Massoumi Gallery – „Für die Messe zu groß und zu dunkel“

Artworks: Max Grote
Portraits: Stephan Ziehen

Die MASSOUMI Gallery ist ein Ort für kuratorisch anspruchsvolle Ausstellungen, die aktuelle gesellschaftliche, mediale und persönliche Themen verhandeln. Mit über 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche zählt sie zu den markantesten privaten Galerieräumen Hamburgs.

Im Mittelpunkt steht der Dialog, zwischen Werken, Künstler*innen und Publikum. Die Galerie zeigt zeitgenössische Kunst jenseits klassischer White-Cube-Formate und fördert Austausch und Zugänglichkeit. Parallel präsentierte Soloausstellungen ermöglichen ein tieferes Eintauchen in einzelne künstlerische Handschriften und eröffnen neue Perspektiven auf das aktuelle Kunstgeschehen.

Gegründet wurde die Galerie von Sahar Massoumi, Juristin und seit 2017 in der Kunst aktiv. Ihr Ziel: neue Stimmen sichtbar machen, Berührungsängste abbauen und Räume schaffen, in denen Kunst nicht nur gezeigt, sondern erlebt werden kann. Gelegen in den historischen Stadthöfen im Herzen Hamburgs, liegt der programmatische Fokus auf Künstler*innen mit kultureller Relevanz, ästhetischer Stärke und wirtschaftlichem Potenzial – insbesondere aufstrebende und mid-career Positionen.

Cyte unterhielt sich mit Sahar Massoumi, der Leiterin und Gründerin der Galerie und einem ihrer Künstler – Max Grote – über das Verhältnis Künstler/Galeristin und die Arbeiten von Max.

Cyte: Max, was war die erste Arbeit, die du gemacht hast, an die du dich jetzt noch erinnerst?

Max: Muss ich kurz nachdenken. Ich habe erst vor ungefähr dreieinhalb Jahren angefangen zu malen. Das erste war ein richtig schlimmes Bild. Ich habe eine Leinwand auf den Boden gelegt und erst mal geguckt, was kann man mit Farben machen. Und dann habe ich ein großes Skelett gemalt. War jetzt nicht so der Wahnsinn. Davon habe ich auch keine Fotos mehr.

Cyte: Übermalt?

Max: Nee, weggeworfen alles.

Cyte: Wirklich?

Max: Ja, ja. Ja, da war so dick Acrylfarbe aufgetragen, war ganz schlimm. Daraus konnte man nichts mehr machen.

Cyte: Und ist dann die technische Verbesserung durch Übung gekommen oder eher weil du angefangen hast, Kunst zu studieren?

Max: Wahrscheinlich durch Machen. Nicht durchs Studium. Ich habe einfach immer mehr Bilder gemalt. Irgendwann ging es mehr ins Detail. Nach und nach wurde es immer akademischer.
Aber so richtig geübt habe ich das nie. Es gab einen Professor von mir, der an der Weißensee unterrichtete. Er hat mir Aufgaben gestellt. Er wollte, dass ich etwas im Detail male, möglichst genau. Das habe ich zwar nicht gemacht, aber er hat immer gesagt, guck mal ganz genau hin. Das ist mir im Kopf geblieben, „guck mal ganz genau hin“. Denn es ist ja alles, beispielsweise bei einem Porträt, auf dem Referenzfoto drauf. Man muss es sich nur genau angucken.

Cyte: Die Sachen, die ich bisher gesehen habe sind formal alle super stark. In Kombination mit dem, was ich in anderen Interviews von dir gelesen habe, sind sie allerdings inhaltlich schwer zu greifen. Du lehnst es – soweit ich es verstanden habe – auch ab, sie mit einer Bedeutung aufzuladen oder zu sehr zu interpretieren. Machst du das bewusst so oder fehlt dir da die Haltung?

Max: Bewusst viel aufzuladen? Ich habe relativ simple Gedanken, die ich dann lustig finde oder ganz interessant. Das sind meistens ein, zwei Sätze, die ich in einem Bild ausformuliere. Dann ist es das, was es ist. Viele andere Leute machen viele andere Dinge. Aber für mich ist es dann nur das. Ich kann eigentlich immer sehr genau sagen, was ich da gemacht habe.

Cyte: Okay, erzähl mal.

Max: Es variiert von Bild zu Bild. Es gibt kein wirklich übergeordnetes Thema, an dem ich mich abarbeite. Ich benutze viele unterschiedliche Szenen, die dann auch fast gleich aussehen, aber trotzdem etwas anderes sind.

Cyte: Ist das dann eher intuitiv?

Max: Nein, intuitiv würde ich nicht sagen. Ich überlege mir schon vorher, was ich mache, auf meiner Leinwand. Das soll dann so aussehen, wie ich es mir vorstelle.

Cyte: Wie kommst Du zu den Inhalten?

Max: Ich recherchiere nicht speziell zu einem Thema. Es passiert aus einem Gefühl heraus. Meistens ist es sehr persönlich.

Cyte: Reicht dir das, um Relevanz zu schaffen? Um zu erklären, wo Du herkommst? Ganz viele haben Geschichten, Botschaften, Sachen, Haltungen, die sich offensichtlich oder weniger offensichtlich in den Bildern darstellen. In dem, was ich von dir gelesen habe, klingt es erstmal so, dass das für dich keine Rolle spielt. Ich fand das tatsächlich sehr erfrischend. Häufig ist es doch so, dass jemand sagt, „damit stelle ich den Weltuntergang, den Weltfrieden dar“. Man guckt sich diese Bilder an und denkt, wo denn, was denn, wie kann ich das hier ableiten. Deine Sachen wirken erstmal viel ambitionsloser, was das angeht.

Max: Was nach außen hin transportiert wird oder was der Betrachter sieht, das ist mir relativ egal. Ich habe mein Thema, das ich in einem Bild abhandle. Und es ist dann auch fällig. Ich bin erst zufrieden, wenn ich weiß, ich habe das Bild verhandelt.
Es geht nur um mich. Und das Bild, das Sahar sieht oder das Sahar relevant findet oder nicht, das ist dann nicht mehr verhandelbar. Das ist nicht mehr Gegenstand zwischen mir und dem Bild. Wenn Sahar es gut findet, dann finde ich das toll oder freue ich mich. Aber es ist nicht wichtig für meine eigene Arbeit.

Cyte: Deine Bilder haben außergewöhnliche Titel. Wie kommen sie dazu?

Max: Es gibt ein Bild das heißt, „Deine Stärken sind schon irgendwie Porträts“. Das hat Sahar irgendwann mal zu mir gesagt. Meine andere Galeristin hat mal ein ähnliches Statement gemacht. Ich fand es lustig, eine Serie daraus zu machen. Jetzt heißt ein anderes aus der Serie „Für die Messe zu groß und zu dunkel“.

Cyte: Ah. Okay. Wie ist dein Verhältnis zu deiner Galeristin, die ja in irgendeiner Form auch kommerzielle Erwartungen an dich hat, und auch nicht zu schwarze oder zu dunkele Bilder für Messen haben möchte? Behältst du dir die Freiheit vor, bei dem zu bleiben, was dir kommt? Oder kollidieren Anspruch der Galerie und eigene Freiheit miteinander?

Max: Mein Job ist es ja nur, Bilder zu malen. Was ich bis zur Ausstellung fertig habe, das habe ich dann. Damit muss Sahar leben und das was da ist, verkaufen. Wenn das zu groß und zu dunkel ist, dann sind das dennoch genau diese Bilder. Es ist nicht mein Job, es zu verkaufen.

Cyte: Ist das nicht der ewige Streit zwischen Agent/Galerist und Künstler? Der Künstler sagt, du musst die richtigen Leute finden, die meine Kunst gut finden und verstehen. Und der Galerist sagt, du musst mir die richtigen Bilder malen, die ich verkaufen kann.

Max: Ja, bestimmt. Aber davon lasse ich mich nicht so beeinflussen. Ich habe Sahar fünf Bilder versprochen und eins davon ganz riesig. Ob das ganz große Bild verkauft wird oder nicht, wer weiß. Aber Sahar bietet mir diese große Wandfläche an und die nutze ich.

Sahar: Aber es ist ja schon klar, wenn ein Bild von, sagen wir fünf, sechs Metern da hängt, ist es eher nicht für den privaten Gebrauch geeignet. Vermutlich wird es kein Verkaufsschlager. Aber ich will ja trotzdem meinen Künstler möglichst gut repräsentieren und zeigen, was er kann. Und da ist es von mir ein klares Verkaufsinteresse, so ein Format zu zeigen.
Wenn Max nur noch Fohlen malt und ich aber ein Fan von seinen Porträts bin und ich weiß, dass sie auch im Markt gut funktionieren, ist es nicht ganz egal, was der Künstler dann in der Zeit schafft. Als Galeristin wirkt man auch auf das Konzept ein und ist richtungsweisend tätig.
Ich lese den Markt, den Max in dem Fall nicht lesen kann, weil er in seiner Materie ist und seine Kreativität auslebt. Da ich den Markt lese und darüberhinaus weiß, was meine Sammler mögen, muss ich natürlich auch in deren Sinne, im Sinne der Galerie und damit im wirtschaftlichen Sinne handeln.
Aber es ist immer ein schmaler Grad zwischen „wie stelle ich meinen Künstler zufrieden, wie kann er sich möglichst zu 100 Prozent ausdrücken?“ und „wie bekomme ich diese Bilder auf den Markt und wie lassen sie sich gut verkaufen?“. Das ist eine ganz feine Linie. Es hängt sehr viel an der zwischenmenschlichen Beziehung; wie funktionieren Galeristin und Künstler im Miteinander?

Max: Das ist erstmal gar kein Streitpunkt, denn ich mache ohnehin Selbstporträts und Sahar will Selbstporträts. So geht es Hand in Hand.

Cyte: Wird im Studium dieses Verhältnis zum Agenten, zur Galeristin behandelt? Sagt man euch, dass eure Kunst, eure kreative Freiheit mit dem Interesse des Kunstmarkts konfrontiert wird und was das bedeuten kann? Oder hält man das fern von euch?

Max: Meines Wissens wird das nicht thematisiert. Es geht eigentlich nur um die Arbeit. Aber im Endeffekt mache ich Flachware, Malerei und das geht immer ganz gut im Markt und wird am meisten verkauft.
Was ich jetzt genau male, das verhandele ich mit mir selber. Ich sehe schon, dass meine Potsdamer Galeristin „so groß und dunkel“ nicht mag, aber… die Leute arbeiten ja trotzdem noch mit mir.

Sahar: Vermutlich weil wir in dir ein Potenzial sehen und eine Willenskraft und eine Neugier, dich selbst zu erforschen, Kunst zu erforschen. Zu erkennen, was ist die Relevanz, was ist die Relevanz in den Bildern? hat Max für mich sehr interessant gemacht. Als er seine Bilder vorstellte, diese vermeintlich schweren Bilder, die irgendwas Krasses aussagen müssen, die mit ganz viel Verantwortung aufgeladen werden müssen, war da diese ironische Art und Weise von Max in seinen Worten, seinem Ton. Dieser Gegensatz hat mich so interessiert, die Schwere und die Ironie dahinter.

Cyte: In den Deichtorhallen gibt es jetzt QR Codes neben den in der Regel sehr aufgeladenen Erklärtexten zu den Arbeiten. Die QR-Codes führen zu Texten in einfacher Sprache. Auf einmal ist vieles, das vorher so hochtrabend war, sehr schlicht und fast entmystifiziert. Ich finde das sehr sympathisch! Also ein bisschen wie deine fatalistische Herangehensweise, Max. Dennoch nehme ich Dir dieses komplett ambitionslose nicht ab. Außerdem braucht man manchmal als Betrachter auch ein bißchen Halt und Bezüge, um Arbeiten besser zu verstehen.

Max: Wenn ich mich zum Beispiel selber nackt male – ich hatte mal eine Essstörung, vielleicht auch immer noch, wer weiß und das wird dann eben verhandelt – mache ich Referenzphotos. Ich projiziere das Photo eins zu eins. Zu Beginn wollte ich einfach mal schauen, ob ich das überhaupt kann. Die Frage war, halte ich es aus, mich selber genauso, eins zu eins nackt zu malen? Das ist schon ein relativ ernsthaftes Thema.
Während des Prozesses fand ich dann immer Elemente in den Bildern, die es eigentlich lustig machen. Wie bei zum Beispiel Engel, die meistens disproportioniert dargestellt sind, immer ein bisschen lustig aussehen.
Es ist nur eine persönliche Auseinandersetzung über das Thema XY. Und das sind bei mir immer nur ein, zwei Sätze, die bei jedem Bild für mich da stehen. Ich könnte natürlich noch immer ganz genau darauf eingehen, was meine Referenzen sind und wo ich die Motive eventuell klaue, aber das ist ja dann nicht Teil des Themas, das ich verhandle.

Cyte: Meinst du nicht? Ich glaube, aus dem Blickwinkel des Betrachters ist es manchmal hilfreich, dass man Sachen besser einordnen kann oder verstehen kann. Ohne Hinweis stehe ich davor, hab ein düsteres Bild mit einem lustigen Titel, der gar nicht mit dem, was ich sehe korrespondiert. Die Bilder haben einen ziemlichen Impact und auch eine Schwere. Es sind keine bunten, leichten, heiteren Bilder, sondern die sagen „Guten Tag, guck mich an“. Und offenbar steckt da mehr drin als der Titel vermuten lässt. In diesem Fall eine Essstörung.

Max: Du meinst also, dass du mehr siehst, als ich mit dem vermeintlich abseitigen Titel preisgeben möchte?

Cyte: Ja.

Max: Warum? Warum glaubst du nicht, dass ich das nicht sagen würde, wenn da noch mehr wäre?

Cyte: Weil zumindest diese formale äußere Stränge, die sehr mit den Titeln kollidiert, etwas anderes vermuten lässt. Das schreit geradezu danach den Hintergrund besser zu verstehen. Versteh mich nicht falsch, ich finde das gut. Sonst würde ich mich damit nicht so lange aufhalten. Ich mag dieses Lapidare, das die Dinge haben. Auf der anderen Seite schreit alles in mir und will wissen, wieso malt der schwarze Einhörner in derart dystopischer Landschaft? Und dann heißt das Bild, „Deine Stärken sind schon die Porträts“.

Max: Ich finde das lustig. Es steckt eine gewisse Erwartungshaltung darin.
Das soll nicht überheblich klingen. Ich finde das einfach nur witzig.
Aber ja, es hat etwas Therapeutisches. Und darin sehe ich gleichzeitig die Ironie. Eine Farbstimmung zu erzeugen und diese dann aufzubrechen mit dem Thema, das da gerade verhandelt wird, das finde ich lustig. Eigentlich habe ich nur einen Riesenspaß mit der Malerei. Ich nehme die Arbeit, das Malen an sich sehr ernst. Aber ich möchte mir jetzt noch nicht den Spaß an der Malerei nehmen lassen.
Wenn ich so ein ernstes Thema, so toternst verhandeln würde, dann würde mich das nicht bereichern. Ich mache das, was mir jetzt Spaß macht. Wer weiß, was ich in einem Jahr mache. Würde mir das keinen Spaß machen, dann könnte ich auch Jura studieren. Das würde mir auch keinen Spaß machen. Da würde ich vielleicht mehr Geld verdienen. Aber das will ich nunmal nicht. Künstler ist der Lebensentwurf, den ich gewählt habe.

Sahar: Du hast ja auch ursprünglich mit was anderem angefangen und dich dann für die Malerei entschieden, hast gemerkt, es zieht dich an die Leinwand.

Max: Davor habe ich Mode gemacht. Das ist immer körpergebunden.
Das hat mir nicht so viel Spaß gemacht.

Cyte: Sahar, wie strategisch gehst Du vor, wenn Du so eine Karriere aufbaust? Welche Maßnahmen triffst Du? Wie weit beeinflusst Du auch die Künstler?

Sahar: Mein Job ist es, das Sprachrohr nach außen zu sein und Max auf dem Kunstmarkt zu platzieren. Meine Galerie ist kein Museum. Das heißt, die Galerie muss den Künstler so weit fördern, dass er weiter Kunst machen kann. Gleichzeitig muss die Galerie wirtschaftlich arbeiten. Das zu verbinden ist ein schmaler Grad. Das eine geht nicht ohne das andere.
Es ist mir wichtig, in die Köpfe reinzugucken. Die Menschen dahinter zu verstehen, Kunstschaffende zu verstehen. Eine persönliche Bindung zu schaffen. Ich sage Max immer, ich bin nicht die Person, die nur deine Bilder an die Wand hängt und verkauft.
Sondern ich bin die Experience-Partnerin. Das heißt, wir müssen ganz nah beieinander sein. Wir sind am besten ständig im Austausch, sehen, welchen Schritt der andere macht. Wir telefonieren ein- bis zweimal die Woche damit ich seine Entwicklung quasi hautnah erlebe. Mit ihm mitdenken kann.
Daraus entwickelt sich eine individuelle Strategie. Es gibt nicht die eine Strategie, in die ich alle Künstler, die ich habe, hinein modelliere. Man muss genau wissen, wo möchtest du hin, lieber Max? Was möchtest du?

Max: Ich will erstmal von meiner Kunst leben können. Ich will große Bilder malen können. Und nicht jedesmal Sorgen haben, dass bei meinem Farblieferanten meine Kreditkarte abgelehnt wird. Ich will auch irgendwann Kinder haben. Die sollen es natürlich auch nicht schlecht haben.

Cyte: Als Künstler gibt es ja drei Messarten, wie du Erfolg bzw. Relevanz messen kannst. Das eine ist, dass du halt viel verkaufst. Das Zweite, dass deine Bilder im öffentlichen Diskurs stattfinden und darüber gesprochen wird. Und dass eine Anerkennung durch Museen oder öffentliche Institutionen entsteht.

Max: Natürlich würde ich gerne in Museen hängen. An Museen verkaufen. Wer will nicht an Museen verkaufen.

Cyte: Verkaufen an Museen ist, glaube ich, ganz selten der Fall, oder?

Max: Naja, Museen kaufen ja auch an. Also, ich habe mich in letzter Zeit viel damit beschäftigt. Das gibt es!

Cyte: Meistens haben die ja zu wenig Geld.

Max: Also, ich würde einem Museum auch etwas schenken, wenn die es ausstellen würden.

Cyte: Hast du schon mal das Gefühl gehabt, dass du mit irgendwelchen Sachen, mit Bildern gescheitert bist, dass sie dir nicht gelungen sind? Übergemalt und weggeschmissen, wie das allererste, aber auch jetzt noch?

Max: Ja, ich glaube, sowas denke ich immer eher im Nachhinein. Weit in der Vergangenheit würde ich sagen, die Bilder, die sind mir nicht gelungen.
Ich hatte so große Ölkreidezeichnungen. Die habe ich Sahar gezeigt.
Dann habe ich lange überlegt, ist das ein Werk oder ein Atelierprodukt? Ich würde nicht sagen, sie seien nicht gelungen. Sie sind einfach noch nicht reif. Oder irgendwelche Studien. Vieles veröffentliche ich nicht, weil ich sage, es noch nicht fertig.

Cyte: Lässt dich das an dir zweifeln?

Max: Nö, also, mein großer Zweifel, den ich immer habe, ist die Angst, dass mir irgendwann die Ideen ausgehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich jetzt malen soll.

Cyte: Ach ja?

Max: Es bestätigt sich nicht, aber es ist trotzdem so eine irrationale Angst, die da ist.

Cyte: Leer gemalt?

Max: Ja. Aber eine gescheiterte oder nicht fertig gewordene Arbeit, die lässt mich nicht zweifeln. Es gibt im Bild manchmal etwas, das mich unzufrieden macht. Dann lasse ich es einfach eine Woche stehen und eventuell mache ich weiter.

Cyte: Wie tauscht ihr euch aus? Sahar, du sagst, dass du versuchst, einmal die Woche mit ihm zu sprechen. Tauscht ihr euch dann z.B. auch darüber aus, wie Preise gemacht werden und was du dir vorstellst für die anstehende Ausstellung?

Sahar: Max hat ja schon ein paar Bilder verkauft, es gibt schon einen Richtwert.
Aber mit jeder Ausstellung und Präsenz kann so ein Wert auch wachsen. Und ich gucke mir das natürlich sehr nah an. Am Ende ist es wichtig, dass Max sich wohl fühlt bei den Preisen, die ich vorschlage. Andererseits muss ich den Markt im Blick habe, reasonable bleiben.
Es gibt einen Marktwert oder einen Markt, der bereit ist, für die Bilder von Max Summe X zu zahlen. Wenn es um eine große Ausstellung geht, kann man immer darüber sprechen, ob man ihn anpasst, denn das ist der nächste Meilenstein eines Künstlers.
Ich bin ein Freund von organischem Wachstum. Ich setze nicht auf den Hype, denn der Fall kann danach sehr tief gehen. Das möchte ich nicht. Ich setze auf eine nachhaltige Beziehung zu Max und dabei ist es mir wichtiger, dass er seinen sogenannten kommerziellen Kunstmarktwert erhält. Der Aufbau eines Künstlers ist eine zarte, kleine Pflanze, die man wirklich gut behandeln muss. Es bringt nichts, einen Künstler zu verbrennen. Da hat Max noch viel zu viel vor sich, als dass man da jetzt ganz weit oben ansetzt. Davon hat keiner etwas.
Aber Preise sind gar nicht unser Hauptthema.

Cyte: Max, wie reagieren deine Kommilitonen? Ich könnte mir vorstellen, dass nicht jeder, der hier studiert, auch schon von einer Galerie vertreten wird und auch zu entsprechenden Preisen dann verkauft. Wie reagieren sie auf dich? Gibt es hier viel Neid oder Konkurrenz oder schottet man sich ohnehin voneinander ab?

Max: Meine Freunde freuen sich für mich. Die sehen ja auch, wie viel ich arbeite. Neid erfahre ich nicht.

Cyte: Und wenn es schon so gut läuft, wie es sich andeutet, hast du manchmal das Gefühl, dass du hier fehl am Platz bist, an der Kunsthochschule?

Max: Nö.

Cyte: Was nimmst du mit, was lernst du?

Max: An der Kunsthochschule wird einem heute nicht mehr viel beigebracht. Aber ich sehe sie schon als einen Ort, an dem ich mir auch die Freiheit nehmen kann, mich zu entwickeln. Ich muss kein Atelier finanzieren. Ich bekomme Unterhalt. Davon kann ich meine Miete zahlen. Das heißt, ich bin erstmal in einem relativ sicheren Rahmen, in dem ich machen kann, was ich will, in dem ich mich austoben kann. Das ist so, wie ich das Studium hier sehe. Ich bin nicht an so eine Markterwartung gebunden.
Wenn ich jetzt schreckliche Bilder male, die Sahar nicht mehr ausstellen will, dann ist das natürlich erstmal irgendwie blöd. Aber es ist auch kein Weltuntergang, denn ich habe kein eigenes Atelier zu finanzieren oder Kredite abzubezahlen.

Cyte: Bist du enttäuscht, dass es an der Uni nicht verschulter zugeht, du keine Techniken lernst, Input bekommst, inspiriert wirst, Dinge erfährst, wie man sich später auf dem Kunstmarkt bewegt usw.? Oder war das von vornherein nicht wichtig?

Max: Meine Erwartungen an das Studium hier, sind relativ gering gewesen. Hauptsache ich habe meinen Atelierplatz und kann malen. Das war und ist mir das Wichtigste. Damit bin ich zufrieden. Und der Professor, der meinte, „guck mal ganz genau hin“, mit dem tausche ich mich noch ab und an aus. Der hat ja auch eine Karriere gemacht. Und wenn ich Hilfe brauche oder das Gefühl habe, ich muss mich jetzt mal austauschen, dann spreche ich auch mit den Lauten hier an der Uni.
Jetzt habe ich Jorinde Voight als betreuende Professorin. Die habe ich aber nur ganz kurz getroffen. Aber sie wäre hier meine Ansprechpartnerin.
Maltechniken oder was auch immer, das kann man ja sich alles selber beibringen.
Es ist ja nicht wie vor 50 Jahren, dass man Fachwissen von Fachpersonen braucht. Es gibt für alles ein YouTube-Tutorial. Das reicht schon.

Cyte: Aber eigentlich skandalös, oder? Also, Du studierst an der HfBK und lernst Maltechniken per YouTube Tutorials?!

Max: Es gibt natürlich noch Werkstätten, die man benutzen kann.
An der Weißensee habe ich mal ein bisschen Lithographie gemacht. Da braucht man einen Werkstattleiter, der einen anleitet. Da gibt es ganz viele technische Abläufe, bei denen man erstmal eine erfahrene Hand braucht. Mit YouTube braucht man da nicht anzukommen.
Aber die Uni ist keine Malschule mehr in dem Sinne, bei der man sich an Professor XY orientiert. Es gibt ja auch keine Werkstätten mehr, wie in der Renaissance, in der man sich an seinen Meister orientieren muss. Man tauscht sich mit den Kommilitonen aus. Das inspiriert auch. Ich finde das auch sinnvoller, als sich mit Professoren auszutauschen. Die Profs sind 55, 60 Jahre alt. Das ist eine ganz andere Generation.

Cyte: Na klar, eine andere Generation, aber vielleicht wissen die halt ein paar Sachen, die du noch nicht weißt.

Max: Ja, was den Kunstmarkt und wie verhalte ich mich da, betrifft. Aber wie arbeiten die Leute, was beschäftigt die Leute, ist ja viel aktueller bei meinen Kommilitonen. Viel, viel aktueller!

Cyte: Sahar, wieviele Künstler würdest du auf die Art, wie du Max jetzt vertrittst, noch aufnehmen? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es eine Mischung. Du vertrittst Max fest hier in Hamburg. Dann hast du Künstler, die bei Dir ausstellen, für eine Show bei dir sind, die du aber nicht exklusiv vertrittst. Möchtest du mehr Künstler wie Max, die Du exklusiv vertrittst?

Sahar: Von Exklusivverträgen halte ich gar nichts. Ich finde es schön, wenn Künstler sich auch an anderen Orten in Deutschland oder wo auch immer, vertreten lassen können. Denn letztlich profitiere ich auch davon, wenn Max eine Galerie in München oder in Zürich oder sonst wo auf der Welt hat. Das ist doch schön.
Deswegen ist es meistens immer nur auf Hamburg beschränkt und es ist so viel Arbeit, dass man sich zwar mehr Künstler wünscht, die Künstler der Galerie sind, aber es eigentlich gar nicht schafft. Die Kapazitäten der Galerie sind mit fünf bis acht Künstlern ausgeschöpft.

Cyte: Max, Du hast noch in Potsdam eine Galerie?

Max: Genau, in Potsdam ist es Sandra Schindler. Mit ihr fahre ich jetzt auf die „Positions“. Außerdem transportiert sie meine Bilder und finanziert den Katalog für meine Ausstellung im Kunstraum Potsdam
Nächstes Jahr im Oktober bin ich noch in Stuttgart, in der Galerie Better Go South.

Cyte: Das war ja in der Vergangenheit durchaus anders. Da hatte eine Galerie den Künstler nach langen Ringen exklusiv und dann aber auch auf jeden Fall nur für dieses eine Land. Vielleicht sogar manchmal, weltweit, je nach Galerie.
Jetzt scheint es so zu sein, dass es variabler geworden ist. Dazu gehört doch aber auch, dass sich die Künstlerinnen und Künstler immer wieder selber darum kümmern müssen, Galerien zu finden

Max: Ich bin da ziemlich lucky. Die meisten kommen mittlerweile auf mich zu. Ich schätze mich sehr glücklich, dass das so ist. Das kommt durch Social Media, viel Instagram. Oder einfach über Gespräche, zum Beispiel der von Better Goes South, der Michi Preuß, der hat mit Sahar geredet. Darüber ist Sahar auf mich aufmerksam geworden. Das scheint sich zu fügen. Und den von Kunstraum Potsdam, den hatte ich über meine Potsdamer Galeristin kennengelernt.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich um so extrem viel Ausstellungen kümmern muss. Das Timing ist eigentlich das Wichtigste. Ich muss wissen wie viele Bilder ich wann brauche.

Cyte: Wie erlebst du das bei deinen Kommilitonen? Ist das für alle so, dass dieser Instagram-Weg unabdingbar geworden ist?

Max: Ich kenne viele Leute, die machen das gar nicht. Aber ich kenne auch niemanden, der das gar nicht macht und damit erfolgreich ist. Dank Instagram kann ich jedem Interessierten in jeder Situation mein Portfolio zeigen. Ich muss keinen Aufwand betreiben, eine Illustrator-Datei neu erstellen und dann ewig warten, bis die lädt. Ich kann das einfach so zeigen oder schicken. Das ist schon sehr, sehr praktisch.

Sahar: Das ist tatsächlich für unser Scouting auch wichtig. Es ist die erste Instanz für mich, wenn ich Künstler researche. Ich gucke ganz viel über Instagram.
Für mich ist es sehr schön, dass man durch den Feed gehen kann, durch die gesamte Historie. Ich gucke mir das erste Kunstwerk an, das jemals gepostet wurde.
Das ist für mich ein Anfangspunkt, um zu sehen, wie war die Entwicklung in welcher Zeit. Das ist eine schöne Übersicht. Wenn man es nicht komplett ausschlachtet und verkommerzialisiert, wie es leider viele Künstler tun, dann ist es eine schöne Plattform, um sich einen Überblick über eine Künstlerin, einen Künstler zu verschaffen.

Cyte: Wie ist denn dein Output? Wie viele Sachen schaffst du so?

Max: Ich versuche so im Schnitt eine Arbeit die Woche zu machen. Ja, das passt auch relativ gut.

Cyte: Vielen Dank für das Gespräch.