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SOCIETY

Wohl und Weh

Zwischen Wohl und Weh: Reanalogisierung mit dem Wohlweh 

Words: Sandra Groll

Illustration: Tronje Thole van Ellen

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten durchaus Mühe gegeben, die Welt zu digitalisieren, waren dabei überraschend erfolgreich und sehen uns nun vor die Aufgabe gestellt herauszufinden, was diese Digitalisierung so mit uns anstellt. Dabei sind es weniger die digitalen Produkte, Services oder Medien, die herausfordernd sind, sondern eine unbemerkte Digitalisierung des Geistes, die ganz nebenbei vollzogen und wirksam geworden ist. 
Unser von Technologie und Faszination geprägtes Alltagsverständnis des kleinen, dafür aber umso omnipräsenteren Wortes ‘digital’ blockiert dabei nicht nur erheblich die Auseinandersetzung mit dem was dort eigentlich vor sich geht, vielmehr nehmen wir uns durch ein auf technologische Aspekte reduziertes Verständnis von Digitalisierung selbst die Chance, anders zu sein, zu erleben und zu spüren und wundern uns, warum die digitalisierte Lebenswelt zu Polarisierungen neigt. Wie es scheint, sorgt Digitalisierung nicht nur für Konnektivität, permanentes In-Verbindung-Sein und für jederzeit zur Verfügung stehende Services, sie steigert anscheinend auch in einem erheblichen Maße die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden, in dem sie ihr inhärentes Versprechen – nämlich eine eindeutige, klare und dementsprechend entgegenkommende Lebenswelt zu schaffen – nicht einlösen kann. Sie – wer hätte das gedacht – verflacht und radikalisiert gleichzeitig unser Erleben.

Wie so oft, müssen wir uns, wenn wir den impliziten Grundfiguren unseres Handelns auf der Spur sind, erst einmal durch Schichten des Alltags, der Emotionen, des Wünschens und Erwartens wühlen und uns dabei auf Instrumente und Vorgehensweisen verlassen, die uns in der jeweiligen Situation zur Verfügung stehen. Da wir irgendwann einmal gelernt haben, dass es bei aller handwerklichen Tätigkeit auf die Wahl des Werkzeuges ankommt, fällt die Wahl dabei meist auf das naheliegendste, in funktional ähnlichen Situationen erfolgreich erprobte Werkzeug. Im Falle des Buddelns wäre dies sicherlich der Spaten. 
Allerdings erscheint mir diese Wahlstrategie im Kontext dieses Beitrags und Lichte des beginnenden Spätsommers doch ein wenig arg fad, wie der Österreicher sagen würde. Beziehungsweise wäre der im Hinblick auf das Graben gewählte Spaten selbst eine formal logische Antwort, denn es gilt, wenn Zweck = graben, dann Werkzeug = Spaten. Relationen dieser Art kennen die Älteren unter uns noch aus dem Informatikunterricht der 1990er Jahre und natürlich waren wir stolz wie Bolle, wenn es uns gelungen ist, dies in Pascal oder Cobol in ein Stück Code zu übersetzen.
Ich würde aber in Sachen Digitalisierung des Geistes gerne ein wenig anders vorgehen und das seriöse Graben mit einem spielerischen Buddeln und Wühlen ersetzen. Denn dem Buddeln und Wühlen fehlt nicht nur Plan und Zweck, es ist auch eine ästhetisch-spielerische Praxis im Medium der Nichternsthaftigkeit. Aber ich möchte doch glatt noch einen Schritt weitergehen und die Differenzen von Ernst und Unernst sowie Zweck und Zwecklosigkeit aus guten Gründen unentschieden halten lassen. Anders gesagt: ich bin im Urlaub und wenn schon, dann möchte ich weder buddeln noch graben, sondern wühlen und suhlen, und zwar in den konträr zueinander stehenden Codierungen von Digital und Analog und damit der zentralen medientheoretischen Leitunterscheidung. Analog sind diesem Verständnis nach alle Signale, die sich kontinuierlich verändern und jeden noch so feinteilig-singulären Wert zwischen zwei Extremen annehmen können. Während Digital hingegen alle Signale sind, die aus klar trennbaren, binären Werten zum Beispiel 0 und 1 bestehen. Und da es im Weiteren um die Digitalisierung des Geistes gehen wird, wühlen wir doch als erstes einmal in dem Phänomenbereich, in dem sich unser Bedürfnis, die Welt – und unsere Erwartungen gleich – mit 0 und 1 einzuteilen eindrücklich und nachvollziehbar zeigt: nämlich in den zur groben Vorsortierung des Gegebenen gerne genutzten. 

Anders als im  technologisch Digitalen, für dessen komplexe Datenbankarchitekturen und LLMs längst mehrwertige Logiken benötigt werden, vollziehen wir die alltägliche Digitalisierung des Geistes auch weiterhin mit zwei Werten: 0 und 1, das heißt wir operieren mit zwei Maximalwerten und orientieren unser Handeln daran. Das bedeutet ganz klassisch, wir wollen je nach Persönlichkeitstyp dafür oder dagegen sein, ein vollständiges Ja oder Nein, maximale Reibung oder perfekte Flauschigkeit, Wohl oder Weh. Das kann nur in Enttäuschungen enden. Denn zum einen ist im Alltag völlig unklar, wann die maximale Flauschigkeit erreicht ist, zum anderen lässt sich die Welt und ihr Erleben nicht in 0 und 1 übersetzen, denn wir haben es in Sachen Digitalisierung mit einer Codierung zu tun, die quer zur Welt steht. Jenseits der digitalen Codierung liegt die Welt und damit konfuses Schlingern, grau- und grünstufige Affekte und damit die Ambivalenz und Ambiguität, also dem widersprüchlichen Erleben und der Mehrdeutigkeit von Situationen, Erwartungen und Realitätskonstruktionen. Das ist blöd, denn die Digitalisierung des Geistes führt dann nicht zu einer geordneten uns entgegenkommenden Welt, sondern zu dem Problem, dass wir es mit mehr Unordnung zu tun bekommen, da wir nun auch noch beobachten müssen, mit welchen Grundfiguren in Handlung und Erwartung wir gerade operieren.

Binärcodiertes reduziert Komplexität, legt Ordnung nahe, stiftet darin Orientierung und ermöglicht vermeintliche Erwartungssicherheit. Wer mit einem binären Schema arbeitet, muss sich mit ambiguen, also mehrdeutigen Verhältnissen nicht auseinandersetzen, er muss nur dafür sorgen, dass der jeweils nicht präferierte Codewert nicht realisiert wird, also das Wohl erreicht und das Weh vermieden wird. Oder anders herum, wenn man dazu neigt, die Welt brennen sehen zu wollen. 

Nehmen wir also die Unterscheidung zwischen Wohl und Weh und teilen die Welt entsprechend ein: in Dinge und Verhältnisse, die wohltuend sind, und in Dinge und Verhältnisse, die Weh erzeugen und gehen wir davon aus, dass wir zu denjenigen gehören, die das Wohl gegenüber dem Weh bevorzugen, wenngleich auch das Weh unter bestimmten Bedingungen, das Attraktivere sein kann. Anders lassen sich Phänomene wie Rage Bait oder Doom Scrolling nicht erklären. Wenn wir also das Wohl als positiven Maximalwert einer Selbstdigitalisierung bevorzugen, dann erwarten wir von den Dingen, Services, Situationen und von unserem Selbstempfinden, dass es im Wohl keine Abstufungen und Übergangswerte gibt. Und hier wird es dann auch schon haarig, denn der Maximalwert kann nicht anders als in sich geschlossen und stimmig sein, und entweicht uns damit ins Fiktive. Der perfekte Wohl-Strandtag setzt die perfekte Außen- und Wassertemperatur ebenso voraus, wie die perfekten Wind- und Schattenverhältnisse, die perfekten Strandnachbarn, den perfekten Parkplatz und die perfekten zwischenmenschlichen Interaktionsdynamiken. Das kann nur in Enttäuschungen enden, die sich am Abend in den Restaurants an der Strandpromenade in Kommunikation und Verhalten ihren Ausdruck verschaffen. Auch hier kann die Selbstdigitalisierung weiterhin ihren Schabernack treiben. Das Stichwort lautet: Schatz, du hast mir mit deiner Laune das Abendessen und den Urlaub versaut! Diese durch Digitalisierung in Gang gesetzte Enttäuschungsmaschinerie, ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie wirtschaftliche Bedeutung besitzt, denn da wir maximale Wohlerwartungen aller Orten entwickeln, lassen sich entsprechende Angebote, Services oder Erfahrungen gestalten, die uns das entsprechende Wohl versprechen, obwohl uns der Maximalwert wie ein flüchtiger Ganove immer schon einen Schritt voraus ist. Das stresst natürlich ungemein.

Was bleibt uns somit, wenn die Digitalisierung in flüchtigen und damit unerreichbaren Werten mündet? Eine Reanlogisierung des Geistes und unserer Weltverhältnisse. Und das bedeutet nichts anderes, als sich um gepflegte Zwischenwerte zu kümmern und an diesen, Freude zu empfinden. Zwischen Wohl und Weh stehen im Analogen nämlich die kontinuierlichen Werte. Zum Beispiel das Wohlweh, das Wohlwohlweh oder das Wehwehwohl. Das Wohlweh lässt uns mit schmerzhafter Freude bei steifer Brise in der zu kalten Nordsee baden, wehige Erlösung beim Aufkratzen des Mückenstichs finden und ermöglicht uns in der Erfahrung von Widerständigkeit, die entsprechend nachhaltigen Lernmomente nach denen wir einander sind. Als Wohlwohlweh vergleicht die Nostalgie den aktuellen Sonnenuntergang mit allen schon gesehenen Sonnenuntergängen und spuckt ein bisschen Sterblichkeit in die Suppe des Momentes. Das Wehwehwohl bringt die vorangegangene Muskelaktivität und damit die eigene Fitness in Form des entsprechenden Katers in Erinnerung. Jenseits der Selbsterfahrungsschlaufen kann das Wohlweh jedoch noch mehr, denn es besitzt eine gesellschaftliche Dimension. Wer das Wohlweh praktiziert, das heißt, die Zwischenwerte sucht, dürfte weniger enttäuscht sein und tendiert weniger dazu, den Manager sprechen zu wollen oder fragwürdige Parteien zu wählen. 

Die Digitalisierung des Geistes allein führt uns hingegen in eine Sackgasse, sie verdirbt die Launen – und so viel erzieherischer Impetus muss sein – auch den Charakter. Es gilt jedoch auch: Digitalisierung ist etwas Menschliches, sie entspringt unserem Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Orientierung und Erwartungssicherheit und macht uns genau aus diesem Grund blind für die Grauzonen und Übergänge, für Ambivalenz und Ambiguität, und nimmt uns dann die Fähigkeit, munter vor uns hin zu evolvieren. In der Reduktion auf 0 und 1 wird die Vielfalt der Welt in eine künstliche Einfachheit gezwängt, die nicht nur enttäuscht, sondern entfremdet. Mit bewusster Reanalogisierung des eigenen Weltverhältnisses, lassen sich die Werte zwischen 0 und 1 erkunden. 
Eine Re-Analogisierung des Geistes bedeutet, dass wir uns nicht länger von maximalen Erwartungen treiben lassen, sondern in der Bereitschaft zur Ambiguität eine neue Form von Freiheit erkennen. Statt im Rausch binärer Ordnungsschemata Sicherheit zu suchen, könnten wir die Unsicherheit der Zwischenräume als Resonanzraum des Denkens und Handelns begreifen. Vielleicht liegt darin ein Ausweg aus der Enttäuschungslogik: nicht die Jagd nach maximalem Wohl, sondern die kultivierte Erfahrung von Wohlweh, Wohlwohlweh und Wehwehwohl. So wird die Digitalisierung nicht aufgehoben, sondern durch die Wiederentdeckung des Analogen ergänzt – in einem Bewusstsein, dass es nicht die Klarheit binärer Codes, sondern die Vielstimmigkeit unserer Weltbeziehungen ist, die uns lebendig macht. Und das werde ich jetzt gleich mal umsetzen mit einem Sprung in die viel zu kalte Nordsee. Eine Arschbombe ins Wohlweh.

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Word

Cyte#16

Cyte#16

Words: Stephan Ziehen

Langsam nervt’s wirklich! In den letzten 12 Monaten gab’s so viele Wechsel in den Modehäusern wie nie zuvor. Fast monatlich wurden Creative Direktoren ausgetauscht. Mal wegen Erfolglosigkeit, mal wegen Burn-Out, mal aus taktischen Gründen, mal aus Management Gründen. Kaum einer kann sich mehr eine kleine Durststrecke erlauben. Da können sich Häuser glücklich schätzen, die noch Inhaber geführt sind und nicht den Regeln, der übermächtigen Modegiganten unterworfen sind.
Eine Zeit lang habe ich geglaubt, diese vielen Wechsel dienten dazu, die Modekonsumenten mit ständig neuen Reizen bei Laune zu halten. Jeder Führungswechsel bedeutet eine neue Pressemitteilung, Spekulationen im Vorfeld, neue Berichte über die Marke und Neugierde auf das zu Erwartende. Vielleicht hat das auch manchmal funktioniert. Aber mittlerweile wurde der Bogen überspannt. In einer Zeit, wo vieles ungewisser wird und alte Regeln keinen Bestand mehr haben, sehne ich mich nach Verlässlichkeit und Kontinuität. Modehäuser sind mittlerweile teure Ramschläden geworden, es wird alles angeboten was sich verkaufen lässt. Von DNA und einer Marken-Identität kann man nur noch selten sprechen. Ich weiß schon, Mode lebt von Veränderung und steten Wandel. Aber so ganz ohne Sinn und Verstand, wird es schwierig für mich. Bei aller Schnelllebigkeit und dem Herausstechen aus der permanenten Reizüberflutung, sehnen wir uns doch alle nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe. Warum kann Demna nicht etwas Gucci Glam auch bei Balenciaga machen, warum wird der Ex-Gucci Eklektizismus von Allessandro jetzt bei Valentino fortgeführt und der zeitlose Valentino Chic von Pierpaolo wandert jetzt zu Balenciaga? Und warum verlassen Jack McCollough und Lazaro Hernandez ihr eigenes Label Proenza Schouler, um die Creative Direction bei Loewe anzutreten, dessen J. W. Anderson jetzt den Feminismus von Maria Grazia neu erfinden muss oder wahrscheinlich aus Dior das neue Loewe macht? Sarah Burton hat bei Givenchy schon gezeigt, wie gut sie das Archiv durchleuchtet hat und wie geschmeidig sie sich von McQueen zu ihrem neuen Arbeitgeber bzw. gleicher Arbeitgeber nur neues Label, gehäutet hat. Michael Rider löst Hedi Slimane bei Celine ab, der übrigens vorher bei Ralph Lauren war, und was Mathieu Blazzy bei Chanel bewirken wird ist auch noch offen. Aber für irgendwas wird dieses absurde Theater hoffentlich gut sein – vielleicht hilft es ja wirklich, das Interesse an der Mode wieder zu beleben und endlich die gefallenen Umsätze zu heben. Meine Sorge ist aber, das dieser Aufmerksamkeits-Booster der Häuser ein bißchen zu früh kommt, denn solange die allgemeine Stimmung so schlecht ist, wird auch durch neue Designer keiner so richtig in Kauflaune versetzt.
Wenn wir dann noch erfahren was aus Hedi, Sabato und Maria Grazia wird, dann sind wir Fashionistas wieder glücklich – zumindest bis uns das nächste mal wieder richtig langweilig ist und wir wieder mit Kaufverweigerung drohen, um wieder etwas Leben in die Bude zu bringen. Nur dürfen wir nicht glauben, das die Klamotten besser oder toller werden, die bleiben wie immer:
Mal eine Saison super cool und die nächste Saison wieder etwas schwächer, weil es am Ende immer Menschen sind, die sie sich ausdenken und daher niemals perfekt sein können oder wollen – und was heißt schon perfekt …?

P. S.:
Mittlerweile haben einige der Neubesetzungen ihre Entwürfe gezeigt und was soll ich sagen,
es ist zwar alles anders, aber wie zu erwarten, wurde das Rad nicht neu erfunden.
J.W. Anderson hat seine erste Dior Männer Kollektion gezeigt, die wirklich nicht schlecht war, aber besser oder interessanter als Kim Jones war’s nicht. Immerhin gab’s wohl über eine Milliarde Views auf allen möglichen Plattformen. Michael Riders Version von Celine war eine Mischung aus Phoebe Philo und Ralph Lauren, wahrscheinlich besser verkäuflich als die letzten Entwürfe von Hedi, aber im wesentlichen war es nur ein neuer Besen, der jetzt mal eine Weile besser kehrt.
Man kann wirklich nur hoffen, daß nach all dem Wirbel, der Wechsel sich für die ganzen Häuser auszahlt, denn die Konsumflaute bei den Luxushäusern hatte sicher nicht sehr viel mit bisher langweiliger Mode zu tun. Selbst die Reichen und Superreichen sind etwas zurückhaltender mit ihren Ausgaben geworden: Denn all die Krisen der Welt treffen auch sie und auch wenn sie ihnen nur die Kauflaune verdirbt. Vielleicht hätte man auch einmal die absurde Preispolitik überdenken können, die seit einiger Zeit um sich greift? Vielleicht wäre auch ein klares Designbild wieder hilfreich und nicht austauschbare Riesenkollektionen, bei denen von jung bis alt für jeden was dabei ist?
Aber dennoch: Es bleibt spannend, noch haben nicht alle Neuen ihre Kollektionen gezeigt …

 

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Books

Else

Else
Katharina Zorn & Jasna Fritzi Bauer
Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2025, 270 Seiten

Words: Henrike Heick

U4-Text:
„Else lebt auf den ersten Blick ein normales Familienleben der Sechzigerjahre. Doch sie hat mehr als nur ein Geheimnis …
Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer erzählen in ihrem fulminanten Debütroman auf berührend-unterhaltsame Weise von einer stillen Emanzipation und einem Ausbruch aus einer gesellschaftlich vorgezeichneten Rolle.“

Das Cover zeigt eine junge Frau auf dem Fahrersitz eines Mercedes, die einen – Achtung – kess-verschmitzt über die Schulter anlächelt.

Klappentext:
„Else ist eine Frau, die wir von all ihren Seiten kennenlernen dürfen: als sudetendeutsches deportiertes Kind, bei ihrem sozialen Aufstieg, der angeblich nur ihrem Ehemann Willy zu verdanken ist, und bei ihrer emotionalen Emanzipationsreise, als sie entscheidet einen Taxischein zu machen. Sie fährt uns stolz, fein und modern durch die Frankfurter Nächte der Sechziger- bis Achtzigerjahre und parkt uns in einer berührenden Szenerie an der Côte d´Azur, wo sie mit ihrer Enkelin auf eine letzte große Reise geht.“


Was soll ich sagen.
Es gibt Debütromane und es gibt Debütromane.
Ich habe schon viele unbefriedigende Debütromane gelesen, aber ich habe mehr zufrieden stellende, hoffnungsvolle Debütromane gelesen. Im Rückblick und nach diesem Debütroman, rücken von den unbefriedigenden noch einige auf die Seite der zufrieden stellenden, hoffnungsvollen.
„Fulminant“ ist an diesem wirklich gar nichts.

Das Gute ist schnell geschrieben: Ich mag die Geschichte!
Ich mag Else, wie sie sich traut, wie sie alles am Laufen hält, ihre feinsinnige Starrköpfigkeit, ihre trotzige Eigenständigkeit, ihre wohl temperierte, wohl dosierte Solidarität mit ihrem Mann, ihren klirrenden Verstand, ihre Integrität und ja, ihre Geheimnisse. All das während Ehemann Willy sich abmüht, ein respektierter Mensch zu sein, sein verkürztes Selbstwertgefühl mit Tennismatches im lokalen – in den Sechzigern chauvinistisch angelegten – Tennisclub und Ausflügen in das Frankfurter Rotlichtmilieu unter Beweis stellend.
Der Sprung zurück in die Sechziger, Siebziger, Achtziger gelingt. Beim Lesen fließen durchs Hirn die Filme, Erzählungen, die Farbigkeit und der Geruch jener Jahrzente. Dazu braucht es überhaupt gar nicht die den Kapiteln zur Seite gestellten Filme, die über QR-Codes auf dem elektronischen Gerät abspielbar sind – wer will beim Lesen eines Buches sein Handy anschalten? Sie stören den Lesefluss und zerstören die Phantasie, die sich beim Lesen einstellt. Meine Else, mein Willy und die gesamte Szenerie sehen anders aus. Also mich stört diese Krücke, ich stelle sie in die Ecke.
Und ehrlich gesagt: QR-Codes? Ohne Worte.

Das nicht so Gute an diesem Debüt – ich wünschte, es bliebe bei diesem einen Roman – lässt sich ebenfalls schnell schreiben: Die Sprache ist nicht auszuhalten. Sie ist deshalb nicht auszuhalten, weil jedem Fünftklässler und jeder Fünftklässlerin ein himmelschreiendes Unrecht widerfährt, dass ihnen für ihr Aufsatz über das Leben ihrer Großmutter kein anständiges Honorar gezahlt wird, mit dem sie ihr Haus auf Mallorca ein kleines bisschen gemütlicher machen können.
Vielleicht handelt es sich um irgendeinen besonderen Stil, einen besonders seltenen Stil, den die beiden Autorinnen – und das Lektorat hat sie offenbar darin bekräftigt – sich nach nervenaufreibender Recherche und langen, genauso nervenaufreibenden Diskussionen angeeignet haben, um dem Roman einen einzigartigen Touch zu geben?
Ich wünschte, sie hätten es gelassen. Nur wegen des Stils, habe ich mich durch die Seiten gequält. Denn wie oben erwähnt, die Geschichte ist gut.

Liebe Kiepenheuer & Witsch, das könnt Ihr besser.
Ob Frau Zorn und Frau Bauer es besser können?
Bitte, lasst Euch nicht aufhalten.
Aber ich muss es nicht herausfinden.

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ART

Cab

FONDATION CAB

Words: Stephan Ziehen

Mehr Provence geht nicht! St. Paul de Vence erfüllt alle Klischees, die Südfrankreich zu bieten hat:
Den Duft von Thymian, Rosmarin und Lavendel, zirpende Grillen, wilde Landschaften, luxuriöse Villen und das Blau des Mittelmeeres in der Ferne. Und natürlich waren alle da, die das schöne Leben zu geniessen verstehen: die Reichen, die Schönen und nicht zuletzt die Künstler. Viele Künstler haben hier in der Gegend gelebt und gearbeitet oder einfach nur ihre Ferien verbracht. Daher ist die Dichte an Kunstsammlungen aller Art groß. Von den üblichen Verdächtigen á la Henri Matisse, Marc Chagall und Pablo Picasso bis hin zu kitschigem, dekorativem Kunstgewerbe ist alles vertreten, vor allem in Form von Stiftungen.
Unter ihnen die FONDATION CAB. Sie sticht aus allen heraus.
Sie wurde in einem atemberaubenden Gebäude aus den 1950er Jahren gegründet, und präsentiert zum einen die Sammlung der Stiftung aber bietet als Künstlerresidenz auch ein Programm in der Wintersaison. Der französische Innenarchitekt und Designer Charles Zana hat das Gebäude komplett renoviert und mehrere Ausstellungsräume, eine Buchhandlung und ein Restaurant integriert. Umgeben von einem verwunschenem, mit Skulpturen und Installationen gespickten Garten mit herrlichem Blick über die Halbinsel Cap d’Antibes, ist die Fondation auch als Gästehaus mit vier verschiedenen Schlafzimmern und einem „Maison Démontable“ von Jean Prouvé zu mieten.Man schläft inmitten originaler Möbel aus den 50er und 60er Jahren und erlebt eine Zeitreise in die Kunst und des Designs dieser Epoche. Besonders das 6x6m große Holzhaus von Jean Prouvé – entwickelt 1944 als Übergangsunterkunft für die kriegsversehrte Bevölkerung – lässt einen die Gegenwart vergessen. Zusammen mit den besonderen Ausstellungen und dem gesamten Design des Hauses, atmet man Kunst plötzlich mit jedem Zug über Nacht ein.
In direkter Nachbarschaft gibt es außerdem noch die sehr sehenswerte Sammlung von Marguerite und Aimé Maeght und das wunderschöne Hotel Colombe d’Or, in dessen Gärten und Räumen sie Originale unter anderem von Jean Miró, Pablo Picasso, Alexander Calder, Henri Matisse, Alberto Giacometti und Fernand Léger zeigen. Das ist wirklich beeindruckend. Auch hier hat man einen fantastischen Ausblick. Zusammen ergibt das ein Sehnsuchtsort für alle Kunst- und Südfrankreich-Liebhaber.

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PEOPLE

Amelie Char

Genau darum geht es: Awareness zu schaffen für
Geschichten, die gehört werden müssen.
Artist: Amelie Hennig | Words: Claudia Ippen
Anfang Juli bin ich mit Amelie Hennig zu einem Gespräch verabredet. Digital, denn sie ist
gerade in New York. Sie sitzt in einem Café, im Hintergrund läuft Musik und es entsteht
sofort eine entspannte Atmosphäre. Wir sprechen über Schauspiel, künstlerische Freiheit,
ihre aktuellen Projekte und warum sie gerade in den USA ist.
Amelie wirkt gelassen, selbstbewusst und ganz bei sich. Im Gespräch genauso wie mit dem
Weg, den sie eingeschlagen hat. Sie hat bereits in Kurzfilmen gespielt, war in
internationalen Produktionen zu sehen, schreibt an einem eigenen Projekt und übernimmt
bald eine Hauptrolle in einem Berliner Indie-Film. Auch das Theater zieht sie wieder stärker
an, sie sieht sich spielend, auf der Bühne.
Was mich besonders beeindruckt: Mit welcher Ruhe und Selbstverständlichkeit sie über
ihren Werdegang spricht. Souverän, reflektiert, dabei trotzdem nahbar, und das mit 27.
Vielleicht liegt es daran, dass sie diesen Traum schon lange verfolgt, viele Erfahrungen
gesammelt hat, im Positiven wie im Negativen, und immer drangeblieben ist.
Amelie scheint genau zu wissen, was sie will und vor allem auch, warum sie es will.
Cyte: Du bist in Regensburg geboren, lebst aber heute in Berlin. Lass uns doch hier starten.
Wie sehr bist du noch mit Regensburg verbunden und was schätzt du an Berlin?
Amelie: Ich bin in Regensburg geboren und dann nach Starnberg gezogen. Starnberg ist
eine kleine Stadt neben München, am Starnberger See. Dort habe ich gelebt, bis ich zehn
war, und bin dann mit meiner Mama nach Berlin gezogen und dort zur Schule gegangen. In
Starnberg und generell in Bayern aufzuwachsen war sehr begrenzt. Meine Mama hat mich
allein großgezogen, und das war dort manchmal schwierig. Es ist nicht unbedingt normal,
wenn man als „Zweierteam“ auftaucht. Ich bin sehr dankbar, dass wir nach Berlin gezogen
sind, weil es für mich genau richtig war, in einer Großstadt aufzuwachsen. Ich bin relativ
schnell erwachsen geworden, habe früh Verantwortung übernommen, und dafür bin ich
meiner Mutter sehr dankbar. Das hat sie auch für mich gemacht, und das schätze ich sehr.
Wenn ich alte Bekannte aus Starnberg treffe, fällt mir auf, wie unterschiedlich Lebenswege
verlaufen können, je nachdem wo und wie man aufwächst. Und auch mit welchen Themen
und Herausforderungen man sich auseinandersetzen muss, bevor man überhaupt erwachsen
ist.
Cyte: Da wird einem bestimmt auch bewusst, wie unterschiedlich offen oder verschlossen
Menschen sein können, abhängig vom sozialen Umfeld. Ich kann mir gut vorstellen, dass
das eine große Rolle spielt. Gibt es Einflüsse oder Lebensweisen aus deiner Heimat, sei es
aus Regensburg, Starnberg oder Berlin, die du ganz bewusst in deine Arbeit als
Schauspielerin einfließen lässt?

Amelie: Aus Starnberg nehme ich vielleicht vor allem das Gefühl von Freiheit mit, in dem
Sinne, dass ich heute nicht mehr dort bin. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das wirklich so
annehmen konnte. Mittlerweile verstehe ich, dass es okay ist, wenn sich Menschen
unterschiedlich entwickeln. Ich bin sehr dankbar, in einer Großstadt wie Berlin groß
geworden zu sein, anstatt in einer Kleinstadt. Auch wenn ich glaube, dass ich mich sowieso
in diese Richtung entwickelt hätte. Denn ich hatte schon früh das Bedürfnis,
auszubrechen. Was ich aus Berlin mitnehme ist das Gefühl, wirklich frei zu sein, mich
nicht in eine Schublade stecken zu lassen, mich so verhalten zu dürfen, wie ich möchte. Und
genau das hat mir meine Mama durch den Umzug ermöglicht.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man in einer Kleinstadt oft das Gefühl hat,
beobachtet zu werden. In Berlin dagegen ist man viel anonymer. Das gibt einem mehr
Raum, sich selbst auszuprobieren.
Amelie: Ja, du bewegst dich freier. In Starnberg habe ich sehr deutlich gespürt, dass viele
Menschen sich lieber in ihrem sicheren, gewohnten Umfeld aufhalten. In Berlin dagegen
prasseln unglaublich viele Einflüsse auf dich ein, auch harte. Man wird schnell mit der
Realität der Gesellschaft konfrontiert, nicht mit einer kleinen, heilen Welt.
Das lernt man auf eine andere, manchmal auch schmerzhafte Weise. Und ich glaube, genau
das hat stark dazu beigetragen, dass ich mich für die Schauspielerei entschieden habe und
dass ich den Mut hatte, einfach meinen eigenen Weg zu gehen.
Cyte: Das ist tatsächlich die perfekte Überleitung zu meiner nächsten Frage: Wie hat deine
Schauspielreise eigentlich begonnen? Hatte der Umzug nach Berlin damit zu tun? Ich habe
gelesen, dass du unter anderem an der Next Generation Schauspielschule warst, magst du
darüber erzählen?
Amelie: Meine Familie ist generell sehr sicherheitsliebend, viele arbeiten in der IT oder im
juristischen Bereich. Ich bin die Einzige in meiner Familie, die künstlerisch arbeitet. Das
war also etwas ganz Neues. Ich war während der Schulzeit schon sehr ambitioniert. Ich
wusste immer: Wenn ich etwas will, dann kriege ich das auch hin. Egal, was ist. Also habe
ich meinen Eltern gesagt: Es ist jetzt so. Ich werde das machen. Ich bin dann zur Next
Generation Schauspielschule gegangen, und dort habe ich zum ersten Mal erlebt: Ich kann
das wirklich. Ich bin gut darin. Das Feedback, das ich dort bekommen habe, war völlig neu
für mich. Vorher hatte ich so etwas nie gehört. Ich habe schon als Kind geschrieben und mit
meinen Freundinnen kleine Filme gedreht. Das war immer da, aber eben als Hobby. In
meiner Familie war das nie ein Beruf, den man sich ernsthaft hätte
vorstellen können. Nicht, weil sie es abgelehnt hätten oder mir etwas nicht
gegönnt hätten, sondern weil es für sie einfach total unrealistisch war, dass
jemand wirklich in diesem Beruf arbeitet.
Cyte: Gerade wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem „normale“ Berufe die Regel
sind, hat man oft gar keinen Kontakt zu so etwas. Wie war denn dann der Schritt an die
Schauspielschule? War das so ein Moment von: Ich will das jetzt einfach mal ausprobieren oder hat dich jemand angeschubst? Warst du eher schüchtern?
Amelie: Ich war extrem schüchtern. Aber der Impuls kam aus einem ganz tiefen
Bedürfnis. Ich wollte das unbedingt ausprobieren. Ich wusste nur nicht, wie. Ich
erinnere mich genau, wie ich am Küchentisch saß und bei der Schule angerufen habe. Ich
habe mit der Leiterin gesprochen und ihr gesagt, dass ich das gerne machen würde, obwohl
ich keinerlei Erfahrung hatte und nicht wusste, ob ich das überhaupt kann. Und sie war
unglaublich freundlich, hat gelacht und gesagt, dass alle willkommen sind, dass man keine
zehn Jahre Erfahrung braucht, um mitzumachen. Ich habe dann mit meinen Eltern geredet
und ihnen gesagt: Ich möchte das machen. Der Impuls kam ganz allein von mir. Es war das
erste Mal, dass ich wirklich auf mich selbst gehört habe und etwas getan habe nur weil ich
es wollte. Und nicht weil jemand anderes es gesagt hat. Ich glaube, genau deshalb
war dieser Schritt auch so kraftvoll: weil er wirklich aus mir selbst kam.
Cyte: Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde: Das ist mein Weg?
Amelie: Ja, das war während meiner Zeit an der Schauspielschule. Plötzlich habe ich
realisiert: Ich beschäftige mich gerade ernsthaft mit dem Gedanken, Schauspielerin zu
werden. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das funktioniert, das war für mich eine
völlig fremde Welt. Ich wusste nur: Es macht mir Spaß. Und ich wusste auch, dass ich gut
darin bin. Aber ich hatte keinen Plan, wie man in diesen Beruf überhaupt reinkommt, es
wirkte alles völlig surreal. Und dann hat meine Schauspiellehrerin Ines Bartholomäus, die
auch heute noch mein Coach ist, eine ganz tolle Frau, zu mir gesagt: Du solltest dich mal
bei Agenturen vorstellen. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir klar wurde: Wow,
das könnte wirklich was werden. Und von da an bin ich losgezogen und seitdem gehe ich
diesen Weg.
Cyte: Es geht ja nicht nur darum, was man kann, sondern, wie du eben gesagt hast, auch
darum, dass das wirklich ein Lebensweg sein kann. Dass man davon leben kann, dass es
tatsächlich ein Beruf ist, den man ergreifen kann.
Amelie: Ja, aber es ist eben auch ein Weg, den man nicht einfach allein geht. Du brauchst
Unterstützung, weil es eine kleine, ziemlich geschlossene Branche ist. Da kommst du nicht
einfach so rein. Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Ich glaube, heute ist das
vielleicht ein bisschen anders, aber damals hat sich das alles noch sehr viel abgeschlossener
angefühlt.
Cyte: Das heißt, ohne die Unterstützung von Ines wäre es vielleicht ganz anders
gekommen, oder auch gar nicht erst passiert? War das so eine Art Schlüsselmoment für
dich? Oder meinst du die Zeit in New York und später in London (Anm. d. Red: Amelie
studiert 2025 am Giles Forman Centre For Acting in London)? Spielt das alles mit rein?
Amelie: Ja, definitiv. Ich habe mich damals für Kurzfilme beworben und wurde auch viel
gebucht. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Dieses Gefühl: Du machst etwas, das
andere Menschen berührt. Du bist jemand, mit dem andere arbeiten wollen. Ich habe mich
dann auch bei Schauspielschulen in Deutschland beworben, aber es war irgendwie nie die
richtige Zeit für mich. Ich habe viele Absagen bekommen. So ist das eben auf diesem Weg.
Genauso wie du positives Feedback bekommst, bekommst du auch sehr
viel Gegenwind. Da musst du durch. Mit 22 bin ich dann nach New York
gegangen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass der traditionelle Weg in
Deutschland mit klassischer Schauspielschule für mich nicht passt. New
York war im Rückblick die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ines
hat mir am Anfang definitiv einen wichtigen Anstoß gegeben. Aber es geht nicht nur
um diesen einen Moment, sondern darum, dranzubleiben. Bis heute. Man
muss immer weitermachen, Schritt für Schritt und nach vorne schauen, auch wenn es
schwierig wird. Es gibt immer neue Etappen, auf die man hinarbeitet, und man darf sich von
Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Ohne diesen inneren Antrieb funktioniert
es nicht.
Cyte: Warum, glaubst du, hat es in Deutschland so gehakt? Und was war dann anders in
den USA?
Amelie: Gute Frage. Ich war 19, als ich hier in Deutschland vorgesprochen habe. Ich war
total jung und total unsicher. Ich habe mich damals nicht getraut, meinen Impulsen zu
folgen. Vielleicht wurde ich auch nicht richtig geleitet in den Vorsprechen. Das kann auch
passieren. Nicht, weil die Dozent:innen schlecht gewesen wären, sondern weil es einfach
nicht gepasst hat. Manchmal ist das eben auch ein Zeichen. Natürlich war ich traurig. Mein
Herz war gebrochen. Aber im Nachhinein war es gut so. In New York wurde ich gesehen
und auch gewollt. Die wollten, dass ich dort studiere. Und dadurch habe ich eine
Ausbildung bekommen, die genau zu mir gepasst hat. Die wussten, wie sie mit mir
arbeiten wollten und warum.
Cyte: War New York also so eine Art Befreiungsschlag für dich?
Amelie: Ja, absolut. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.
Cyte: Was war rückblickend der größte Hebel für dich in New York?
Amelie: New York war wie Disneyland, jeden Tag aufregend. Ich war Anfang 20, alles war
möglich, und ich hatte keine Verantwortung. Ich habe Kurzfilme gedreht, Theater
gespielt, war viel mit Freunden unterwegs. Ich hatte nur einen kleinen
Koffer und einen Rucksack – alles andere war irgendwie egal. Es war wie eine
Wolke, auf der wir alle schwebten. Und dann kam Corona. Und mit Corona auch die
Realität. New York war wunderschön, aber irgendwann musste ich aus diesem Traum
aufwachen. Als Deutsche darf man dort nicht einfach arbeiten, also war klar: Ich muss
zurück. Aber ich habe so viel gelernt und das konnte ich in Berlin einbringen und damit den
nächsten Schritt machen. Ich habe dann wirklich tolle Jobs bekommen, auch durch den
Boom von Streaming und internationalen Projekten. Ein echtes Highlight war The Tattooist
of Auschwitz und die RTL+-Serie Gute Freunde. Allein die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Charaktere zu spielen und verschiedene Rollen auszuprobieren, war total
bereichernd. Das, was ich gelernt hatte, endlich anwenden zu können, das
war großartig. Aber es hat auch drei Jahre gedauert, bis das in Deutschland so richtig ins
Rollen kam. Und dann kam London. Das ist wieder ganz anders als damals New York. Da
war ich einfach noch viel jünger. Jetzt, noch einmal ins Ausland zu gehen, mit mehr Reife
und Erfahrung, ist eine völlig neue Art des Lernens.
Cyte: Klar, du bist älter, hast mehr Erfahrung, bringst mehr Tiefe mit. Ich kann mir
vorstellen, dass New York damals total unbeschwert war und dass es jetzt ernster, bewusster
ist, oder?
Amelie: Absolut. Schauspielerei ist ja ein ständiger Prozess: Wach bleiben,
wachsen, sich selbst und die Figuren hinterfragen. Es ist fast wie eine Art
Therapie, weil du ständig reflektierst und analysierst. Und je älter man wird,
desto tiefer wird dieser Prozess. Das habe ich in London stark gespürt: wie weit ich heute
gehen kann im Vergleich zu damals. Und wie sehr ich mich inzwischen öffnen kann. Da ist
heute viel mehr möglich als damals in New York.
Cyte: In der letzten Folge von The Tattooist of Auschwitz spielst du eine Schlüsselfigur, die
den Handlungsbogen noch einmal stark prägt. Das stelle ich mir mental ziemlich
herausfordernd vor, gerade bei so einem schweren Thema. Du hast ja eben auch gesagt:
Man geht tief rein. Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet – mental und
schauspielerisch?
Amelie: Das war alles sehr kurzfristig. Ich wurde erst zwei Wochen vorher besetzt.
Normalerweise weiß man sowas Monate im Voraus. Ich glaube aber, für die Rolle war das
sogar gut. Ich hatte trotzdem genug Zeit, um mich mit der Regie und auch unserer Intimacy
Coordinatorin auszutauschen. Dabei sind viele Fragen aufgekommen, die ich stellen und
klären konnte. Was historische Rollen so herausfordernd macht, ist die komplett andere
Lebenswirklichkeit. Diese Einfachheit, mit der damals gelebt wurde. Heute haben wir
ständig neue Eindrücke, wollen immer mehr. Dagegen standen damals ganz andere Themen
und Traumata im Vordergrund, und viele davon wurden gar nicht offen angesprochen, wie
es heute der Fall ist. Meine Figur prostituiert sich, um zu überleben. Sie entscheidet sich
ganz bewusst für diese Arbeit. Für mich war die größte Frage: Wie viel fühlt man da? Wie
viel Bewusstsein hat ein junges Mädchen in dieser Situation? Und wie zeigt man das?
Gerade als junge Frau war das sehr nah an mir dran.
Cyte: War da eher Neugierde in dir? Also das Interesse, dich dieser Frage zu stellen? Oder
hat dich das auch belastet? Immerhin gehst du da emotional sehr tief rein.
Amelie: Auf jeden Fall. Genau das ist ja das Spannungsfeld beim Schauspiel: Wie viel lässt
man an sich ran? Und wie viel muss man auch wieder loslassen? Ich bin sehr nah an
meinen eigenen Emotionen. Das ist als Schauspielerin extrem wichtig. Man
muss fühlen. Aber eben auch loslassen können. Für mich war es wichtig, diese Figur nicht als Opfer zu zeigen. Sie trifft eine Entscheidung, um zu überleben. Das macht
sie stark. Ich wollte zeigen: Sie ist nicht schwach. Sie ist pur, gutherzig, und kämpft für
sich.
Das Ganze war emotional sehr intensiv, aber auch schön, weil ich diese Figur so sehr mit
Leben füllen durfte. Für mich fühlt sich das an, als hätte ich eine weiße
Leinwand komplett bemalt. Und jetzt kann ich sie wieder wegstellen. Aber sie bleibt
trotzdem da. Ich bin stolz, dass ich ihre Geschichte erzählen durfte. Genau darum geht
es: Awareness zu schaffen für Geschichten, die gehört werden müssen.
Cyte: Das bringt mich auch gleich zu meiner nächsten Frage: The Austrian Case ist
thematisch ganz anders. Trotzdem werden auch dort reale Personen und tatsächliche
Ereignisse dargestellt. Es geht um die Geschichte des österreichischen Mörders Unterweger.
Du spielst Margret Schäfer, die von ihm entführt und ermordet wurde. Ich kann mir
vorstellen, dass es nicht immer einfach ist, die Balance zu finden zwischen der
Verantwortung gegenüber der realen Person und den historischen Ereignissen einerseits,
und deiner künstlerischen Freiheit, die Figur und dich selbst darin einzubringen,
andererseits. Wie gelingt dir diese Balance?
Amelie: Ja, ich glaube, das Wichtigste war, dass ich sehr eng mit der Regie
zusammenarbeiten konnte. Kirsten Brandt, die Regisseurin, ist auch sehr jung, was toll war.
Wir haben viel besprochen: Wie nah wollen wir an der Realität bleiben? Wie viel Freiheit
habe ich als Schauspielerin? Die Dreharbeiten waren sehr intensiv, mit vielen Gesprächen
und viel Raum, die Lücken zu füllen. Viele Szenen zeigen Margret im Auto, wo ihr klar
wird, dass es bald vorbei sein wird. Das ist so eine absurde Situation, die man sich kaum
vorstellen kann. Da greift man auf das zurück, was man an Schauspieltechnik gelernt hat:
viel Methode, um sich gut einzufühlen, aber eben auch, um das Erlebte danach wieder
loslassen zu können. Trotzdem bewegt einen das sehr. Nach so einem Dreh bin
ich oft noch zwei, drei Tage in einer ganz anderen Stimmung.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich danach leer fühlt, auch weil man so viel
von sich reingegeben hat.
Amelie: Genau. Aber das ist auch schön so. Wenn mich das nicht berühren würde, wäre das
nicht gut. Je mehr ich fühle und mich einbringe, desto besser kann ich die Rolle erzählen
und desto besser geht es mir danach auch damit. Ich sehe diese Leere auch nicht als etwas
negatives, sondern als ein Zeichen, dass ich wirklich alles gegeben habe, um Margret eine
Stimme zu geben und ihre Geschichte weiterzuerzählen – eine Geschichte, die leider zu früh
zu Ende ging und die nicht so hätte enden sollen. Ähnlich war das bei Christel (Anm. d.
Red.: Amelies Rolle in The Tattooist of Auschwitz). Und genau das finde ich so
schön an der Schauspielerei, dass wir das machen und solche Geschichten
erzählen können.
Cyte: So ein Gefühl kann einen mit Sicherheit auch tragen, ist aber bestimmt auch sehr
anstrengend. Ich habe mich gefragt, ob du vorher mit Margrets Familie gesprochen hast? Amelie: Leider nicht. Ich weiß, dass das bei großen Hollywood-Produktionen manchmal
gemacht wird, bei uns war das nicht der Fall. Es ist ja auch ein sehr sensibles Thema, und
man weiß nie, wie die Familie damit umgeht. Ich habe mich aber intensiv mit Margret als
Person beschäftigt. Es gibt nicht sehr viele Informationen über sie, denn sie war eines von
vielen Opfern. Da hat man als Schauspielerin dann auch die Freiheit, die
Figur mit Leben zu füllen, ihre Biografie auszuschreiben und sich zu
überlegen, wer sie gewesen sein könnte. Das ist auch schön und
bereichernd.
Cyte: Du hast eben Gute Freunde erwähnt – magst du dazu auch noch ein paar Worte
sagen? Das ist ja wieder ein ganz anderes Projekt als The Austrian Case oder The Tattooist
of Auschwitz.
Amelie: Das war ein Projekt, bei dem wir unglaublich viel gelacht haben. Ich hatte wirklich
Glück, die Chemie mit meinem Spielpartner war toll, das hat natürlich vieles erleichtert.
Auch das ganze Team war super. Es war einfach eine sehr besondere, schöne Zeit mit viel
Witz, Leichtigkeit und Freiheit. Wir durften improvisieren, viel ausprobieren
und uns selbst nicht allzu ernst nehmen. Und genau das ist manchmal das
Schönste an einem Projekt: Wenn man mit dem Gefühl reingehen kann,
einfach spielen zu dürfen. David (Anm. d. Red.: David Dietl, der Sohn des bekannten
deutschen Regisseurs Helmut Dietl, hat Regie geführt) hat uns diesen Raum gegeben, er hat
uns vertraut und uns machen lassen. Das war ein riesiges Geschenk. Und es war definitiv
ein Projekt, das mir noch einmal bestätigt hat: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Cyte: Ich stelle mir Improvisation gar nicht so leicht vor. Man braucht ja auch eine gewisse
Chemie, um sich überhaupt öffnen zu können. Aber du liebst das, oder? Dieses
Ausprobieren, die Freiheit, das ist etwas, das du sehr schätzt.
Amelie: Total. Ich glaube, das kommt mit der Zeit, wenn man beginnt, sich in den eigenen
Impulsen wohlzufühlen. Dann entsteht Vertrauen in dich selbst, und damit
auch der Raum, mutig zu sein und Dinge auszuprobieren, selbst wenn mal
etwas völlig daneben geht. Deshalb lieben wir Schauspieler:innen die
Schauspielschule auch so sehr. Es ist der eine Ort, an dem man wirklich frei
experimentieren darf. Im Berufsalltag ist das oft schwieriger. Da geht es oft darum, „richtig“
zu sein, zu funktionieren, bewertet zu werden. Und das ist auch okay. Aber je mehr man
sich beim Drehen diese Freiheit bewahren kann, desto lebendiger wird das Spiel und desto
besser funktioniert es. Wir sind ja auch einfach nur Menschen. Und je freier ich bin, desto
mehr kann ich geben. Improvisation ist für mich eine wunderbare Möglichkeit,
mich auszudrücken. Es geht vor allem darum, im Moment zu sein, echt zu
sein, nicht zu spielen, nichts zu erzwingen.
Cyte: Das kam bei dir auch genauso rüber. Improvisation als das Gegenteil von „etwas
erzwingen“, nämlich: im Fluss zu bleiben, spielerisch zu sein. Und das bringt ja auch oft mehr Leichtigkeit und Natürlichkeit mit sich.
Amelie: Absolut. Ich dachte lange, ich kann das, also improvisieren. Aber wenn man dann
wirklich mal einen Impro-Kurs macht, merkt man, wie komplex es ist. Und gleichzeitig
ist es auch das Freiste, was man in diesem Beruf machen kann. Das ist
einfach schön.
Cyte: Lass uns von deinen vergangenen Projekten ins Hier und Jetzt kommen. Was steht
bei dir aktuell an? Ist der Sommer für dich eher eine Pause? Machst du gerade Urlaub in
New York? Oder arbeitest du an neuen Projekten? Kannst du da schon ein bisschen
verraten?
Amelie: Gerade stehen zwei tolle Dinge an, die für mich einen großen nächsten Schritt
bedeuten. Zum einen habe ich eine eigene Serie geschrieben, die ich aktuell pitche. Genau
deswegen bin ich auch hier in New York. Es ist total aufregend. Und dann drehe ich Ende
des Jahres meinen ersten Indie-Film in einer Hauptrolle. Das ist für mich etwas ganz
Besonderes, weil ich an einem Punkt bin, an dem ich solche Projekte überhaupt machen
kann. Und weil es ein Film ist, der in einem jungen Team entsteht, aus
einem echten künstlerischen Impuls heraus. Wir entwickeln das
gemeinsam, unterstützen uns gegenseitig.Das fühlt sich einfach richtig an.
Ich freue mich sehr darauf.
Cyte: Das klingt nach zwei echten Herzensprojekten. War das Schreiben schon immer
etwas, das dich interessiert hat? Oder kam das eher spontan?
Amelie: Ich habe als Kind viel geschrieben. Irgendwann habe ich aber aufgehört, wirklich
daran zu glauben, dass ich das kann. Als Schauspielerin ist man ja sehr viel mit Geschichten
beschäftigt, mit Figuren. Und nach Jahren, in denen ich viele Drehbücher gelesen habe,
habe ich angefangen zu verstehen, was Schreiben für mich bedeutet und welche Figuren ich
erzählen möchte. Also habe ich es einfach ausprobiert. So ein bisschen wie
beim Schauspiel: Ich bin reingesprungen und habe gesagt, ich mach das
jetzt einfach.
Cyte: Das ist ja oft der beste Weg. Vor allem auch bei dir. Du hast eben gesagt „wir“ –
machst du das Projekt mit jemandem zusammen?
Amelie: Ja, mit meiner Kollegin Luise Großmann. Wir haben das gemeinsam geschrieben
und sind jetzt auch zusammen hier, um es zu pitchen. Das ist definitiv nochmal eine neue
Herausforderung.
Cyte: Wie kann ich mir das vorstellen? Wie läuft so ein Pitch ab?
Amelie: Der Schreibprozess ist natürlich erstmal sehr geschützt und privat. Aber
irgendwann kommt der Punkt, an dem man das Projekt vorstellen muss und das ist eine
Seite, die ich vorher nicht kannte. Jetzt geht es darum, selbst aktiv zu werden und den
nächsten Schritt zu machen als Produzentin, als Creatorin. Das war erstmal nicht leicht, ist
aber total wichtig.
Cyte: Dann ist es bestimmt auch schön und hilfreich, das gemeinsam mit jemandem zu
machen.
Amelie: Ich bin sehr froh darüber. Wir können uns die Arbeit teilen. Und auch die
Frustration, falls es Absagen gibt. Es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn man etwas so
Eigenes und Persönliches rausgibt. Aber genauso schön ist es dann, sich auch über die
Erfolge gemeinsam zu freuen.
Cyte: Unbedingt! Ich drücke euch die Daumen, das klingt alles sehr aufregend. Magst du
noch etwas zu deinem anderen Projekt, dem Indie-Film, erzählen? Worum geht es da?
Amelie: Ich kann zumindest eine grobe Outline geben. Es ist ein sehr intensiver Film mit
einer sehr komplexen und widersprüchlichen Figur, die ich spiele. Genau das interessiert
mich. Ich darf vielschichtig arbeiten und ganz in diese Figur eintauchen, was für mich auch
ein Lernprozess ist. Der Film erzählt drei verschiedene Geschichten, die sich immer wieder
begegnen, aber dennoch eigenständig bleiben. Ich spiele in einer dieser Geschichten. Das
Ganze ist sehr „Berlin“ und auch ein bisschen provokant, worauf ich mich sehr freue. Mehr
darf ich aber leider noch nicht erzählen.
Cyte: Klingt spannend! Gibt es sonst noch ein Buch, eine wahre Geschichte oder eine
Figur, die dich so nachhaltig beeindruckt hat, dass du sagst: Das will ich irgendwann
unbedingt mal auf die Leinwand bringen?
Amelie: Oh ja, auf jeden Fall. Ich will dazu jetzt nur nicht zu viel sagen. Man weiß ja nie,
ob man es später doch macht. Aber ich habe viele eigene Geschichten, die ich angefangen
habe – aus meinem Leben, aus meiner Familie, meiner Zeit in New York. Ich lese gerade
auch wieder viele Theaterstücke. Das ist ganz toll. Das bringt mich gerade zurück zu meiner
Theaterliebe und besonders zu Stücken, die tief gehen und Figuren in Beziehungen zeigen.
Ich liebe Partnergeschichten und auch den Humor dahinter.
Cyte: Das Thema Theater schneide ich jetzt auch bei den Quickie-Fragen an – das habe ich
mich nämlich auch schon gefragt. Lass uns starten: ich stelle dir ein paar schnelle Fragen,
antworte bitte ganz spontan und denk am besten nicht zu viel drüber nach.
Was macht dich glücklich?
Freiheit.
Was macht dich richtig sauer?
Ungerechtigkeit.

Wie entspannst du dich am besten?
Musik.
Was würde deine engste Freundin über dich sagen?
Sie hat vorhin zu mir gesagt, ich sei der merkwürdigste Mensch, den sie kennt – im besten
Sinne. Ein Mix aus Purheit und etwas Seltsamen. Und dass ich das auch offen zeige. Wir
haben darüber gesprochen, wie wir auf andere wirken. Ich glaube, mein Wunsch ist es
einfach, immer authentisch zu sein.
Was war dein bisher größtes Abenteuer?
New York, meine Schauspielzeit dort.
Was wärst du geworden, wenn Schauspielerei keine Option gewesen wäre?
Ich glaube, dann hätte ich angefangen zu schreiben.
Film, Fernsehen oder Theater – was liegt dir am meisten? Wo siehst du deinen
Schwerpunkt oder auch deine Leidenschaft?
Beim Film. Das kenn ich am meisten, da bin ich Zuhause. Aber Theater ist auf jeden Fall
etwas, wo ich gerne noch mehr machen möchte.
Schreibend oder spielend?
Spielend, auf der Bühne.
Was ist deine eigene Quickie-Frage an dich?
Vielleicht: Sicherheit oder ins Ungewisse, ins Risiko, aufbrechen?
Und deine Antwort?
Risiko. Ich glaube, ich entscheide mich ganz aktiv bei allem, was ich tue, für das Risiko. In
meiner Familie habe ich gesehen, was es bedeutet, den sicheren Weg zu wählen. Ich weiß
ziemlich genau, wo ich hinwill und wo nicht. Ich vertraue mir selbst. Und ich weiß,
dass sich das Risiko am Ende lohnt.
Cyte: Was für ein schöner und passender Abschluss. Vielen lieben Dank für unser
Gespräch!

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MUSIC

Sophie Auster

IT DOESN’T END
Artist: Sophie Auster | Words: Claudia Ippen
Als ich höre, dass Sophie Auster mit ihrem neuen Album Milk for Ulcers nach Hamburg
kommt, zögere ich nicht lange, ich möchte unbedingt dabei sein. Doch schnell merke ich:
Ich kenne sie eigentlich kaum. Ein paar Songs hatte ich mal gehört, der Name war mir ein
Begriff, doch Fan war ich vor allem von ihren Eltern. Ihr Vater, der große Paul Auster, ist
im letzten Jahr verstorben. Ihre Mutter, die Schriftstellerin Siri Hustvedt, hat mit Was ich
liebte eines meiner Lieblingsbücher geschrieben. Aber Sophie? Sie habe ich erst durch die
Vorbereitungen auf diesen Abend wirklich entdeckt. Milk for Ulcers lief bei mir rauf und
runter. Eine Stimme, klar und eindringlich, die hängen bleibt. Und Texte, die unter die Haut
gehen.
Das Interview ist schnell vereinbart. Kaum angefragt, kommt auch schon die Zusage vom
Tourmanagement: ein kurzes Gespräch und Fotoshooting am Abend ihres Konzerts, direkt
im Nochtspeicher. Und obwohl der Soundcheck deutlich länger dauert als geplant, nimmt
sich Sophie im Anschluss entspannt Zeit für unser Gespräch. Dort begegnet sie mir sehr
offen, sympathisch und reflektiert. Sie spricht ausführlich über ihre neue Platte, über
Schmerz, Geburt, Verlust und die Musik als eine Form der Bewältigung. Eigentlich hatte
ich vor, das Thema um den Tod ihres Vaters nur vorsichtig zu streifen – aus Respekt vor ihr,
aber auch, weil ich vermute, dass sie oft darauf angesprochen wird. Doch Sophie geht von
sich aus ohne Scheu und mit großer Ehrlichkeit auf dieses Thema ein. Beim kurzen
Fotoshooting zeigt sich sofort ihre professionelle Seite – man merkt, dass sie schon oft vor
der Kamera stand. Diese Professionalität zieht sich auch durch ihren Bühnenauftritt: eine
stilvolle, äußerst präzise Performerin, die technisch jedes Detail beherrscht und jeden Ton
perfekt trifft.
CYTE: Your new album Milk for Ulcers feels deeply personal and intimate. How did this
specific image – milk as a remedy for an ulcer – become a central metaphor for the music
and emotions behind it?
SOPHIE AUSTER: It’s weird, because we are talking about things that are kind of
outdated. They used to say that if you burned yourself, you should put butter on it. Now
people think that’s a terrible idea. And that you should drink milk for stomach ulcers
because it coats your stomach. But apparently, that’s really bad for you. There are all these
things that used to be considered helpful, and now we have learned they are actually not.
And I decided in that moment, I’m going to call my next record Milk for Ulcers. I was with
my parents and my husband at the time. I remember Spencer [Anm. d. Red.: Sophies
Ehemann], who’s a huge 90s rock guy, was like, that’s a cool title. And then my dad said, I
don’t like it, I don’t like it. And I thought, I don’t know. But as things started to unravel in
my life [Anm. d. Red.: Paul Auster starb 2024 an Komplikationen infolge von Lungenkrebs,
Daniel Auster, Sophies Halbbruder verstarb 2022 an einer Überdosis], I realized it was
actually the perfect title. When you’re going through really difficult
times, looking for answers, you sometimes turn to the wrong
things.

And does anything really fix something that devastating? No. But things shift.
And time can make things a little easier, for sure, but it doesn’t go away. I liked the idea of
these temporary things that might make you feel better, even if they don’t fix the issue at its
root.
Auf der Bühne wirkt Sophie auf mich, im direkten Vergleich zum Interview, kontrollierter,
vielleicht sogar etwas distanzierter, beinahe unnahbar. Zwischen den Songs erzählt sie kurze
Anekdoten – ruhig, lakonisch, manchmal mit einem leicht ironischen Lächeln. Am Anfang,
nach ihren ersten Songs Heartbreak Telephone und Don’t ask me what I do, sagt sie: Being
a musician is not the easiest thing in the world. Vielleicht ist das auch der Grund für ihre
Zurückhaltung.
CYTE: You mean that some things can start a healing process, even if a complete healing
may never come?
SOPHIE AUSTER: Yeah. We live in a world where everyone’s trying to fix everything.
There are so many messages out there tellling us we can live
forever, that we can fix this or that. That we can be 25 when
we are really 45. I liked playing with that – because the truth
is, there’s no real answer for that stuff, you know?
CYTE: You experienced a lot of extremes while working on the album: grief, loss and pain,
which I don’t want to go too deeply into.
SOPHIE AUSTER: It’s out there, so I do have to talk about it sometimes, even though it’s
hard. But in a way, that’s part of how I process things. To put it out
there, to be public about grief, and to turn it into art, into
music. And I can say this publicly, too: it doesn’t end. Sometimes in your private life,
people forget. They’ll say, oh, my God, how are you? And you’re like, well, still not great,
but, I’m okay. People really do forget. A lot of people are there for you in the first month or
so, but then they go back to their lives. They forget that grief is just this long,
hard process.
CYTE: And, from personal experience, I don’t think it ever really ends. It changes in
intensity, but it never ends.
SOPHIE AUSTER: I think it’s always good to check in on people who’ve lost someone. To see how they’re adjusting to a new life, because it is a whole new life without that person.
Yeah. It’s weird.
Ein leiser, zutiefst emotionaler Moment ihres Sets: Blue Team. Ein Song über Trauer und
den Wunsch, ein moralisches Versprechen einzuhalten. Der Song ist ihrem Vater gewidmet und greift das von ihm geprägte Bild des Blue Teams auf, ein Sinnbild für Integrität und
Fürsorge. Der Text erzählt von Dankbarkeit und dem Willen, sein Vermächtnis
weiterzuführen. Er verbindet den Schmerz des Verlusts mit Hoffnung und der Kraft
gemeinsamer Erinnerungen. Sophie sagt dazu, grief stays with you like a sweater you wear
all the time. But grief changes. In diesem Moment ist sie ganz bei sich – und zeigt sich
ehrlich und verletzlich.
CYTE: And alongside the grief, you also experienced the birth of your son. Someone very
important to you left and someone very important arrived.
SOPHIE AUSTER: You’re pulled in all these different directions. You’re really happy and
really sad at the same time. It was intense. It was hard. And even little babies – they feel
everything. So I tried to protect him from me being too sad. One
thing about having a baby is that everything is so immediate. I didn’t get a lot of time to selfreflect,
if that makes sense. In a way, it was confusing and also helpful because you just
have to push through. You know that if you don’t show up for that little guy, he’s not gonna
make it. So you have to be present. You can’t tune out. In a way, having my baby saved me
during a really hard time. But it’s also exhausting. Sometimes you just want to crawl under
the covers. But somehow, I find the energy. Still, sometimes before a show, I think, no way.
CYTE: He’s with you on tour, right?
SOPHIE AUSTER: He was with me. After Germany, I’m playing a show in Mallorca and
then in Barcelona. So now he’s with his dad and my mother-in-law in Mallorca. He’s having
the time of his life. He is very well taken care of. Right now, there’s just way too much
going on. We’re doing all the driving, and he’d be in the car for too long. I think they
recommend that babies his age shouldn’t be in a car seat for more than two hours, and we’re
sometimes traveling for ten.
CYTE: Did the extremes of birth and loss change your music or how you worked on the
record?
SOPHIE AUSTER: Yeah, definitely. I’ve gone through different phases in terms of what
kind of music I wanted to make. Before all of this happened – during Covid – I was trying to
make dance music. I didn’t want to make anything too sad. I just wanted to have fun. Even
though it was a global catastrophe, I personally just wanted to escape a little. I thought
dance music would be the right move, for when we could all be back together again, go out
and celebrate. And I think it was the right move at the time. But then, going through
something so devastating and personal, I felt like if I didn’t write about it,
I’d be running away from the biggest thing happening in my
life. So I felt like there was no other way but to be honest, to write songs that sometimes
felt like private demos. I’ve had songs like that for years, but I hadn’t shared them. This
time, I just had to.
CYTE: Your songs are so personal – so much of you goes into your texts and your music. I
can imagine that it would be quite difficult to leave these themes and feelings out.

SOPHIE AUSTER: My family cries when they listen to the record. Because it directly
deals with things we’ve all been through.
CYTE: How does your family listen to your music, especially this album?
SOPHIE AUSTER: I grew up in a house where people really
listened to music. They’d sit down, close their eyes, dance, whatever – but they
really listened. They’d really take in the lyrics. My family doesn’t do a lot of background
listening. I do. I play music all the time. But the way they do it is probably the best way to
experience a record. They’ve listened to Milk for Ulcers. Not every day, but they’ve listened
to it.
CYTE: There are moments on the album full of imagery, but also full of silence. Some
songs feel very quiet. Do you write lyrics intuitively, like you have something in mind and
write it down? Or is there a more conscious process, almost like writing poetry or prose,
influenced by your parents?
SOPHIE AUSTER: That’s a a good question. I grew up reading a lot. My parents were
very critical of texts, of what made them good or not. And they were critical of me, too. I
remember showing my mother a poem in college, and she said, it’s not good. It’s really not
good. And she was right, it was terrible. I’m glad she told me. That helped me be
more direct in how I write lyrics – to be careful with what I
say. When I was younger, I think one of my big hindrances was trying too hard to be
original. I was nervous about sounding like someone else. I wanted to be different. But that
can really hinder you. As I’ve gotten older, I just don’t care anymore. I don’t care if a song
sounds a bit like another song. I’ve had to free myself. I write what feels good
and honest. I try not to worry too much. And have fun with it.
I think, if you’re honest, it’s automatically original. I think listeners
can hear that and feel it, too.
CYTE: So what’s next? Are you already thinking about what comes after this?
SOPHIE AUSTER: I’ve been thinking about it, especially in talks with the touring agency
for next year. I’ve been thinking about how I can still play melancholic themes, but maybe
with different tempos and beats. You can certainly have sad songs you can dance to. And
also I’m a mom now. I feel like my son deserves a few songs as well.
CYTE: How old is he?
SOPHIE AUSTER: He’s 16 months.
CYTE: Oh, wow.
SOPHIE AUSTER: Yeah, he’s very adorable. And an enormous flirt. He sees ladies, and he turns around and blows kisses. He’s living his best life in Mallorca with all the Spanish
ladies – naked, flirting, eating oranges, and I think his grandmother’s giving him ice cream
every day.
CYTE: Great, grandmas have to spoil!
Vor Dollar Man dann der erste politischere Moment: Bruce Springsteen said something
about the orange man. This song is about rich powerful men. Ein Satz, der im Raum hängen
bleibt. Ihre klare Haltung wird spürbar – ohne Pathos, ohne große Gesten.
CYTE: One last question, something totally different. In Germany, every morning we wake
up and read the latest news from the US and about Trump. What do you say to the current
developments in your country? I read that Bruce Springsteen has been very political and
openly anti-Trump in his recent concerts.
SOPHIE AUSTER: And now Trump doesn’t want to let him back into the country. That
just shows you what narcissists obsess over. He’s preoccupied with Bruce Springsteen. He’s
spending time tweeting about Springsteen, about Taylor Swift, saying she’s lost her looks…
CYTE: And that Springsteen has a leather face.
SOPHIE AUSTER: Springsteen is handsome, and he’s a nice guy, too.
CYTE: His team posted a topless photo of him on his Instagram, saying he has great skin,
as an answer to Trump. I don’t know, it felt a bit off. You don’t need to go there.
SOPHIE AUSTER: It’s kind of funny though, but I don’t think you should
even respond to Trump. I haven’t been saying his name really. The very
frustrated left, myself included, is looking in horror at what’s going on. I can’t believe
it’s 2025, and we’re rolling back so much progress. He doesn’t
care about science, he doesn’t care about facts. He doesn’t care
about protecting anyone. We’ll see what happens when he gets rid of Medicare
and Medicaid. Our healthcare system is already terribble, and now he’s trying to destroy the
few good parts that exist. It’s crazy. My friends and I try to focus on local elections, like in
New York. But it’s very hard and scary. All those people who voted for him, they’ll see
what’s coming. Do you know what the head of border patrol wants to do? She wants to
make a reality TV show where immigrants compete for citizenship. It’s disgusting.
It’s like Black Mirror. You know that show? It’s like these horrible, dystopian futures – and
it’s happening right in front of us.
CYTE: I know a lot of people who can’t watch Black Mirror anymore because they feel like
it’s already our reality.

SOPHIE AUSTER: I agree. It’s here. We’re living it and it’s scary.
CYTE: My biggest concern is that even the people who voted for him will continue to
support him, no matter what he does, even if it’s against their own interests.
SOPHIE AUSTER: Many Trump voters justify it by saying, it has to get worse before it
gets better. That’s not smart. Why should it get worse? Biden inherited Trump’s tax plans
and inflation. He actually managed to cap the inflation, it wasn’t his fault. It was all Trump.
Sophie Auster ist längst keine Newcomerin mehr, doch ihre Reichweite ist überschaubar:
rund 12.500 monatliche Hörer auf Spotify, etwa 26.000 Follower auf Instagram. Angesichts
ihrer wunderschönen und gut ausgebildeten Stimme, der eingängigen Songs und ihrer
jahrelangen Erfahrung überrascht das. Woran liegt es? Vielleicht daran, dass ihre Musik
eher ein reiferes Publikum anspricht. Vielleicht auch daran, dass sich – zumindest für mich
– ein Widerspruch auftut, im persönlichen Gespräch und auf der Bühne. Ich kann nicht
genau benennen, warum.
Nach dem Konzert geht sie nicht in den Backstage-Bereich. Stattdessen steht sie am Merch-
Stand, signiert T-Shirts und Taschen. Ganz nah am Publikum. Woher also dieses Gefühl der
Distanz auf der Bühne? Vielleicht gehört es einfach zu ihr. Eine Form von Selbstschutz, ein
Teil ihrer Kunst.
Dass Sophie weitermachen wird – als Künstlerin, als Songwriterin und Sängerin – steht
außer Frage. Trotz Trauer, trotz ihrer neuen Rolle als Mutter. Ich wünsche ihr, dass ihre
Musik noch mehr Menschen erreicht. Aber vielleicht ist das gar nicht ihr Ziel. Vielleicht
geht es ihr um etwas anderes: ehrlich zu bleiben, sich verletzlich zu zeigen und integer zu
sein. Eine Haltung, die an ihren Vater erinnert. Vielleicht liegt genau darin ihre größte
Stärke.
Vielen Dank, liebe Sophie Auster, für unser offenes und sehr persönliches Gespräch. Wir
wünschen dir viel Erfolg für deine kommenden Pläne, Projekte und Musik.

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ART

Thomas Dillmann

Zwischen Beton und Stromkabeln: Der stille Zauber des Thomas Dillmann

Words: Henrike Heick
Photographer: Stephan Ziehen
All artworks by Thomas Dillmann@Galerie Drees

Thomas Dillmann ist einer dieser Künstler, bei denen man zweimal hinschauen muss. Nicht etwa, weil seine Bilder so laut sind. Im Gegenteil. Sie flüstern. Farbentsättigt murmeln sie etwas über vordergründig unspektakuläre Autobahnschilder, Parkbuchten, Industriegebiete, Hauswände, Baumwipfel – und lassen dabei eine seltsame Art von Fernweh und Geborgenheit entstehen. Der Betrachter weiß nicht sofort warum, aber irgendetwas in diesen Bildern berührt. Irgendetwas ist echt. Man meint ein Foto zu betrachten und in dieses Foto hineinzuversinken. Erst Sekunden später versteht man, es ist Malerei.

In Hannover malt Dillmann in seinem Atelier. Kaum Tageslicht, Neonröhren an der Decke, es ist kühl. Außer vielen Büchern, einigen wenigen Bildern an den Wänden, einem Sofa mit Tennisschlägern darauf, gibt es hier nur Leinwände, Farbtuben und tausender winziger Pinsel. Keine Ablenkung, reine Konzentration. Er hat sich selbst eine Art Bunker geschaffen, in dem nur die Bilder zählen – und ihre Entstehung. „Mörderanstrengend“ sei das, sagt er. Ein Sechs-Stunden-Tag reicht völlig. Danach ist er körperlich erschöpft, wie nach einem Tennismatch. Die Konzentration, die Präzision, der Rücken, das Stehen – es ist Malerei, aber es fühlt sich manchmal an wie Hochleistungssport in Zeitlupe.

Dass er heute vor allem in Formaten wie 40×60 oder 30×40 Zentimeter arbeitet, liegt nicht etwa an Platzmangel, sondern an der Zeit. Die großen Werke – zwei Meter breit, fünf Monate Arbeit – schafft er seltener. Der Aufwand, die Akkuratesse, das Aushalten von Detailversessenheit: Es frisst Stunden. Und das Alter, sagt er, mache es nicht leichter. Thomas Dillmann beklagt sich nicht. Es ist eher ein nüchternes Anerkennen der Realität: Kunst braucht Zeit. Und Ruhe.

**Die Gelassenheit im Bild**

Auffällig ist, was in seinen Bildern fehlt. Lebewesen. Nur kürzlich, nach 30 Jahren, tauchte zum ersten Mal wieder ein Mensch im Vordergrund auf – eine Ausnahme. Denn was Dillmann interessiert, ist nicht das Spektakel, sondern der Raum, den der Mensch hinterlässt. Die Straße, die er gebaut hat. Die Stadt, die er sich ausgedacht hat. Die Wand, an der er Plakate klebt. Es ist ein bisschen wie in den Fotografien von Stephen Shore, den Dillmann bewundert: Der Mensch zeigt sich nicht im Selfie, sondern in der Spur, die er der Welt eingeschrieben hat.
Und auch der Betrachter sieht endlich „den Rest“ – Lebewesen in Bildern ziehen unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich, “der Rest“ tritt dabei in den Hintergrund, Dillmann geht es aber genau um diesen Rest.

So malt Dillmann das, was andere übersehen würden. Eine karge Ausfallstraße in Rom. Einen schnöden Parkplatz. Eine leere Kreuzung in Spanien. Eine verwitterte Industriehalle in der französischen Provinz. Und doch passiert in seinen Bildern etwas Merkwürdiges: Sie verwandeln das Banale in etwas beinahe Erhabenes. Er schafft es, eine immense Wirkung in jedes Bild einzumalen, eine unwirkliche Anziehungskraft. Als hätte jemand einen Staubfilm von der Oberfläche der Wirklichkeit gewischt – und man sieht plötzlich klar. Ein Autobahnschild wird zur Poesie. Ein Schatten auf einer Wand erzählt von Zeit.

**Von Hessen nach Hannover**

Geboren ist Thomas Dillmann in Hessen, in einem großen, turbulenten Elternhaus. Acht Geschwister, Großeltern im Dachgeschoss, die Tante mit Familie im Anbau. Dillmann selbst war der Nachzügler, der Kleine. Die Eltern schon etwas älter, nicht mehr ganz so streng, aber die katholische Prägung – die war da. Heute sieht er das eher mit Distanz, fast mit Verwunderung, wie sehr sich die Rolle der Kirche gewandelt hat. „Das, was Jahrtausende unsere Kultur bestimmt hat, interessiert heute kaum noch jemanden“, sagt er. In manchen seiner Bilder – ein abgelegenes Kreuz, eine Mauer, die mehr andeutet als zeigt – scheint dieser Wandel durch.

**Fotorealismus unaufgeregt**

Dillmanns Stil? Fotorealismus, ja – aber nicht mit dem Vorschlaghammer. Keine Explosionen, keine Action, kein Drama. Stattdessen graues Licht, bewölkter Himmel, Farben, die fast entsättigt wirken. Und doch: ein Zauber, der sich erst mit dem zweiten Blick erschließt. Seine Bilder fordern Geduld. Man muss davorstehen. Man muss hinsehen. Dann bemerkt man, dass eine weiße Wand gar nicht weiß ist. Dass sie in Nuancen von Grau, Ocker, Grün und Rosa atmet.

Und ja: Es ist gemalt. Nicht fotografiert. Für viele der erste Aha-Moment. Denn auf den ersten Blick wirken die Bilder wie gute Fotos – aber sieht man ein zweites Mal hin – vor allem als Original –, erkennt man die Pinselstriche, die Mühe, das Handwerk. „Ich male sehr wenig“, sagt Dillmann. Damit meint er nicht den Output, sondern die Technik: Er verbringt Stunden damit, zu überlegen, bevor er den nächsten Strich setzt. Acryl ist unforgiving. Ein zu dunkler Farbton? Kaum zu korrigieren. Ein Pinselstrich zu viel? Versaut den ganzen Himmel. Das macht vorsichtig. Und verlangt eine fast meditative Haltung.

**Reisen, sehen, festhalten**

Viele seiner Motive stammen von Reisen – nicht spektakulär, eher alltäglich. Er immer auf dem Beifahrersitz (er hat keinen Führerschein), die Kamera immer bereit, knipst er stundenlang aus dem fahrenden Auto. „Ich versuche, den Kopf auszuschalten. Wenn der Instinkt sagt, das ist interessant, dann drücke ich ab.“ Warum, weiß er oft erst später. Manchmal Jahre später. Es gibt Bilder, die lagern zehn, fünfzehn Jahre auf seiner Festplatte, bevor er sie malt. Dann, wenn die Faszination bleibt – auch ohne die Erinnerung an die Reise, an die Sonne, an den Wein.

**Der Künstler als Anti-Vermarkter**

Dillmann ist kein Netzwerker. Kein Selbstdarsteller. Keine PR-Maschine. Er hat einen Galeristen, mit dem er seit über 20 Jahren zusammenarbeitet, und das reicht ihm. „Ich bin null Vermarktung“, sagt er. „Ich will ein Bild malen, das ich bin“, sagt er. Nichts anderes. Keine Strategie, keine Zielgruppenanalyse, keine Kunstmessen-Kalkulation.

Das macht ihn zu einer Ausnahme. In einer Kunstwelt, die oft schrill und laut ist, bleibt Dillmann leise. Doch wer ihn entdeckt, bleibt hängen und will mehr von der Karkheit, der Ödnis, dem Mineralischen.

**Gegen das Vergessen: Repros**

Wenn ein Bild verkauft wird, bleibt ihm nur das Repro. Und das ist Dillmann heilig. Stundenlang tüftelt er an der Farbübereinstimmung zwischen Original und Druck. Eine Graukarte, so lange bearbeitet, bis sie perfekt ist. Dann das Bild, neu abgemischt, gedruckt, verglichen. Es ist seine Art, das Werk festzuhalten. Denn wenn ein Bild weg ist, ist es weg. Und das schmerzt.

Manche Bilder, sagt er, vermisst er wirklich. Andere lässt er gerne ziehen. „Wenn jemand ein Bild will – super.“ Nur wenn es ein Lieblingsbild ist, fällt das Loslassen schwer.

**Ein Bild wie ein Gedicht**

Einmal malte Dillmann ein kleines Bild mit einem Schild vom Autobahnring in Rom – Napoli, Roma, Ausfahrt 26. „Ich dachte, das wird nie jemand kaufen.“ Sieben Anfragen später war klar: Dieses Schild war mehr als Verkehrsinformation. Es war ein Gedicht, wie eine Germanistin später zu ihm sagte. Ein Gedicht aus Richtung, Erinnerung, Gefühl. Das Unspektakuläre wird bedeutsam, wenn es im richtigen Licht steht – oder in der richtigen Malweise.

**Zukunft und Zweifel**

Natürlich fragt sich Dillmann manchmal, wie lange das noch so weitergeht. Ob er irgendwann „ausgemalt“ ist. Leer. Fertig. Aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es Motive. Noch gibt es Ideen. Noch gibt es Träume – buchstäblich. Manche Bilder kehren in seinen Träumen wieder, tauchen auf wie Gespenster, drängen sich in seinen Kopf. Er will sie malen. Noch nicht jetzt. Aber irgendwann.