Kategorien
Word

Cyte#16

Cyte#16

Words: Stephan Ziehen

Langsam nervt’s wirklich! In den letzten 12 Monaten gab’s so viele Wechsel in den Modehäusern wie nie zuvor. Fast monatlich wurden Creative Direktoren ausgetauscht. Mal wegen Erfolglosigkeit, mal wegen Burn-Out, mal aus taktischen Gründen, mal aus Management Gründen. Kaum einer kann sich mehr eine kleine Durststrecke erlauben. Da können sich Häuser glücklich schätzen, die noch Inhaber geführt sind und nicht den Regeln, der übermächtigen Modegiganten unterworfen sind.
Eine Zeit lang habe ich geglaubt, diese vielen Wechsel dienten dazu, die Modekonsumenten mit ständig neuen Reizen bei Laune zu halten. Jeder Führungswechsel bedeutet eine neue Pressemitteilung, Spekulationen im Vorfeld, neue Berichte über die Marke und Neugierde auf das zu Erwartende. Vielleicht hat das auch manchmal funktioniert. Aber mittlerweile wurde der Bogen überspannt. In einer Zeit, wo vieles ungewisser wird und alte Regeln keinen Bestand mehr haben, sehne ich mich nach Verlässlichkeit und Kontinuität. Modehäuser sind mittlerweile teure Ramschläden geworden, es wird alles angeboten was sich verkaufen lässt. Von DNA und einer Marken-Identität kann man nur noch selten sprechen. Ich weiß schon, Mode lebt von Veränderung und steten Wandel. Aber so ganz ohne Sinn und Verstand, wird es schwierig für mich. Bei aller Schnelllebigkeit und dem Herausstechen aus der permanenten Reizüberflutung, sehnen wir uns doch alle nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe. Warum kann Demna nicht etwas Gucci Glam auch bei Balenciaga machen, warum wird der Ex-Gucci Eklektizismus von Allessandro jetzt bei Valentino fortgeführt und der zeitlose Valentino Chic von Pierpaolo wandert jetzt zu Balenciaga? Und warum verlassen Jack McCollough und Lazaro Hernandez ihr eigenes Label Proenza Schouler, um die Creative Direction bei Loewe anzutreten, dessen J. W. Anderson jetzt den Feminismus von Maria Grazia neu erfinden muss oder wahrscheinlich aus Dior das neue Loewe macht? Sarah Burton hat bei Givenchy schon gezeigt, wie gut sie das Archiv durchleuchtet hat und wie geschmeidig sie sich von McQueen zu ihrem neuen Arbeitgeber bzw. gleicher Arbeitgeber nur neues Label, gehäutet hat. Michael Rider löst Hedi Slimane bei Celine ab, der übrigens vorher bei Ralph Lauren war, und was Mathieu Blazzy bei Chanel bewirken wird ist auch noch offen. Aber für irgendwas wird dieses absurde Theater hoffentlich gut sein – vielleicht hilft es ja wirklich, das Interesse an der Mode wieder zu beleben und endlich die gefallenen Umsätze zu heben. Meine Sorge ist aber, das dieser Aufmerksamkeits-Booster der Häuser ein bißchen zu früh kommt, denn solange die allgemeine Stimmung so schlecht ist, wird auch durch neue Designer keiner so richtig in Kauflaune versetzt.
Wenn wir dann noch erfahren was aus Hedi, Sabato und Maria Grazia wird, dann sind wir Fashionistas wieder glücklich – zumindest bis uns das nächste mal wieder richtig langweilig ist und wir wieder mit Kaufverweigerung drohen, um wieder etwas Leben in die Bude zu bringen. Nur dürfen wir nicht glauben, das die Klamotten besser oder toller werden, die bleiben wie immer:
Mal eine Saison super cool und die nächste Saison wieder etwas schwächer, weil es am Ende immer Menschen sind, die sie sich ausdenken und daher niemals perfekt sein können oder wollen – und was heißt schon perfekt …?

P. S.:
Mittlerweile haben einige der Neubesetzungen ihre Entwürfe gezeigt und was soll ich sagen,
es ist zwar alles anders, aber wie zu erwarten, wurde das Rad nicht neu erfunden.
J.W. Anderson hat seine erste Dior Männer Kollektion gezeigt, die wirklich nicht schlecht war, aber besser oder interessanter als Kim Jones war’s nicht. Immerhin gab’s wohl über eine Milliarde Views auf allen möglichen Plattformen. Michael Riders Version von Celine war eine Mischung aus Phoebe Philo und Ralph Lauren, wahrscheinlich besser verkäuflich als die letzten Entwürfe von Hedi, aber im wesentlichen war es nur ein neuer Besen, der jetzt mal eine Weile besser kehrt.
Man kann wirklich nur hoffen, daß nach all dem Wirbel, der Wechsel sich für die ganzen Häuser auszahlt, denn die Konsumflaute bei den Luxushäusern hatte sicher nicht sehr viel mit bisher langweiliger Mode zu tun. Selbst die Reichen und Superreichen sind etwas zurückhaltender mit ihren Ausgaben geworden: Denn all die Krisen der Welt treffen auch sie und auch wenn sie ihnen nur die Kauflaune verdirbt. Vielleicht hätte man auch einmal die absurde Preispolitik überdenken können, die seit einiger Zeit um sich greift? Vielleicht wäre auch ein klares Designbild wieder hilfreich und nicht austauschbare Riesenkollektionen, bei denen von jung bis alt für jeden was dabei ist?
Aber dennoch: Es bleibt spannend, noch haben nicht alle Neuen ihre Kollektionen gezeigt …

 

Kategorien
Word

Word#15

Modenschauen als kulturelles Event

Ein neues Phänomen macht sich in der Mode bemerkbar.
Es kam relativ schleichend, ist aber mittlerweile kaum noch zu übersehen. Wenn bis vor kurzem Modenschauen nur dazu dienten, den Menschen die neuesten Mode-Ideen der Designer zu präsentieren, so opulent und beeindruckend wie möglich – Image-Pflege inbegriffen – kommt inzwischen eine weitere Komponente hinzu, die mindestens genauso wichtig ist, wie die neuesten Kleider. Modenschauen werden so etwas wie ein kulturelles Event. Ein Celebrity-Schaulaufen, wie bisher sonst nur Red Carpet-Events für Filme oder Award-Shows. Klar, prominente
Gäste gab es schon immer bei den Shows, je bekannter desto prestigereicher für das entsprechende Label. Man sah sie dann in der ersten Reihe sitzen oder nach der Show in Interviews von der jeweiligen Kollektion schwärmen. Doch jetzt sieht man in den Live Streams zu den jeweiligen Shows eine unzählige Zahl an A, B und C Promis, die komplett vom jeweiligen Label ausstaffiert zu den Veranstaltungsorten chauffiert werden und dann die letzten Meter zur Venue laufen, um sich vor einer Wand von Kamerateams photographieren und filmen lassen. Das geht zum Teil über 45 Minuten so, bevor die eigentliche Show anfängt.
Vielleicht ist das nicht komplett neu. Aber dass man dies nun als elementaren Teil des Live Streams zeigt, deutlich länger als die eigentliche Show, ist doch b e m e r k e n s w e r t.
Das Fatale ist: ich gucke mir das auch tatsächlich gerne an. Zwar mit einer Mischung aus Ekel, Erstaunen und Sensations-Lust, aber ich bleibe dran, wie ein gewöhnlicher Schaulustiger…Ich weiß nicht, ob das alles von der Mode ablenken soll oder ob das Ganze als eine Art „Finish“ zu sehen ist? So nach dem Motto, wenn die schon mal alle da sind, dann sollen das auch wirklich alle mitbekommen. In jedem Fall wird aus einer 15 Minuten Show auf einmal ein 1-stündiges Spektakel. Begierig freut man sich darauf, die Stars und Sternchen zu identifizieren und sich genüsslich über ihre Garderobe auszulassen. Was bisher nur einem ausgewählten Publikum vorbehalten war, die live vor Ort anwesend waren, ist der – mehr oder weniger – Promiflash nun auch für uns normal Sterbliche erlebbar.
Vielleicht sogar noch spannender vor dem Bildschirm, als wenn man vor Ort war und nicht so gute Sicht hatte, wie die Kameras. Lustigerweise funktioniert das momentan auch noch komplett ohne Ton und Kommentartor. Eigentlich total langweilig, es passiert ja weiter nichts. Eher wie eine Party, wo man die Leute nur vom Namen kennt und noch nie live erlebt hat. Aber eben genauso unterhaltsam.
Nach den Promis kommt die Mode. Ob die dann noch so relevant ist, hängt von der jeweiligen Kollektion ab. Aber man versteht, dass bei dem Overkill an Kollektionen, dem mode-affinen Publikum mehr geboten werden muss, als nur eine mittelmässige Auswahl an Kleidern.
Brot und Spiele!
Aus dem Laufsteg-Event mit Fokus Mode (1980er) wurde ein Spektakel mit Kult-Djs und Artistik mit Fokus Mode (2000er) um heute zu einem Promishooting mit Fokus „Promis“ und ein bisschen Mode zu verkommen – Danke Social Media!!

Aber wie konnte es so weit kommen? Was hat sich geändert in der Mode – man sagt ja, dass Mode im ständigen Wandel ist und sich permanent verändert. Ich glaube das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar haben Leute immer Geld mit Mode verdient, sehr viel Geld, aber mittlerweile sind fast alle großen Labels in Gesellschaften, die börsennotiert sind. Und auf einmal kommen ganz andere Gesichtspunkte zum Tragen. Plötzlich geht es um Shareholder Values, also was haben die Aktienkäufer von den Marken. Und das sind einfach ganz andere Kriterien als vorher, also ganz andere als eine poetisch schöne und stringente Kollektion zu entwerfen. Jetzt geht es um gut verkäufliche, möglichst billig produzierte Klamotten, die zum höchstmöglichen Preis an ein darauf zugeschnittenes Publikum verkauft werden könen. Auch die Kampagnen haben sich verändert. Es gibt eigentlich nur noch Mode-Photos vor weißem Hintergrund. Keine Ideen, kein Image – alles total austauschbar. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass es der Luxus-Mode gerade so schlecht geht. Sie ist ohne Identität, absurd teuer, bar jeder Phantasie, niemand schert sich mehr ums Image. Kurzsichtig starren die Zahlencruncher auf Effizienz und Einsparung, um ihre Zielvereinbarung des laufenden Jahres zu erfüllen, ihren Bonus einzustreichen. Koste es was es wolle.
Irgendwas stört den Konsumenten offenbar daran. Klar, es geht gerade vielen finanziell nicht gut und alles andere, was es im Leben braucht, ist teurer geworden. Da spart man halt am ehesten am 800-Euro-T-Shirt von Dior. Blöd für alle Seiten: den Konsumenten, den Aktionär und vor allem am Ende für das Label. Eine Zeitlang konnte man seine Marke noch mit großen Logo-Prints teuer verkaufen. Nachdem das nun jeder kopiert hat, will es keiner mehr sehen. Nur leider ist mittlerweile das gute Image von einst verramscht worden, der Ruf ist dahin. Welche Sau treibt man jetzt durchs Dorf?
Irgendwann muss die Tatsache, dass ich mir eine namhafte Marke leisten kann auch mit etwas mehr untermauert sein, als mit dem Namen der Marke darauf. Es war von Beginn und bleibt es bis heute: grotesk
Das scheinen allmählich einige wenige begriffen zu haben. Mögen es mehr werden!
Es wäre schön, wenn die Männer mit den Excel-Tabellen die Brücke der Labels wieder verlassen, sie hatten ihren Spaß und sind gescheitert. Gebt den Designern das Steuer zurück, denn sie wissen, was sie tun.

Kategorien
Word

Cyte#14

Irgendetwas passiert gerade mit der Mode! Schon wieder?
Ich saß neulich im Zubringerbus zum Flugzeug und neben mir hatte sich so ein schnöseliger Typ über zwei Plätze breit gemacht mit seinen Rollenkoffer plus gelb/golden gewirkter Gucci Tasche. Per se schon etwas asozial und unsympathisch einen Sitzplatz für Koffer zu blockieren, aber vor allem stieß mir diese Gucci Tasche unangenehm auf. Mein erster Gedanke war, was macht der hier? Das ist doch eigentlich der Typ Mensch, der sich mit nem Porsche Cayenne direkt zum Flieger bringen lässt und gar nicht erst zum Pöbel in den Bus steigt? Und wenn solche Schnösel jetzt schon Gucci cool finden, bin ich raus.
Ich weiß, das ist auch super arrogant und nicht weniger „schnöselig“, aber beim weiteren Grübeln fiel mir auf, dass mich immer mehr Luxusmarken abstoßen und für mich immer mehr an Begehrlichkeit verlieren. Zu laut, zu protzig, zu teuer, zu uninspiriert, zu sehr Marketinggetrieben… alles zu falsch. Auf einmal! Wie konnte das passieren?? Warum??
Szenenwechsel.
Erzählung eines Dritten: Ein Freund von mir ist mit einer Freundin auf einer Ausstellungseröffnung. Sie trägt eine Louis Vuitton Tasche – groß, auffällig, aber trotzdem noch geschmackvoll. Als sie auf die Toilette muss, bittet sie ihn die Tasche zu halten und darauf aufzupassen. Es ist ihm mega unangenehm, mit einer Luxustasche von Louis Vuitton gesehen zu werden. Aber nicht, weil die Tasche möglicherweise zu feminin ist, sondern weil Leute denken könnten, er würde sich Louis Vuitton kaufen. Irgendwie die falsche Botschaft, das falsche Image – die falsche Marke. Mir scheint das schon fast symptomatisch – die Fashionistas wenden sich von diesem ostentativen Luxus ab. Luxus fühlt sich inzwischen falsch an. Besteht er doch fast nur noch aus irgendwie zu cleveren Marketingideen, gekauften Celebrities und vor allen Dingen zu wenig Herzblut und Soul. Es ist alles überinszeniert, zu sehr auf Erfolg getrimmt, zu glatt und mainstreamig: Alles richtig gemacht und trotzdem falsch.
Ich weiß, es ging schon immer nur ums Geld, aber wenn das Produkt im Grunde nebensächlich wird, Hauptsache teuer, dann wird’s uninteressant, gähnend langweilig. Klar das ist noch nicht der Untergang der Luxusmarken, aber sie haben sich in eine Sackgasse reinmanövriert. Sie sind einfach zu groß, zu anbiedernd und auch irgendwie zu erfolgreich, um noch interessant zu sein. Es gibt nichts mehr zu entdecken, die Magie ist weg – nur noch blanker Kommerz. Sie scheinen an ihrem eigenen Erfolg zu ersticken. Bei Gucci kommen jetzt die ersten Zahlen, nachdem vor zwei Saisons Sabbato di Sarno dort angefangen hat. Und zum ersten Mal scheint die Rechnung nicht aufzugehen. Ein riesiges Minus von über ich-weiß-nicht-wieviel-Prozent. Man wollte einfach, wie schon so häufig, den Designer austauschen und hat gedacht das Produkt wäre egal. Hauptsache Gucci steht drauf, aber diesmal ging die Rechnung nicht auf.
Und da ist es wieder, das, was Mode ausmacht: das Unberechenbare, der ständige Wunsch nach Veränderung, das Unkalkulierbare. Du musst die Herzen immer wieder aufs Neue erobern und man braucht am Ende doch Identifikationspersonen, denen man auch mal eine schwächere Saison verzeiht, weil man sie mag. Aber eine kalte, kostenoptimierte Marke wird nur sehr begrenzt gemocht…
Dass die Produktmanager das Ruder übernommen haben, darüber habe ich mich ja schon häufiger aufgeregt. Doch mittlerweile scheinen die Designer genauso rücksichtslos zu werden. Nachdem John Galliano mit seiner Couture Show Anfang des Jahres dem Maison Margiela den größten Erfolg und Hype seiner Geschichte beschert hat, erwägt er zum Vertragsende das Haus zu verlassen. Natürlich kenne ich keine Interna, aber so ganz richtig fühlt sich das nicht an. 2014 übernimmt er dort den Posten als Chef-Designer, nachdem er nach seinem Rauswurf bei Dior und anschließenden Rück- und Entzug, endlich wieder auf die Füße kam. Klar, zehn Jahre sind mittlerweile eine lange Zeit in der Mode und Veränderung tut ja immer gut, aber in seinem Fall wirkt es undankbar. Abgesehen davon, dass seine Bedingungen bei Margiela nicht so schlecht gewesen sein dürften (sonst wäre eine solche Couture Show gar nicht möglich gewesen) und zukünftig wahrscheinlich noch viel weniger. Aber das Karussell dreht sich weiter und immer schneller.
Wenn eine Marke und ein neuer Designer nicht sofort performen = den Umsatz vergrößern, wird die Position schnell ausgetauscht oder der Mensch einfach entmachtet. Obwohl alle wissen, dass die Dinge manchmal Zeit brauchen, dass man nicht einfach auf Knopfdruck alles verändern kann, dass am Ende dort Menschen arbeiten, die ihr Bestes geben, aber auch ihre eigene Story haben, die sie ja auch so besonders macht, aber manchmal auch nicht so stromlinienförmig, wie ein „KI“ es sich vielleicht wünscht! Ich würde mir wünschen, dass wir alle wieder etwas gnädiger miteinander werden. Uns nicht nur am kommerziellen Erfolg messen, sondern uns auch an der Schönheit erfreuen, die Menschen (!) uns mit ihrer Arbeit geben!

Kategorien
Word

Word#13

WHAT IF….

 

Seit einigen Jahren dreht sich das Mode-Karussell immer schneller, die Zirkel der Kollektionen werden immer kürzer und scheinbar verlangt der Markt wöchentlich (!) nach Neuem. Ich rede jetzt von Designer Labels und nicht von Super-Fast-Fashion á la SHEIN und Co.

Obwohl ich versuche alle relevanten Designer Shows und Aktivitäten zu verfolgen, verliere auch ich leicht den Überblick. Es ist einfach zu viel, zu ähnlich und äääh, leider auch häufig zu langweilig. Keiner braucht das und von Ressourcen, Nachhaltigkeit etc. will ich erst gar nicht wieder anfangen. Also warum nicht einfach auf den Reset Knopf drücken und den ganzen Irrsinn stoppen?! Diese ganze menschenverachtende Maschinerie wieder auf ein erträgliches und nachvollziehbares Maß herunterfahren! Diese dunkle, hässliche Wolke, die seit Jahren über der Mode liegt, wieder vertreiben! Es wäre ganz einfach! Es gibt nur zwei große relevante Luxusgüter-Konzerne: LVHM und Kering, Monsieur Arnault und Monsieur Pinault.

Wenn die heute sagen würden, dass jedes ihrer Labels nur noch zwei Kollektionen pro Jahr zeigt, wäre die Welt auf einen Schlag ein besserer Ort. Es würden weniger Rohstoffe verbraucht, weniger Menschen sinnlos verschlissen und es wäre auch auf einmal wieder Platz für Ideen, für klare Identifikationen und eine wirkliche Marken-Identität. Dass so etwas möglich ist, hat John Galliano im Januar mit seiner Couture Show für Maison Margiela bewiesen (Maison Margiela gehört übrigens Renzo Rosso von der Diesel Gruppe). Er hat es mit seiner Show geschafft, der Mode wieder Identifikation und Wärme einzuhauchen. Man spürt die Liebe und Hingabe, die in diese Kollektion geflossen ist. Man wird in das Paris der 20er/30er Jahre versetzt mit seinen Nachtgestalten, Huren, Dieben und Gestrauchelten. Und auf einmal halten alle inne, auf einmal ist es nicht nur eine künstlich aufgeblasene PR-Maschinerie, die abgespult wird. Auf einmal ist es wieder Poesie. Ich hoffe, dass die überschwänglichen Reaktionen auch andere Labels ermutigen, wieder mehr Emotion und Wärme zu zeigen. Auch, oder gerade weil diese Show total die DNA von Galliano verkörpert und natürlich nicht durchgängig brandneu war. Aber es war die richtige Geschichte, zur richtigen Zeit, mit Hingabe erzählt. Und man gönnt John Galliano diesen Erfolg von Herzen, nachdem er vor 13 Jahren bei Dior rausgeschmissen wurde – weil er volltrunken mehrere Gäste eines Pariser Restaurants mit antisemitischen Aussagen beleidigt hatte. Am 1. März 2011 gab Dior die endgültige Trennung bekannt. Damit verlor er auch seinen Posten als Chefdesigner bei der Marke John Galliano. Galliano musste sich wegen des Vorfalls in Paris vor Gericht verantworten. Im Prozess sagte er aus, er habe unter enormem beruflichen Druck gestanden, immer mehr getrunken und Tabletten eingenommen. Am 8. September 2011 wurde er vom Pariser Strafgericht zu einer Geldstrafe von €6.000 auf Bewährung verurteilt. Galliano verklagte das Haus Dior nach seiner Entlassung auf €18,7 Millionen Schadenersatz, verlor den Prozess jedoch im November 2014 endgültig. Er wurde dazu verurteilt, Dior einen symbolischen Euro zu zahlen, ebenso der John Galliano S.A., die zwar seinen Namen trägt, aber zu Dior gehört. Der damalige französische Präsident François Hollande entzog dem Modemacher 2012 per Dekret den Titel Ritter der französischen Ehrenlegion, der ihm 2009 verliehen worden war (1).

Ich bin froh, dass er den mörderischen Mix aus Stress, Alkohol und Drogen offenbar losgeworden ist und in der Lage ist, seine Kunst mit so einer umwerfenden Show zum Leben zu erwecken.

 

 

 

 

 

PS… alle Welt redet gerade von AI. Die ersten Agenturen und Photographen präsentieren ihre mit AI generierten Arbeiten und wollen damit den Markt erobern. Vieles was ich sehe, ist entweder total glatt und perfekt, fast entmenschlicht oder zeigt Bildwelten, die es eigentlich schon immer gab, die aber bisher in der Fetischszene zuhause waren. Scheinbar ist das in der „Vorstellungskraft“ der AI-Generatoren, das denkbar Schrägste und Außergewöhnlichste, das sich von Computern (er-)finden lässt. Arme Welt! Wahrscheinlich nervt mich das deshalb so sehr, weil es einfach wieder nur eine neue Sau ist, die durchs Dorf getrieben wird und wieder irgendeinen Fortschritt suggeriert, den keiner braucht und der eher dazu beträgt, diese Welt noch schwerer zu verstehen, als sie ohnehin schon ist. Wenn die Wahrheit durch Fake News manipuliert und die Realität von AI verzerrt wird, werden wir uns bald nichts mehr glauben. Und statt ein bisschen mehr die HI zu fördern – Human Intelligence – säen wir immer mehr Misstrauen in die Welt.

Oder wie Will.i.am in einem  Interview sagte: es werden Milliarden von Dollar dafür ausgegeben um Maschinen smarter zu machen, statt ein bisschen davon auszugeben um Menschen ein bisschen schlauer zu machen und Ihnen mehr Zugang zu Bildung zu ermöglichen…irgendwie nicht so verkehrt, finde ich.

 

Quellen

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/John_Galliano

Kategorien
Word

Cyte#12

IST DIE ZEIT DER TRÄUMER VORBEI?

 

Erst Covid, dann Ukraine Krieg, Energiekrise, Inflation, Rezession, alles wird teurer.

Wo wird gespart? Bei den Kreativen, bei der Kunst, bei der Schönheit.

Werbeagenturen schließen, Photographen und Künstler leben von der Hand in den Mund.

Alle, die in diesen Branchen arbeiten, haben es gerade schwer. Klar, es gibt auch ein paar Gewinner dieser Krisen, aber um die geht es nicht in diesem Vorwort. Es geht um den Verlust an Bedeutung, um den Verlust von Anerkennung, um den Verlust unserer Lebensgrundlage.

Wie geht man damit um? Wie kann man das kompensieren? Wie kann man sich in einer veränderten Welt neu erfinden, wie kann man weiterhin an das glauben, was einen ausmacht bzw. ausgemacht hat, wenn es keiner mehr braucht oder zumindest nicht dafür bezahlen will?

Wir gehen nicht ins Büro, wir bekommen keine Aufgaben gestellt, die wir erfüllen. Wir schöpfen aus uns selbst, wir denken uns jeden Tag aufs neue aus, was wir machen. Jeden Tag stehen wir vor diesen weißen leeren Wand und versuchen sie zu füllen.

Wir sind bis zu einem gewissen Grad Einzelkämpfer. Jeder verhandelt seine Honorare allein, jeder durchlebt seine Flauten allein oder geht durch diese große Krise allein. Es wird nicht darüber gesprochen und wenn, wird es heruntergespielt.

Ich will gar nicht versuchen, die Selbstständigen zu „,organisieren“, aber ich glaube es würde schon helfen, wenn wir alle in der Branche ein wenig mehr darüber reden würden und nicht so tun würden, als wenn wir nicht gut genug und fleissig genug wären, um wenig oder keine Arbeit zu haben. Ich weiß, dass die Mode- und die Beauty-Industrie vom schönem Schein leben, aber wenn wir nicht aufhören, so zu tun als wenn alles ok ist, werden wir in Schönheit sterben.

Jeder klagt über die Verteuerung und zahlt dann doch den Preis. Nur bei uns scheint es ok zu sein, die Honorare permanent zu drücken, wir sind ja allein, da funktioniert das. Lieber für die Hälfte arbeiten, als gar nicht. Aber ist da wirklich so wenig Geld??? Eigentlich sind die Kassen bei vielen Firmen durch Corona gut gefüllt, macht die Luxus-Industrie immer noch Profitsteigerungen. Aber da wir uns offenbar daran gewöhnt haben, uns unter Wert zu verkaufen, wehren wir uns auch kaum. Wir scheinen gefangen zwischen dem Gefühl der Wertlosigkeit und dem der Überflüssigkeit.

Sich tolle Dinge auszudenken, eine Photoproduktion zu stemmen etc., das ist quasi selbstverständlich und somit wenig wert. Die grauen Buchhalter sind wichtiger geworden… siehe Monsieur Arnault, wie er bei der Louis Vuitton Show von Pharrell Williams regungslos und bleich neben Beyoncé und Jay-Z sitzt. Das schlecht bezahlte Design-Team macht die Arbeit und kreiert, Pharrell hält seinen Kopf hin und kassiert und Monsieur Arnault profitiert. Ja, ja ich weiß, das war schon immer so, aber leider wird die Diskrepanz zwischen allen Beteiligten immer krasser und wenn die Basis immer bedeutungsloser gehalten wird und in einer  immer teurer werdenden Welt ärmer wird, dann ist das halt eben nicht mehr ok!!!

Was mich bei all dem wirklich wundert ist die Tatsache, dass sich scheinbar immer mehr Leute von kreativer Arbeit, von der Modewelt und der Welt des Schönes angezogen fühlen, obwohl es immer weniger Jobs für noch weniger Geld gibt. Ich habe das Gefühl, das je mehr Menschen auf der Welt leben, desto mehr wird von allem gebraucht, weil jede Nische gehört und gesehen werden will und natürlich ihr eignes Konsumverhalten hat. Aber irgendwie geht diese Rechnung nicht mehr auf. Trotz dieses Mehr an Menschen und dem Mehr an Bedürfnissen und Begehren, bleiben immer mehr auf der Strecke und immer weniger können davon leben. Aber vielleicht klammere ich mich auch nur an alte Strukturen, die am aussterben sind und kann mich noch nicht mit den neuen Marktmechanismen anfreunden. Dennoch bleibt dieses ungute Gefühl ausgebootet zu werden. Unsere Arbeit scheint immer weniger Relevanz zu haben, als die der Buchhalter und Finanzjongleure. Irgendwie habe sie es geschafft, sich so zu positionieren, das sie wichtiger und wertvoller sind, als die Kreateure, der Produkte, die sie verkaufen.

 

Aber es ist nicht nur die Verschiebung der klassischen Medien – der analogen Welt zur digitalen Welt, die stattgefunden hat, sondern auch die Dauer unseres Begehrens hat sich verändert. Wenn man früher den zweimal jährlichen Shows entgegen gefiebert hat, wird man jetzt schon nach 2 Tagen ungeduldig, wenn man nicht etwas Neues geboten bekommt. Sowohl visuell als auch zum realen Kaufen. All die zahlreichen Designer-Labels, die es gibt, mit ihren unendlichen Unter-und Zwischen-Kollektionen, sind nichts im Vergleich zu den Ultra-Fast-Fashion Marken, wie Shein und Co. Aber irgendwann wird die Welt aus allen Nähten platzen und dann wird auch hoffentlich dieses traurige Kapitel der Modegeschichte vorbei sein.

Dass die meisten dieser „Neuheiten“ noch krasser kopiert oder recycelt sind als früher, scheint keinen zu stören. Hauptsache es sieht irgendwie anders aus als gestern. Hauptsache das Geschäft geht irgendwie weiter. Glücklicherweise ist davon nichts in Stein gemeißelt. Alles, was mir jetzt noch so bitter aufstößt, wird irgendwann vorbei sein. So wie dieser Krieg irgendwann vorbei sein wird und all diese Krisen sich wieder beruhigen. Im Augenblick müssen wir noch damit umgehen und darauf eingehen, aber irgendwann wird auch wieder ein kreativerer und mutigerer Geist herrschen – denn von dieser Veränderung schöpft sie am Ende – die Mode und auch das Leben.

 

Kategorien
Word

Cyte-11

Noma ist das bekannteste und einflussreichste Restaurant der Welt.
Vor ein paar Wochen verkündete der Küchenchef und Mitinhaber Rene Redzipi,
er werde das Restaurant Ende 2024 schließen.
Es ging ein Aufschrei durch die Foodie-Welt und seine Begründung wurde und wird viel diskutiert.

„In der Vergangenheit gab er bereits zu, es brauche immense Arbeitsstunden, um ein Angebot in Noma-Qualität zu produzieren. Diese gerecht zu entlohnen sei fast unmöglich, wenn man am Ende ein Produkt zu Preisen verkaufen wolle, die noch annähernd realistisch seien. Und das ist relativ: Für einen Restaurantbesuch im Noma muss man aktuell mindestens 500 Euro zahlen. Fine Dining sei nicht mehr machbar, sagte Redzepi der »New York Times«. »Finanziell, emotional, als Arbeitgeber und als Mensch – es funktioniert einfach nicht.« (Quelle: Spiegel online)

Zur Realität gehört auch, dass er fast die Hälfte seiner Mitarbeiter – immerhin an die 100 Personen – gar nicht, weil unbezahltes Praktikum oder nur schlecht bezahlen kann, um überhaupt wirtschaftlich zu arbeiten. Es scheint unmoralisch in dieser Welt, zu diesen Bedingungen ein Restaurant auf diesem Niveau zu betreiben, sei es auch das beste der Welt.

Dieses Ungleichgewicht, diese Verhältnisse lassen sich, fast alle, auf die Situation der meisten Designhäuser übertragen. Eine Heerschar an unbezahlten Praktikanten, schlecht bezahlten Jung-Designern, Nähern etc. halten diese Häuser mit ihrer Kreativität, Hingabe und Liebe zur Schönheit am Leben. Sie kommen freiwillig, um dabei zu sein, Teil des Kunstwerks zu sein. Sie investieren ihr Können, schlaflose Nächte und Nerven, um irgendwann den Namen des großen Meisters in ihrem Lebenslauf zu haben. Sie werden angeschrien, gedemütigt und respektlos behandelt von arroganten Designern, Stylisten und Finanziers. Jeder tritt weiter nach unten.

Da kaum noch ein Haus nicht mehr überleben kann ohne unter dem Dach eines riesigen Luxuskonzerns eingezogen (worden) zu sein (warum eigentlich nicht?) gibt es für jeden im Gefüge immer eine Instanz darüber. Selbst die federführenden Designer stehen am Ende unter der Knute der Arnaults und Pinaults dieser Welt. Nach sieben fetten Jahren gingen die Zahlen von Alessandro Micheles Gucci nach unten, nachdem man ihn und sein Team jahrelang wie ein Zitrone ausgepresst hat, war er auf einmal weg vom Fenster, eine nichts vergebende Maschinerie lies ihn sofort fallen. Einen Durchhänger darf man sich nicht leisten. Es gibt ja immer wieder einen neuen kreativen Kopf, der bereit ist, sich bis zum Umfallen ausbeuten zu lassen. Wobei „ausbeuten“ in diesem Zusammenhang relativ ist, ein Chefdesigner eines großes Modehauses kann eine bis zu sechsstellige Summe monatlich verdienen, was im Vergleich zu den anderen in einem Design-Team natürlich viel ist. Aber am Ende gibt es nur eine Person die von dem Talent von vielen Unbezahlten und schlecht Bezahlten profitiert: genau, die Arnaults und Pinaults dieser Welt. So schlimm, so normal. War ja schon immer so und ist ja offenbar in der Haute Cuisine genauso. Der Unterschied ist, dass Monsieur Arnault letztes Jahr zum reichsten Mann der Welt wurde. Und da wird die Sache für mich unschön. Ein Restaurant, das über € 500.- pro Person verlangt und nur deshalb halbwegs wirtschaftlich über die Runden kommt, weil ein Teil der Mitarbeiter nicht oder schlecht bezahlt wird, ist schon schlimm. Aber ich gehe davon aus, dass Rene Redzepi kein Multi-Milliardär ist, sondern bestenfalls Millionär – aber auch das bezweifle ich.
Dass man durch ein System der Fan-Begehrlichkeit eine Mitarbeiterriege gefunden hat, die umsonst für einen arbeitet und einen damit zum Multi-Milliardär gemacht hat, ist entweder genial oder pervers – je nach Sichtweise.
Auch für Cyte arbeiten alle umsonst, auch hier geht es nur ums Dabei-Sein, an etwas Tollem mitzuarbeiten. Der Unterschied: hier verdient keiner was, auch ich nicht. Aber wenn dieses Heft irgendwann mal ins Plus kommt, werden alle die mitmachen auch bezahlt.
Das scheint in der Welt „da oben“ überhaupt nicht denkbar zu sein.
Ich weiß, alle diese Erkenntnisse sind überhaupt nicht neu und die meisten Dinge waren schon immer so oder ähnlich (was es nicht besser macht), aber die Dimensionen haben sich total verschoben. Dieses gierige Wachsen um jeden Preis, dieses atemlose Rausschleudern von einer Kollektion nach der anderen, bloß nicht den Anschluss verpassen, jeder Trend muss bedient werden, niemals nachlassen, modern, witzig, chic, sexy, alles, alles, schneller, schneller …für was???
Damit mit wir Kreative ein paar reiche Arschlöcher chic einkleiden etc.???
All dies ist total unmoralisch und menschenverachtend und vor allen Dingen überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Die kreative Elite dieser Welt hofiert die Geld-Elite,
um ein paar finanzielle Streicheleinheiten von Ignoranten zu bekommen.
Es gefällt mir nicht! 
Aber wir lassen uns immer wieder mit unserem Glauben an die Notwendigkeit für Schönheit in dieser Welt ködern und deshalb machen wir weiter, auch ohne monetären Lohn.

Text: Stephan Ziehen

Kategorien
Word

Cyte-10

Wenn man ein Heft macht, muss man unter anderem immer wieder Themen aufspüren, Autoren finden, sich Photostrecken ausdenken und letztendlich kreativ sein.

Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist. Darüber hinaus gibt es verschiedene Ansätze, was Kreativität im Einzelnen auszeichnet und wie sie entsteht.
Das Wort Kreativität bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch vor allem die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Falsch ist jedoch die verbreitete Vorstellung, dass Kreativität nur mit Berufen oder Tätigkeiten aus den Bereichen der bildenden Kunst und der darstellenden Kunst verbunden sei (art bias). ((Quelle: Wikipedia))

Mir ist das Themen aufspüren, kreativ sein lange schwer gefallen. Bevor ich angefangen habe Cyte zu machen, habe ich es geliebt, Modezeitschriften durchzublättern und war häufig fassungslos begeistert davon, wie toll die Geschichten erdacht und inszeniert waren. Es schien mir unbegreiflich, wie man auf solche Dinge, solche Geschichten kommen konnte. Wer so etwas macht, musste unfassbar kreativ sein. Nie würde ich so etwas erschaffen können!
Es wäre anmaßend zu behaupten ich wäre inzwischen gut darin, aber ich habe gelernt, wie man eine Form der Kreativität erzeugt. Dabei ist für mich der erste und wichtigste Schritt, mutig zu sein. Ich habe gelernt absurde oder lächerliche Gedanken zu äußern und Dinge vorzuschlagen, für die ich Gefahr laufe, angespuckt zu werden. Um sein Gegenüber einzufangen, Begeisterung zu schüren, das Kribbeln im Nacken zu erzeugen, funktionieren für mich drei Dinge: sich auf Menschen einlassen zu können, zu erkennen, wie sie ticken, eine gewisse Überzeugungskraft in der Darstellung seiner Idee und ein Talent, Geschichten zu erzählen. So kann es mir gelingen, dass mein Einfall in Betracht gezogen wird. So kann es gelingen, etwas Neues oder Ungewöhnliches entstehen zu lassen. Mein Motto seit einiger Zeit: Sprich Deine bescheuertsten und schrägsten Gedanken aus!
„Wir geben den Gesichtern ein extremes Make-up, wir malen sie grün und blau an, so dass die Modelle wie Aliens aussehen!“ Manchmal hilft es, wenn man das dann noch halbwegs logisch begründen kann. Das ist dann vielleicht noch nicht wahnsinnig kreativ, aber schon ein Schritt in Richtung „anders“. Im „Aliens“-Fall geht es um die Geschichte eines Umweltaktivisten, der nachhaltige Mode designt (Cyte #9). Die grünen Gesichter, das Alien-artige stehen für das Unvermögen der Menschheit, den Planeten so zu behandeln, dass er überlebt.
Der Pariser Modedesigner Lutz Huelle sagt in unserem Interview, dass es leicht ist eine extreme Kollektion zu machen, aber wahnsinnig schwierig ist extreme Dinge zu tun, die Sinn machen und so wirken, dass man sich fragt: „Warum nicht?!“
Es scheint also Risiken zu geben beim kreativen Prozess. Man muss sich auf sein eigenes Geschmacksempfinden verlassen können und wollen.
Mir ist erst vor einigen Jahren aufgefallen, dass die meisten tollen Ergebnisse, immer durch ein Team entstanden sind, in dem die jeweils besten Köpfe ihre Ideen zusammengeworfen haben. Ich weiß, das ist so ein Standard-Ding und eigentlich zu platt, um wahr zu sein. Dazu gehört auch, dass das Ergebnis fast immer nur so gut, wie das schwächste Glied in der Kette ist. Es geht einfach nur mit guten Leuten, mit den jeweils Besten ihres Faches und es geht nur mit einem Team, das gleichzeitig ausgeglichen und homogen sortiert ist.

Eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, um Kreativität entstehen zu lassen sind eine gute Tiefenrecherche und penible Vorarbeit. Zeitreisen machen, alte Magazine und Bücher zu durchforsten, Videos anzuschauen, Musik zu hören und alles was einem gefällt, einfach merken. Man muss da keine Angst vorm Kopieren haben. Es wird immer anders, weil man einfach immer andere Voraussetzungen und eine andere Einstellung, als die Vorlage mitbringt. Ich rede jetzt nicht von normalen Alltagsproduktionen, egal in welchem Bereich, ob Modephotographie, Werbung, Design oder Mode. Ich rede von solchen Dingen, die einen berühren, einem im Kopf bleiben und die etwas bewegen. Unvergesslich für mich Steven Meisels Strecke Makeover Madness für die italienische VOGUE, 2005.
Ich weiß, solche Sachen sind momentan selten gefragt, weil alle am Ende nur verkaufen wollen und sich die Verkaufsargumente heute verändert haben. Aber wenn Begehrlichkeit nur mit niederen Instinkten, Dauer-Beballerung und Inhaltsleere erreicht werden und Poesie, Emotionen und Leidenschaft überflüssig geworden sind, werden wir alle seelisch ausbluten!
Es ist ein Zeichen der Zeit, dass es reicht, wenn nur eine Person mit genügend Followern ein Produkt in die Kamera hält und es allein dadurch verkauft. Ich möchte aber wieder verführt, berührt und bezaubert werden, sonst bekommt Ihr mein Geld nicht!
Ich glaube weiterhin an die Kraft der Kreativität. Alles fängt mit einer guten Idee an. Und je besser die ist, desto besser das Resultat – in jeder Hinsicht.
Auch eine eigene Haltung wäre nicht schlecht, wenn man sich von anderen abheben möchte – man kann es nicht allen Recht machen! Aber nur wenn man sich treu bleibt und keine Angst hat zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, können auch andere an einen glauben – vielleicht nicht alle, aber wahrscheinlich die für einen selbst Richtigen.
Momentan komme ich mir vor wie in „Momo“ dem Roman von Michael Ende, in dem die grauen Männer von der „Zeitsparkasse“ uns permanent dazu auffordern, Zeit zu sparen und alles effektiver zu machen. Bezogen auf Kreativität fühlt es sich an, als wenn alle permanent versuchen an Geld und Ideen zu sparen, um uns ihre Dinge zu verkaufen. Im Roman werden alle Menschen, die von den grauen Männern besucht werden, genau so grau, so aschfahl, so blutleer wie die Männer selbst. Während sie versuchen, Zeit zu sparen, vergessen sie, im Jetzt zu leben, das Schöne zu erkennen und das Leben zu genießen.
Ja, man kann alles geistloser und direkter und langweiliger verkaufen, aber brauchen wir nicht vor allem mehr Schönheit? Auch dieses atemlose Schnell, Schnell das immer mehr die Mode bestimmt, funktioniert für mich nicht mehr. Kaum ist die eine Saison vorbei, kommt schon die nächste Zwischenkollektion, kommt die Kollaboration mit XY. Bloß nicht zur Ruhe kommen, bloß nicht etwas mal in Ruhe wirken lassen, sich drauf einlassen. Der nächste Trend ist schon an der übernächsten Ecke. Die Männer von der „Zeitsparkasse“ geben keine Ruhe, sie kaufen Dir Deine Zeit ab, Du sollst sie bei ihnen sparen, damit Du später mehr hast – aber dieses später gibt es nicht, niemals.
Auch wenn es vielleicht noch ein bisschen dauert bis sich der Wind wieder dreht, werde ich nicht aufhören an die Schönheit und begeisternde Arbeit zu glauben und sie zu bewundern. Daher lasst uns in Ruhe an kreativen Lösungen und Ideen arbeiten. In der Mode, im Leben und für diese Welt.

Text: Stephan Ziehen

Kategorien
Word

Word#9

Was bedeutet „Mode“ für mich?

Die Dinge haben sich geändert, die Definition von Mode und Bekleidung rücken näher zusammen. Wenn früher Bekleidung nur ein nützlicher, schmuckloser Schutz vor Wetter, Schmutz etc. darstellte und Mode in Schönheit, Nutzlosigkeit und Selbstverliebtheit schwelgte, ist mittlerweile die Mode immer näher an die Bekleidung herangerückt! Warum???

Will die Mode ihre elitären Gefilde verlassen, um bei der Basis-Demokratie der Bekleidung mitzumachen? Es scheint fast so! Die Kollektionen der großen Designer-Labels sind mittlerweile fast so groß, wie die Versandkaufhäuser/Online-Shops der Bekleidung. Es gibt alles und von allem auch jede Stilrichtung: Prada hat über 50 Hosen-Modelle, da ist bestimmt für jeden was dabei. Da wird nicht mehr kuratiert oder an einem Look gearbeitet, man gibt dem Markt was er verlangt. Man möchte so viele wie möglich ansprechen, zum Preis der eigenen Markenidentität. Für ein Klientel, das einen nur noch an den großen Logo-Prints erkennt und nicht an Style, Qualität oder einer erkennbaren DNA! Muss vielleicht auch nicht sein, weil es ja wie eigentlich schon immer nur ums Geld geht. Das war früher auch nicht anders, nur mittlerweile hat man gemerkt, dass man, solange der Markenkern stark genug ist, alle Visionen über Bord werfen kann, solange man mit jedem noch so abwegigen Produkt – das übergroße Logo darf aber nicht fehlen – Geld verdienen kann. Eleganz, Feinheit und Subtilität waren gestern, heute wird laut geprotzt und der Reichtum – oder die Verzweiflung? Oder die Ideen- und Seelenlosigkeit? – mit riesengroßen Logos nach draußen geschrien.

Das elitäre Gehabe von Vogue Redakteuren, deren Diktat unumstößlich war, deren

Mode-Arroganz früher unerträglich war– aber wenigstens amüsant, wurde abgelöst von der vermeintlichen Demokratie, die durch das Votum der Influencer eingezogen ist, was aber noch unerträglicher ist. Keinen Stil zu haben ist eine Sache, aber keine Ahnung eine viel Schlimmere! Der Konsument hat schon immer an der Kasse entschieden, wofür er sein Geld ausgibt. Aber muss sein Sprachrohr jetzt auch wirklich noch „Caro Daur“ aus Seevetal sein??? Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen gemein, weil sie ja wirklich aus dem Heer der Unerträglichen herausragt und sich mittlerweile bestimmt auch ganz gut in der Mode auskennt. Aber irgendwie scheint mir doch, dass das Mode-Ruder in falsche Hände geraten ist. Vielleicht auch daher die Hinwendung zur Bekleidung?! Die war ja schon immer leichter zu verstehen und nicht so anspruchsvoll und elitär!

Öfter habe ich schon das zu viel und auch zu billig von Klamotten kritisiert und mir scheint, dass das immer größer und breiter werdende Sortiment, sowohl von Fast Fashion als auch von Designer Labels immer überflüssiger wird. Warum, für wen und zu welchem ökologischen Preis soll das alles produziert werden? Alle reden zwar von Nachhaltigkeit, fairen Herstellungsbedingungen und anderem Greenwashing-Blabla. Tatsache ist, dass solange es Kleidermüllberge in der chilenischen Atacama Wüste gibt, solange Retouren von Online bestellter Kleidung weggeworfen werden, weil es so billiger ist, solange ist gar nichts in Ordnung. Es sollten weniger Klamotten hergestellt werden und nicht ständig Gewinnmaximierung und Marktanteile, zum Preis von Umweltverschmutzung, Ressourcenmissbrauch und Kinderarbeit im Fokus stehen.

Daher waren vielleicht die elitären Gralshüter von Vogue und Co. doch nicht so schlecht, weil sie darauf achteten, dass Exklusivität auch nur durch Verknappung und Originalität zu haben ist. Ein übergroßes und identitätsloses Sortiment wird auf Dauer weder besonders begehrlich und schon gar nicht nachhaltig sein. Aus Überfluss wird halt auch schnell überflüssig…

Statussymbole gab es und wird es immer geben, aber eine fette Rolex am Arm ist mittlerweile schon fast subtil im Vergleich zu einem Valentino Daunenmantel mit riesengroßem „VLTN“ auf dem Rücken. Leise war gestern, aber das setzt sich ja in allen Bereichen fort. In der Politik, in den Medien etc. wird gelogen, geschrien und jedes Versagen als Gewinn dargestellt. Die graue Wahrheit interessiert keinen mehr, ist ja langweilig. Dabei wäre Langweile in einigen Bereichen gar nicht schlecht, wenn man sich nämlich mal etwas mehr Zeit nähme, um Dinge zu verstehen, um genauer hinter die Kulissen zu blicken und nicht nur die schnelle und kurzweilige, aber auch inhaltlich verkürzte Headline zu lesen. Ich verhalten mich häufiger selbst so, falle auf die reißerischen Ansagen rein und bin dann maßlos enttäuscht, wenn am Ende die Realität doch wieder genauso grau und normal wie eh und je ist und ich wieder nur auf ein Click-Bait reingefallen bin.

Also vielleicht mal in Allem ein bisschen runter vom Gas und genauer hingeschaut was wirklich wichtig (und schön) ist!

Kategorien
Word

Cyte-8

Es lebe die Kritik

Seit einiger Zeit geistert für mich verstärkt ein Wort durch alle Medien: das Narrativ.
Wahrgenommen habe ich es zum ersten mal in Zusammenhang mit Donald Trump.
Er hielt so lange an einer Erzählung – in seinem Fall einer Lüge – fest, bis sie geglaubt wurde. Mittlerweile steht der Begriff „Narrativ“ für eine Behauptung, die nicht weiter hinterfragt wird und als gegeben akzeptiert wird. Wieso glauben wir Dinge, solange sie uns oft genug erzählt werden und nehmen sie als wahr hin?
Haben wir jede Kritikfähigkeit verloren?
Wahrscheinlich ist das die Wirkung von schlauer Werbung. Wir finden Produkte und Marken gut, wenn sie uns geschickt oder einfach nur oft genug angepriesen werden. Egal wie gut oder schlecht sie in Wirklichkeit sind. Zwar ist es mühsam für eine Marke diesen Status zu erreichen, bis der Konsument bedingungslos alles, was unter ihrem Namen auf den Markt gebracht wird zu mögen, aber wenn sie das einmal erreicht hat, kann man über sie fast jeden Schrott verkaufen.
Warum gibt es eigentlich keine Kultur der Kritik mehr?
Wo sind die kuratierenden Instanzen, die auch offen sagen, wenn etwas weniger toll ist? Jahrzehntelang hat diese Rolle die Presse, der Journalismus übernommen. Mittlerweile berichten noch nicht mal mehr Tageszeitungen negativ über einen Autoskandal, aus Angst vor ausbleibenden Anzeigen aus dieser Branche. In der Mode ist dieses System schon seit über 30 Jahren verankert. Der Garant für eine positive Berichterstattung in Vogue, Brigitte und Konsorten sind Anzeigen. Je mehr Anzeigen einer Marke pro Heft und Saison, desto mehr redaktionelle Beiträge findet man. Da traut sich keiner mehr irgendeine Kollektion zu verreißen. Bestenfalls gibt es eine „Review“, was aber nur beschreibenden Charakter hat und niemals eine Art der Kritik beinhaltet. Ich weiß schon, dass da eine Art neue Kultur entstanden ist, die in einer sich immer weiter globalisierenden Welt, jeden sein lässt wie er möchte. Wo man offen gegenüber den Vorlieben und Andersartigkeiten eines jeden sein möchte, weil jede Meinung so gut ist wie die eigene. Dass man aufpasst, andere nicht zu verletzten oder auszuschließen.
Das elitäre System der großen Design-Häuser, bestehend aus Nichtinformation und Distanz zum Publikum, zum Kunden ist überholt, die meisten haben das verstanden.
Das ist auch in Ordnung so. Aber das muss ja nicht bedeuten, dass man nicht mehr Dinge kritisieren kann bzw. richtig blöd findet und das auch zum Ausdruck bringt. Gerade in der Mode, wo trotz Kinderarbeit, fragwürdigen Produktionsbedingungen, Umweltverschmutzung und vielen anderen Missständen, immer mehr und immer schneller produziert wird. Wo nicht nur in der Fast Fashion die Kollektionszirkel immer schneller geworden sind, kann die Design-Qualität nicht immer gut sein. Wie auch – so schnell kann man sich so viele neue Dinge gar nicht ausdenken.Entweder kopieren sich alle gegenseitig, weil niemand den richtigen Trend verpassen will, oder man wird abseitig und schräg, um sich überhaupt noch abzuheben. Aber eigentlich ist von allem zu viel da. Jede Jugendkultur, jede Nische ist geplündert. Selbst die kleinste Subkultur wird sofort kommerzialisiert. Und keiner ist da, um das zu kommentieren. Man wird allein gelassen mit einem Berg voller Klamotten. Der Markt soll entscheiden, was funktioniert oder nicht. Aber ein bisschen Licht ist am Ende des Tunnels. In der Februar Ausgabe 2020 von Harpers Bazaar sagte der Designer J.W. Anderson: „….In letzter Zeit habe ich mich intensiv mit Kritik beschäftigt. Konstruktiver Kritik wie im Ballett oder in der Oper. Uns fehlt das, denn in der Mode müssten die Brands dafür Kontrolle abgeben. Sie ist durch das Anzeigengeschäft vergiftet, weil das jegliche Wahrheit unterbindet. Eine aufrichtige Kritik kommt nicht von jemanden, der auf das Werbebudget angewiesen ist.“
Aber wie viele Labels haben das Selbstbewusstsein, sich konstruktiv kritisieren zu lassen und trotzdem nicht das Anzeigenbudget als Strafe zu kürzen? Und wer wird sich trauen, offene Worte zu schreiben bzw. zu sagen? Eigentlich müsste es im Interesse einer Marke sein auch schlecht kritisiert zu werden. Auch das bringt Aufmerksamkeit, der Leser wird sich anders mit der Marke auseinandersetzen und das Magazin wird an Glaubwürdigkeit gewinnen. Aber das dauert. Es wäre schön wenn da wieder alle an dem gleichen Strang ziehen würden. Nur, wenn auch wieder Kritik erlaubt ist und nicht durch Anzeigenbudget mundtot gemacht wird,
können wir in einer Welt mit zu viel Informationen und zu wenig Glaubwürdigkeit, wieder an Dinge glauben.

Text: Stephan Ziehen

Kategorien
Word

Word-Cyte-7

„Cyte – 7“

Das Ihr dieses Heft in den Händen haltet ist eigentlich ein Wunder!

Eigentlich dachte ich schon das die Ausgabe davor unter schwierigen Bedingungen erschienen ist, aber das war ein Irrtum. Über drei Monate Lockdown, mal light,

mal schwerer, haben das planen, organisieren und produzieren unglaublich zäh

und zermürbend gemacht. Zusagen für Interviews und Portraits wurden monatsweise verschoben und schließlich ganz abgesagt, meine eigene Energie und Motivation wurde immer weniger, aber ich wollte dieses Heft unbedingt herausbringen. Ich wollte nicht aufgeben nur weil es gerade schwierig war zu arbeiten. Vor allen Dingen wollte ich weitermachen, weil viele Dinge über die wir nachgedacht haben und die wir schon lange am Modebusiness kritisiert haben, auf ein Mal von vielen so gesehen wurde. Weil plötzlich die Einsicht da war, das es so nicht weitergehen kann – dieser Overkill von 1000 Kollektionen im Jahr, von einem zu viel von allem! Die Party ist vorbei, auch wenn einige das nicht wahr haben wollen und versuchen alte Strukturen und Rituale festzuhalten. Es war halt nur noch Business und jeder kreative Moment war nur noch da um mehr Geld zu verdienen. Nicht für die Kreativen, sondern für Geschäftemacher im Hintergrund. Jeder Trend von kühlen Zielgruppen- Analytikern zu tote geprüft, jeder Verkaufsschlager von der Konkurrenz gnadenlos kopiert.

Und jetzt Stillstand, Burn-Out, Pleite. Auf einmal ist es nicht mehr Mode, sondern nur noch Bekleidung und die braucht nicht mehr diese Überinszenierung, sie ist es schlicht nicht wert. Vielleicht erleben wie auch gerade wie sich der Kapitalismus

selbst erledigt und sein Versagen eingesteht. Was stattdessen kommt, weiß ich nicht, aber es muss nicht zwangsläufig schlechter sein, als wie es bis vor kurzem war. Miuccia Prada und Raf Simmons wurden in einen online Q+A von Modestudenten befragt, wie Luxusmarken mit der immer grösser werdenden Armut in der Welt umgehen, wie ihre Stellung dazu ist. Die Antwort war dürftig, man sei sich des Dilemmas und der Probleme bewusst und versucht Möglichkeiten zu schaffen. Aber reicht dieser Versuch? Selbst das bestimmt verhandene kritische Bewusstsein

einer Frau Prada und eines Herrn Simmons täuschen nicht über das Unwohlsein hinweg, was sie befällt in Anbetracht des Dilemmas in dem die ganze Branche steckt. Ein immer schneller drehendes Rad an Kollektionen, Produktionsmethode die kaum besser waren als bei den Fast Fashion Herstellern und weil dies alles nicht mehr genügend Käufer fand, mussten neue Zielgruppen her. Nachdem jahrzehntelang kaum ein Schwarzes Model auf dem Laufsteg, geschweige denn in einer Kampagne zu sehen war, gab es plötzlich kaum ein anderes Casting. Alles nur „Black lives matter“ Sympathie? Ich glaube kaum, vielleicht hatte man endlich eine neue Zielgruppe gefunden…!

Aber es gibt auch ein bisschen Licht. Durch die Pandemie entstanden auf einmal neue und kreative Formen der Kollektionspräsentationen, aufregende Rauminstallationen bei Fendi, kleine filmische Meisterwerke wie bei Celine

oder liebevoll gebastelte Marionette bei Moschino inkl. der wiedererkennbaren Frontrow. Leider hat es aber kaum einer geschafft aus der klassischen Catwalk Situation herauszukommen. Die Mode tut sich schwer damit wirkliche Geschichten zu erzählen, die filmisch auch Sinn machen und nicht nur pathetisch sind (siehe Dior). Modenschauen und Mode-Shooting lassen viel offen, da muss nur die Pose stimmen, die Geschichte bleibt meist nur fragmentisch und das reicht. Im Film kommt man nicht so leicht davon. Aber vielleicht soll die Mode auch nur die Oberfläche, die Fassade sein und die Geschichten müssen wir erfinden und leben.

Ich hoffe das wir bald wieder rausgehen können um Geschichten zu erleben und um das Leben zu feiern.

Text: Stephan Ziehen