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Else

Else
Katharina Zorn & Jasna Fritzi Bauer
Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2025, 270 Seiten

Words: Henrike Heick

U4-Text:
„Else lebt auf den ersten Blick ein normales Familienleben der Sechzigerjahre. Doch sie hat mehr als nur ein Geheimnis …
Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer erzählen in ihrem fulminanten Debütroman auf berührend-unterhaltsame Weise von einer stillen Emanzipation und einem Ausbruch aus einer gesellschaftlich vorgezeichneten Rolle.“

Das Cover zeigt eine junge Frau auf dem Fahrersitz eines Mercedes, die einen – Achtung – kess-verschmitzt über die Schulter anlächelt.

Klappentext:
„Else ist eine Frau, die wir von all ihren Seiten kennenlernen dürfen: als sudetendeutsches deportiertes Kind, bei ihrem sozialen Aufstieg, der angeblich nur ihrem Ehemann Willy zu verdanken ist, und bei ihrer emotionalen Emanzipationsreise, als sie entscheidet einen Taxischein zu machen. Sie fährt uns stolz, fein und modern durch die Frankfurter Nächte der Sechziger- bis Achtzigerjahre und parkt uns in einer berührenden Szenerie an der Côte d´Azur, wo sie mit ihrer Enkelin auf eine letzte große Reise geht.“


Was soll ich sagen.
Es gibt Debütromane und es gibt Debütromane.
Ich habe schon viele unbefriedigende Debütromane gelesen, aber ich habe mehr zufrieden stellende, hoffnungsvolle Debütromane gelesen. Im Rückblick und nach diesem Debütroman, rücken von den unbefriedigenden noch einige auf die Seite der zufrieden stellenden, hoffnungsvollen.
„Fulminant“ ist an diesem wirklich gar nichts.

Das Gute ist schnell geschrieben: Ich mag die Geschichte!
Ich mag Else, wie sie sich traut, wie sie alles am Laufen hält, ihre feinsinnige Starrköpfigkeit, ihre trotzige Eigenständigkeit, ihre wohl temperierte, wohl dosierte Solidarität mit ihrem Mann, ihren klirrenden Verstand, ihre Integrität und ja, ihre Geheimnisse. All das während Ehemann Willy sich abmüht, ein respektierter Mensch zu sein, sein verkürztes Selbstwertgefühl mit Tennismatches im lokalen – in den Sechzigern chauvinistisch angelegten – Tennisclub und Ausflügen in das Frankfurter Rotlichtmilieu unter Beweis stellend.
Der Sprung zurück in die Sechziger, Siebziger, Achtziger gelingt. Beim Lesen fließen durchs Hirn die Filme, Erzählungen, die Farbigkeit und der Geruch jener Jahrzente. Dazu braucht es überhaupt gar nicht die den Kapiteln zur Seite gestellten Filme, die über QR-Codes auf dem elektronischen Gerät abspielbar sind – wer will beim Lesen eines Buches sein Handy anschalten? Sie stören den Lesefluss und zerstören die Phantasie, die sich beim Lesen einstellt. Meine Else, mein Willy und die gesamte Szenerie sehen anders aus. Also mich stört diese Krücke, ich stelle sie in die Ecke.
Und ehrlich gesagt: QR-Codes? Ohne Worte.

Das nicht so Gute an diesem Debüt – ich wünschte, es bliebe bei diesem einen Roman – lässt sich ebenfalls schnell schreiben: Die Sprache ist nicht auszuhalten. Sie ist deshalb nicht auszuhalten, weil jedem Fünftklässler und jeder Fünftklässlerin ein himmelschreiendes Unrecht widerfährt, dass ihnen für ihr Aufsatz über das Leben ihrer Großmutter kein anständiges Honorar gezahlt wird, mit dem sie ihr Haus auf Mallorca ein kleines bisschen gemütlicher machen können.
Vielleicht handelt es sich um irgendeinen besonderen Stil, einen besonders seltenen Stil, den die beiden Autorinnen – und das Lektorat hat sie offenbar darin bekräftigt – sich nach nervenaufreibender Recherche und langen, genauso nervenaufreibenden Diskussionen angeeignet haben, um dem Roman einen einzigartigen Touch zu geben?
Ich wünschte, sie hätten es gelassen. Nur wegen des Stils, habe ich mich durch die Seiten gequält. Denn wie oben erwähnt, die Geschichte ist gut.

Liebe Kiepenheuer & Witsch, das könnt Ihr besser.
Ob Frau Zorn und Frau Bauer es besser können?
Bitte, lasst Euch nicht aufhalten.
Aber ich muss es nicht herausfinden.

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Seepferdchen

Seepferdchen
Ein Portrait von Andrea Grill
Naturkunden Nr. 95
Matthes & Seitz, Berlin, 2023
144 Seiten

Words: Henrike Heick

„Vogelkunde“ und „Pilzkunde“ waren Bücher, die wir – meine Geschwister und ich – uns als Kinder stundenlang angucken konnten. Also ich zumindest. Und ich behaupte, meine Geschwister taten das auch. Vielleicht auch nicht. Ich habe unerhört wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Überhaupt ist mein Erinnerungsvermögen recht eingeschränkt. Ich bin immer wieder total beeindruckt, wenn Menschen um mich herum Geschichten aus ihrer (oder meiner!) Vergangenheit sehr plastisch und detailreich erzählen. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, ob Seepferdchen sich erinnern. Dabei habe ich das Buch eben erst gelesen. Die einzige Entschuldigung, die ich dazu habe: mein Fokus lag nicht auf „Haben Seepferdchen Erinnerungen?“. Aber da war etwas mit Erinnerungen/Seepferdchen. Der Hippocampus in unserem Hirn, bzw. die zwei Hippocampen. Ihre Struktur ähnelt der Form kopfloser Seepferdchen (lat.: Syngnathus hippocampus). Taxonomiert im 16. Jhd. vom Anatom Julius Caesar Arantius, aus Venedig. Sie sorgen unter anderem für den Transfer von Inhalten vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis, sie speichern Erinnerungen.
Ich habe mir noch nie vorher Gedanken über Seepferdchen gemacht. Warum auch. Ich tauche nicht, hatte und wollte nie ein Aquarium und Monogamie unter Tieren hat mich auch nie besonders getriggert. Manche Menschen interessiert Monogamie unter Tieren sehr. Mich nicht. Ich sah einfach das Buch in einem neuen Buchladen bei uns um die Ecke und fühlte mich angezogen. Vollkommen irrational, ohne Bezug.
Und da bin ich nun, bei den Seepferdchen.

Es ist ein Büchlein aus der Reihe Naturkunden. Jeder Band konzentriert sich auf ein Tier oder ein Gewächs. Allesamt sind wunderschön illustriert – paradiesische Zustände für Cover-Käufer und Menschen, die gerne Bücher als kleine Aufmerksamkeit verschenken. Aber eben auch für Leser, die sich einen kurzweiligen und dabei fundierten Einblick über eine Spezies erhoffen.
Von Spinne, Eidechse, Wespe, Esel, Luchs und Elefant zu Birke, Kaktus, Tanne und Nelke und der Arten noch viel mehr. Naturkunden ist eine Bereicherung für jedes Bücherregal.

Im Falle des Seepferdchens lernt man:
Carl von Linné beschreibt als erster offiziell das Seepferd, 1785 in Uppsala. Er nennt es Syngnathus hippocampus, „pferdeähnliches Meereswesen“.
Heute verzeichnet die Wissenschaft 57 anerkannte Arten.
Es unterliegt dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES von 2004 – nach jahrelanger Lobbyarbeit des „Project Seahorse“, einer Initiative der kanadischen Meeresbiologin Amanda Vincent.
Es ist ein Fisch, genauer, ein Strahlenflosser – im Gegensatz zu Fleischflosser, zu denen Landwirbeltiere und auch der Mensch gehören.
Es überlebt nur in Salzwasser – in Zeiten, in denen man Seepferdchen noch zuhauf in der Brandung fand, nahmen Menschen sie mit nach Hause und setzten sie wie Goldfische in ein Behältnis mit Süßwasser. Sie wunderten sich, dass die armen Wesen das nicht länger als einen Tag durchhielten.
Es hat Knochen, keine Knorpel (Hai).
Es kommuniziert mittels „Klicken“ und „Knurren“ oder „Schnurren“. Das Klicken entsteht durch Pulsieren der Schwimmblase oder durch Bewegung der Schädelknochen. Das Knurren oder Schnurren – je nach Gemütslage – durch Muskelbewegung bzw. Vibration.
Es hat weder Gebiss noch Magen. Es saugt seine Nahrung mit einem „plopp“ ein und verdaut die Nahrung sofort. Das bedeutet auch, dass es immerfort essen muss, um nicht zu verhungern.
Es ist ein Meister der Anpassung. Das millionenjahrelange Überleben verdankt es seiner rasanten Anpassungsfähigkeit an jeglichen Lebensraum.
Es verbreitet sich durch Meeresströmung und gelangte so und gelangt weiterhin an die verschiedensten Enden der Welt – und passt sich an.
Es paart sich mehrere Male je Saison; auf der Nordhalbkugel geht die Saison von Mai bis September, auf der Südhalbkugel von September bis Mai. Rund um den Äquator, in tropischen Gewässern könnten sie sich theoretisch über das ganze Jahr hinweg fortpflanzen. Logisch.
Das Weibchen produziert 60 bis 2.000 Eier und bugsiert diese beim Paartanz – die Schwänze wickeln sich umeinander – in die Brusttasche des Männchens, das währenddessen Sperma abgibt, so dass sich Sperma und Eier bestenfalls begegnen und gemeinsam in der männlichen Brusttasche landen.
Je nach Wassertemperatur gebiert das Männchen die millimetergroßen Jungen nach zwei bis vier Wochen mittels teils tagelanger Kontraktionen.
Seepferdchen sind ab der ersten Sekunde auf sich selbst gestellt, die Brutpflege fällt aus.
Statistisch gesehen überleben von 1.000 Jungen 5.
Das Seepferd ist aus Mangel an Alternativen (!) monogam.
Die Verteidigung des Seepferds besteht im Verschwinden. Es passt sich seiner Umgebung an. Nur geübte Augen finden es zwischen den Seegräsern, Korallen oder auf dem Meeresgrund.
Seepferdchen gibt es auch in der Nordsee!
Auf Seemännisch heißt Seepferd „Ringelnatz“ – Joachim Ringelnatz ist der Künstlername ebenjenes Dichters, der sich nach seiner Schiffsjungenzeit nach dem Glücksbringer der Seefahrer, dem „Ringelnatz“ (= Seepferdchen) benannte.
Der erste Feind des Seepferds ist das Seepferd selbst: die meisten verhungern schlicht.
Der zweite Feind des Seepferds ist der Mensch: sein Lebensraum wird durch Schleppnetze, die den Meeresboden rasieren, zerstört; es endet als Beifang; es erstickt am Müll, den der Mensch in die Ozeane kippt; Pestizide küstennaher Landwirtschaft vergiften es; Es wird zu Medizin verarbeitet. Beliebt gegen Impotenz, aufgrund seiner angeblich strikten Monogamie. Obwohl es strenge Beschränkungen gibt, ist der illegale Handel mit getrockneten oder als Mehl und Staub (TCM, Homöopathie) verarbeiteten Seepferdchen nicht aufhaltbar (Impotenz!).

Das sind nur einige wenige Merkmale, die das Seepferd beschreiben und einen sehr verkürzten Einblick geben, in die kurzweilige aber überaus aufschlussreiche Lektüre dieses Bands. Und was der obigen Auflistung vollkommen abgeht, ist die Leidenschaft und Faszination mit der Andrea Grill – passionierte Schnorchlerin – sich für das Seepferd einsetzt. Wie wichtig das Seepferd für den Lauf der Welt ist, was seine Abwesenheit für die Welt bedeuten würde. Wie wichtig es ist, dieses Wesen zu schützen und es nur gerecht wäre, das Seepferd für das, was der Mensch ihm antut, zu entschädigen.
Sie streift den kulturgeschichtlichen Hintergrund der nicht in Übermaß vorkommenden aber wenn dann leidenschaftlichen Liebe der Menschen zu den Seepferdchen. Wer sich einmal eingehend mit ihnen beschäftigt hat, kommt nicht wieder von ihnen los. Das gilt für die europäische Oberschichten im 19., 20. Jahrhundert wie auch für native Völker auf uns fernen Inseln. Erstere interessierten sich für die Seepferdchen am Rande mit wissenschaftlicher Neigung, mehrheitlich aber aus dekorativer Lust und gesellschaftlichem Prestige. In England kamen in den 1850ern Aquarien in Mode und man traf sich im Londoner Regent´s Park im Fish House der Zoological Society zum Seahorsewatching. Native Völker, wie beispielsweise auf den Philippinen, lebten sehr lange sehr gut von ihrem Verkauf, wussten aber genau aus diesem Grund sie zu schützen und ihren Lebensraum zu erhalten.

Es ist ein Genuss auf so leichte und illustre Weise etwas über Wesen zu lernen, von denen man weiß, dass sie existieren, aber nicht, dass sie so wertvoll sind und dass das Wissen um sie eine Bereicherung ist.
Schützt die Seepferdchen!
Lest Naturkunden!

„Für die Erde als Gesamtheit sind wir Menschen nicht wichtiger als Plankton.“ Und wir richten sehr viel mehr Schaden an als Plankton.

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Breath

„Breath – Atem“

James Nestor

Words: Henrike Heick

In meinen letzten zwei Berlin-Jahren, während ich hyperengagiert in einer hippen Start-Up-Content-Bude arbeitete und mich sehenden Auges in einen Burn-out katapultierte, folgte ich einem Freund, der, aus anderen Gründen zwar, aber nicht minder zielstrebig ebenfalls einem Burn-out immer näher rückte, aber zum Glück doch schon erkannt hatte, dass man dagegen etwas tun muss und kann, in einen Atemkurs. Ich tat es eher aus einer Mischung aus Mitgefühl, Höflichkeit und auch etwas Kalkül, er hatte etwas sehr Ansprechendes, der Freund, der hotte.
Ich begab mich einmal wöchentlich in die Räumlichkeiten eines nach kaltem Schweiß und abgeranztem Gummi müffelnden Kampfsportclub, um tiiiief zu atmen, durch die Nase. Durch die Nase ein, durch den Mund aus. Oder rechtes Nasenloch ein, linkes Nasenloch aus und andersherum. Hoch in die Brust. Runter in den Bauch. Nach hinten in den Rücken … Wir saßen wohl immer eine Stunde so da, im Sitzkreis, auf verschwitztem Gummiboden und lauschten den Atem-Anleitungen meines Freundes und dem Atem der anderen. Ein bisschen wie beim Yoga, wo man neidisch ist, wenn die Mattennachbarin die Yogi-Atmung, die Ujjayi-Atmung, so inbrünstig beherrscht, dass man sie sogar in der letzten Reihe noch hört …wie gesagt, neidisch …
Heute kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich den Atem-Kurs zu wenig wertgeschätzt habe. Mir war zwar aufgefallen, dass ich etwas entspannter schlief und ich für diese eine Stunde Sitzkreis den Job in die hintersten Windungen meines Bewusstseins schieben konnte, aber das hielt mich letztlich nicht bei der Stange. Auch der hotte Freund nicht. Der Nimbus verflüchtigte sich mit den Atemübungen.
Nun bin ich zurück bei meinem Atem – ganz ohne Burn-Out-Gefahr – und lese wie verrückt das Buch ATEM von James Nestor. Ich bin gar keine Sachbuch-Type und ich kann auch nicht so recht erklären, weshalb mir dieses Thema, dieses Buch ins Auge sprang. Allein das Wort ATEM hat offenbar ausgereicht. Vielleicht, weil der Atem existenziell ist. Vielleicht, weil ich keine 20 mehr bin, mein Körper mir Grenzen aufzeigt und mir die Sorge um seinen Erhalt entsprechend notwendiger erscheint. Vielleicht, weil ich denke, dass uns die Natur alles gegeben hat, um gesund und froh zu sein und wir einfach über die Jahrhunderte hinweg verlernt haben, uns auf uns und unsere Fähigkeiten, unsere Natur zu verlassen. Atmen passiert von selbst. Aber wir können beeinflussen, wo und wie der Atem fließt und erfahren so, was das mit uns macht.
Das Buch hat mich unmittelbar mit der ersten Seite gepackt. Und es wird mich voraussichtlich bis zur letzten Seite tragen. Auch wenn ich gerade erst in der Mitte des Buches bin, möchte ich es dennoch empfehlen, denn es liest sich leicht wie ein Roman – zu Teilen aufwühlend wie ein Krimi. Die populärwissenschaftliche Herangehensweise macht es mir einfach per se (für mich) sehr komplizierte Sachverhalte auf Anhieb zu verstehen … eventuell bin ich als Sachbuchlaie auch sehr schnell zu beeindrucken. Was solls. Es hilft. Ich nähere mich der Welt der Sachbücher. Ich hoffe, wir haben alle etwas davon.
James Nestor ist Amerikaner. Er ist Journalist, er schreibt unter anderem für die New York Times. Und er ist Taucher. Sein Interesse, sich mit dem Atmen zu beschäftigen liegt also näher als meins. Aber nicht jeder Taucher geht derart ins Detail wie James Nestor, vermute ich. Was uns verbindet ist der Grund, sich einer Atemkursgruppe anzuschließen. Bei ihm heißt es „Ich sollte meine versagenden Lungen stärken, mein zerfahrenes Gemüt beruhigen, vielleicht eine neue Perspektive gewinnen.“ Das hört sich wie „sehr nah am Burn-Out“ an, finde ich. Seine Atemkurs-Erfahrung ist zu Beginn etwas skurriler und zum Ende hin viel beeindruckender als meine – er ist einfach der bessere Erzähler. Merke, schon aus diesem Grund lohnt sich das Buch!
Er nennt all jene Experten und Forschenden, mit denen er sich über Jahre hinweg zum Thema Atem austauscht, deren Bücher, Abhandlungen, Essays, Bilder, Videos, Skizzen er konsultiert, Pulmonauten (lat. pulmonis > Lunge). Er begibt sich in die Evolutionsgeschichte unserer Welt, in vorchristliche Zeitalter, springt durch die Jahrtausende und Jahrhunderte und findet überall Nachweise für Interesse und Erkenntnisse zum Atem, zu Atemtechniken, zu Riten und medizinischen Errungenschaften.
Es ist beeindruckend, wie wenig Aufmerksamkeit dem Atem heute in unserem Gesundheitswesen zuteilwird. Zumal wenn man so unaufgeregte Sätze liest wie
„… Wenige dieser Forscher (Anm. d. R. zuvor präzisiert der Autor: „Forscher an den Universitäten Harvard und Stanford“) hatten sich ursprünglich mit Atmung befassen wollen, aber sie stellten fest, dass sie es nicht vermeiden konnten. Sie fanden heraus, dass sich unsere Atemfähigkeit im Laufe der langen menschlichen Evolutionsgeschichte verändert und unsere Atemtechnik sich seit Beginn des Industriezeitalters beträchtlich verschlechtert hat. Sie entdeckten, dass 90 Prozent der Menschen – darunter wahrscheinlich ich, Sie und fast jeder den Sie kennen – falsch atmen und dass dieser Fehler eine lange Liste chronischer Krankheiten entweder verursacht oder verschlimmert.
Immerhin nicht ganz so deprimierend ist, dass einige dieser Forscher auch zeigen konnten, wie viele moderne Krankheiten – Asthma, Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität, Schuppenflechte und andere – gemildert oder sogar überwunden werden können, wenn man nur lernt, anders ein- und auszuatmen.“
Im Laufe des Lesens erfahre ich noch von vielen weiteren ungesunden Zuständen, die mit bewusster, und wenn man so will, richtiger Atmung verhindert oder gelindert werden können. Es ist kein Zauber dabei, keine höhere Kraft, keine Wesen, keine „Zuckerkügelchen“. Hier will niemand etwas verkaufen – ich habe damals je Sitzung fünf Euro für die Miete des Kampfsportraumes beigetragen und jetzt 24 Euro für das Buch ausgegeben … eventuell gebe ich noch etwas mehr Geld für weitere Bücher zu diesem Thema aus oder schaue einfach Youtube-Videos an – jeder Mensch atmet und wie man es richtig macht, ist nicht so schwer. Ich brauche kein Outfit dafür, kein Equipment, keine Nahrungsergänzungsmittel. Ich habe meine Nase, meine Lunge, meinen Körper und etwas frische Luft findet sich auch. Wobei zu bedenken ist, dass es nicht nur um Sauerstoffzufuhr geht. Der Körper braucht auch ganz dringen Kohlendioxid! Dazu gleich mehr.
Zu Beginn geht es wie gesagt um einen Atemkurs, den Nelson besucht. Er leitet dann über zu seinem ersten Selbstexperiment, dem er sich zusammen mit Anders Olsson aus Stockholm, einem ehemaligen IT-Unternehmer, der inzwischen der angesehenste Atem-Therapeut Skandinaviensist, aussetzt: zehn Tage reine Mund-Atmung. Das bedeutet, Pfropfen in die Nase, Tag und Nacht. Allein die Vorstellung löst bei mir Unwohlsein aus, obwohl ich erst seit zwei Tagen darauf achte, ob ich bitteschön durch die Nase atme, den Mund zu! Als Kind hat man mir immer mal wieder gesagt: Mach den Mund zu, Dein Herz wird kalt. Es hat immer gewirkt. Der Unterkiefer klappte unmittelbar hoch. Bei Nelson und Olsson wird nicht das Herz kalt, zumindest wurde das nicht dokumentiert, aber viele andere nicht angenehme Dinge stellen sich ein.
Mit dem Kapitel „Langsam“ nähern wir uns dem Konzept „weniger führt zu mehr“ und Nelson beschreibt die physiologischen Vorgänge, denen der Atem und damit alle mitgeführten Moleküle und Stoffe auf seinem Weg durch unseren Körper ausgesetzt ist, was wo passiert und warum es sinnvoll ist, zwar langsam aber nicht immer so besonders tiiiief zu atmen. Die schwere, tiefe Atmung entzieht dem Körper Kohlendioxid, das er braucht, um Energie zu erzeugen. Viel hilft nicht immer viel. Im Gegenteil. Und das ach so schadhafte Kohlendioxid, macht im Körper vieles Gute, ganz entgegen seines allgemeinen Rufs. Nach „Langsam“ kommt „Weniger“ und es schließt sich dem Langsam an. Wieder wird das Kohlendioxid erwähnt. Es geht um reduzierte Atmung und wie diese Atemtechnik zum Beispiel Sportler:innen hilft, ihre Leistung zu steigern oder Asthmatiker:innen, ihren Alltag ohne Atemnot und eine dadurch ausgelöste Panik zu bewältigen. Der gesunde Wert des Kohlendioxidspiegels liegt bei 5,5 Prozent. Diesen zu halten ist das Ziel auch bei der Behandlung vieler anderer Befindlichkeiten.
Ich tue mich schwer zu schreiben, dass das richtige Atmen Krankheiten heilen kann. Das schreibt auch James Nestor so nicht, er zitiert verschiedene Wissenschaftler, Mediziner, Forscher, die davon berichten. Aber ich bin schon nach den ersten Seiten des Buches überzeugt, dass es Sinn macht, sich mit seinem Atem zu beschäftigen, ihn zu beobachten, zu regulieren und das ein oder andere Experiment – beispielsweise langsame Nasenatmung beim Sport oder über Nacht ein leichtes Pflaster über den Mund kleben, um nicht unkontrolliert durch den Mund zu atmen – zu wagen.
Neben dem Unterhaltungswert, der in Nestors Schreibstil und seiner Bereitschaft, sich absurden Selbstversuchen auszusetzen, begründet liegt, lernt man wirklich etwas! Ich übertrage eine Beschreibung, die ich gerne bei Romanen verwende und die meistens positiv gemeint ist: es ist sehr dicht. Und ich mag dichte Bücher, sie geben mir ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit, sie vermitteln eine Konstante.
Bei einem solch existentiellen Thema wie dem Atem, ist das vermutlich eine wichtige Eigenschaft.
Lesen!

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Books#13

Eigentum
Wolf Haas
Roman Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München, 2023
160 Seiten

Als ich nach dem Buch „Eigentum“ griff, dachte ich, es handle sich um eine sozialkritische, unsere aktuelle krisenhafte Zeit beleuchtende, nach Haasscher Manier pointiert bittersüße Abhandlung. Ich war interessiert. Ich denke selbst seit geraumer Zeit über Eigentum nach und wie schwierig sich die Umsetzung in unserer, meiner Welt gestaltet.
Weit gefehlt – bis auf das „pointiert bittersüße“. Die ersten beiden Absätze leiteten auf eine andere Spur, auf eine gute, auf die ich mich sofort einließ und ihr gerührt, laut auflachend, mit leidend, mich an meine Eltern erinnernd und mit viel Wärme in der Brust folgte.

Belügt man etwa seine demente und voraussichtlich nicht mehr lang lebende Mutter – nicht wissend, dass sie zwei Tagen später tatsächlich sterben wird – nur, um ein wenig mehr Spass zu haben? Um den Besuch im Altenheim etwas interessanter zu gestalten? Wen darf man überhaupt belügen, selbst wenn es eher als ein zärtliches Auf-den-Arm-Nehmen interpretiert werden kann? „Konnte man Auf-den-Arm-nehmen nicht als lustige Schwester von in-den-Arm-nehmen gelten lassen?“.

„Nur Dein Vater hat einen Schnupfen.“

Worum geht es in dieser Sache konkret: Wolf Haas besucht seine an Demenz erkrankte, fast fünfundneunzig jährige Mutter im Altenheim. Sie bittet ihren Sohn, ihre Eltern anzurufen, um ihnen mitzuteilen, dass es ihr gut geht. Die Tatsache, dass es ihr plötzlich gut ginge, nachdem er sein Leben lang gehört hatte, dass es ihr nicht gut ginge, verleitet ihn vermutlich dazu, dieses seicht ungehörige Spiel mit ihr zu treiben – und sich selbst damit ein Bein zu stellen. Wohl wissend, dass die Eltern nicht auf einen Anruf reagieren konnten, weil schon sehr lange tot, ja, zu ihrer Zeit wirklich kein Festnetztelefon ihr Eigentum nennen konnten, berichtet Herr Haas seiner dementen Mutter am darauffolgenden Tag, von seinem Gespräch mit ihren Eltern. Und wie soll es anders sein? Es gehen die Pferde mit ihm durch. Trotz eindringlicher Selbstermahnung nicht zu dick aufzutragen, und sich schlicht an knappe Fakten wie „liebe Grüße zurück, ihnen geht es auch gut.“ zu halten, schmückt er die Antwort aus: „Ich hab angerufen. Liebe Grüße von allen, es geht ihnen auch gut. Nur Dein Vater hat einen Schnupfen. Aber er ist schon auf dem Weg der Besserung.“ (…) „Den Schnupfen hätte ich mir wirklich sparen können. Ich war ein unbeherrschter Mensch. Diese schlechte Eigenschaft hatte ich von ihr. Jetzt kam die gerechte Strafe.“
Denn was folgt ist das, was die Mutter am besten beschreibt: rührend strenges Sich-Sorgen um die Lieben, immer mit einem Ton des Vorwurfs und dieser noch mit einem doppeltem Boden versehen, der es nicht einfacher macht, das Mitgefühl, die Zuneigung und Liebe, die eigentlich dahinterstecken, zu erkennen.

Mutter: „Weil er nie aufpasst!“
(…)
Mutter: „Hat er Husten auch?“
Sohn:„Nein nein. Er ist eh schon auf dem Weg der Besserung.“
(…)
Mutter: „Hat er Halsweh auch?“
Sohn:„Nein, gar kein Halsweh. Nur ein bisschen Schnupfen. Und der ist auch schon vorbei.“
Mutter: „Bestimmt hat er sich in der Werkstatt verkühlt.“
(…)
Mutter: „Brennnesseltee“
Sohn:„Was?“
Mutter: „Einen Brennnesseltee soll er trinken, wenn er verkühlt ist.“
Sohn: „Er ist eh schon auf dem Weg der Besserung“
Mutter: „Das sagst Du immer! Bin eh schon auf dem Weg der Besserung. Und dann schnupfst Du wieder wochenlang.“

Diese Situationsbeschreibung gibt nur einen sehr kleinen Einblick in die Mutter-Sohn-Beziehung, die den gesamten Roman aus- und so wahnsinnig lesenswert macht. Wolf Haas erzählt das von Leid, Entbehrungen und ewigen Sorgen geprägte Leben seiner mit sich selbst und allen anderen sehr strengen aber nicht humorlosen Mutter anhand – das macht den Stil so besonders – seiner Gespräche mit ihr während ihrer letzten zwei gemeinsamen Tage. Die Gespräche werden von seinen Ergänzungen, der Geschichte seiner Familie, Anekdoten aus seiner Kindheit, Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, seiner eigenen Geschichte begleitet und bringen mich trotz der immer wieder durchklingenden Schwere so zum Lachen, dass mir die Tränen kommen. Und das schafft Wolf Haas, ganz ohne sich auf einen schmalen Grad zu begeben. Man könnte ja meinen „Oh je, er macht sich über seine im Sterben liegenden Mutter lustig, amüsiert sich auf ihre Kosten!“ Oder „Ach je, muss man so zynisch sein, um den Verfall der eigenen Mutter zu kompensieren?“ Im Gegenteil, es sind so voller Liebe gespickte Seiten, es ist ein am Leben der Mutter so Anteil nehmender Bericht, dass es anrührt und mein Bedürfnis nach „unterhaltsamer Lektüre“ zu 100% erfüllt.

„Eine platzsparende Feuerbestattung kam nicht in Frage.“

Aber warum eigentlich dieser Titel „Eigentum“? Die Mutter – sie hieß Marianne, kürzte sich aber seit jeher selbst mit „Mar.“ ab – ist ihr Leben lang bestrebt, Eigentum zu erwerben. Haas nennt es ihr „Lebensprojekt“. Trotz größter Anstrengungen und einer gewissen Strategie folgend, gelingt es ihr nicht. Widrige Umstände verwehren ihr diesen Plan immer aufs Neue. In erster Linie die verfluchte Inflation: „Und dann ist die Inflation gekommen und das Geld war hin“. Sie sprach so oft über das wie und warum des Eigentumsbeschaffens, dass Haas schon im Kleinkindalter wusste, wie wichtig es ist, auf Eigentum hinzuarbeiten. „Die drei Phasen des Bausparvertrages (Sparphase, Zuteilungsphase, Darlehensphase) hielt ich für einen Kinderreim. Die Berechnung der Bewertungszahl beherrschte ich im Schlaf. Als ich in die Volksschule kam, war ich bereits Professor für Inflationstheorie.“
Ihren Wunsch nach Eigentum nimmt Haas mit, bis nach ihren Tod: es geht um die Frage der Bestattung. Traditionelle Erdbestattung? Zeitgemäße Feuerbestattung (nachhaltiger, ressourcen- und platzsparender)? „Eine platzsparende Feuerbestattung kam nicht in Frage. Unsere Mutter, die ihr Leben lang auf den ersten Quadratmeter hingespart hatte sollte ihr schlussendlich auf immerhin 1,7 Quadratmeter angewachsenes Grundstück voll ausnützen. Die 1,7 Quadratmeter in bester Lage standen ihr zu, platzsparende Konzepte sollten andere umsetzen.“

Auf den gerade mal 160 Seiten kommen Haassche Gedanken zu Sprache nicht zu kurz. Sei es ein Ausflug zur Tractatus-Nummerierung, der ausgedehnte Kommentar der „dreisten Selbstermächtigung“ seiner Mutter, ihren Namen auf Mar. abzukürzen, die Pedanterie seiner Mutter, Sachverhalte zu präzisieren, obwohl sie sich aus dem KONTEXT ergaben, sich dem Wort Beileid in seinen Einzelteilen und seiner Bedeutung zu widmen … das sind nur wenige und vielleicht noch nicht mal die besten Beispiele, die – ich sage es erneut – dieses Buch so lesenswert machen.
Lesen!

Words: Henrike Heick

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T.C. Boyles

T.C. Boyle

Blue Skies

Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren

Roman – Cli-Fi

Hanser Literaturverlage, Gebundene Ausgabe, 2023, 400 Seiten

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel Blue Skies bei Liveright Publishing Corporation, W. W. Norton & Company, New York

 

Wäre ich eine „gestandene Feministin“ würde ich den Roman boykottieren. Gegebenenfalls den Autor – aber ich lese zum ersten Mal T.C. Boyle, daher erlaube ich mir keinen Rundumschlag und schiebe meinen aufwallenden, nicht beständigen Unwillen beiseite.

Zur Erläuterung dieses Intros: die zwei Frauen, die neben den drei Männern, die Hauptprotagonistinnen sind, werden als naiv, einfältig, frei von jeglichem beruflichen Ehrgeiz und finanziell abhängig von ihren Ehemännern gezeichnet. Man kann das alles ironisch oder auch zynisch betrachten – je nach Stimmung in meinem Fall. Ein Fakt, der mich gnädig stimmt und es humorig macht: die Männer kommen auch nicht so richtig smart rüber. Jeder wie er kann, go with the flow … mich würde eine männliche und brennend eine non-binäre Betrachtung interessieren > bitte an: mail@cytemagazin.de – aber bitte nur, wenn es wirklich von vorne bis hinten durchgelesen wurde.

 

 

„Kalifornien brennt und Florida geht unter“

 

 

Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft: Kalifornien verdorrt und verbrennt, Florida lebt im ewigen Hurrikan und versinkt dazu noch im Meer. Florida trifft es augenscheinlich härter, denn es kommen Dauerregen und eine waschküchenartige Luftfeuchtigkeit hinzu, die wiederrum Fäule provoziert, die einen beißenden Gestank, egal ob drinnen oder draußen, zur Folge hat und – zusammen mit den Termiten – die die edlen Holzhäuser zum Einsturz bringt. Versicherungen zahlen schon lange nicht mehr. Was für Aussichten. Da hilft es auch nicht, wenn wir jetzt anfangen CO2 zu sparen … Gerade gestern, 2.8.2023, war Earth Overshoot Day, Erdüberlastungstag. Deutschland hatte seine Ressourcen in diesem Jahr schon am 4. Mai 2023 aufgebraucht, USA am 14. März 2023, China immerhin erst am 2. Juni 2023 – Jamaika gewinnt mit 20. Dezember 2023. Aber ich vermische die Dinge und komme ab vom Buch.

Also Kalifornien brennt und Florida geht unter. Cat kauft sich eine Schlange, einen Tigerpython, während ihr Verlobter Todd seinen Tesla auf Hochglanz polieren lässt – trotz oder gerade wegen des ständigen Regens und der Flut. Keine Sorge, er hat selbstverständlich eine Rampe, auf die der Tesla jeden Abend gefahren wird, damit das Salzwasser, bei Flut, die Karosserie nicht angreift.

Also während Todd sich um sein Auto kümmert, kauft Cat sich einen kleinen Tigerpython. Er wird erst später auf fünf bis sechs Meter heranwachsen – und Unglück über Cat und Todd bringen. Cat kauft ihn sich ein bisschen aus Langeweile und ein bisschen – nein, rein aus Langeweile. Todd will (noch?) keine Kinder und Cat will Influencerin sein. Mit einer Schlange geht das sogar noch besser als mit Kindern. Eine Schlange kann man sich um den Hals legen und sie verleiht der Influencerin einen mystisch-animalischen Flair. Todd ist Barcadi-Botschafter, ist sehr viel unterwegs, auf Partys, meist umschwärmt von Frauen, denen er erklärt, welcher Rum womit am besten schmeckt. Cat trinkt am liebsten Mojitos, den ersten meist mittags. Neuerdings mit Willie, dem Python, wahlweise im Dekolleté schlängelnd oder im Schoß liegend. Selfies knipsend selbstverständlich. Alles für die treuen Follower. Es handelt sich um Willie I.

 

„Sie rettet jedes Insekt vor dem Ertrinken in ihrem Pool“

 

Cats Bruder Cooper lebt in der Nähe der Eltern in Kalifornien. Also der Landesteil, der vertrocknet und verbrennt. Cooper ist der Bugboy, der Käferjunge. Seit Kleinkindtagen folgt er allem, was kreucht, fleucht und fliegt. Insekten und damit deren Lebensraum sind seine Berufung. Er ist Entomologe. Er ist der Mahner, der Aktivist. Was Cat an Leichtigkeit und Gelassenheit versprüht, trägt Cooper als schwere Last und inneren Groll mit sich durch die Welt. Das potenziert sich, als er den rechten Unterarm durch einen Zeckenbiss verliert. Ausgerechnet eine Zecke. Eins der Lebewesen, deren Entwicklung und Einfluss auf die Welt er erforscht – bzw. seine Freundin (dies nur als Anmerkung fürs Protokoll. Lies selbst).

Ottilie ist die Mutter von Cat und Cooper. Sie lebt die klimatische Veränderung, folgt Coopers Mahnungen, seinem „Der Planet stirbt, seht Ihr das nicht?“ und versucht sich so klimaneutral und -bewusst wie irgend möglich zu verhalten. Sie rettet jedes Insekt vor dem Ertrinken in ihrem Pool. Sie pflanzt Wolfsmilchgewächse an, da diese besonders wichtig für den Erhalt der Monarchfalter sind, widmet sich dem Bienenvolk, dass Cooper ihr mitbringt und legt sich eine Grillenfarm zu, Eiweiszufuhr, Fleischersatz. Zwar sterben die Grillen ihr regelmäßig weg und auch die Bienen überleben es nicht. Aber das liegt nicht an mangelnder Pflege, ein weltweites Insektensterben greift um sich. Plötzlich ist die Welt still. Nur der Wind oder – je nach Standort – der Regen rauscht.

 

…“auf einem anderen Planeten, einem gesunden, von Menschen unberührten Planeten“

 

 

Neben dem nahenden Weltuntergang gibt es dann noch die menschlichen Dramen. Schlangen brechen aus Terrarien aus, Babys sterben – hier hat Willie II seinen unheilvollen Auftritt –, Paare trennen sich – Cats und Todds ohnehin fragwürdige Ehe zerbricht schließlich am Tod ihrer Zwillingstochter Sierra und den daraus folgenden Ereignissen –, Freundschaften werden auf die Probe gestellt – aufgrund eines verheerenden Feuers, das ganze Städte auslöscht müssen die Menschen näher zusammenrücken. Ottilie nimmt ihre beste Freundin Sylvie und deren Mann Peter bei sich auf, was sie immer öfter in das Naturschutzgebiet, das Cooper beaufsichtigt, flüchten lässt. Denn wenn beste Freunde zu Mitbewohnern werden, tun sich Abgründe auf.

Coopers Naturschutzgebiet besteht fast nur noch aus verdorrten Büschen, abgestorbenen Bäumen, staubigem Geröll. Ottilie und Cooper wandern stundenlang durch gleißendes Sonnenlicht. Ziel der Wanderung ist ein Kiefernwäldchen. Nach Gluthitze und nahender Ohnmacht lässt Boyle hier plötzlich die Natur aufleben, er lässt die Schmetterlinge fliegen, wie in einem Zauberwald, in einer Oase, wie in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten, einem gesunden, von Menschen unberührten Planeten. Ein schöner Moment, der Ottilie vielleicht Hoffnung gibt, dass ihre einzige Enkelin nicht nur Schreckliches, Unheilvolles in ihrer Zukunft zu erwarten hat.

 

 

Boyle bietet mit diesem Roman richtig gute Unterhaltung. Ganz nebenbei rüttelt er auf. Mich spricht er an. Ich werde nicht zur Aktivistin, aber ich werde noch stärker darauf achten, was ich tue und was ich anders tun kann, um daran beteiligt zu sein, den Planeten nicht noch mehr zu verletzen.

Und ich werde noch mehr Boyle lesen, um herauszufinden, ob er ein Frauenverachter ist oder grundsätzlich einfach Charaktere bloßstellt.

Lesen!

 

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Annie Ernaux

Ich habe etwas gemacht, was ich bisher nicht gemacht habe: ich habe andere Rezensionen gelesen, bevor ich diese, meine eigene schreibe. Alle, die ich finden konnte.
Wenn ich die alle vor dem Lesen des Buches gelesen hätte, hätte ich das Buch nicht gelesen, nicht gekauft. Super uninspirierend, allesamt. In den Nullerjahren hätte man gesagt “megaboring”.
Ich weiß, dass es wirklich schwierig sein kann, Bücher zu “fassen”, und es einem bei weitem nicht immer gelingt, alle Lesenden mit der eigenen Rezension dahin zu bringen, ein Buch zu lesen, mag man noch so begeistert sein. Aber dennoch sollte das doch das Ziel sein? Es sei denn, man will dringend davon abraten, ein Buch zu lesen. Soll auch vorkommen.
Und wenn ich nun meinen nachfolgenden Erguss (so genannt “Rezension” dieses Buches) mit der nächsten Aussage prophetisch vorbelasten mag, schreibe ich es dennoch: Wie langweilig kann man eine Rezension schreiben, wie uninspiriert kann man über ein Buch schreiben, so dass jedem Lesenden die Augen zufallen müssen und man nie im Leben auch nur im Traum daran denkt, sich dieses Buch zu kaufen – zumindest um es zu lesen, wenn man nicht zu der Sorte Mensch gehört, die Bücher kauft, um sie im Regal stehen zu haben, aus welchem Grund auch immer? Bevor ich es mir, dem Lesendem und auch dem Buch und damit der Autorin, dem Autor antue, eine öde, lustlose Rezension zu schreiben, lasse ich es bitte lieber sein! Und bitte hört auf, Euch in Euren Texten als “Die Lesende”, “Der Autor” zu betiteln, das ist so unsäglich abgehoben, distanziert und verräterisch.
Dies gesagt, versuche ich mich an der kreis des weberknechts. Es fällt mir schwer, dieses Buch zu “fassen”.
Dabei ist es nicht kompliziert und – wie sich alle Rezensenten einig zu sein scheinen – ist der Inhalt schnell erzählt, man lese den Klappentext. Dies eine stenoartige Zusammenfassung: Es geht vordergründig um einen Mann. Mann zieht sich zurück, um Buch zu schreiben, will keine Ablenkung, mag keine Menschen, braucht keine Menschen, schon gar keine „Frau an der Seite“. Nachbarin lässt Interesse an Mann erkennen, nähert sich stetig. Mann zunächst ablehnend, fühlt sich gestört. Erkennt dann nach und nach die Vorzüge der Aufmerksamkeit, nutzt diese gnadenlos aus. Sie trennt sich (rechtzeitig). Er tief verzweifelt, letztlich ob der verlorenen Aufmerksamkeit (das meine ich übrigens mit “uninspiriert” und reihe mich damit in die oben gescholtenen Rezensentinnen und Rezensenten ein).
Es geht bei diesem Buch aber um das WIE, nicht um das was. Und das WIE macht dieses Buch so unglaublich lesenswert. Ana Marwan gelingt es mit tollen Worten, mit schlauen Gedanken und philosophischen Schlussfolgerungen, ergo einer herausragenden Sprachgewandtheit, aus einem total simplen Plot, einen wirklich schönen, andauernd unterhaltsamen, äußert humorvoll-ironischen Text zu machen. Ich habe so viel geschmunzelt, so viel die Männer verlacht, mich dafür so geschämt. Mitleid empfunden mit dem Mann an sich, diesen einen im Speziellen als so klein und peinlich empfunden, mich für ihn geschämt, für seine Arroganz, für seine Überheblichkeit, sein Unvermögen, sich selbst (und andere) wirklich zu sehen und damit DIE Chance zu vergeben, eine wertvolle, aufrichtige, schlaue, lustige, in sich ruhende Partnerin haben zu können. Um sich dann nicht erkannt, nicht wertgeschätzt in seinem Selbstmitleid zu suhlen, die Schuld in der anderen und auf keinen Fall der eigenen Person zu finden. Herrjee, wie sehr kann man (Mann) sich selbst im Weg stehen!?
Dieser Mann, der nur um sich selbst kreist, sich als Misanthrop bezeichnet, damit immer eine Entschuldigung parat zu haben, um anerkannt, ja offiziell diagnostiziert anecken zu können, erregt zunächst Mitgefühl, dann Groll und dann Gleichgültigkeit, weil einfach langweilig auf Dauer. Vielleicht hatte er schlicht recht damit, sich zurückzuziehen und niemanden mit seiner Existenz auf die Nerven zu gehen – dann gäbe es allerdings nicht dieses wundervolle Buch. Vielleicht lesen sich ja seine Texte gut? Sein Wesen ist nicht ertragbar.
Ich könnte noch mehr von mir preisgeben, indem ich mich weiter errege, meine Interpretation hier fortspinne, wegdrifte von Ana Marwans Roman, mich an Männer erinnernd, denen ich begegnet bin und die mich mit ihrer Ichbezogenheit zur Weißglut gebracht haben. Schnell waren sie eben langweilig und ich habe mich rechtzeitig entfernt. Und es wäre ermüdend mehr dazu zu sagen.
Ich habe eine Notiz recht nah zum Anfang des Lesens gemacht: Wie viel von sich selbst steckt im eigenen Text, der eigenen Arbeit? Hier also: wie viel Ana Marwan steckt in diesem Roman? Wenn ich sie treffe, frage ich sie. Dann bin ich gespannt, wie sie spricht. Schreiben tut sie unheimlich.
Lies dieses Buch, es wird Dich bereichern – egal was Du bist.

 

Words: Henrike Heick

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Der Kreis des Weberknecht

Ana Marwan
der kreis des weberknechts
Roman
Otto Müller Verlag, 2019, 191 Seiten

Words: Henrike Heick

Ich habe etwas gemacht, was ich bisher nicht gemacht habe: ich habe andere Rezensionen gelesen, bevor ich diese, meine eigene schreibe. Alle, die ich finden konnte.
Wenn ich die alle vor dem Lesen des Buches gelesen hätte, hätte ich das Buch nicht gelesen, nicht gekauft. Super uninspirierend, allesamt. In den Nullerjahren hätte man gesagt “megaboring”.
Ich weiß, dass es wirklich schwierig sein kann, Bücher zu “fassen”, und es einem bei weitem nicht immer gelingt, alle Lesenden mit der eigenen Rezension dahin zu bringen, ein Buch zu lesen, mag man noch so begeistert sein. Aber dennoch sollte das doch das Ziel sein? Es sei denn, man will dringend davon abraten, ein Buch zu lesen. Soll auch vorkommen.
Und wenn ich nun meinen nachfolgenden Erguss (so genannt “Rezension” dieses Buches) mit der nächsten Aussage prophetisch vorbelasten mag, schreibe ich es dennoch: Wie langweilig kann man eine Rezension schreiben, wie uninspiriert kann man über ein Buch schreiben, so dass jedem Lesenden die Augen zufallen müssen und man nie im Leben auch nur im Traum daran denkt, sich dieses Buch zu kaufen – zumindest um es zu lesen, wenn man nicht zu der Sorte Mensch gehört, die Bücher kauft, um sie im Regal stehen zu haben, aus welchem Grund auch immer? Bevor ich es mir, dem Lesendem und auch dem Buch und damit der Autorin, dem Autor antue, eine öde, lustlose Rezension zu schreiben, lasse ich es bitte lieber sein! Und bitte hört auf, Euch in Euren Texten als “Die Lesende”, “Der Autor” zu betiteln, das ist so unsäglich abgehoben, distanziert und verräterisch.
Dies gesagt, versuche ich mich an der kreis des weberknechts. Es fällt mir schwer, dieses Buch zu “fassen”.
Dabei ist es nicht kompliziert und – wie sich alle Rezensenten einig zu sein scheinen – ist der Inhalt schnell erzählt, man lese den Klappentext. Dies eine stenoartige Zusammenfassung: Es geht vordergründig um einen Mann. Mann zieht sich zurück, um Buch zu schreiben, will keine Ablenkung, mag keine Menschen, braucht keine Menschen, schon gar keine „Frau an der Seite“. Nachbarin lässt Interesse an Mann erkennen, nähert sich stetig. Mann zunächst ablehnend, fühlt sich gestört. Erkennt dann nach und nach die Vorzüge der Aufmerksamkeit, nutzt diese gnadenlos aus. Sie trennt sich (rechtzeitig). Er tief verzweifelt, letztlich ob der verlorenen Aufmerksamkeit (das meine ich übrigens mit “uninspiriert” und reihe mich damit in die oben gescholtenen Rezensentinnen und Rezensenten ein).
Es geht bei diesem Buch aber um das WIE, nicht um das was. Und das WIE macht dieses Buch so unglaublich lesenswert. Ana Marwan gelingt es mit tollen Worten, mit schlauen Gedanken und philosophischen Schlussfolgerungen, ergo einer herausragenden Sprachgewandtheit, aus einem total simplen Plot, einen wirklich schönen, andauernd unterhaltsamen, äußert humorvoll-ironischen Text zu machen. Ich habe so viel geschmunzelt, so viel die Männer verlacht, mich dafür so geschämt. Mitleid empfunden mit dem Mann an sich, diesen einen im Speziellen als so klein und peinlich empfunden, mich für ihn geschämt, für seine Arroganz, für seine Überheblichkeit, sein Unvermögen, sich selbst (und andere) wirklich zu sehen und damit DIE Chance zu vergeben, eine wertvolle, aufrichtige, schlaue, lustige, in sich ruhende Partnerin haben zu können. Um sich dann nicht erkannt, nicht wertgeschätzt in seinem Selbstmitleid zu suhlen, die Schuld in der anderen und auf keinen Fall der eigenen Person zu finden. Herrjee, wie sehr kann man (Mann) sich selbst im Weg stehen!?
Dieser Mann, der nur um sich selbst kreist, sich als Misanthrop bezeichnet, damit immer eine Entschuldigung parat zu haben, um anerkannt, ja offiziell diagnostiziert anecken zu können, erregt zunächst Mitgefühl, dann Groll und dann Gleichgültigkeit, weil einfach langweilig auf Dauer. Vielleicht hatte er schlicht recht damit, sich zurückzuziehen und niemanden mit seiner Existenz auf die Nerven zu gehen – dann gäbe es allerdings nicht dieses wundervolle Buch. Vielleicht lesen sich ja seine Texte gut? Sein Wesen ist nicht ertragbar.
Ich könnte noch mehr von mir preisgeben, indem ich mich weiter errege, meine Interpretation hier fortspinne, wegdrifte von Ana Marwans Roman, mich an Männer erinnernd, denen ich begegnet bin und die mich mit ihrer Ichbezogenheit zur Weißglut gebracht haben. Schnell waren sie eben langweilig und ich habe mich rechtzeitig entfernt. Und es wäre ermüdend mehr dazu zu sagen.
Ich habe eine Notiz recht nah zum Anfang des Lesens gemacht: Wie viel von sich selbst steckt im eigenen Text, der eigenen Arbeit? Hier also: wie viel Ana Marwan steckt in diesem Roman? Wenn ich sie treffe, frage ich sie. Dann bin ich gespannt, wie sie spricht. Schreiben tut sie unheimlich.
Lies dieses Buch, es wird Dich bereichern – egal was Du bist.

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An das Wilde glauben

AN DAS WILDE GLAUBEN von Nastassja Martin

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

Matthes & Seitz Berlin, 2021

“ …es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist.”

Es geschieht eigentlich nicht, es ist bisher nicht geschehen, dass mich ein Buch auf der ersten Seite erwischt. Hier war es die erste Seite.

Selten ist es so, dass wenn die erste Seite irgendwie ok ist, die Autorin, der Autor es weiter durchhält, es weiter schafft, mich gleich bei sich zu halten. Eher braucht es viele Seiten, bis ich ganz einsteige. Hier waren auch die Seiten nach der ersten Seite so, dass ich – es wummert in der Brust – nicht anders konnte, als mitzugehen. Zunächst in die Erzählung nach dem “Vorkommnis”, die äußere Heilung.

Dann in den Wald, in die Stille, in den Zauber, in die Ur-Naturkraft, in eine mir – unerklärlich – vollkommen fremde Welt. Ich erahne nur, dass es eine Welt von Urvölkern in unwirtlichen und naturgewaltigen Gegenden gibt. Man sieht Dokumentationen, Bildbände, liest Bücher, manche fiktional. Nichts hat mir eine wirkliche Ahnung solcher Welten so nahe gebracht, wie diese Erzählung. Sie hat einen Sog. Sie macht mir Angst, aber ich kann nicht von ihr ablassen. Sie fasziniert mich. Martins Sprache, wie sie sich preisgibt, wie sie das Reale mit dem Fiktiven vereint. Ihr Wissen um die Menschen, die Landschaft, die Tiere, den Schnee, den Wind. Ihre Wissenschaft*, die ihr Leben ist und die sie trotz ihres Erlebnisses mit dem Bären wieder zurückkehren lässt, an den Ort, der sie fast zerstört, sie fast umgebracht hat. Aber eben nur fast. Der Bär hat von ihr abgelassen. (*Anthropologie, Spezialistin für arktische Völker; Hier die Ewenen, Ureinwohner auf Kamtschatka)

“…den Kuss des Bären” … “an meinen krachenden Kiefer, meinen krachenden Schädel, an die Dunkelheit, die in seinem Maul herrscht” … “an meinen Bären, der es sich plötzlich auf unerklärliche Weise anders überlegt, seine Zähne werden nicht die Werkzeuge meines Todes sein” …

“Er wollte Dich nicht töten, er wollte Dich zeichnen. Du bist jetzt miedka(*), die zwischen den Welten lebt. (*Ewenisches Wort, das Personen beschreibt, die die Begegnung mit einem Bären überlebt haben und “vom Bären gezeichnet” sind. Es beschreibt die Vorstellung, dass die Person, die diesen Namen trägt, von da an halb Mensch, halb Bär ist.)

Vermutlich ist es die Leidenschaft, die mich fasziniert. Ihre Selbstsicherheit, mit der Martin ihr Leben mit ihrem Beruf verbindet, oder wo vermutlich ein sogenannter Beruf gar nicht existiert. Sie lebt ihr Leben und alles was sie tut, geht nur um das Erleben, wie Menschen, an einem weit entfernten Ort, ihr Leben leben und wie sehr sich dieses von dem der Autorin unterscheidet. Oder unterschied, denn letztlich ist sie Teil dessen geworden, was sie wissenschaftlich erforscht.

Menschen, die nicht wie sie selbst aufgewachsen sind. Menschen, die um ihr Recht auf ihr Leben, wie sie es seit jeher über Generationen und gemäß ihrer Traditionen erfahren haben, kämpfen müssen. Weil man sie “zivilisieren” will. Man kann es auch domestizieren nennen. Wie ein wildes Tier.

“Mama, ich muss wieder zur matucha(*) werden, die sich in ihren Bau verkriecht, um zu überwintern und neue Lebenskräfte zu sammeln. Und es gibt noch Geheimnisse, die ich nicht zu Ende ergründet habe. Ich habe das Bedürfnis zu denen zurückzukehren, die sich mit Bärenproblemen auskennen.”

(*Ewenisch: Bärin)

 

In der Realität wurde sie nicht von einem Bären angegriffen. Der Bär ist das Symbol. Es geht um den Respekt vor den Menschen, die ihr Leben anders leben als man es als “normal” bezeichnet. Es ist die Aufforderung, sich das Wesen des vermeintlich Fremden zu eigen zu machen, eine Verbindung einzugehen, um zu verstehen und um gewähren zu lassen. Bestenfalls, um sich etwas abzugucken, etwas zu übernehmen, was uns in unserer “Zivilisation” abhanden gekommen ist. Das Füreinander, das Spüren der Kräfte, die uns umgeben. Die Kräfte, die wir nicht mehr wahrnehmen. Lieber schlucken wir noch ein paar Vitamine, kaufen uns die xte Klamotte, stürzen uns an einem Gummiband in die Tiefe, um uns zu spüren.

“Wir müssen der Entfremdung entkommen, die unsere Zivilisation erzeugt. Aber Drogen, Alkohol, Melancholie und schließlich Wahnsinn und/oder Tod sind keine Lösung, man muss etwas anderes finden. Das ist es, was ich in den Wäldern des Nordens gesucht, was ich nur teilweise gefunden habe, was ich weiter verfolge.”

Und hier kommen mir die Tränen.

Es ist Februar 2022. AN DAS WILDE GLAUBEN ist mein Buch

des Jahres.

Words: Henrike Heick

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Sommerdiebe

Main character: Grady McNeil, grüne Augen, rote Haare – ihre Mutter hatte eigentlich mit einem Jungen gerechnet, 17 Jahre

Schwester: Apple, 8 Jahre älter, verheiratet, weniger hübsch

Vater: Lamont McNeil, sagt nur zwei Sätze

Mutter: Lucy LaTrotta, lies selbst

Gradys bester Freund: Peter Bell, 18 Jahre; ein Mensch, der von anderen nicht gemocht wird. Er und Grady lieben sich – aus ihrer Sicht wie Bruder und Schwester. Ihm reicht das nicht. Mein Lieblingscharakter

Das Geheimnis, die Heimlichkeit, dann Ehemann: Clyde Manzer, 23 Jahre

 

Aus diesem Buch:

„Du bist ein Rätsel, mein Liebes“ Lucy

„Was gibt es da für einen Unterschied? (…) Gibt doch schon seit einiger Zeit keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen“ Lamont

„Nichts weckt die Geister wie eine Sommerpassage“ Lucy

…“obwohl der Himmel schon brüchig wurde und bald zu Zwielicht zerfallen würde.“ Grady

„Das Mitwissen eines anderen Menschen nahm dem Geheimnis das Alptraumhafte und verringerte ihre Furcht, er könnte sich auflösen.“ Grady

„Kann sein, das ist für dich neu: aber ich bin verlobt.“ Clyde

„Das ist eine vertrocknete Art zu reden; Du brauchst mehr Saft im Leib“ Clydes Mutter

„Wenn wir die Vergangenheit kennen und die Gegenwart leben, ist es dann möglich, dass wir die Zukunft träumen?“ Grady

„(…) sein eigener reinlicher, sehr gepflegter Körper hatte die Farbe von Tee (…)“ Capote über Peter

„Nur die Enden von Haschfluppen, aber sie werden uns wach machen.“ Clydes Freund

„Man läuft nicht vor anderen davon; man läuft vor sich selbst davon. (…) Aber ist jetzt alles gut?” Grady

„Peter, Liebling, setz dich hin; lern meine Freunde kennen, lächle mich an.“ Grady

„Du weißt nicht, was los ist, Süße? Von wegen!“ Mädchen in einer Bar

„Verdammt, du wirst uns umbringen!“ Clydes Freund

„Ich weiß.“ Grady

 

Grady gehört zur New Yorker Upperclass. Clyde nicht. Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, Bandenkriege, ein abwesender Vater und eine geradlinige, prinzipiengeprägte, raue aber herzliche Mutter prägen seine Jugend. Gradys Eltern entfliehen dem sommerheißen New York, sie fahren mit der Queen Mary nach Europa. Eigentlich sollte Grady mit. Sie will den Sommer aber in NY verbringen. Dafür gibt es einen Grund. Das Geheimnis. Die Heimlichkeit. Clyde. Aber auch der Wunsch nach Abnabelung, nach endlich-den-eigenen-Wegen-folgen, dem Entkommen der ausgetretenen Upperclass-Biografie, lässt sie Lucys beharrliche, aber längst vergebliche Einwände mit stoischem aus-dem-Fenster-gucken ertragen. Sie mögen sich nicht besonders, Lucy und Grady. Lucy meint Gradys Verachtung in ihrem Blick zu erkennen. Diese grünen, kühlen Augen. Sie bedauern es nicht, sie haben es einfach, jede für sich, irgendwann verstanden.

Peter ist immer da, schwebt über Gradys Leben, wie ein Schutzengel, wie ein warmer Wind, der den Nacken streichelt. Grady braucht Peter, aber sie entflieht ihm. Sie ist fasziniert vom Broadway, den Rhythmen, den Menschen – magischer Anziehungspunkt: der NEMO-Parkplatz. Hier trifft sie Clyde. Hier verbringt sie etliche, heimliche Stunden in geparkten Autos mit ihm. Schwankt zwischen Unsicherheit ob der ungewohnten Umgebung und trotzig überheblichen Selbstbewusstsein. Hier lernt sie seine Freunde kennen, die zwar ahnen, dass die beiden aus zu verschiedenen Welten kommen, als dass es gut gehen könnte. Aber sie halten ihre Gedanken zurück. Es würde nichts helfen. Sie kennen Clyde, er würde es sich nicht sagen lassen.

Clyde und Grady versuchen, sich zu verstehen, sich selbst und den anderen, dem anderen auf die Spur zu kommen, den eigenen Klischees nachzugehen, deren Wahrheiten aufzuspüren, ihnen zu entkommen. Es ist kompliziert, sie machen es kompliziert – dabei halten sie es für einfach, aber es ist schrecklich vielschichtig. Denn trotz des noch nicht lange gelebten Lebens, tragen sie ihre Geschichten und Ängste mit sich. Und es fällt weder ihr noch ihm leicht, sie auszusprechen, sich zu öffnen aus Furcht, der andere könnte ein Urteil fällen. Aus Furcht nicht zu genügen – oder zu viel zu sein.

Und dann sind da die ganz leichten Momente, in denen sie sich einfach gehen lassen, bei ihr zu Hause sind. Einem Zuhause, dass Clyde spielerisch einnimmt, Lucys Zimmer zu seinem macht, sein Chaos verbreitet. Ein Zuhause in dem Grady Kochversuche startet, für Clyde backt, sie das gemeinsame Leben erproben. Da ist es fast so, als läse man einen gewöhnlich-romantischen Roman. Aber es reicht ein Zucken in der Luft, alle Staubpartikel bleiben stehen, ein Blick, ein Zwinkern des anderen genügt und einer oder beide verschließen sich. Vollkommen. Kein Rankommen möglich. Weil ich um das junge Alter weiß, beschreibe ich es als „verstockt, eitel“. Verschreckt trifft es vermutlich besser. Also verschreckt, um dann in der nächsten Sekunde umso wütender auf das eigene Recht, das eigene Leben, die absolute Unabhängigkeit von allem zu bestehen. Du willst nicht? Dann geh doch! Auch wenn ich jetzt von Dir erwarte,dass Du bleibst, einsichtig bist. Aber das sage ich Dir nicht, das musst Du spüren!

Gott, wie mir das auf die Nerven geht! Und wie gut ich das finde!

Dieses Wirbeln, diese Unbeständigkeit, diese Verletztheit, diese vertrackte Liebe und all das in einem vor Hitze flimmernden New York, mit der beschränkten aber letztlich liebevollen April, dieser derben aber fürsorglichen, unumstößlich gerechtigkeitsgesinnten und schließlich vom frühen Tod der Clyde so nahen – und vermutlich sehr ähnlichen – Schwester verletzten Familie, diesem herjee so guten, verständigen, herzallerliebsten Peter und dem selbstverständlichen, unmöglich anders ausgehenden Ende, macht es für mich zu einem meiner Lieblingsbücher. Das ich immer mal wieder lese und immer wieder überrascht bin, dass ich es schon gelesen habe. Das könnte nun bedeuten, es bleibt nichts hängen. Aber das stimmt nicht, es bleibt nur jedes Mal etwas anderes in mir zurück. Nicht immer nur Gutes. Aber immer gerade Richtiges.

Autor: Truman Capote

Übersetzerin: Heidi Zerning

Titel: Sommerdiebe (Summer Crossing)

Verlag: Kein & Aber AG, Zürich, 2006; Entdeckt 2004, Manuskript von 1943, das wahre Romandebut Capotes, im Alter von 19 Jahren

Text: Henrike Heick

 

 

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New Queer Photography

„New Queer Photography“

Herausgeber: Benjamin Wolbergs

Sich der Frage der eigenen Sexualität jenseits von Tabugrenzen

zu nähern, ist gerade in der Kunst möglich. Sie lässt nicht nur

das gefahrlose Spiel mit den Geschlechtern, mit den verbotenen

Wünschenzu, sie allein erfasst ihre Widersprüchlichkeit. Nicht zuletzt

begünstigt durch die sozialen Medien, hat sich in den letzten

Jahren eine junge und engagierte Szene im Bereich der queeren

Fotografie etabliert. Dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung,

-vergewisserung

und -spiegelung folgend, zeigen viele Fotograf*innen

vor allem das Schwulsein als private Idylle. Gleichzeitig wird der

eigene und gesellschaftliche Umgang mit Transsexualität und

Geschlechterrollen kritisch hinterfragt oder das Pornografische in

seiner zersetzenden oder auch affirmativen Kraft gezeigt.

Filme, Serien und die Vereinnahmung durch die Mainstream-Kultur

suggerieren eine breite gesellschaftliche Akzeptanz queerer

Lebensmodelle.

Dass Schwul- und Lesbischsein in bestimmten

Ländern und Gesellschaften nach wie vor Ausgrenzung, Einsamkeit,

Stigmatisierung und Gewalt bedeuten können, zeigt eindrucksvoll

eine Reihe von dokumentarisch arbeitenden Fotograf*innen,

die auch die kolonialen Ursprünge vieler Verbote von gleichgeschlechtlichen

Kontakten und das Regime der Sexualität selbst

berücksichtigen.

Das sorgsam recherchierte Buch stellt rund 40 zeitgenössische

fotografische Positionen vor, darunter bereits etablierte Namen

wie Matt Lambert, Florian Hetz und Spyros Rennt sowie zahlreiche

vom Publikum wenig beachtete oder noch unbekannte Talente.