Modenschauen als kulturelles Event

Ein neues Phänomen macht sich in der Mode bemerkbar.
Es kam relativ schleichend, ist aber mittlerweile kaum noch zu übersehen. Wenn bis vor kurzem Modenschauen nur dazu dienten, den Menschen die neuesten Mode-Ideen der Designer zu präsentieren, so opulent und beeindruckend wie möglich – Image-Pflege inbegriffen – kommt inzwischen eine weitere Komponente hinzu, die mindestens genauso wichtig ist, wie die neuesten Kleider. Modenschauen werden so etwas wie ein kulturelles Event. Ein Celebrity-Schaulaufen, wie bisher sonst nur Red Carpet-Events für Filme oder Award-Shows. Klar, prominente
Gäste gab es schon immer bei den Shows, je bekannter desto prestigereicher für das entsprechende Label. Man sah sie dann in der ersten Reihe sitzen oder nach der Show in Interviews von der jeweiligen Kollektion schwärmen. Doch jetzt sieht man in den Live Streams zu den jeweiligen Shows eine unzählige Zahl an A, B und C Promis, die komplett vom jeweiligen Label ausstaffiert zu den Veranstaltungsorten chauffiert werden und dann die letzten Meter zur Venue laufen, um sich vor einer Wand von Kamerateams photographieren und filmen lassen. Das geht zum Teil über 45 Minuten so, bevor die eigentliche Show anfängt.
Vielleicht ist das nicht komplett neu. Aber dass man dies nun als elementaren Teil des Live Streams zeigt, deutlich länger als die eigentliche Show, ist doch b e m e r k e n s w e r t.
Das Fatale ist: ich gucke mir das auch tatsächlich gerne an. Zwar mit einer Mischung aus Ekel, Erstaunen und Sensations-Lust, aber ich bleibe dran, wie ein gewöhnlicher Schaulustiger…Ich weiß nicht, ob das alles von der Mode ablenken soll oder ob das Ganze als eine Art „Finish“ zu sehen ist? So nach dem Motto, wenn die schon mal alle da sind, dann sollen das auch wirklich alle mitbekommen. In jedem Fall wird aus einer 15 Minuten Show auf einmal ein 1-stündiges Spektakel. Begierig freut man sich darauf, die Stars und Sternchen zu identifizieren und sich genüsslich über ihre Garderobe auszulassen. Was bisher nur einem ausgewählten Publikum vorbehalten war, die live vor Ort anwesend waren, ist der – mehr oder weniger – Promiflash nun auch für uns normal Sterbliche erlebbar.
Vielleicht sogar noch spannender vor dem Bildschirm, als wenn man vor Ort war und nicht so gute Sicht hatte, wie die Kameras. Lustigerweise funktioniert das momentan auch noch komplett ohne Ton und Kommentartor. Eigentlich total langweilig, es passiert ja weiter nichts. Eher wie eine Party, wo man die Leute nur vom Namen kennt und noch nie live erlebt hat. Aber eben genauso unterhaltsam.
Nach den Promis kommt die Mode. Ob die dann noch so relevant ist, hängt von der jeweiligen Kollektion ab. Aber man versteht, dass bei dem Overkill an Kollektionen, dem mode-affinen Publikum mehr geboten werden muss, als nur eine mittelmässige Auswahl an Kleidern.
Brot und Spiele!
Aus dem Laufsteg-Event mit Fokus Mode (1980er) wurde ein Spektakel mit Kult-Djs und Artistik mit Fokus Mode (2000er) um heute zu einem Promishooting mit Fokus „Promis“ und ein bisschen Mode zu verkommen – Danke Social Media!!

Aber wie konnte es so weit kommen? Was hat sich geändert in der Mode – man sagt ja, dass Mode im ständigen Wandel ist und sich permanent verändert. Ich glaube das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar haben Leute immer Geld mit Mode verdient, sehr viel Geld, aber mittlerweile sind fast alle großen Labels in Gesellschaften, die börsennotiert sind. Und auf einmal kommen ganz andere Gesichtspunkte zum Tragen. Plötzlich geht es um Shareholder Values, also was haben die Aktienkäufer von den Marken. Und das sind einfach ganz andere Kriterien als vorher, also ganz andere als eine poetisch schöne und stringente Kollektion zu entwerfen. Jetzt geht es um gut verkäufliche, möglichst billig produzierte Klamotten, die zum höchstmöglichen Preis an ein darauf zugeschnittenes Publikum verkauft werden könen. Auch die Kampagnen haben sich verändert. Es gibt eigentlich nur noch Mode-Photos vor weißem Hintergrund. Keine Ideen, kein Image – alles total austauschbar. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass es der Luxus-Mode gerade so schlecht geht. Sie ist ohne Identität, absurd teuer, bar jeder Phantasie, niemand schert sich mehr ums Image. Kurzsichtig starren die Zahlencruncher auf Effizienz und Einsparung, um ihre Zielvereinbarung des laufenden Jahres zu erfüllen, ihren Bonus einzustreichen. Koste es was es wolle.
Irgendwas stört den Konsumenten offenbar daran. Klar, es geht gerade vielen finanziell nicht gut und alles andere, was es im Leben braucht, ist teurer geworden. Da spart man halt am ehesten am 800-Euro-T-Shirt von Dior. Blöd für alle Seiten: den Konsumenten, den Aktionär und vor allem am Ende für das Label. Eine Zeitlang konnte man seine Marke noch mit großen Logo-Prints teuer verkaufen. Nachdem das nun jeder kopiert hat, will es keiner mehr sehen. Nur leider ist mittlerweile das gute Image von einst verramscht worden, der Ruf ist dahin. Welche Sau treibt man jetzt durchs Dorf?
Irgendwann muss die Tatsache, dass ich mir eine namhafte Marke leisten kann auch mit etwas mehr untermauert sein, als mit dem Namen der Marke darauf. Es war von Beginn und bleibt es bis heute: grotesk
Das scheinen allmählich einige wenige begriffen zu haben. Mögen es mehr werden!
Es wäre schön, wenn die Männer mit den Excel-Tabellen die Brücke der Labels wieder verlassen, sie hatten ihren Spaß und sind gescheitert. Gebt den Designern das Steuer zurück, denn sie wissen, was sie tun.