Von Plätzchen und Keksen – Eine kleine Soziologie des Siehste
Words: Sandra Groll
Illustration: Tronje Thole van Ellen
Niemand möchte im Frühjahr eigentlich noch über Plätzchen sprechen. Ganz im Gegenteil, bis Ende August, Anfang September möchten wir von weihnachtlichen Themen verschont bleiben. Allerdings treibt mich seit der Vorweihnachtszeit eine kleine Kommunikationssituation um, deren Zeugin beziehungsweise Beteiligte ich wurde und sie liefert eine so schöne Vorlage für diesen Text, dessen letzte Version ich am Morgen der vorgezogenen Bundestagswahl schreibe. Wahlzeiten sind Zeiten, in der sich Kommunikationssituationen und die vorgeschlagenen Programmatiken zuspitzen und Eskalationsspiralen drohen. In der digitalisierten und vor allem algorithmisierten Gesellschaft mehr denn je. Da ist es doch gleich viel angenehmer über die triviale weihnachtliche Alltagssituation zu schreiben, in der zum einen die Frage eine Rolle spielt, was denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen sei und zum anderen spezifische Formen der Kommunikation auffällig werden, die wir auch im größeren Maßstab antreffen: Das Siehste! Das Siehste kann nämlich auf ganz unterschiedliche Weise genutzt werden und eine Weise ist toxischer Natur, um einmal eins der Modewörter der Selfcare-Kultur zu benutzen. Die Frage ist also Was passiert eigentlich in den Situationen, in denen wir zu unserem Gegenüber Siehste sagen? Geht es immer nur um Rechthaberei und Triumph? Oder steckt in dem Siehste je nach Kontext nicht auch etwas Positives?
Also geht es in dieser Frühjahrsausgabe zunächst einmal ganz kurz zurück in jene, je nach biografischer Vorerfahrung mehr oder weniger emotional aufgeladene Vorweihnachtszeit. Hinein also in den Mikrokosmos der feiertagsgeschwängerten Alltagskommunikation, Erwartungserwartungen, jahresendlicher Melancholie und Hektik. Und natürlich hinein in die Zeit der privaten Einladungen, bei denen man Zeuge werden kann, von kleinen Alltagsinteraktionen und Kommunikation zwischen Paaren, die unbedeutsam erscheinen aber strukturell doch auf so allgemeine Muster folgen, dass wir sie auch in öffentlichen Debatten finden. Zum Nachtisch wurde selbstgemachtes Gebäck gereicht, das ich so gelungen fand und nach dem Rezept fragte. Es wurde mir auch klaglos ausgehändigt, nur plötzlich stand sie im Raum: Die Frage ob zwischen Plätzchen und Keksen ein Unterschied besteht. Ganz GenX wie die Tischgesellschaft war, blieben die Handies in der Tasche und es wurde sich auf die guten, alten analog-argumentativen Entscheidungsketten verlassen. Bekanntlich gibt es recht unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Weihnachtsgebäck grundsätzlich beschaffen sein sollte, ob knackig trocken oder saftig weich. Der Runde war also schnell klar, dass diese Argumentationsrichtung wenig zielführend ist. Bildungsbürgerlich lässt sich an dieser Stelle elegant abbiegen, und zwar in eine Zweifrage: Ob sich der Wesenskern saftiger Plätzchen oder eher trockene Kekse in ihren Namen niederschlägt. Letzteres könnte man Blick auf das Takete-Maluma Phänomen der Gestaltpsychologie vermuten. Solche Fragen und Tischgespräche mögen harmlos anmuten, im Kontext von Beziehungsgeschichte und Paardynamik können sie jedoch eine Bedeutsamkeit annehmen und im Kontext latenter Konfrontationslinien und möglicher Eskalationsspiralen stehen, die weder den Paaren selbst noch den Gästen bekannt sind. Gäste finden sich in solchen Situationen schnell in der Rolle des Züngleins an der Waage wieder, ob sie wollen oder nicht. Und damit war ich, als Klugscheißerin von Berufswegen, auch schon aufgefordert, eine möglichst schlüssige Begründung zu liefern und damit Position zu beziehen. Gesagt, getan und schwups folgte ein charmant-triumphales „Siehste“ der Keksbäckerin und ich hatte meinen Case für die Frühjahrsausgabe.
Das Siehste ist eine sehr spezifische Form der Kommunikation: mehrdeutig, mit allerlei Verweisungssinn ausgestattet, kontextabhängig und mit Latenz aufgeladen. Je nach Rahmenbedingungen und Anschlussoperation wirkt das Siehste durchaus konfrontativ, aber nicht zwangsläufig unversöhnlich. Es kann paradoxerweise einen Streit einleiten oder durch als Pseudo-Streitangebot eine eingeschränkte Geste der Versöhnung sein. Es kann Hierarchieansprüche zum Ausdruck bringen oder bestärkend ermutigender Natur sein. Das Siehste ist somit in der Lage, sowohl stabilisierend wie destabilisierend zu wirken.
Bei näherer Betrachtung sind „Siehste“-Kommunikationen – wer hätte das gedacht – inhaltlich und sozial anspruchsvoll, denn sie finden im Mittelbereich konfrontativer Kommunikationen statt. Jenem Bereich also, in denen Etwas verhandelt wird, das weder gänzlich egal ist noch von einer solchen Bedeutsamkeit, dass es einer sofortigen Eskalation und der Verhärtung bedarf. Ich spreche hier bewusst von ‚Etwas‘, denn es ist nicht notwendigerweise das eigentliche Thema der Kommunikation, das in Siehste-Situationen zur Debatte steht. Die Frage nach Plätzchen oder Keks, ließe sich einfach per Googleabfrage klären und ist von so alltäglicher und anekdotischer Trivialität, dass sie eigentlich keines weiteren Kommentars bedarf. Wenn es nicht notwendigerweise der Inhalt ist, der in Siehste-Situationen zur Debatte steht, dann muss es das Nichtgesagte sein, etwas Latentes, vielleicht gar nicht Sagbares, dass aber irgendwie mitkommuniziert werden muss: es ist das Verhältnis der Kommunizierenden zueinander, und zwar in der vollen Komplexität aus individueller Geschichte, psychologischen Endloshorizonten, Tagesbefindlichkeit und Erwartungserwartungen an den anderen.
Dabei scheinen kraftvolle Emotionen im Spiel, die sich in Körperhaltung und Mimik widerspiegeln: die Blicke fest, die Körper aufrecht und das Kinn nach vorn. Ein Beobachter könnte vermuten, es könnte jederzeit losgehen mit der Eskalationsspirale. Tut es aber nicht, zumindest in der hier beschriebenen Variante der wohlwollenden Siehste-Kommunikation – nennen wir sie der Einfachheit halber die Plätzchenvariante. In dieser Variante setzt nämlich das Siehste eher eine Art Schlussstrich unter die Spannung. Das Siehste bekommt dann einen versöhnlichen, handreichenden Charakter, insbesondere wenn die Handreichung mit nonverbaler Zusatzkommunikation, wie etwa einer Entspannung der Körperhaltung und einer sanft werdenden Mimik einher geht. Ein Angebot, den kleinen Triumph zu akzeptieren und auf der Beziehungsebene versöhnlich weiterzumachen. Die dritte Instanz in dieser Situation, der Gast, unfreiwillig zum Linienrichter des eigentlichen Themas geworden, dürfte an dieser Stelle Erleichterung spüren und die beiden Hauptakteure können ohne Gesichtsverlust mit den beziehungsbestätigenden Anschlussoperationen beginnen.
Nicht immer enden Siehste-Kommunikationen so friedlich, denn das Siehste als performative Äußerung kann auch ganz anders in Erscheinung treten, nämlich als Versuch der einen Partei die Kontrolle zurückzuerlangen und Recht zu behalten. Dann ist das Siehste ein passiv-aggressives ‚Ich habe es dir doch gesagt‘, tendiert graduell in Richtung Unversöhnlichkeit, dient der Kommunikation von Hierarchie und leitet gewisse Toxizität in die folgenden Interaktionen ein. Wenig verwunderlich, dass dann auch die Reaktion des Gegenübers weniger, wie beim Plätzchen-Siehste in einem viel sagenden Lächeln mündet, sondern in Ablehnung, dem direkten Angriff oder in einer Fluchtreaktion, die je nach Persönlichkeitstyp in Schweigen oder Verschwinden münden kann. Anders als das Plätzchen-Siehste, geht es in diesem Siehste um Rechthaberei und darum, Überlegenheitssignale zu setzen. Darüber kann auch das sprachlich informelle Siehste nicht hinwegtäuschen, denn es vermittelt nur oberflächlich Nähe und Mitgefühl, während man dem Anderen unterschwellig Inkompetenz, Ignoranz und mangelnde Einsicht unterstellt. Diese toxische Form des Siehste hat mit dem Plätzchen-Siehste gemein, dass sie ebenso auf eine Vorgeschichte verweist und Angebote für Anschlussoperationen macht, aber die Beziehung im Weiteren belastet, da dieses Siehste persönlicher Selbsterhöhung dient und darauf angewiesen ist, den anderen abzuwerten. Und Siehste-Kommunikationen dieser Art sind destruktiv, schon allein deshalb, weil in diesem Siehste betont wird, wie erwartbar und unvermeidbar ein bestimmter Outcome war, weil es dem Gegenüber an Grundsätzlichem mangelt.
Neben den Plätzchen- und dem toxischen-Siehste, gibt es als dritte Form der Siehste-Kommunikation noch das ermutigende Siehste, in der Art von „Siehste, geht doch“. Dieses Siehste ist lobender Natur, denn es verweist auf und bringt die positiven Erwartungen zum Ausdruck, die an die andere Person gestellt und die von dieser erfüllt wurden. Es dient der Kommunikation von Unterstützung und enthält gleichzeitig die latente Aufforderung sich den Herausforderungen der Zukunft selbstbewusster zu stellen. Allerdings kann auch dieses Siehste je nach Kontext mehrdeutig und ambig sein. Seine ursprünglichste Form findet dieses Siehste sicherlich in Eltern-Kind-Kommunikationen, in dem es Bestätigung und Ermutigung ausdrückt. Auf die Paarebene gezogen ist es jedoch nur graduell weniger giftiger Natur als das toxische Siehste und aus diesem Grund mit Vorsicht zu genießen, denn es bleibt eine Spur elterlicher Fürsorge enthalten, die in Paarkonstellationen nicht immer angebracht ist.
Während das wohlwollende Plätzchen-Siehste soziale Bindungen und Beziehung, das ermutigende Lob-Siehste Selbstbewusstsein und Handlungskompetenz fördert, erzeugt das toxische Siehste Distanz, verstärkt Unsicherheit und setzt negative Dynamiken in Gang. Diese Qualität behalten die drei Formen des Siehste auch im größeren Maßstab, also in der kommunikativen Reaktion auf größere gesellschaftliche Fragestellungen. Mit dem wohlwollenden Siehste werden Entwicklungsprozesse und geklärte soziale Fragestellungen thematisiert und gleichzeitig Allianzen geschmiedet. Das ermutigende Siehste macht Fortschritte sichtbar und fordert gleichzeitig auf, weiterzumachen und sich mehr zuzutrauen. Es motiviert dazu, sich den Herausforderungen zu stellen. Das toxische Siehste, welches gerade im digitalen Raum die Debatten dominiert, emotionalisiert auf negative Weise und betreibt Rechthaberei auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. Leider ist es gerade Letzteres, dass uns im digitalen Kommunikationsrauschen auf den nicht ganz so sozialen Medien über die Maßen begegnet, da es an den systemischen Kontext dieser Medien besonders anschlussfähig ist. Und es mündet in schrecklich unproduktiven Zuständen: Siehste, ich habe es ja gesagt, das uns dieses oder jenes in den Abgrund führen wird. Dieses Siehste bietet keinerlei Lösung oder produktiven Beitrag an, macht es sich in der Kritik von Problemen ohne Beitrag zur Lösung allzu bequem und dient einzig und allein der eignen Profilierung und selbst das noch nicht einmal in produktiver Weise. Siehste, ich habe es ja gesagt, dass (hier bitte ein Thema der Wahl einsetzen) zu (hier einen gesellschaftlichen Zustand der Wahl einsetzen) führt! Und nun das Ganze auf X posten, drei Likes einsammeln und dann? Vielleicht wäre es sinnvoller in eine Beobachtung zweiter Ordnung zu wechseln und sich bei jeder Siehste-artigen Kommunikation, die uns so unvermittelt über die Lippen oder über die Tastatur kommen, zu fragen, welche der drei Formen des Siehste wir da eigentlich gerade gebrauchen wollen und warum. Machen wir mit einem wohlwollenden Plätzchen-Siehste ein Angebot eine positive Anschlussoperation zu finden und die Beziehung fortzuführen, motivieren wir uns mit einem ermutigenden Siehste die nächsten Schritte einzuleiten oder bereiten wir mit einem toxischen Siehste schlussendlich doch Eskalationen vor? Wir haben an dieser Stelle auf jeden Fall die Wahl ebenso wie wir die Wahl haben, die Frage nach dem Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen zu beantworten, offen zu lassen oder ganz zu ignorieren.
Wer zum Schluss dieses Textes doch noch wissen möchte, ohne selbst zu googeln worin denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen besteht und ob sich anhand der Namen Hinweise auf den Unterschied finden lassen, kann beantwortet werden: Qualitativ sind Kekse und Plätzchen nicht deutlich unterscheidbar. Weder in Süße, Trockenheit oder Größe lässt sich klar eine Grenze ziehen, wo der Keks aufhört, und das Plätzchen beginnt. Und ein Blick in Friedrich Kluges Etymologisches Wörterbuch erklärt die Herkunftsgeschichte der beiden Begriffe wie folgt: Das Plätzchen leitet sich vom Platz ab und ist bereits seit dem 14.Jahrhundert bezeugt. Vermutlich stammt aus dem nordwestdeutschen Raum, wo der Platz eine Alternativbezeichnung für das Stutengebäck ist. Dieses Hefegebäck wird eingeschnitten, wodurch es aufplatzt. Allerdings kann der Einfluss von Platz auf die Herausbildung des Wortes ebenso wenig ausgeschlossen werden, wie das mögliche Geräusch, das das Gebäck beim Aufplatzen im Backvorgang macht. Der Begriff Keks hingegen kommt erst im 19. Jahrhundert auf und ist eine Eindeutschung des englischen Cake. Man hat es auch hier mit einer Frage zu tun, die unentscheidbar ist. Die damit von uns ganz im Sinne von Heinz von Förster entschieden werden kann und dann zu Siehste-Kommunikation genutzt werden kann. Aber bitte keiner Toxischen.