paintings are standing next to each other I can even start to see similarities and continue to work on them like it’s one work.
Cyte: Some of the paintings remind a little bit of a contemporary version of Hieronymus Bosch, in a way. And there seems to be lots of little details and symbols. Is that the case? Are there hidden symbols in your pictures? Or is that something I just gathered from the idea of seeing some similarities of Hieronymus Bosch?
Bram: Bosch was living in a time where people could read those paintings in a different way. When I paint a snake I think about National Geographic documentaries, horror movies, Paradise Lost or just a funny snake. They all have different connotations and the viewer can easily see which meaning I used. There’s lions, there’s snakes, there’s people, there’s skulls, and there’s trees. And for me, it’s very obvious that they are there because they are part of our collective memory.
Cyte: Okay, I understand. It’s not like an intended message. But for me as a viewer, I mean, it’s overwhelming. It’s so much going on. And of course, at one point I asked myself, okay, are there hidden symbols and things? But as you said, it’s more like a flow of fantasies and ideas, which are coming in your head together while you’re reading and looking at things. And it’s all a process which comes out in one painting. Do I understand that right?
Bram: Yes, and it’s also like a synthesis of everything I’m occupied with. When I was a kid, I made encyclopedia, I searched for drawings and pictures of apes, boats or clouds which I then cut out and glued the isolated subjects together with a title: “book of clouds” or „book of apes”. I think that was already a kind of world building. It’s a bit like a biologist who has to describe the world. I have the feeling I’m still doing the same with the paintings that I have collected, every morning I still cut out all the pictures I like to paint from the newspaper and then I just throw them around in my studio.
Cyte: That’s wonderful! I need to understand, because obviously it’s not something which explains it by itself. You know, it’s something you look at and it’s, as I said, it’s overwhelming and it’s actually great because it’s such a wonderful world you’re tearing people into. And therefore it’s good to get to know a little bit about your thoughts and where all these ideas and things come from. At the same time when I was looking at your work, it’s, I mean, it is very different from all the, let’s say, from lots of other contemporary artists. Because the pictures are so full and creating such a wonderful world. Your work doesn’t show a big ego, like lots of other artists seem to have, or at least a few of them. It almost feels like I would needed to be protected from that world outside, all these creatures and all these stories and all these fantasies and ideas which are coming out. How do you see yourself? How do you feel about the art world?
Bram: All I want to do is sit in my studio and just steal with my eyes. I pretend to be Don Quixote or Beowulf, and I live in my own little world. There are a few painters that reside constantly in the back of my head; like Monet, Bruegel, and Ensor. Everything has already been done and when I paint I enjoy looking at the masters even more.
Cyte: So Rome could be also a good inspiration as a place for future paintings!
Bram: I was very impressed when I saw the Roman mosaics last year. And of how big and powerful they are. Some of these mosaics I also just interpreted in my work. They’re also there.
Cyte: So how many pictures are you going to show in Rome?
Bram: About 10 paintings and some drawings.
Cyte: Like studies of the paintings or…?
Bram: They are works on their own. They have a similar feeling, but I think faster when I draw. I often destroy them when I feel I’m making too many decisions at the same time. There’s no hierarchy in the works; paintings can influence drawings or the other way around.
Cyte: Do you find it good to work for a show as a goal or is that something which puts you under pressure?
Bram: No, because I had a lot of time. I think I worked a full year on those ten paintings. Every time I’m working on a show I feel as if I’m directing a movie or writing a book with the same characters, like a multiverse. For the show in Antwerpen I wrote a little encyclopedia about all the interesting mountains, trees and rocks I found in literature, mythology or in real life. This show is about figures like Mad Meg from Bruegel, Don Quixote from Cervantes, Ganelon from the song of Roland and Beowulf.
Cyte: Somehow your alter ego, in a way.
Bram: Yeah, for this show, at least!
Cyte: Has it changed a lot for you to be represented through a gallery?
Bram: I can work all day and have a good rhythm, it’s good to have structure. I’m not working in the middle of the night anymore. I have my daily routine. The people from the gallery are very encouraging. And it’s nice to have somebody to fight against or to give some feedback. And there’s a good connection between the artists. I think a lot of the artists from the gallery have similar interests.
Cyte: Maybe it’s silly to ask, but how is somebody who collects your pictures? What kind of person is this? Who’s the person who’s interested in your pictures?
Bram: I can only say how I look at the paintings. There’s only so much you can say about someone’s biography or about someone’s thought process. Sometimes it’s just about some yellow paint in the corner that can make me very enthusiastic. And sometimes you just paint a dog, and then you paint the tree, and then suddenly there’s a painting.
Cyte: No, no, no but it’s obviously, as you said, for yourself, what interests you in something might be just a little detail which triggers you. So it’s the same for people who look at your paintings and they see something in it which triggers them. I was thinking maybe you have to be a kind of dreamer to love the pictures you do because it seems to be like a dream in a way.
Bram: You have to dive in them a little bit.
Cyte: Thank you Bram to make us dive into your work.

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ART

Confessions

„Confessions – Electra Simon“

Words: David Gösta Dawson
Photographer: Ella Gradwell (artist portrait)
David Gösta Dawson (film stills)
Electra Simon (b.1994) is a London-based artist. Confessions is a series of work that Electra
has been creating in London and recently took to Beirut. Inspired by the structure of the
Confession Box it is an exploration of the boundaries of sacred, private and public spaces
and a reflection of the self in relation to the artist.

How did you come up with this idea for the Confessions?

Initially the idea was actually quite different. It started when I was reading a science fiction
book that discussed the ethics of a mind-reading robot. And at the same time, I was thinking
about confession, the process of confession (I was in Mexico, so I was seeing a lot of
confession boxes) and, specifically, how the idea in Catholic confession is not just that you
confess when you’ve done something bad or that you feel guilty about, but it’s also when
you’ve had guilty thoughts, sinful thoughts… so I thought, what about combining this idea of
the mind-reading robot and the confession of sinful thoughts and the initial idea was to have
an installation (the ‘Confession Bot’?) which people could go into and would be told ‘you just
need to think the thoughts that you’ve been feeling bad about – not actually say them – but
you just think them, and the bot is gonna absorb those thoughts. It’s not gonna do anything
with them, but it’s gonna store them.’ So the idea was kind of playing into AI and ownership
of our thoughts. I’ve always been interested in what happens when you give up ownership of
your thoughts, and how does that unburden you, or does it burden the other person? Does it
make us closer? Anyway, for this installation I would need the technology to make it and the
right location. So I thought, let’s simplify it, forget about the bot (for now), I’ll do it in my
studio. So I started inviting people into my studio, and having them confess.

What does the set up look like?

In my studio in London I set up a divider in the middle of the room. Here in Beirut it’s the
same division but with a white lace curtain, one side it’s my working studio, on the other
is the clean space for confession. I found the structure of the confession box itself really
interesting, the way it creates intimacy and connection but also privacy. But in the case of
the church there is also a hierarchy. So I wanted to re-interpret this structure in a secular setting, without the weight of religious judgement, but with the potential for artistic creation. I wanted people to be free to say whatever they felt and at the same time for myself to be free to translate what I heard using an element of artistic license.

And what do people confess?
Haha, well I can’t tell you specifics. And to be honest not that many people come with an
actual confession in mind, although sometimes they do, normally people are more curious
about the concept. So when they come, I give them a piece of paper so they can write / draw
throughout if they want. I’ve found it is quite useful for people to have something they
unconsciously do while they talk and sometimes they draw an image, word or symbol that
ends up being in the final piece. I ask a few questions that kick off the process and at some
point a confession, or at least an exploration of what confession + guilt means to them,
comes through. Sometimes it’s a feeling that the person wasn’t previously aware they were
holding onto, so in this sense the process is quite cathartic for those who come.
Do you find that people really do feel free to say whatever?

People will often say they’re not religious and nor do they believe in objective moral facts,
but then as we dig a bit deeper, it’s clear that most people have internalized at least some
shame or guilt. And I am not saying that guilt or shame is necessarily a bad thing, some of
my most interesting confessions have been an exploration around why it can also serve a
purpose, but I have noticed how people will think of themselves as ‘open books’ or people
with nothing to hide, but in reality there’s a lot of lying we do to ourselves.
The thing with the structure of the confession box – or booth in this case – is that both myself
and the person confessing do not have eye contact. In this installation I used a white sheet
with a lace diamond in the center that replicates the lattice in a typical confession box. The
lattice means you may catch small glimpses of the person, their silhouette for example. But
without the full frontal eye contact it is easier for people to talk and talk. They’re also not
confronted with eyes that they might perceive as judgmental. It’s like how people always
say the best time to have difficult conversations is in a car drive! Also the lack of eye contact
means that we’re not anticipating the other’s response and waiting to jump in. It’s a much
more ‘active’ sort of listening, you know?
So yes, in this structure people can talk and talk, sometimes the confessions last around two
hours. And during this process some of the confessors might reveal things that they were
previously unconscious of.

Then what happens after the Confession?

After the confession I always look at anything I drew and wrote down throughout the session
and also at the person’s paper, was there anything there that links up? I try to create a composition immediately. In London I was making each confession a painting itself, but in
Beirut, I decided to make each confession a character or symbol that represents a story, but
with integrated within a larger story. I started to create these different characters and then
map them out and see how they would relate to each other in like a certain structure. So
there’s interpersonal relationships playing out along with their individual stories. At this point
(to quote John Berger on his process of writing) I am drawing in the spirit of a geometrician, establishing coordinates by likening aspect with aspect using symbols and images. I actually prefer this way of working because I really do believe that we’re all one and that the more you can see the connections, the easier it is to embody that oneness. When the painting is made I always write to whomever it is before sharing (as anonymous) anywhere. I tell them what I was thinking when I made the confession, but I also love to hear their own interpretation.

What’s your process like when you paint?

I have the most fun when I am experimenting and not restricting myself with the technique.
In Beirut I bought a water gun and used it to create new textures on the canvas. Also, I am
self-taught so I guess I don’t have that learnt technique. With confessions I want to tell
certain stories, so I start to map out the piece a little bit and then I get frustrated, smudge up
the paint and erase it. Then later on I go back to that part and dig out the forms again like an
archaeologist re constructing the layers.

Why did you want to do the Confessions in Beirut?

I had been working on Confessions in London for almost a year and wanted to try the
process in another context. Beirut was an obvious choice for me. Firstly because Lebanon –
one of the most religiously diverse countries – is literally a confessional state which means
that it’s political constitution are relative to respective religious populations. So I wanted to
see how people of different religious backgrounds would respond to the idea of confession.
Secondly the country has been through unbelievable amounts of trauma in the recent and
more distant past. It’s currently in another very tense time with Israel threatening, yet again,
to bomb the country into the stone age. Yet despite that, the Lebanese diaspora keep
coming home and maintaining joy, it’s a form of resistance. So that leads me to my final
reason, my heritage is Lebanese, my father is Lebanese but grew up in Australia and it’s a
culture that I am so drawn to. There is a Lebanese spirit that is really unlike anything else in
the world and it wasn’t a surprise that people were very into this idea.

How have you found doing the Confessions in Beirut as opposed to London?

A lot of the general themes are universal: relationships with family, the past, grappling with
one’s identity etc. I get a lot of people who seem to be in transitional or limbo states which I
guess is to be expected. But doing this in the context of Beirut has one clear difference:
people here bought up Beirut, or Lebanon at least, normally within the first five minutes
of their confession. In London it’s not like that. In fact I think Lebanon is very unique in that
the country has such a hold on people, it’s inextricable from their lives, for better or for
worse. For some people – normally those with dual nationality – or who can live abroad, they
sort of romanticize the place and feel like it has this special connection, special energy,
which is true, and it’s definitely what I feel, but you also get a lot of people who have a
kind of very different view of the country; people who can’t leave because of financial
reasons, maybe like their parents lost all their money in the crash and they have to look after
them, or they don’t have dual nationality or are Syrian or Palestinian, and that makes it a lot
like more difficult here. And even if you were to feel neither extreme, you still can’t escape
the sound of the generator going off, a daily reminder of where you are.

Is that something you explored in the painting?

Yes exactly. I wanted to kind of highlight this existential tension that tugs at the heart of
Lebanon: the magnetic pull and the crushing claustrophobia. And the stories of people’s
lives in limbo in between.

Finally, what’s next for the project?

Well I’d really love to re-interpret the set up I had in Beirut in other places around the world
and see how people respond to it. Maybe in Germany one day! I am still working on
Confessions here in London and I don’t see myself stopping any time soon. I love this
collaborative way of working with people, it’s an endless well of inspiration
See more on @electrasimon or www.electrasimon.com

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ART

Anouk Lamm Anouk

Anouk Lamm Anouk
Text: Henrike Heick
Photographer: Stephan Ziehen

Wien, Juni 2024, 34 Grad Celsius, Sommer-Gewitterwarnung

Endlich Sommer
Endlich Wien
Wir sind zu Besuch bei Anouk Lamm Anouk und ihrer Ehefrau und Studiomanagerin Marleen Anouk-Roubik. Wunderschöner Wiener Altbau, oberste Etage – die Klimaanlage
summt leise. Es wird schnell recht frisch, so dass man den Sommer bald wieder Sommer sein lässt. Langsamer Jazz, leise im Hintergrund.
Wir begegnen einem Paar, das sich innigst ergänzt, sich bereichert, in sich ruht, sich harmonisch belebt.
Vereinbart sind Interview und Photo-Shoot, Freitag 9:00. Es ist ein intensiver Tag daraus geworden mit zwei fantastischen Menschen, einem Hund, einer Katze und Pferden aus Luft sowie unzähligen ungrundierten Leinwänden auf Alurahmen und Gesprächen über Diversity, Werte, professionelles Arbeiten, Autismus.
Beide Personen sind beneidenswert zielstrebig, klar in ihren Vorstellungen und Meinungen, dabei wahnsinnig nahbar und liebenswert – vor allem auch im Miteinander. Man meint eine tiefe, lange Verbundenheit zwischen diesen beiden Wesen zu spüren. Neben der beruflichen Einigkeit sind sie durch ihre Werte verbunden. Aufrichtigkeit, Loyalität, Authentizität sowie Professionalität kommen zur Sprache. Es mangelt an Rückgrat und Zivilcourage in unserer Gesellschaft. Geprägt werden diese Werte durch die eigene Erfahrung als Mitglieder verschiedener sogenannter Randgruppen: non-binär, weiblich, homosexuell, vegetarisch/vegan, autistisch – alles vermeintlich wider die Natur des materiellen Erfolgs. Keine Kultur, kein Land ist in der Lage auch nur eines dieser Adjektive belegbar als integrativen Teil zu deklarieren. Man kann sich vorstellen, was es an Anstrengung bedeutet, wie viel Selbstdisziplin es kostet, diesen Kampf allein innerhalb einer Branche, die von Außenstehenden zwar als „offen“ betrachtet wird, es in der Realität aber mitnichten ist, täglich und international auszufechten.

„In meiner Kindheit und Jugend gab es kaum lesbische Personen im öffentlichen Leben, keine Vorbilder, keine Welt von der man später, wenn man erwachsen ist Teil werden konnte. Darum ist es mir ein besonderes Anliegen für lesbische Sichtbarkeit zu sorgen, sowohl in der Kunst als auch als Person.“

Homophobie ist auch in der Kunstwelt weiterhin weit verbreitet. Ein offener Umgang ist daher umso wichtiger. Für viele Künstler:innen und so auch für Anouk, die dem Thema eine starke Präsenz in ihrem Schaffen geben, ist das sicherlich nicht immer von Vorteil. Einige von ihnen wären vermutlich erfolgreicher, würden sie weniger offen, weniger ausdrücklich für ihre Überzeugungen einstehen. Denn in der Regel kaufen und sammeln Menschen Kunst, in der sie ihr Selbst wiedererkennen. Bis heute sind die größten Sammler männlich, heterosexuell, weiß. Weibliche Homosexualität steht hier noch weiter zurück als männliche.

Es kann nie genug sein, marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit zu verschaffen, weil sie eben nicht selbstverständlich und chronisch unterrepräsentiert sind. Solange sie als Randgruppen, marginalisierte Gruppen, Nischen-Communities benannt werden ist die Welt nicht fertig.
Ein Weg, einen Beitrag zur Sichtbarkeit zu leisten, die Menschheit nach vorne zu bringen, ist, Kunst in diesem Sinne zu schaffen und dafür zu sorgen, dass sie mit all ihrem Geist gesehen wird. Anouk Lamm Anouk schafft Kunst in genau diesem Sinne und sorgt dafür, dass sie – und damit ihre Person und ihre Überzeugungen – Sichtbarkeit erfahren.

Anouks erste Arbeiten sind Zeichnungen. Bleistift auf naturweißem Zeichenpapier. Noch heute findet man nur selten eine Farbe wie rot oder grün in ihrem Werk, vereinzelt ab 2022. Aus diesem Ursprung begründet sich der in der Kunsthistorie rare Ansatz auf der unbehandelten Leinwand zu arbeiten. Sie betrachtet die Leinwand wie Papier. Die Berührung zwischen Leinen und Farbe – ohne eine Mauer aus Grundierung – bewirkt ganz andere visuelle Effekte, es entsteht eine intensive Intimität – wie Haut auf Haut.
Anouks Arbeit ruht in sich. Ist zwangsläufig, wirkt frei und intuitiv. Es ist, als würde eine lange Schlange an Bildern in ihr stecken, die nach und nach bedeutsam, aber leichtfüßig aus ihr herauspurzeln.
„Meine Kunst entsteht über einen intuitiven Prozess“.
Bei Anouk findet sich kein Zeitgeist, kein Trend. Ihre Kunst kommt aus ihr heraus ohne sichtbare, auszumachende äußere Einflüsse oder Trendströmungen. Es gibt keine Skizzen, sie malt direkt auf die Leinwand. Es gibt kein „Vermalen“, keinen Prozess der „Korrektur“, denn sonst wäre die Leinwand zerstört, sie kann nicht übermalt werden, denn es gibt keine Grundierung, sondern viel rohen Malgrund – Leinen.
Keine Farbe? Nur sehr dezent, denn einer der Grundsätze heißt „zur Ruhe kommen“. Farbe ist laut und zu viele, zu schreiende Farben lösen das Gegenteil, lösen Unruhe aus. Man muss auf sich achten, gut mit sich umgehen, denn man will und muss ja arbeiten. Das erfordert einen gesunden Umgang mit sich selbst, ohne, dass man stetig seine eigenen Grenzen überschreitet. Und das erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Professionalität. Während andere junge Künstler:innen Entspannung durch Dolcefarniente erlangen, sich gegebenenfalls wundern bis ärgern, dass sie nicht vorankommen, arbeitet Anouk Lamm Anouk stetig an ihrem Oeuvre, investiert ihre Zeit und ihre finanziellen Mittel in die Kunst. Sie ist wahnsinnig fleißig, einhergehend mit ihrer ihr eigenen Zielstrebigkeit, produziert sie Kunst – Kunst, die berührt, das Innerste berührt. Für mich im eigentlichen Sinne, unbeschreiblich berührt.
Anouks Zielstrebigkeit und ihr stetes Voranschreiten begründet sie selbst mit ihrem Autismus:

„Mein Autismus führt dazu, dass ich unbeirrt bei mir sein kann und wenig auf die Meinung der Mehrheitsgesellschaft gebe. Ich konnte schon immer sehr fokussiert sein und habe in meiner Jugend an meinem Oeuvre gearbeitet während andere sich mit ihrer Peergroup beschäftigt haben. Das Phänomen meiner Jugend war, meine künstlerische Handschrift zu entwickeln, das Fundament für alles weitere, das kam.“

Sie merkte früh, dass die Menschen um sie herum anders sind als sie. Nicht ihre Eltern haben sie an die Diagnose Autismus herangeführt. Sie hat sich selbst, erst als Teenager, an den Dachverband Österreichische Autismushilfe gewandt und die Bestätigung erhalten, dass es einen Grund dafür gibt, weshalb es ihr beispielsweise schon immer leichter fiel mit Tieren zu kommunizieren als mit Menschen. Denn wie sie, re-agieren Tiere intuitiv und authentisch. Sie sind in jeder Situation ehrlich. Sie stellen – anders als Menschen – keinen Denkprozess zwischen Fühlen und Agieren.
Man spürt Anouks „Andersartigkeit“ – auch wenn sich das an diesem einen Tag nicht durch extreme Schüchternheit oder auffallendes In-Sich-Gekehrtsein bemerkbar macht. Sie hat etwas Schwebendes, Sphärenhaftes. Ihre Aura haftet sich an. An das Gegenüber, an ihre Kunst, an jedes Luftmolekül. Das macht das Zusammensein mit Anouk Lamm Anouk – vertretungsweise mit ihrer Kunst – zu einem intensiven, bleibenden, fast physischen Erleben.

Zu Anouk gehört Marleen. Zu Marleen gehört Anouk. Egal, wie man es dreht. Wenn auch bei Marleen etwas Wesenhaftes wahrzunehmen ist, so spürt man hier die stärkere Erdung. Marleen strahlt eine behagliche Sicherheit und Verlässlichkeit aus, mit einer Klarheit und unzweifelhafter Loyalität, die einem bei Paaren begegnet, die offensichtlich und zweifellos füreinander bestimmt sind – ob temporär oder ihr Leben lang. Seelenmonogamie. Die Juristin war bis vor einem Jahr noch in der Österreichischen Politik, im Kabinett von Leonore Gewessler (derzeitige Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie). Viele Reisen, viele Veranstaltungen. Ein erfüllender, ein Vollzeitjob. Parallel managte sie Anouks Atelier, die Arbeit mit den Galerien, den Ausstellungen, den Museen, den Medien, organisierte die Reisen. Dieser „Nebenjob“ nahm immer mehr Zeit in Anspruch und der Wunsch und letztlich die schlichte Notwendigkeit, sich diesem Job mit vollem Einsatz, zu 100% zu widmen, gewann. Jemand anderes dafür einzustellen, kam nicht in Frage. Die Einheit der beiden lässt es nicht zu, einer externen Person, die Nähe, Intimität dieser Aufgaben zu überlassen. Marleen verabschiedete sich erstmal aus der Politik, sich aufzuspalten war nicht möglich. Seither bestreiten diese zwei Menschen ein Arbeitspensum, das andere als überbordend, zu nah an einem Burn-Out-Syndrom beschreiben würden. Diese beiden wirken dabei erfüllt, glücklich, in-sich-ruhend, ausgeglichen. Sie folgen ihrer Leidenschaft, ihrer Berufung.
Ihnen zu begegnen ist ein Erlebnis, das Mut macht, Gedankenspiele öffnet und bereichert. Ich bin froh, dass wir zehn Stunden Zug gefahren sind, um Marleen und Anouk selbst zu besuchen. Wir sind neun Stunden durch das Atelier gerauscht, mal sitzend, mal stehend, fast liegend, essend, trinkend, staunend, höchst amüsiert, beseelt. Es ist etwas Besonderes so herzlich aufgenommen zu werden. Ich kann nicht sagen, dass ich nach diesem Tag nicht erschöpft gewesen wäre, aber es war ein schönes Erschöpftsein. Tiere tun gut daran, sich anderen Wesen unvoreingenommen und neugierig, ohne einen Gedanken zu nähern, es endet meistens gut, man lernt das Gegenüber wertzuschätzen und zu respektieren – man erfährt Wertschätzung und Respekt. Es ist Natur. Es ist Magie. Anouks Werke übertragen diese Magie.

Das Sommer-Gewitter brach in der Nacht über Wien ein, Blitz und Donner. Die Natur übernimmt.

Aktuelle + kommende Ausstellungen:
September 2024: 
Bei „The Armory Show“ in New York werden Werke aus den Serien post/pre und Lesbian Jazz mit der Galerie Pablo’s Birthday zu sehen sein.
Eine Soloausstellung in Venedig „From Humans, Horses & Hounds“ bei Patricia Low Contemporary, eröffnet am 14. September, ein Artist Talk mit Anouk Lamm Anouk und Gemma Rolls-Bentley (Autorin von “Queer Art”) findet am 17. September statt. Die Ausstellung behandelt die historische Verknüpfung von Lesbianism und animal rights.

2025:
Ausstellungen in Europa, Asien und den USA sind geplant.

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John Otis

„John Otis-Works on canvas and in between“

Words+Artwork: John Otis

Portrait: Stephan Ziehen

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ART

Laura Killer

LAURA KILLER – FEUER

Photograph: Ilvie Schlotfeldt

Text: Stephan Ziehen

 

Laura Killer – der Name ist fast schon zu gut um wahr zu sein – ist eine Künstlerin,
die sich auf vielfältige Weise mit dem Thema Feuer, Vergänglichkeit, Wiederholung und Sprache auseinandersetzt. Die Vielschichtigkeit ihrer Arbeiten, die auch von den verschiedenen Prozessen lebt, die sie durchlaufen, löst unwillkürlich Gedankenketten aus. Die Veränderung der Arbeiten ist ein Grundprinzip, nichts bleibt wie es ist, alles ist im Wandel, aber alles ist gleich. Gleich gut, gleich schön, gleich wichtig. Die Ordnung der Streichhölzer, die Kraft des Feuers und das Chaos des Rußes, des Verbrannten. Alles ein fließender Prozess, der sich gegenseitig braucht und trotzdem in seiner Ästhetik auch alleinstehen kann. Wir zeigen diese Prozesse und die verschiedenen Arbeiten.

Wo studierst Du Kunst und wer ist Dein Professor?

Ich studiere Freie Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Gregor Hildebrandt.

Warum ist Sprache wichtig für Dich?

Alles ist Sprache, wir kommen einfach nicht daran vorbei. Sprache ist Bewegung und wir wollen uns bewegen; wir denken, sehen, verstehen, wir verbinden und berühren uns über Sprache.

Es ist möglich in der Sprache etwas zwischen den Dingen zu finden, die wir bereits kennen. Das fordert ein, dass man sich der Sprache aussetzt und sich auf sie einlässt, was nicht immer einfach ist. Das Schöne ist, man kann gemeinsam etwas im Sprechen herausfinden – oder erfinden. Nicht zuletzt bringt Sprache auch Klang, das kann beruhigend und verführend sein.

Worin liegt der Reiz von Wiederholung?

Die Bewegung der Wiederholung lässt den Kopf stolpern, das gefällt mir. Eine Wiederholung löst sich ja von zwei Seiten auf, es gibt keinen Anfang und kein Ende. Auch gibt es die Wiederholung an sich ja nicht, ihre Reihung steht sich selbst im Weg. Nichts kann wiederholt werden, da der Ausgangspunkt in der Bewegung der Wiederholung nie derselbe bleibt – sprich, es funktioniert also einfach nicht so gut, gewöhnlich über die Wiederholung nachzudenken. Sie ist gewissermaßen ein Raum aus dem man nicht mehr raus, nur immer weiter reingehen kann.


Aufgrund dieser Eigenschaft machen Wiederholungen es mir möglich, Dinge auf eine andere, sehr stille Art zu verstehen. Die Wiederholung ist die Betonung des Neuen – und der Bewegung eines Körpers, der danach sucht. Wer sich in die Wiederholung begibt, folgt einer beharrlichen Neugierde, Ausdauer und einer Art bescheidenem Mut. Ich denke, das ist ein guter Ausgangspunkt zum Arbeiten.

Wie hast Du Streichhölzer, Feuer und Ruß für Dich entdeckt?

Die Auseinandersetzung ging vom Objekt des Streichholzes aus. Es ist ja ein auffällig spannungsreiches Objekt, es löst Erwartung und Handlungsdrang in uns aus, es verspricht uns auch einiges. Das sind jedoch bereits Gedanken, die erst später kommen. Am Anfang ist es ja oft so: es gibt eine Vermutung nach mehr. Das ist alles was man hat und dieser Vermutung folgt man am besten.
Wir kennen Streichhölzer portioniert, in Schachteln von meist ungefähr 40 Stück. Das einzelne Hölzchen begegnet uns nur in seiner Verwendung. Ich erinnere mich, dass ich die Objekte reihen wollte, gewissermaßen präsentieren und in einen anderen Kontext setzen. Erst als die ersten Arbeiten dieser Art fertig waren (Das wird) kam mir der Gedanke zur Entzündung (Das war). So kam das Feuer ins Spiel, die verschiedenen Schritte vom Moment der Entzündung, das grelle Licht, die lauten Flammen, der schwarze Ruß, die Bewegungen, die Abgabe der Kontrolle, die Stille nach dem Feuer.

Es hat sich sozusagen ein kleiner Kosmos aufgeklappt. Alles daran ist wichtig, alles zeigt auf alles.

Ist Kunst Freiheit für Dich?

Mitunter. Sie ist eine Möglichkeit unter anderen, Freiheit auszudrücken und zu verarbeiten. Ich bin auch frei, wenn ich keine Kunst mache aber ich würde mich radikal einschränken, meine Freiheit zu leben.

Gibt es einen Plan B?

Es gibt sicherlich ein B oder C oder D, die Pläne dazu weniger – aber es gibt immer Wege, davon bin ich überzeugt.

Was macht Dir Angst?

An meiner Tür zu Hause hängt ein Satz, den ich irgendwann einmal aus der Zeitung gefischt habe: „Ich habe vor nichts Angst“. Ich denke, das sagt viel über meine Ängste aus.

Wann bist Du im Zusammenhang mit der Kunst am glücklichsten: am Anfang oder Ende einer neuen Arbeit?
Weder noch. Einen Anfang als solchen gibt es für mich meistens nicht. Das Brüten am Anfang, so könnte man vielleicht sagen, das ist schön und oft auch etwas schlaflos. Alles dreht sich um ein Thema, ein Gefühl, einen Gedanken, man sucht und gräbt und jagt durchs Internet und streckt alle Fühler aus, das ist gut und belebend.

Während dem Arbeiten an sich, das ist eine große aufregende Zeit, dann kommen die Dinge sozusagen auf den Tisch. Da gibt es dann diese Momente, wenn Kopf und Gefühl mit Material und Wirklichkeit deckungsgleich sind, das sind Momente absolut purer Freude.

 

Wer oder was inspiriert Dich?

Kurz gesagt wäre das: mehr als ich gedacht hätte.

Findest Du es wichtig als Künstler geschäftstüchtig zu sein?

Es ist nicht wichtig, aber sicherlich von Vorteil und dazu ein schrecklicher Energiezieher. Ich denke es ist für jeden Künstler immer ein wenig unangenehm, diese beiden Welten zusammenzubringen. Man braucht plötzlich ein weiteres Paar Augen, das auf die Arbeiten blickt. Das kann man lernen, hoffe ich.

Gibt es für Dich ein Kriterium, wann eine Arbeit gelungen ist?

Nein, nur das eigene Gefühl. Dem trauen zu lernen ist eine große Aufgabe.

Gehst Du eher intuitiv oder konzeptionell an Deine Arbeiten ran?

Intuitiv, dann konzeptionell. Mir hängt seit ein paar Wochen ein Gedanke von Kierkegaard im Kopf – vorwärts leben, rückwärts verstehen. Das bringt es ganz gut auf den Punkt.

Ist Feedback wichtig?

Grundsätzlich ja. Feedback ist ja immer etwas, das vom Anderen kommt und mich daher bereichern kann. Wichtiger ist jedoch wahrscheinlich der Umgang damit, also die Fähigkeit aufzunehmen, ohne sich zu überladen und dann umzufallen.

Besonders wichtig und auch nicht weniger gefährlich: wer gibt Feedback.

Änderst Du Deine Arbeiten bei negativem Feedback?

Wenn „negatives“ Feedback einen Gedanken in mir bestätigt, kann es sein, dass es mir dabei hilft etwas loszulassen. Oder im Gegenteil, daran festzuhalten.

Sollte ein Künstler vielseitig sein oder nur einen Stil verfolgen?

Das kann ich nicht beantworten. Jeder Künstler sucht und macht sein Ding, es ist egal wie das aussieht. Ich persönlich freue mich, wenn Künstler sehr divers arbeiten und auch immer wieder neue Sachen ausprobieren, sozusagen viele Sprachen bringen es auf den Punkt – aber es gibt keine Regeln.

Siehst Du Deine Arbeiten eher als kraftvoll oder bedrohlich an?

Kraftvoll. Mit Bedrohung hat das für mich wenig zu tun. Natürlich, es ist oft viel Kraft und Aggression in meinen Arbeiten, aber diese Aspekte werden gezeigt als etwas, das ich abgebe, verarbeite und dann kann man darauf blicken.

Ist der Ort wichtig an dem Du arbeitest?

Ja, für mich ist Raum ein großes Thema. Ich brauche viel davon und auch viel Stille.

Welche Deiner persönlichen Eigenschaften sind wichtig für Deine Arbeit?

Leidenschaft und vielleicht eine gewisse Art von Biss.

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Paulus Goerden

Paulus Goerden

Words: Claudia Ippen

Kunst kann etwas ganz Schönes sein.
Vielleicht ist genau das meine Aufgabe. Menschen an die Hand zu nehmen und ihnen etwas zu zeigen, ohne Vorurteile dabei zu haben und wieder mehr auf ihr inneres Kind zu hören.

Kennt ihr schon Paulus, seine Kunst oder seinen Instagramkanal? Dieser bekommt zurzeit viel Aufmerksamkeit. In kurzen Videos beschreibt er dort sogenannte Alltagsinstallationen, die er zufällig auf Spaziergängen entdeckt. Seine Videos verbinden Kunst und Social Media, seine Arbeiten sind eine spannende Mischung aus Foto, Installation, Video und Ready-Made-Kunst. Die Idee, Kunst im Alltag zu entdecken, ist nicht neu, Paulus‘ Herangehensweise daran aber schon. Ich verabrede mich an einem Januarabend mit ihm zu einem Gespräch. Ich möchte mehr über ihn erfahren, warum macht er Kunst und was reizt ihn daran? Schnell merke ich, dass es bei Paulus und seiner Arbeit um Ehrlichkeit geht. Er sucht stets nach dem Echten und lädt dazu ein, unvoreingenommen durch die Welt zu gehen, um das Schöne und, in seinen Augen, Ehrliche im Alltäglichen zu entdecken. Mithilfe seiner Arbeiten macht er junge Menschen mit Kunst vertraut. Er ermutigt dazu, die Sinne zu schärfen, kreativ zu sein und den wahren Kern von Kunst wiederzuentdecken. Mit seiner aufrichtigen und frischen Art bringt Paulus neue Impulse in die Kunstwelt. Ich bin sehr gespannt, was wir von Paulus in den kommenden Jahren sehen und hören werden!

 

Cyte: Du hast einen spannenden Weg in die Welt der Kunst gefunden, von kurzen Zwischenstopps in Bauingenieurwesen sowie Design und Architektur bis hin zu deinem aktuellen Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf. Lass uns doch hier starten. Wie hat diese Reise deinen Blick auf Kunst und den kreativen Prozess geprägt?

Paulus: Ich wollte schon immer etwas gestalten. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich später etwas im Bereich Kunst machen würde. Ich fand Kunst in der Schule nicht gut. Vielleicht war das aber auch den Lehrenden geschuldet, Schülern Kunst nicht schmackhaft machen zu können. Ich habe die Relevanz von Kunst nicht verstanden. Ich habe nicht verstanden, wo Kunst für mich ansetzen kann. Zuerst wollte ich etwas gestalten. Ich hatte den Wunsch, einen Garten zu planen, ein Haus zu bauen und Zimmer anzuordnen. Das war damals meine Vorstellung von Architektur. Dann habe ich angefangen Bauingenieurwesen an der TU zu studieren und habe sofort gemerkt, nein auf gar keinen Fall, das ist es nicht. Ich habe versucht herauszufinden, was mich wirklich interessiert. In Österreich bin ich auf einen Studiengang gestoßen, der Raum- und Design-Strategien miteinander verknüpft. In meiner Vorstellung war das der Vorstoß von Design und Architektur in eine eher bühnenbildartige Richtung. Ich wollte über Räume sprechen und was das Interessante daran ist. Sehr schnell habe ich gemerkt, dass man im Designfindungsprozess oft noch andere Meinungen einholen und viel absprechen muss, dass die erste Idee nicht immer die richtige ist, obwohl man selbst davon überzeugt ist. Weil sie ehrlich ist und andere berühren kann. Das stand mir im Weg. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich genau jetzt etwas umsetzen möchte mit den Materialien, die mir jetzt zur Verfügung stehen. Während des Studiums habe ich mich also für den Fachbereich Kunst an der Kunstakademie beworben und bin seitdem glücklich hier in Düsseldorf.

Cyte: Du kommst aus einer Theaterfamilie. Hat das Theater und deine Kindheitserfahrungen mit Inszenierungen, Kulissen und Kostümen Einfluss auf deine Kunst?

Paulus: Es hat mich fasziniert, da hinzudürfen, wo das normale Publikum nicht hindarf. Ein Bühnenbild von hinten zu betrachten, fand ich immer spannender als es von vorne zu sehen. Von hinten sieht man, wie es gemacht ist. Man sieht eine Ehrlichkeit und oft auch etwas Provisorisches, zum Beispiel dass Tape benutzt wird, um etwas zusammenzuhalten. Improvisiertes Handwerk. Das war für mich schon immer faszinierend, weil das eigentlich so geniale Lösungen sind. Improvisieren zu können ist daher für mich auch eine der größten Stärken. Wer sein Handwerk kann, der kann auch improvisieren. Bildlich und räumlich faszinieren mich Requisiten. Sie stehen da rum, wie Stühle zum Beispiel, und warten auf ihren Einsatz während der Vorstellung, werden aber die meiste Zeit nicht benutzt. Sie haben so eine Art Fake-Aspekt an sich. Das fand ich schon immer spannend. Auch Kunstschnee zum Beispiel. Oft haben diese Gegenstände eine riesige Symbolik inne, weil sie eben keine Benutzung im eigentlichen Sinne haben. Man nähert sich den Gegenständen über ihre Bedeutung, ihren Symbolcharakter. Wofür steht ein Stuhl? Wofür steht ein Schloss? Wofür eine Kette?

Cyte: Das erinnert mich an deine Alltagsinstallationen, die du in Videos auf Instagram teilst und wofür du gerade viel Aufmerksamkeit bekommst. Kannst du darüber mehr erzählen?

Paulus: Auch hier greife ich diesen Symbolcharakter auf. In Reels, kurzformatigen Videos von meistens 10 bis 40 Sekunden, zeige ich Sachen, Bühnenbilder, die mir begegnen. Ich spreche von Bühnenbildern, weil wir uns darin bewegen, in diesem Setting, ohne unser Umfeld so richtig wahrzunehmen, ohne wirklich darauf zu achten. Oft interessiert es Leute nicht, was da entstehen kann, in der zufälligen Komposition von Alltagsgegenständen. Für mich aber entsteht Kunst zwischen Bild und Betrachter. Man kann niemandem vorschreiben, von Kunst angesprochen und berührt zu sein. Das entsteht ganz individuell, je nach Bedürfnis, je nach Mensch. Im Museum ist das so, im Theater, im Kino. Es gibt Szenen, die einem zusagen, warum kann man oft nicht erklären. Durch meine Videos möchte ich dazu anregen, das Bewusstsein zu schärfen, um im Alltag etwas ganz Individuelles zu sehen. Etwas, worauf man sonst vielleicht nicht geachtet hätte. Dabei gebe ich eine Hilfestellung.

Cyte: Geht es dir dann bei den Alltagsinstallationen weniger um dieses Stillleben, um die Installation, an sich? Und vielmehr darum, andere dafür zu sensibilisieren, mit offenen Augen und Sinnen durch die Welt zu gehen? 

Paulus: Ich denke, es ist etwas dazwischen. Es gibt Szenen, die sind so präzise, so eigen- und einzigartig, die muss ich einfach festhalten. Aber meistens geht es weniger darum, was ich da genau sehe. Es geht darum, die Szene sichtbar zu machen und dies in den Videos zu vermitteln. Das ist das Wertvolle daran.

Cyte: Deine Videos auf Instagram verbinden analoge Kunst auf der Straße mit dem Digitalen auf Social Media. Wie siehst du die Rolle von Social Media für deine Kunst?

Paulus: Wir sind ständig am Handy. In der Bahn, im Bus, beim Warten im Supermarkt an der Kasse. Es gibt eine riesige watch time. Und das kann man natürlich, wenn man die Plattform bespielt, ganz einfach für sich nutzen, indem man Content uploadet. Wenn Leute meinen Content konsumieren, dann kann das was anstoßen. Es kann sie bereichern, sie können sich darüber freuen, es kann sie aber auch aufregen oder abstoßen. Meine Videos können Interesse an Kunst wecken und sensibilisieren. Sie machen andere aber vielleicht auch wütend. Da gibt es ganz viele unterschiedliche Reaktionen. Ich habe für mich festgestellt, dass meine Kunst auf einem Blatt Papier entstehen kann, oder wenn ich Objekte miteinander verbinde. Sie kann aber auch entstehen, wenn ich ein Video aufnehme und auf Instagram hochlade. Für mich fügt sich das irgendwie schön zusammen. Das widerspricht sich nicht. Ob mit Papier, Steinen, im Insta-Reel oder auf TikTok, irgendwie habe ich das Gefühl, das passt zusammen.

Cyte: Wird Kunst durch dich jünger und partizipativer? Vielleicht sogar barrierefreier?

Paulus: Ich merke, insbesondere durch die Kommentare auf meine Videos, dass viele Leute Kunst einfach nicht mehr verstehen und sich nicht trauen, etwas empfinden zu dürfen. Häufig bekomme ich als Reaktion auf ein Video ironische Nachrichten, die auf den angeblich hohen Verkaufspreis anspielen. Eine Banane mit Tape an der Wand kostet so und so viele Millionen. So was in der Art. Das zeigt mir, dass viele nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Dass Kunst etwas ganz Schönes sein kann. Vielleicht ist genau das meine Aufgabe. Menschen an die Hand zu nehmen und ihnen etwas zu zeigen, ohne Vorurteile dabei zu haben und wieder mehr auf ihr inneres Kind zu hören. Und Kunst auch wieder auf den Ursprung zurückzubringen, auf den eigentlichen Kern, nämlich etwas Kreatives zu schaffen, etwas auszudrücken, zu verarbeiten. Einfach etwas zu schaffen, in welcher Form auch immer. Weg von dem ganzen Business. Vor allem auch erst einmal in der Wahrnehmung von Kunst, noch nicht mal im Gestalterischen. Was sehe ich da? Was sagt mir das und woran denke ich dabei? Das ist für mich ein wichtiger Bestandteil von Kunst.

Cyte: Du erhältst ganz viele unterschiedliche Reaktionen auf deine Videos. Wie gehst du mit diesen sehr unmittelbaren Reaktionen um?

Paulus: Das habe ich mir ja selbst ausgesucht. Es gibt natürlich irgendwo eine Grenze, die sollte man nicht überschreiten. Das Video-Format vermittelt ein Gefühl von Unmittelbarkeit. Es ist ganz einfach und flüchtig. Das fördert natürlich, dass Leute sich damit auseinandersetzen, Kommentare dalassen. Weil es einfach so direkt ist. Es ist kein aufwendig produziertes Video. Ich gebe den Leuten mit, was ich sehe und präsentiere mich natürlich auch selbst in diesen Videos. Ich lade nicht einfach nur eine Fotografie hoch. Manche stören sich daran, weil es vielleicht an einem tradierten Kunstbegriff rüttelt. Ich kann damit aber sehr gut umgehen. Denn ich bin das und verstelle mich nicht.

Cyte: Kommen wir von deinen Alltagsinstallationen zu deiner anderen Kunst. Im Sommer 2023 hattest du deine erste Soloschau in der Kölner Galerie Alex Serra. Was genau hast du da ausgestellt?

Paulus: Bei einem Rundgang der Kunstakademie hat Paulo Nunes, Besitzer der Galerie Alex Serra, meine Arbeiten gesehen. Es war recht schnell klar, dass er mit mir zusammenarbeiten möchte. Bei einer Einzelausstellung liegt der Fokus auf einem Künstler, einer Künstlerin. Da überlegt man sich dann ganz genau, wie man den Raum bespielen möchte. Ich habe Fotografien in Holzrahmen gezeigt. Die Holzrahmen waren für mich so eine Art Raumerweiterung der Fotografie. Es hatte fast etwas von einem Bühnenbild. Und auch das war am Anfang eine provisorische Lösung. Weil es mir zu teuer war, Fotorahmen zu kaufen, habe ich sie selbst gemacht. So sind dann diese Traumwelten, Erinnerungsräume habe ich sie genannt, entstanden. Es gab kleine Holzkästen, insgesamt 20 Stück, in denen sich immer nur jeweils ein Ding verändert hat. Im Alltag nehme ich oft wahr, dass eine ganz kleine Bewegung manchmal ausreicht, um etwas Großes auszulösen. Darauf habe ich Bezug genommen und in objekthafter Form in der Ausstellung gezeigt. Dann gab es noch sehr große Papierarbeiten, Pappe, ungerahmt, ganz pur mit Farbe und Schrift. Ich benutze oft Schrift in meinen Arbeiten. Es ist meine Schrift und ich gucke nicht, ob jemand anderes das verstehen oder lesen kann, das ist dann meine Sprache. So wie draußen bei den Alltagsinstallationen keiner darauf achtet, ob etwas richtig hingestellt ist. Es ist einfach ein ehrlicher Umgang mit den Gegenständen. Was gab es noch? Ein paar Alltagsinstallationen gab es natürlich auch. Eine Plane unter einem Heizkörper. Ich fand es ehrlich, sie da zu lassen. Und so hat sich das dann alles irgendwie gefügt.

Cyte: Zum Ende unseres Gesprächs, bekommst du jetzt von mir noch drei schnelle Fragen. Und ich bin gespannt, was dir dazu – schnell, ehrlich, improvisiert und unverstellt – durch den Kopf geht.

Was ist für dich Ästhetik?

Schön, ehrlich, visuell.

Bist du gerade happy da, wo du bist?

Ja. Weil ich glücklich bin und erfüllt. Und genau das machen kann, was mich erfüllt.

Was können wir 2024 von dir erwarten?

Es gibt ein ganz tolles Projekt mit dem Düsseldorfer

Schauspielhaus, dem Jungen Schauspiel. Da arbeiten wir zusammen an einem Projekt, das parallel zur Aufführung des Theaterstücks stattfindet. Es gibt Medien, die dieses Projekt interessant finden und darüber berichten, was mich und meine Arbeit einem breiteren Publikum zugänglich macht. Ich merke, dass mein Auge immer geschulter und meine künstlerische Vision zunehmend präziser wird. Ich freue mich darauf, dass sich meine Arbeit weiterentwickelt und gleichzeitig immer gezielter wird.  

 

 

Vielen Dank, lieber Paulus, für das Gespräch! Wir wünschen dir viel Erfolg für deine kommenden Projekte.