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Wohl und Weh

Zwischen Wohl und Weh: Reanalogisierung mit dem Wohlweh 

Words: Sandra Groll

Illustration: Tronje Thole van Ellen

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten durchaus Mühe gegeben, die Welt zu digitalisieren, waren dabei überraschend erfolgreich und sehen uns nun vor die Aufgabe gestellt herauszufinden, was diese Digitalisierung so mit uns anstellt. Dabei sind es weniger die digitalen Produkte, Services oder Medien, die herausfordernd sind, sondern eine unbemerkte Digitalisierung des Geistes, die ganz nebenbei vollzogen und wirksam geworden ist. 
Unser von Technologie und Faszination geprägtes Alltagsverständnis des kleinen, dafür aber umso omnipräsenteren Wortes ‘digital’ blockiert dabei nicht nur erheblich die Auseinandersetzung mit dem was dort eigentlich vor sich geht, vielmehr nehmen wir uns durch ein auf technologische Aspekte reduziertes Verständnis von Digitalisierung selbst die Chance, anders zu sein, zu erleben und zu spüren und wundern uns, warum die digitalisierte Lebenswelt zu Polarisierungen neigt. Wie es scheint, sorgt Digitalisierung nicht nur für Konnektivität, permanentes In-Verbindung-Sein und für jederzeit zur Verfügung stehende Services, sie steigert anscheinend auch in einem erheblichen Maße die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden, in dem sie ihr inhärentes Versprechen – nämlich eine eindeutige, klare und dementsprechend entgegenkommende Lebenswelt zu schaffen – nicht einlösen kann. Sie – wer hätte das gedacht – verflacht und radikalisiert gleichzeitig unser Erleben.

Wie so oft, müssen wir uns, wenn wir den impliziten Grundfiguren unseres Handelns auf der Spur sind, erst einmal durch Schichten des Alltags, der Emotionen, des Wünschens und Erwartens wühlen und uns dabei auf Instrumente und Vorgehensweisen verlassen, die uns in der jeweiligen Situation zur Verfügung stehen. Da wir irgendwann einmal gelernt haben, dass es bei aller handwerklichen Tätigkeit auf die Wahl des Werkzeuges ankommt, fällt die Wahl dabei meist auf das naheliegendste, in funktional ähnlichen Situationen erfolgreich erprobte Werkzeug. Im Falle des Buddelns wäre dies sicherlich der Spaten. 
Allerdings erscheint mir diese Wahlstrategie im Kontext dieses Beitrags und Lichte des beginnenden Spätsommers doch ein wenig arg fad, wie der Österreicher sagen würde. Beziehungsweise wäre der im Hinblick auf das Graben gewählte Spaten selbst eine formal logische Antwort, denn es gilt, wenn Zweck = graben, dann Werkzeug = Spaten. Relationen dieser Art kennen die Älteren unter uns noch aus dem Informatikunterricht der 1990er Jahre und natürlich waren wir stolz wie Bolle, wenn es uns gelungen ist, dies in Pascal oder Cobol in ein Stück Code zu übersetzen.
Ich würde aber in Sachen Digitalisierung des Geistes gerne ein wenig anders vorgehen und das seriöse Graben mit einem spielerischen Buddeln und Wühlen ersetzen. Denn dem Buddeln und Wühlen fehlt nicht nur Plan und Zweck, es ist auch eine ästhetisch-spielerische Praxis im Medium der Nichternsthaftigkeit. Aber ich möchte doch glatt noch einen Schritt weitergehen und die Differenzen von Ernst und Unernst sowie Zweck und Zwecklosigkeit aus guten Gründen unentschieden halten lassen. Anders gesagt: ich bin im Urlaub und wenn schon, dann möchte ich weder buddeln noch graben, sondern wühlen und suhlen, und zwar in den konträr zueinander stehenden Codierungen von Digital und Analog und damit der zentralen medientheoretischen Leitunterscheidung. Analog sind diesem Verständnis nach alle Signale, die sich kontinuierlich verändern und jeden noch so feinteilig-singulären Wert zwischen zwei Extremen annehmen können. Während Digital hingegen alle Signale sind, die aus klar trennbaren, binären Werten zum Beispiel 0 und 1 bestehen. Und da es im Weiteren um die Digitalisierung des Geistes gehen wird, wühlen wir doch als erstes einmal in dem Phänomenbereich, in dem sich unser Bedürfnis, die Welt – und unsere Erwartungen gleich – mit 0 und 1 einzuteilen eindrücklich und nachvollziehbar zeigt: nämlich in den zur groben Vorsortierung des Gegebenen gerne genutzten. 

Anders als im  technologisch Digitalen, für dessen komplexe Datenbankarchitekturen und LLMs längst mehrwertige Logiken benötigt werden, vollziehen wir die alltägliche Digitalisierung des Geistes auch weiterhin mit zwei Werten: 0 und 1, das heißt wir operieren mit zwei Maximalwerten und orientieren unser Handeln daran. Das bedeutet ganz klassisch, wir wollen je nach Persönlichkeitstyp dafür oder dagegen sein, ein vollständiges Ja oder Nein, maximale Reibung oder perfekte Flauschigkeit, Wohl oder Weh. Das kann nur in Enttäuschungen enden. Denn zum einen ist im Alltag völlig unklar, wann die maximale Flauschigkeit erreicht ist, zum anderen lässt sich die Welt und ihr Erleben nicht in 0 und 1 übersetzen, denn wir haben es in Sachen Digitalisierung mit einer Codierung zu tun, die quer zur Welt steht. Jenseits der digitalen Codierung liegt die Welt und damit konfuses Schlingern, grau- und grünstufige Affekte und damit die Ambivalenz und Ambiguität, also dem widersprüchlichen Erleben und der Mehrdeutigkeit von Situationen, Erwartungen und Realitätskonstruktionen. Das ist blöd, denn die Digitalisierung des Geistes führt dann nicht zu einer geordneten uns entgegenkommenden Welt, sondern zu dem Problem, dass wir es mit mehr Unordnung zu tun bekommen, da wir nun auch noch beobachten müssen, mit welchen Grundfiguren in Handlung und Erwartung wir gerade operieren.

Binärcodiertes reduziert Komplexität, legt Ordnung nahe, stiftet darin Orientierung und ermöglicht vermeintliche Erwartungssicherheit. Wer mit einem binären Schema arbeitet, muss sich mit ambiguen, also mehrdeutigen Verhältnissen nicht auseinandersetzen, er muss nur dafür sorgen, dass der jeweils nicht präferierte Codewert nicht realisiert wird, also das Wohl erreicht und das Weh vermieden wird. Oder anders herum, wenn man dazu neigt, die Welt brennen sehen zu wollen. 

Nehmen wir also die Unterscheidung zwischen Wohl und Weh und teilen die Welt entsprechend ein: in Dinge und Verhältnisse, die wohltuend sind, und in Dinge und Verhältnisse, die Weh erzeugen und gehen wir davon aus, dass wir zu denjenigen gehören, die das Wohl gegenüber dem Weh bevorzugen, wenngleich auch das Weh unter bestimmten Bedingungen, das Attraktivere sein kann. Anders lassen sich Phänomene wie Rage Bait oder Doom Scrolling nicht erklären. Wenn wir also das Wohl als positiven Maximalwert einer Selbstdigitalisierung bevorzugen, dann erwarten wir von den Dingen, Services, Situationen und von unserem Selbstempfinden, dass es im Wohl keine Abstufungen und Übergangswerte gibt. Und hier wird es dann auch schon haarig, denn der Maximalwert kann nicht anders als in sich geschlossen und stimmig sein, und entweicht uns damit ins Fiktive. Der perfekte Wohl-Strandtag setzt die perfekte Außen- und Wassertemperatur ebenso voraus, wie die perfekten Wind- und Schattenverhältnisse, die perfekten Strandnachbarn, den perfekten Parkplatz und die perfekten zwischenmenschlichen Interaktionsdynamiken. Das kann nur in Enttäuschungen enden, die sich am Abend in den Restaurants an der Strandpromenade in Kommunikation und Verhalten ihren Ausdruck verschaffen. Auch hier kann die Selbstdigitalisierung weiterhin ihren Schabernack treiben. Das Stichwort lautet: Schatz, du hast mir mit deiner Laune das Abendessen und den Urlaub versaut! Diese durch Digitalisierung in Gang gesetzte Enttäuschungsmaschinerie, ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie wirtschaftliche Bedeutung besitzt, denn da wir maximale Wohlerwartungen aller Orten entwickeln, lassen sich entsprechende Angebote, Services oder Erfahrungen gestalten, die uns das entsprechende Wohl versprechen, obwohl uns der Maximalwert wie ein flüchtiger Ganove immer schon einen Schritt voraus ist. Das stresst natürlich ungemein.

Was bleibt uns somit, wenn die Digitalisierung in flüchtigen und damit unerreichbaren Werten mündet? Eine Reanlogisierung des Geistes und unserer Weltverhältnisse. Und das bedeutet nichts anderes, als sich um gepflegte Zwischenwerte zu kümmern und an diesen, Freude zu empfinden. Zwischen Wohl und Weh stehen im Analogen nämlich die kontinuierlichen Werte. Zum Beispiel das Wohlweh, das Wohlwohlweh oder das Wehwehwohl. Das Wohlweh lässt uns mit schmerzhafter Freude bei steifer Brise in der zu kalten Nordsee baden, wehige Erlösung beim Aufkratzen des Mückenstichs finden und ermöglicht uns in der Erfahrung von Widerständigkeit, die entsprechend nachhaltigen Lernmomente nach denen wir einander sind. Als Wohlwohlweh vergleicht die Nostalgie den aktuellen Sonnenuntergang mit allen schon gesehenen Sonnenuntergängen und spuckt ein bisschen Sterblichkeit in die Suppe des Momentes. Das Wehwehwohl bringt die vorangegangene Muskelaktivität und damit die eigene Fitness in Form des entsprechenden Katers in Erinnerung. Jenseits der Selbsterfahrungsschlaufen kann das Wohlweh jedoch noch mehr, denn es besitzt eine gesellschaftliche Dimension. Wer das Wohlweh praktiziert, das heißt, die Zwischenwerte sucht, dürfte weniger enttäuscht sein und tendiert weniger dazu, den Manager sprechen zu wollen oder fragwürdige Parteien zu wählen. 

Die Digitalisierung des Geistes allein führt uns hingegen in eine Sackgasse, sie verdirbt die Launen – und so viel erzieherischer Impetus muss sein – auch den Charakter. Es gilt jedoch auch: Digitalisierung ist etwas Menschliches, sie entspringt unserem Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Orientierung und Erwartungssicherheit und macht uns genau aus diesem Grund blind für die Grauzonen und Übergänge, für Ambivalenz und Ambiguität, und nimmt uns dann die Fähigkeit, munter vor uns hin zu evolvieren. In der Reduktion auf 0 und 1 wird die Vielfalt der Welt in eine künstliche Einfachheit gezwängt, die nicht nur enttäuscht, sondern entfremdet. Mit bewusster Reanalogisierung des eigenen Weltverhältnisses, lassen sich die Werte zwischen 0 und 1 erkunden. 
Eine Re-Analogisierung des Geistes bedeutet, dass wir uns nicht länger von maximalen Erwartungen treiben lassen, sondern in der Bereitschaft zur Ambiguität eine neue Form von Freiheit erkennen. Statt im Rausch binärer Ordnungsschemata Sicherheit zu suchen, könnten wir die Unsicherheit der Zwischenräume als Resonanzraum des Denkens und Handelns begreifen. Vielleicht liegt darin ein Ausweg aus der Enttäuschungslogik: nicht die Jagd nach maximalem Wohl, sondern die kultivierte Erfahrung von Wohlweh, Wohlwohlweh und Wehwehwohl. So wird die Digitalisierung nicht aufgehoben, sondern durch die Wiederentdeckung des Analogen ergänzt – in einem Bewusstsein, dass es nicht die Klarheit binärer Codes, sondern die Vielstimmigkeit unserer Weltbeziehungen ist, die uns lebendig macht. Und das werde ich jetzt gleich mal umsetzen mit einem Sprung in die viel zu kalte Nordsee. Eine Arschbombe ins Wohlweh.

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Plätzchen und Kekse

Von Plätzchen und Keksen – Eine kleine Soziologie des Siehste

Words: Sandra Groll

Illustration: Tronje Thole van Ellen

Niemand möchte im Frühjahr eigentlich noch über Plätzchen sprechen. Ganz im Gegenteil, bis Ende August, Anfang September möchten wir von weihnachtlichen Themen verschont bleiben. Allerdings treibt mich seit der Vorweihnachtszeit eine kleine Kommunikationssituation um, deren Zeugin beziehungsweise Beteiligte ich wurde und sie liefert eine so schöne Vorlage für diesen Text, dessen letzte Version ich am Morgen der vorgezogenen Bundestagswahl schreibe. Wahlzeiten sind Zeiten, in der sich Kommunikationssituationen und die vorgeschlagenen Programmatiken zuspitzen und Eskalationsspiralen drohen. In der digitalisierten und vor allem algorithmisierten Gesellschaft mehr denn je. Da ist es doch gleich viel angenehmer über die triviale weihnachtliche Alltagssituation zu schreiben, in der zum einen die Frage eine Rolle spielt, was denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen sei und zum anderen spezifische Formen der Kommunikation auffällig werden, die wir auch im größeren Maßstab antreffen: Das Siehste! Das Siehste kann nämlich auf ganz unterschiedliche Weise genutzt werden und eine Weise ist toxischer Natur, um einmal eins der Modewörter der Selfcare-Kultur zu benutzen. Die Frage ist also Was passiert eigentlich in den Situationen, in denen wir zu unserem Gegenüber Siehste sagen? Geht es immer nur um Rechthaberei und Triumph? Oder steckt in dem Siehste je nach Kontext nicht auch etwas Positives?
Also geht es in dieser Frühjahrsausgabe zunächst einmal ganz kurz zurück in jene, je nach biografischer Vorerfahrung mehr oder weniger emotional aufgeladene Vorweihnachtszeit. Hinein also in den Mikrokosmos der feiertagsgeschwängerten Alltagskommunikation, Erwartungserwartungen, jahresendlicher Melancholie und Hektik. Und natürlich hinein in die Zeit der privaten Einladungen, bei denen man Zeuge werden kann, von kleinen Alltagsinteraktionen und Kommunikation zwischen Paaren, die unbedeutsam erscheinen aber strukturell doch auf so allgemeine Muster folgen, dass wir sie auch in öffentlichen Debatten finden. Zum Nachtisch wurde selbstgemachtes Gebäck gereicht, das ich so gelungen fand und nach dem Rezept fragte. Es wurde mir auch klaglos ausgehändigt, nur plötzlich stand sie im Raum: Die Frage ob zwischen Plätzchen und Keksen ein Unterschied besteht. Ganz GenX wie die Tischgesellschaft war, blieben die Handies in der Tasche und es wurde sich auf die guten, alten analog-argumentativen Entscheidungsketten verlassen. Bekanntlich gibt es recht unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Weihnachtsgebäck grundsätzlich beschaffen sein sollte, ob knackig trocken oder saftig weich. Der Runde war also schnell klar, dass diese Argumentationsrichtung wenig zielführend ist. Bildungsbürgerlich lässt sich an dieser Stelle elegant abbiegen, und zwar in eine Zweifrage: Ob sich der Wesenskern saftiger Plätzchen oder eher trockene Kekse in ihren Namen niederschlägt. Letzteres könnte man Blick auf das Takete-Maluma Phänomen der Gestaltpsychologie vermuten. Solche Fragen und Tischgespräche mögen harmlos anmuten, im Kontext von Beziehungsgeschichte und Paardynamik können sie jedoch eine Bedeutsamkeit annehmen und im Kontext latenter Konfrontationslinien und möglicher Eskalationsspiralen stehen, die weder den Paaren selbst noch den Gästen bekannt sind. Gäste finden sich in solchen Situationen schnell in der Rolle des Züngleins an der Waage wieder, ob sie wollen oder nicht. Und damit war ich, als Klugscheißerin von Berufswegen, auch schon aufgefordert, eine möglichst schlüssige Begründung zu liefern und damit Position zu beziehen. Gesagt, getan und schwups folgte ein charmant-triumphales „Siehste“ der Keksbäckerin und ich hatte meinen Case für die Frühjahrsausgabe.
Das Siehste ist eine sehr spezifische Form der Kommunikation: mehrdeutig, mit allerlei Verweisungssinn ausgestattet, kontextabhängig und mit Latenz aufgeladen. Je nach Rahmenbedingungen und Anschlussoperation wirkt das Siehste durchaus konfrontativ, aber nicht zwangsläufig unversöhnlich. Es kann paradoxerweise einen Streit einleiten oder durch als Pseudo-Streitangebot eine eingeschränkte Geste der Versöhnung sein. Es kann Hierarchieansprüche zum Ausdruck bringen oder bestärkend ermutigender Natur sein. Das Siehste ist somit in der Lage, sowohl stabilisierend wie destabilisierend zu wirken.
Bei näherer Betrachtung sind „Siehste“-Kommunikationen – wer hätte das gedacht – inhaltlich und sozial anspruchsvoll, denn sie finden im Mittelbereich konfrontativer Kommunikationen statt. Jenem Bereich also, in denen Etwas verhandelt wird, das weder gänzlich egal ist noch von einer solchen Bedeutsamkeit, dass es einer sofortigen Eskalation und der Verhärtung bedarf. Ich spreche hier bewusst von ‚Etwas‘, denn es ist nicht notwendigerweise das eigentliche Thema der Kommunikation, das in Siehste-Situationen zur Debatte steht. Die Frage nach Plätzchen oder Keks, ließe sich einfach per Googleabfrage klären und ist von so alltäglicher und anekdotischer Trivialität, dass sie eigentlich keines weiteren Kommentars bedarf. Wenn es nicht notwendigerweise der Inhalt ist, der in Siehste-Situationen zur Debatte steht, dann muss es das Nichtgesagte sein, etwas Latentes, vielleicht gar nicht Sagbares, dass aber irgendwie mitkommuniziert werden muss: es ist das Verhältnis der Kommunizierenden zueinander, und zwar in der vollen Komplexität aus individueller Geschichte, psychologischen Endloshorizonten, Tagesbefindlichkeit und Erwartungserwartungen an den anderen.
Dabei scheinen kraftvolle Emotionen im Spiel, die sich in Körperhaltung und Mimik widerspiegeln: die Blicke fest, die Körper aufrecht und das Kinn nach vorn. Ein Beobachter könnte vermuten, es könnte jederzeit losgehen mit der Eskalationsspirale. Tut es aber nicht, zumindest in der hier beschriebenen Variante der wohlwollenden Siehste-Kommunikation – nennen wir sie der Einfachheit halber die Plätzchenvariante. In dieser Variante setzt nämlich das Siehste eher eine Art Schlussstrich unter die Spannung. Das Siehste bekommt dann einen versöhnlichen, handreichenden Charakter, insbesondere wenn die Handreichung mit nonverbaler Zusatzkommunikation, wie etwa einer Entspannung der Körperhaltung und einer sanft werdenden Mimik einher geht. Ein Angebot, den kleinen Triumph zu akzeptieren und auf der Beziehungsebene versöhnlich weiterzumachen. Die dritte Instanz in dieser Situation, der Gast, unfreiwillig zum Linienrichter des eigentlichen Themas geworden, dürfte an dieser Stelle Erleichterung spüren und die beiden Hauptakteure können ohne Gesichtsverlust mit den beziehungsbestätigenden Anschlussoperationen beginnen.
Nicht immer enden Siehste-Kommunikationen so friedlich, denn das Siehste als performative Äußerung kann auch ganz anders in Erscheinung treten, nämlich als Versuch der einen Partei die Kontrolle zurückzuerlangen und Recht zu behalten. Dann ist das Siehste ein passiv-aggressives ‚Ich habe es dir doch gesagt‘, tendiert graduell in Richtung Unversöhnlichkeit, dient der Kommunikation von Hierarchie und leitet gewisse Toxizität in die folgenden Interaktionen ein. Wenig verwunderlich, dass dann auch die Reaktion des Gegenübers weniger, wie beim Plätzchen-Siehste in einem viel sagenden Lächeln mündet, sondern in Ablehnung, dem direkten Angriff oder in einer Fluchtreaktion, die je nach Persönlichkeitstyp in Schweigen oder Verschwinden münden kann. Anders als das Plätzchen-Siehste, geht es in diesem Siehste um Rechthaberei und darum, Überlegenheitssignale zu setzen. Darüber kann auch das sprachlich informelle Siehste nicht hinwegtäuschen, denn es vermittelt nur oberflächlich Nähe und Mitgefühl, während man dem Anderen unterschwellig Inkompetenz, Ignoranz und mangelnde Einsicht unterstellt. Diese toxische Form des Siehste hat mit dem Plätzchen-Siehste gemein, dass sie ebenso auf eine Vorgeschichte verweist und Angebote für Anschlussoperationen macht, aber die Beziehung im Weiteren belastet, da dieses Siehste persönlicher Selbsterhöhung dient und darauf angewiesen ist, den anderen abzuwerten. Und Siehste-Kommunikationen dieser Art sind destruktiv, schon allein deshalb, weil in diesem Siehste betont wird, wie erwartbar und unvermeidbar ein bestimmter Outcome war, weil es dem Gegenüber an Grundsätzlichem mangelt.
Neben den Plätzchen- und dem toxischen-Siehste, gibt es als dritte Form der Siehste-Kommunikation noch das ermutigende Siehste, in der Art von „Siehste, geht doch“. Dieses Siehste ist lobender Natur, denn es verweist auf und bringt die positiven Erwartungen zum Ausdruck, die an die andere Person gestellt und die von dieser erfüllt wurden. Es dient der Kommunikation von Unterstützung und enthält gleichzeitig die latente Aufforderung sich den Herausforderungen der Zukunft selbstbewusster zu stellen. Allerdings kann auch dieses Siehste je nach Kontext mehrdeutig und ambig sein. Seine ursprünglichste Form findet dieses Siehste sicherlich in Eltern-Kind-Kommunikationen, in dem es Bestätigung und Ermutigung ausdrückt. Auf die Paarebene gezogen ist es jedoch nur graduell weniger giftiger Natur als das toxische Siehste und aus diesem Grund mit Vorsicht zu genießen, denn es bleibt eine Spur elterlicher Fürsorge enthalten, die in Paarkonstellationen nicht immer angebracht ist.
Während das wohlwollende Plätzchen-Siehste soziale Bindungen und Beziehung, das ermutigende Lob-Siehste Selbstbewusstsein und Handlungskompetenz fördert, erzeugt das toxische Siehste Distanz, verstärkt Unsicherheit und setzt negative Dynamiken in Gang. Diese Qualität behalten die drei Formen des Siehste auch im größeren Maßstab, also in der kommunikativen Reaktion auf größere gesellschaftliche Fragestellungen. Mit dem wohlwollenden Siehste werden Entwicklungsprozesse und geklärte soziale Fragestellungen thematisiert und gleichzeitig Allianzen geschmiedet. Das ermutigende Siehste macht Fortschritte sichtbar und fordert gleichzeitig auf, weiterzumachen und sich mehr zuzutrauen. Es motiviert dazu, sich den Herausforderungen zu stellen. Das toxische Siehste, welches gerade im digitalen Raum die Debatten dominiert, emotionalisiert auf negative Weise und betreibt Rechthaberei auf Kosten des sozialen Zusammenhalts. Leider ist es gerade Letzteres, dass uns im digitalen Kommunikationsrauschen auf den nicht ganz so sozialen Medien über die Maßen begegnet, da es an den systemischen Kontext dieser Medien besonders anschlussfähig ist. Und es mündet in schrecklich unproduktiven Zuständen: Siehste, ich habe es ja gesagt, das uns dieses oder jenes in den Abgrund führen wird. Dieses Siehste bietet keinerlei Lösung oder produktiven Beitrag an, macht es sich in der Kritik von Problemen ohne Beitrag zur Lösung allzu bequem und dient einzig und allein der eignen Profilierung und selbst das noch nicht einmal in produktiver Weise. Siehste, ich habe es ja gesagt, dass (hier bitte ein Thema der Wahl einsetzen) zu (hier einen gesellschaftlichen Zustand der Wahl einsetzen) führt! Und nun das Ganze auf X posten, drei Likes einsammeln und dann? Vielleicht wäre es sinnvoller in eine Beobachtung zweiter Ordnung zu wechseln und sich bei jeder Siehste-artigen Kommunikation, die uns so unvermittelt über die Lippen oder über die Tastatur kommen, zu fragen, welche der drei Formen des Siehste wir da eigentlich gerade gebrauchen wollen und warum. Machen wir mit einem wohlwollenden Plätzchen-Siehste ein Angebot eine positive Anschlussoperation zu finden und die Beziehung fortzuführen, motivieren wir uns mit einem ermutigenden Siehste die nächsten Schritte einzuleiten oder bereiten wir mit einem toxischen Siehste schlussendlich doch Eskalationen vor? Wir haben an dieser Stelle auf jeden Fall die Wahl ebenso wie wir die Wahl haben, die Frage nach dem Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen zu beantworten, offen zu lassen oder ganz zu ignorieren.
Wer zum Schluss dieses Textes doch noch wissen möchte, ohne selbst zu googeln worin denn der Unterschied zwischen Plätzchen und Keksen besteht und ob sich anhand der Namen Hinweise auf den Unterschied finden lassen, kann beantwortet werden: Qualitativ sind Kekse und Plätzchen nicht deutlich unterscheidbar. Weder in Süße, Trockenheit oder Größe lässt sich klar eine Grenze ziehen, wo der Keks aufhört, und das Plätzchen beginnt. Und ein Blick in Friedrich Kluges Etymologisches Wörterbuch erklärt die Herkunftsgeschichte der beiden Begriffe wie folgt: Das Plätzchen leitet sich vom Platz ab und ist bereits seit dem 14.Jahrhundert bezeugt. Vermutlich stammt aus dem nordwestdeutschen Raum, wo der Platz eine Alternativbezeichnung für das Stutengebäck ist. Dieses Hefegebäck wird eingeschnitten, wodurch es aufplatzt. Allerdings kann der Einfluss von Platz auf die Herausbildung des Wortes ebenso wenig ausgeschlossen werden, wie das mögliche Geräusch, das das Gebäck beim Aufplatzen im Backvorgang macht. Der Begriff Keks hingegen kommt erst im 19. Jahrhundert auf und ist eine Eindeutschung des englischen Cake. Man hat es auch hier mit einer Frage zu tun, die unentscheidbar ist. Die damit von uns ganz im Sinne von Heinz von Förster entschieden werden kann und dann zu Siehste-Kommunikation genutzt werden kann. Aber bitte keiner Toxischen.

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Summersidequest

„Summersidequest: Taylor Swift, symbolische Formen und Intimate Connection“

Words: Sandra Groll

Zu jedem Sommer gehört ein Sommerhit und mag er noch so kitschig sein. Gleiches gilt auch für die Sommerlektüre. Wir nehmen uns zwar vor, am Strand endlich dieses eine, wirklich wichtige Buch zu lesen und biegen dann mit großer Leidenschaft mit einem eher seichten Titel scharf links ab. Und dann gibt es da noch die Sommerfragen und Sommerthemen. Angelegenheiten mit denen man sich immer schon einmal beschäftigen wollte. Also den großen, ganz wichtigen. Auch sie werden für den Sommer terminiert und fallen diesem dann erst zum Opfer, um nolens volens durch eher absurde Side Quests, wie Gamer sagen würden, ersetzt zu werden. Während mir also die Hitze – oder war es doch der Aperol? – ein wenig das Hirn weichspülte, war sie auf einmal da, die unnötigste aller Fragen und der Side Quest des Sommers: Was hat es mit den in Glitter und Pailletten getauchten und mit Cowboystiefeln beschuhten Frauen mittleren Alters auf sich, die an einem Mittwochnachmittag im Juli und am darauffolgenden Morgen in seltsam entrückter Stimmung die ganze Stadt bevölkern zu schienen und warum war ich nicht dabei? Natürlich hätte man die Antwort auch einfach googlen können, aber hey es ist Sommer. Und überhaupt Aperol und so, also sind Müßiggang, Beobachtung und Quatschanalytik angesagt. Ausstattung, Style, Accessoires, Makeup und Frisuren deuteten eindeutig auf einen ästhetisch-symbolischen Code hin, der durch weitere Formen wie Gesten, Mimik und ritualisierte Interaktionsformen ergänzt wird und anscheinend das Kunststück fertigbringt, eine intime Interaktionsgemeinschaft zu gründen, deren Mitglieder sich zuverlässig erkennen. Gleichzeitig scheint sich die ganze Soße aus symbolischen Formen, sozialer Interaktion und Codierung auf Rückkopplungseffekte zu erzeugen, die emotional-psychische Resonanzen ermöglicht und sich gleichzeitig in Köperhaltungen niederschlägt. Denn eins war deutlich: Selbstwirksamkeit und verschworene Gemeinschaft strahlten die Protagonistinnen aus. Anscheinend gelingt es den symbolischen Formarrangements des Codes gleich auf mehreren Systemebenen Irritationen zu erzeugen und dementsprechende Synchronizitätseffekte auslösen. Formenarrangements, die in der Lage sind leiblich-emotionale Niederschläge, soziale Interaktion, Gemeinschaftsgefühle, Selbstermächtigung und Identitätskonstruktionen gleichermaßen zu stimulieren und gleichzeitig die Welt und damit die anderen gehörig auf Distanz zu halten.
Das ist an sich nichts Neues, denn immer, wenn man es mit Symbolen und Codierungen zu tun hat, ist die Einheit der Differenz von Verbindung und Ausschluss nicht weit. Jedes Symbol und jeder Code, wirken schlicht zweifach: Sie trennen und verbinden gleichzeitig. Verbindungen werden dort gestiftet, wo die Bedeutung der Zeichen verstanden und geteilt wird, mit dem Ergebnis eines emotionalen Widerhalls, der sich in einem Gefühl das Angenommenseins und Ankommens ausdrückt. Trennungen finden hingegen dort statt, wo der Sinn nicht erschlossen werden kann, weil sich Zeichen und Code, aus welchen Gründen auch immer, als unzugänglich erweisen und der Sinn im Sinne Roland Barthes stumpf bleibt, weil die Signifikate nicht verfügbar sind. Das gilt für die Zeichen der Schrift, für die Zeichen der Mode oder die Formeln der Mathematik. Symbole sind – auch das ist nicht neu – immer Diabole. Man ist allerding nicht allein deshalb draußen, weil man den Code nicht versteht, sondern auch dann, wenn man seine Formen als Hinweise auf etwas ganz Anderes liest. Aus welchen Gründen auch immer vermutete ich nicht Taylor Swift, sondern das Jahrestreffen des Deutschen Cheerleading and Cheerdance Verbands in der Stadt und hätte damit nicht falscher liegen können, denn kein Jahrestreffen, welcher Cheerleadervereinigung auch immer, dürfte eine so breitgefächerte Immersion in den Alltag zustande bringen. Auch im morgendlichen Pendelverkehr am darauffolgenden Donnerstagmorgen, schob sich die symbolische Codierung in den Alltag. Hier und da ergänzte das Paillettenoberteil noch das Businesskostüm, zeigte sich just ein wenig zu viel Glitter in den Lidschatten und auch die Cowboystiefel trieben hier und da ihr schweißiges Unwesen. Allen gemeinsam war, dass sie auf fast magische Weise, nicht nur die Schultern sondern auch das Selbstbewusstsein ihrer Trägerinnen strafften. So viel Körperspannung, Empowerment und Selbstbewusstsein vor 9:00 war selten. Und einige, ganz harte Fällen schienen sogar das Volloutfit als neuen Standard durchsetzen zu wollen und verbreiteten einen fast schon punkig-trotzige „Das-bleibt-jetzt-so-für-immer“ Vibe.
Die individuelle Ebene ist bekanntlich das eine, Gemeinschaft das andere. Die geteilten symbolischen Formen und der gemeinsame Code erzeugen eine in schweigendem Einverständnis gemeinsam erlebte und in Mirkoverhalten bestätigte Innigkeit. Ein Mikrorealitätsgemeinschaft, die sich durch Blicke, Lächeln und anderen kleinen Formen der gegenseitigen Anerkennung und des Gesehenwerdens zwischen eigentlich Fremden mit ähnlichem Symboloutfit im öffentlichen Nahverkehr realisiert. Intime Konnektivität eben, die eigentlich flüchtig ist und die aus diesem Grund auf ästhetische Zeichen ebenso angewiesen ist wie auf das darauffolgende symbolisch-bestätigendende Verhalten.
Und sind wir doch ehrlich, im Kern jeder Intimitätsgemeinschaft steht genau dieser Prozess und wir alle kennen solche Begebenheiten doch aus einem ganz anderen Bereich: Dating. Auch dort braucht es symbolische Formen – und ich meine damit nicht nur die materielle – und bestätigendes Verhalten, damit sich ein Gründungsmythos einstellt, auf dem man sich im weiteren Verlauf beziehen kann. Je arbiträrer dabei die Elemente und Formen, desto mächtiger der Mythos.
Und damit führt der triviale Sommersidequest dann doch wieder zurück zu den großen und wirklich wichtigen Fragen. Zwinkersmiley an dieser Stelle. Nämlich der Frage nach den Kristallisationskernen und Mustern sinnhaft-sinnlich erlebter intimer Verbindungen. Wie viele Symbole und symbolische Codierungen brauchen wir heutzutage, damit wir in Stimmung kommen uns einzulassen auf innige Verbindungen und ihre Sinnlichkeit, die wir als tief und erfüllend erleben, die uns auf kognitiver, biochemischer und identitärer Ebene berühren und die strenggenommen emotionale Eigenkonstruktionen sind, die in ähnlicher Weise von allen Beteiligten gleichzeitig realisiert werden müssen.
Reichen einfache Symbolformen wie Liebes- und Gemeinsamkeitszeichen noch aus, oder müssen wir das Ganze eher verdichtend angehen und Symbolarrangements schmieden, die auf unterschiedliche Sinnprovinzen verweisen? Eignen wir uns die Formen eigentlich an, um sie im Prozess der unendlichen Semiose zu dem werden zu lassen, was sie am Ende sind: Interfaces für mehrdimensionale Systemirritationen die sich an Körper, Kognition und Kommunikation gleichermaßen richten?
Das Paillettenkleid existiert ebenso unabhängig von Taylor Swift und ihren Fans in anderen Kontexten und ist dort bereits mit Bedeutungen aller Art assoziiert. Gleiches gilt für das Freundschaftsarmband und das Ritual solche Armbänder als Zeichen der Verbindung auszutauschen. Sie existieren als bereits etablierte Zeichen in gesonderten Kontexten und sind in diesen allein für sich bereits so gewöhnlich, dass sie ein wenig trivial wirken. Das ausgetauschte Freundschaftsarmband dürfte jenseits des achtzehnten Geburtstages, eine nette Geste sein aber keine größeren emotionalen Verzückungen auslösen. Erst in durch Verkettung mit anderen symbolischen Formen und innerhalb eines sinnlich aufgeladenen Kontextes, dem Konzert, entfaltet sich anscheinend die Magie und gelingt eine Wiederverzauberung.
Und noch etwas wird im kalten Blick der Systemtheorie deutlich: Paillettenkleid, die Cowboy-Stiefel und das Glitzermakeup, sind ebenso wie die Akkorde der Musik und die Texte Taylor Swifts erst einmal nichts anderes als kontingente Formen, die so oder auch anders sein können und die erst durch ihre soziale, emotionale und psychische Anschlussfähigkeit zu Formen, die einerseits als konsistent und kohärent erlebt werden können. Gleiches gilt auch für ihr Arrangement zu einem Symbolkomplex. Ist Anschlussfähigkeit jedoch realisiert, bilden diese Formen Triggerpunkte für Sinnerleben, Emotionsgemeinschaften, Identifikationen und Mythologisierungen aller Art.
Und gerade für das Erleben von Intimität und Nähe scheinen gerade Letztere unverzichtbar, wenn es darum geht jene als verzaubernd erlebte Konnektivität zu realisieren, die Besucher von Taylor Swift Konzerten zu Swifties macht. Jede intime Verbindung braucht einen Gründungsmythos und dieser Mythos braucht Symbole, an denen er zum Ausdruck kommen kann. Das gilt auch für romantische Beziehungen, ohne Gründungsmythos halten sich die Schmetterlinge im Bauch vornehm zurück. Dass Mythologisierung und symbolische Formen zentral sind für positiv erlebte Konnektivität, haben auch Medien und Marketingexperten erkannt und versuchen mit Hilfe des Experience Designs nicht nur die entsprechenden Vorlagen zu entwerfen, sondern uns auch elegant unter zu schmuggeln, wohl wissend, dass es einen enormen Bedarf für intime Sinn- und Sinnlichkeitserfahrungen bei gleichzeitiger Hilflosigkeit die entsprechenden Formen zu gestalten gibt. Ein wenig Orientierung und Hilfestellung sind da schon ganz gut, schließlich möchte man weder etwas falsch machen noch über das Ziel hinausschießen. Auf der Suche nach sinnlich und sinnhaft erlebten innigen Verbindungen fallen wir dementsprechend gerne auf die simpelsten Taschenspielertricks herein, sind zudem noch recht affin bestimmten Mustern zu folgen und klicken uns eifrig durch die Vorschläge für das gelingenden Outfit zur diesjährigen Tour, praktischerweise gleich schon mit den entsprechenden Webshops verlinkt. Allerdings geht es auch nicht ohne Raum für Co-Design. Bestimmte Freiheitsgrade müssen offengehalten werden, denn auch überwundene Unsicherheit gehört zu den Triebkräften intimer Verbindungen. Schablonen mit geringen Freiheitsgraden reduzieren diese Unsicherheit, machen die ganze Sache dann aber auch wahnsinnig erwartbar und blockieren die Mythologisierbarkeit der Erfahrung. Das Ergebnis ist dann eine Struktur, die ihrer eigenen Zerfallswahrscheinlichkeit wenig, bis nichts entgegenzusetzen hat, da ihr nicht nur die Plastizität für Anpassungen, sondern auch der Raum für Projektionen und anderen Übertreibungen fehlt. Vergleichbar ist das in etwa mit einem Tinder-Date, bei dem bereits zu Beginn klar ist, dass es am Ende auf eine einzige Frage zuläuft. Und wer möchte schon später erzählen, dass es weniger das Schicksal, denn eine Katalogbestellung war, die diese Verbindung gestiftet hat. Also muss man spätestens beim zweiten Date anfangen, individuellere Zeichen zu finden und diese aufzuladen, um einen Gründungsmythos zu etablieren, der die Sache weiterträgt und die eigene Verzauberung gewährleistet. Scheinbar einfacher haben es dann schon die Gemeinschaften, denen der Zufall in die Hände spielt, die aus ähnlich gelagerten Weirdness-Reservoirs schöpfen und die sich gegenseitig mit abwegigeren symbolischen Angeboten bewerfen können. Und schon laufen nicht nur die Sinnzuschreibung und Bedeutungsproduktion an, sondern eben auch die entsprechenden hormonellen Prozesse. Jede Intimate Connection braucht diese Art von Resonanz in Medium von Adrenalin, Dopamin und Oxytocin und symbolische Formen sind ein Weg dahin.

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Lob auf die Nörgelei

„Ein Lob auf die Nörgelei“

Text: Sandra Groll

Illustration: Oskar Nehry

 

Die graue Jahreszeit geht zu Ende und der Frühling steht vor der Tür. Grund, wieder positiv in die Zukunft zu schauen. Weniges ist deprimierender als Deutschland im Winter, das Wetter schlägt aufs Gemüt und spätestens ab November auch auf uns selbst und unsere Alltaginteraktionen zurück. Wir sind dann noch unausstehlicher als sonst. Auch dies mag einer der Gründe sein, warum internationale Fachkräfte eher einen Bogen um dieses miesepetrige Land mit absurder Grammatik und überbordender Bürokratie machen. Es braucht jede Menge Resilienz, um die Zeit zwischen Oktober und April zu überstehen.

 

„Mir egal, weil Ooooom“

 

Dabei könnte es hier eventuell doch auch im Winter ganz nett sein, wenn die Deutschen ein kleinwenig netter wären – zu sich selbst und zu den anderen. Allerdings gelingt es uns immer wieder, die soziale Kälte zu erzeugen, die wir dann gerne lautstark beklagen. Und das in Zeiten des Megatrends zur Achtsamkeit. Weniges ist von stärkerer Unachtsamkeit geprägt als das deutsche Alltagsleben. Noch die achtsamsten Achtsamskeitsroutinen scheinen wirkungslos zu verpuffen, beziehungsweise scheinen sie die Miesepetrigkeit im Alltag nur noch zu steigern. Zwar dürften mittlerweile täglich hunderttausende Dankbarkeitstagebücher befüllt, Yogaroutinen oder Meditationsübungen gepflegt und endlose Listen der positiven Dinge geführt werden, mit denen wir uns versuchen, in eine dankbare Stimmung zu versetzen. Am Ende wirken all diese Aktivitäten wohl eher wie ein privates Bootcamp, um sich die letzten Skrupel und Sensibilitäten abzutrainieren.[1] Mir egal, weil Ooooom. Zwar wird nicht nur in Deutschland fleißig dem Megatrend Achtsamkeit gefrönt, allerdings scheinen hier die negativen Sideeffekte von Meditation und Co. auf die günstigsten Rahmenbedingungen zu treffen: Kulturell bedingt lieben wir Nörgelei, Rechthaberei und Neid. Kurz gesagt: die Negativitätsspirale. Und da wir diese permanent reproduzieren, schaffen wir uns Alltagsbedingungen, die uns dann dazu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, mit dem so erzeugten Zusatzstress umzugehen und da kommt Mindfulness gerade recht, hilft sie uns doch dabei, uns zu desensibilisieren.

Man könnte auch aus der Negativitätsspirale aussteigen, müsste dann allerdings ein Substitut für ihre soziale Funktion „Triggerpunkt für Nörgelei erzeugen“ finden und hier liegt der Hase im Pfeffer: Nörgelei ist der Kitt der deutschen Gesellschaft und deswegen bedarf es auch schlechter Nachrichten.  Erst wenn eine Information in der Lage ist, unsere Negativitätserwartung zu bestätigen und negative emotionale Feedbackschleifen in Gang zu bringen, dringt sie so richtig zu uns durch und schafft einen Kristallisationspunkt für Unmut, den wir dann artikulieren können und für den wir uns von den Anderen Zustimmung erhoffen.

 

„Kulturell erfüllt die Nörgelei aber noch weitere Funktionen, sie stiftet eine prekäre Form von Zustimmung und sie entlastet.“

 

Auch dieser Text ist nichts anderes als eine Nörgelei. Er ist allerdings eine Nörgelei zweiter Ordnung, also eine Nörgelei an der Nörgelei. Und wie immer in solchen Beobachtungen lässt sich dann die Einheit der Differenz und die soziale Funktion der Unterscheidung beobachten.

Auffällig ist dabei, dass die Nörgelei eigentlich die kleine vorpubertäre Schwester der Kritik ist, denn sie dringt nicht auf Handlung, sondern fordert passiv-aggressiv und verdeckt Wunscherfüllung ein, ohne selbst tätig zu werden zu müssen. Kulturell erfüllt die Nörgelei aber noch weitere Funktionen, sie stiftet eine prekäre Form von Zustimmung und sie entlastet. In den deutschen Alltag scheint die Nörgelei so tief eingeschrieben, dass man sie zu einer Kenngröße machen könnte, an dem sich die Integrationsleistung von Migrantinnen ablesen ließe, da sie vielmehr ein wichtiges Element in sozialen Interaktionen bildet.

Eine Erkenntnis, die mich im vergangenen Dezember ereilte: Nach sechs Wochen Teaching-Aufenthalt an zwei chinesischen Universitäten im winterlichen Frankfurt gelandet, war mein erster Kontakt ein freundlich-nöliger Taxifahrer, dessen ausgiebige Maulerei über die aktuelle Wetterlage, die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und die aktuellen Baustellen im Großraum Frankfurt, mich sofort in eine schöne vorweihnachtliche Ach-schön-wieder-daheim-zu-sein-Stimmung versetzten. Auch seine mehr oder weniger subtil deprimierende Einordnung und sein maulendes Fazit zu den politischen und ökonomischen Ereignissen der letzten Wochen, die ich verpasst hatte, sorgten für das wohlige Grundgefühl, dass daheim alles in bester negativer Ordnung ist. Allerdings fühlte ich mich auch ein wenig überfordert von der impliziten Aufforderung zu gemeinsamen Frustrationsbekundungen, denn irgendwie war mir die entsprechende Grundstimmung über die Zeit abhandengekommen.

Ich hatte den Fehler gemacht, mir für den Aufenthalt hinter der Great Chinese Firewall zwar eine Reihe von VPN-Diensten zu installieren und auch in die entsprechenden Vollversionen investiert, sie allerdings nur für Netflix und Co genutzt. Irrtümlicherweise ging ich davon aus, dass ein wenig Detox von den deutschen Polarisierungsunternehmen und Konfliktarenen[2] würde ganz guttun und zu einer optimistischeren Grundstimmung beitragen. Decoupling durch ein Einlassen auf den Filter der englischsprachigen Berichterstattung in chinesischen Staatsmedien, um so eine Art Retreat zu schaffen, also die Bedingungen vor Ort zu meinem Vorteil zu nutzen und mein negativitätsabhängiges deutsches Hirn ein wenig auf Entzug zu setzen. Zum Detox von polarisierten Debatten und negativen Informations-Overload nach China – Ich hielt dies anfänglich für eine völlig unterschätze Businessidee, zumal sich relativ schnell die ersten positiven Effekte zeigten: eine seltsame Entspannung und positive Grundstimmung, begleitet von dem Gefühl ganz im Hier und Jetzt zu sein, ohne latent zu urteilen und diesem Urteil maulend Ausdruck geben zu müssen. Die Abstinenz von potenziellen Nörgelei-Triggern schlug sich alsbald auch körperlich und kognitiv nieder, meine Haut erschien plötzlich fünf Jahre jünger, das Mindset grundüberholt und auch die Apple Watch verkündete am Morgen fröhlich das Erreichen meines Schlafziels. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt felsenfest geschworen, dass Nörgelei das Ursprungsübel aller Probleme ist, hatte dabei allerdings übersehen, dass die deutsche Nörgelei nun auch einmal eine soziale Funktion besitzt, für die es kein anderes Äquivalent gibt und die somit unverzichtbar ist.

 

„… in Sachen Triggerpunkte für Unmut ist und bleibt die Deutsche Bahn ein Innovationstreiber.“

 

So richtig bewusst wurde mir diese Erkenntnis dank der Deutschen Bahn, dem Nörgelei-Trigger schlechthin. Während die Fahrten mit den Hochgeschwindigkeitszügen in China kaum Anlass zu Maulerei bieten – schließlich sind sie sauber, schnell, pünktlich und werden auch während der Fahrt regelmäßig gereinigt – bietet jede einzelne ICE-Fahrt eine Multitude von Triggerpunkten: Spontaner Gleiswechsel (aber nur kurz vor der Einfahrt), fragwürdige Haltestellenplanung (warum muss man direkt nach Frankfurt in Hanau und kurz hinter Kassel in Göttingen halten?), der fehlende Wagon (wirkt nur, wenn man just in diesem eine Platzreservierung besitzt), die obligatorische Streckensperrung (Personen oder Kühe im Gleis), Toiletten (defekt), Boardbistro (geschlossen), Verbindung (ganz sicher wird der Anschlusszug in der 7-minütigen Umsteigezeit nicht erreicht), die Liste lässt sich verlängern.

Dieses Mängeldesign macht die Deutsche Bahn für uns über ihre Funktion als Verkehrsmittel hinaus so unverzichtbar. Sie gibt zuverlässig Grund zu Nörgeleien und passiv-aggressiv vorgetragenen Beschwerden, stiftet auf diese Weise kurzfristig Einigkeit unter Menschen, die verschiedener nicht sein könnten und ermöglicht Kommunikationen, die ansonsten eher unwahrscheinlich wären. Wenn der Zugchef, die obligatorischen Personen im Gleis, die Ausweichstrecke und die daraus resultierende Verspätung ankündigt, maulen hunderte Seelen im ICE gemeinsam auf, gründen sich Schicksalsgemeinschaften und erlebt man das erhabene Gefühl der kollektiven Einheit. Etwas, das in individualistischen Gesellschaften anders als in kollektivistischen nicht ohne weiteres der Fall ist.

Die Strategen der Deutschen Bahn sind sich dieser gesellschaftlichen Verantwortung spätestens seit den 1990er Jahren bewusst und arbeiten permanent an der innovativen Weiterentwicklung des Angebots. Ob nun die Sitze im ICE 4, die bereits in Hamburg-Harburg zuverlässig unbequem werden und uns in den Nörgelmodus versetzen, oder die Abschaffung des gedruckten Wagenstandanzeigers, die für allgemeine Verwirrung und Irritation beim Einstieg sorgt, in Sachen Triggerpunkte für Unmut ist und bleibt die Deutsche Bahn ein Innovationstreiber. Jüngstes Beispiel und Zeichen dafür, dass die Deutsche Bahn ihrer gesellschaftlichen Aufgabe auch im Zeitalter der Digitalisierung gerecht wird, ist der DB Navigator. Insbesondere das Feature „Wird ihr Anschluss noch erreicht?“ ist ein exzellentes Beispiel für einen Unmut-Centered-Design-Ansatz. Je nach Fahrtverlauf wird den Nutzerinnen in Echtzeit gleich mehrfach ein Angebot gemacht, laut aufzujammern und im gemeinsamen Nörgeln Sozialität zu erleben. Da sich diese Wahrscheinlichkeit im Verlauf einer Fahrt teilweise minütlich verändern kann, gibt es nicht nur Grund für allerlei Push-Nachrichten, man gerät in eine Art Schwebezustand, denn man weiß, der Anschlusszug wird, bis man tatsächlich in ihm sitzt erreicht und nicht erreicht. Das steigert den Blutdruck und erlaubt es den Nutzerinnen sich ganz auf Unbestimmtheit einzulassen und dieser Unbestimmtheit mit um Zustimmung und Bedauern suchenden Seufzen, Ausdruck zu verleihen. Als Benefit gibt es also ein gratis Training in Sachen Ambiguitätskompetenz. Das ist wahrlich visionär und ein hervorragendes Beispiel für eine Designstrategie, die uns auf die Anforderungen der nächsten Gesellschaft[3] vorbereitet.

Nun ist die Bahn wahrlich nicht der einzige Akteur, der Triggerpunkte für Nörgelei setzt, wohl aber einer, der seine gesellschaftliche Aufgabe ernst nimmt. Jeder Leser und jede Leserin mag weitere Akteure entdecken, die dieses Land zusammenhalten und ist man sich einmal der produktiven Seiten des Nörgelns bewusst geworden, kommt man nicht umhin auch die eine oder andere politische Entscheidung in einem anderen Licht zu sehen. Das stimmt dann doch versöhnlich und dies auch noch ganz ohne Meditation und Dankbarkeitstagebuch. Umarmen wir also all die innovativen Maßnahmen, die uns Grund zu Unmut und Nörgelei geben, denn sie bilden den sozialen Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

 

Hafenbrack, Andrew C. … Solal, Isabelle (2022); Mindfulness meditation reduces guilt and prosocial reparation In: Journal of Personality and Social Psychology, Vol.123, Nr.1, American Psychological AssociationUS, American Psychological Association, US.

Mau, Steffen … Westheuser, Linus (2023); Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft Originalausgabe, Sonderdruck, Suhrkamp, Berlin.

Baecker, Dirk (2018); 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt, Merve Verlag, Leipzig.

 

 

 

[1] Hafenbrack, Andrew C. … Solal, Isabelle (2022); Mindfulness meditation reduces guilt and prosocial reparation

[2] Mau, Steffen … Westheuser, Linus (2023); Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft

[3] Baecker, Dirk (2018); 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt

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Stencil Culture

„Stencil Culture oder: Wir basteln uns eine Apokalypse“

Words: Sandra Groll

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Nothing new for a year

NOTHING NEW FOR A YEAR

Jane Gorley decided to buy no new clothes for a year.
An interview about renunciation.

 

Cyte:Tell us a little bit about you. What is your background, what is your profession?

Jane: I’m a brand and creative director, I started my career in print publishing and moved to digital commerce. I’ve been working in fashion and luxury for most of my career.

Cyte: Why did you decide to buy nothing new for a year?

Jane: For my birthday last year, I decided that I wanted to do something meaningful. Not to try to instigate anything, or influence anyone, but to try to learn something and test myself. Having been eco-conscious for most of my life, influenced by my mother mostly, in recent years I’ve been feeling extra guilty about my shopping habit. Although it probably is minor compared to some people, I realised that shopping, mainly vintage and sample sales mind you, was one of my favourite hobbies. I love the hunt, and the dopamine hit from finding something unique, extra special or for a really good price is so satisfying! But my wardrobe is full, and I really don’t need anything new. After moving from London to New York, then New York to Toronto, and finally back to London again over the past few years, I was very aware of all of my belongings and how much they were literally weighing me down. I felt like I should be able to manage without anything new (or new to me even) for a year, and I made it public via my Instagram account to hold myself accountable.

Cyte: What was the most difficult part for you?

Jane: So far the most difficult part is resisting that hunt. When I see a lovely vintage shop or even my local charity shops and I have to avoid the clothing rails. I’ve been satisfying the urge somewhat by looking at books or homewares instead. Also socks! Many of mine now have holes, so I’ve been stealing my husband or daughters instead of learning how to repair them. Learning how to darn socks is on my list of things to do.

Cyte: With your background in fashion, how do you look at the fashion world
now after a few month of buying nothing new? How is your general view
on the fashion world?

Jane: Like many people in the fashion industry, I’ve been feeling disillusioned by the cycle for awhile now. We are trained to worship newness, and the marketing cycle encourages this. We should be following Vivienne Westwood’s mantra to consume less, appreciating quality construction and materials that are meant to last a lifetime, and normalising repairs.

Cyte: You said shopping was a kind of hobby for you, what did you do instead?

Jane: I have to admit that shopping for furniture and homewares has taken the place for now, since we just moved into a new unfurnished home. I am actively trying to buy used and vintage. I also have taken up gardening!

Cyte: How did your friends and family respond to your decision?

Jane: My friends have reacted with curiosity, frequently asking how it’s going. Especially my fellow shopping addicts. But I think they are impressed and maybe even a little inspired, if not to stop completely but to shop less and consider more.

Cyte:How much money did you save in this year?

Jane: Good question. I would say a few thousand pounds for sure, however I’ve definitely spent that on furnishing my flat.

Cyte: Did sustainability, production circumstances, environmental issues etc. play
a role in your decision?

Jane: Absolutely – the entire fashion industry needs to slow down, and we have to get used to paying more. I don’t know if that will really happen, but it does seem like it has since the pandemic. I’ve seen the waste first hand, when the fashion season is over and everything is discounted. You see all of the unwanted goods in a jumble on the hangars, and then realise that they will be going to landfill.

Cyte: Did feel relieved or did you miss shopping?

Jane: I mostly feel relieved, and am appreciating the clothes that I already have a lot more. Occasionally I miss it, especially when I come across a sample sale for a brand that I especially love. I’m also getting better at getting rid of items that I never wear, either because they don’t fit or don’t suit me. 

I was hoping to learn something specific, like a revelation about clothing, fashion, adornment and my sense of self. But what has really happened is more like a sense of self control. I can stop myself from buying something on a whim, and hopefully I will continue to do so in the future.

Cyte: Can you describe your feelings during your first few month, when you were in town, passing by all those tempting shops?

Jane: One interesting reaction was while shopping with my daughter – she was looking to spend a gift card at a trendy high street chain and as I browsed waiting for her, I noticed that all of the clothes were vintage inspired. It highlighted how little real newness and creativity there is now in fashion, the brands are just copying things from the past and the younger generation perceives it as new. 

I am definitely tempted to browse, but it’s actually liberating going into shops knowing that you’re not going to buy anything. A kind of relief from the stress of the consumption cycle and the tyranny of too much choice.

Cyte: Did you meet other people, who changed their attitude towards fashion or consume in general?

Jane: Quite a few of the people I know from the fashion industry have changed their attitude towards fashion, working towards improving things and trying to make the industry more sustainable. For example a former colleague is working for a start-up that is connecting fashion retailers to textile recycling plants and creating a kind of loyalty program where customers get points to redeem old garments. Other friends have created fully up-cycled brands, where clothes are one-of-a-kind and made to order. More expensive but also unique and beyond trends. Also I know people who are investing in and exploring sustainable textiles, alternative to toxic and oil-based fabrics.

Cyte: How would you change the fashion system for better? What went wrong in your opinion?

Many changes need to occur – brands should be responsible for the full life-cycle of the products they sell, forced to take garments back for repair or recycling once they are too worn. Any non-recyclable textiles made with plastics or oil by-products should be heavily taxed with the revenue going towards environmental improvements. Burning or destroying unwanted stock should be illegal. Like everything with the consumerist culture, what went wrong is corporate greed and the demand for growth at any cost.

Cyte: Are there any brands who act reasonable or responsible today?

Jane: I love the slow brands working with vintage fabrics; By Walid, Coverlette, Rentrayage, E.L.V. Denim… most large brands are greenwashing like crazy, but I admire Ganni for it’s transparent expression of how they are trying to be continuously improve their environmental credentials without misleading anyone.

Cyte: Do you feel now less is more?

Jane: Absolutely, and I also appreciate what I have more, and will approach my purchases with a great deal more consideration and thought when I begin to shop again at my next birthday.

 

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Des Menschen neuer Spiegel – ChatGPT & Co.

Artificial Intelligence ist gekommen, um zu bleiben und wird – wenn die erste Verwunderung, die ersten Überschätzungen und spekulativen Horrorszenarien abgeklungen sind, – in unserem Alltag neue Muster entstehen lassen. So weit, so gut, so weit, so nüchtern und Nüchternheit tut not, schließlich schwanken wir im medialen Verdauen der neuen Technologie wieder zwischen Begeisterung – Stichwort: Jetzt investieren! – und dystopischer Endzeitstimmung – Stichwort: unsere Jobs!
Dabei ist strukturell zunächst alles wie immer und die mitschnackenden künstlichen Intelligenzen sind erst einmal neue Technologien auf der Suche nach einem realen Anwendungshorizont, in dem sie wirklich Sinn machen, ihr Angebot verlässlicher (ChatGP3) und ihr Auftritt weniger an einen trotzigen Teenager (Google Bard) erinnert. Momentan verlangen sie erst einmal nach Aufmerksamkeit und Kontrolle. Wie jede neue Technologie werden aber auch die schlauen Maschinen auf der Suche nach Funktionen, auf die sie passen könnten, unseren Alltag verändern, denn sie schließen an Bedarfe, Bedürfnisse und Begehrnisse. Allerdings sehr wahrscheinlich anders als eigentlich geplant.
Jede neue Technologie, so viel lässt sich aus der Technikgeschichte lernen, besitzt eine Produktivität anderer Art und mit ‚anderer Art‘ sind hier nicht die Verluste gemeint, die es von jeher bei der Einführung neuer Technologien gibt, sondern das, was sie im Gewebe der sozialen Welt erzeugen und die dunklen Flecken, die sie erhellen. Also all die kleinen und großen Vorannahmen, die mit jeder neuen Technologie erst in ihr Gegenteil verkehrt, dabei großflächig merkwürdige Verhaltensweisen und Nebeneffekte erzeugen, um anschließend im Spiegel der technologischen Folgen neubewertet zu werden.
Bei den frühen Formen von Social Media, etwa Facebook und Co, war es die Auffassung, dass wir alle gerne miteinander kommunizieren, entlang dieser Kommunikationen Zusammenhalt entsteht und uns dies auch im globalen Maßstab näher zusammenbringen würde. Nun ja, wenig später lernten wir, dass ein Großteil unserer Kommunikationen ohne Face-to-face-Kontakt oft auch in Protzerei, mehr oder weniger subtilen Formen des Mobbings, in Fake News und ratzfatz in Extremismus münden kann. Und dass diese Formen nicht auf den digitalen Raum begrenzt sind, sondern in sehr realen Konsequenzen münden können. Allerdings lernten wir mit ihnen auch neue, in der online Welt unverzichtbare Skills. Zum Beispiel die gekonnte Pose fürs Selfie. Die eigentümliche Ästhetik der Fotoalben unsere Eltern und Großeltern im Stil von „Stellt-euch-mal-da-vor-den-Weihnachtsbaum“ finden wir in unseren digitalen Archiven nicht mehr. Wir lernten im Umgang mit Social Media auch handfeste Beobachtungen zweiter Ordnung und verabschiedeten uns von Naivität. Zum Beispiel, dass wir private Dinge wie Kinderfotos besser nicht mit einer anonymen Masse teilen, dass wir auf die Bildhintergründe unserer Fotos achten, wenn wir unseren Aufenthaltsort nicht preisgeben wollen und dass eine öffentlich einsehbare private Adresse plus Urlaubsfoto auf Facebook die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, bei Heimkehr eine leer geräumte Wohnung vorzufinden.
Social Media machte uns auch nicht arbeitslos, sondern ließ im Gegenteil neue Wirtschaftsketten und Berufe entstehen, die sich nach und nach spezialisierten. So absurd sie auch einst erscheinen oder so shady ihr Geschäftsmodel uns anfänglich erschien. Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, dass Social Media Manager oder Influencer mal ein Beruf sein könnte mit dem sich nicht nur der Lebensunterhalt bestreiten lässt, sondern um den herum sich auch noch eine rege Zulieferindustrie entwickelt. Und auch, dass am anderen Ende eines Postings nicht immer ein Mensch sitzt und dass es lohnend sein kann, Botfarmen zu unterhalten haben wir gelernt und hoffentlich auch, wie mit den Kommunikationsangeboten von Botfarmen umzugehen ist.

Selbst die digitale Wende in den 1990er-Jahren in Produkt- und Kommunikationsdesign war gleichermaßen von Hype- und Panikdiskursen begleitet und ist am Ende in eine mittlere Richtung abgebogen. Natürlich können sich an diese Diskurse heute nur noch wir angegrauten Kreativlinge erinnern. Am Ende war auch diese Wende nicht das Ende der Kreativität oder Authentizität und erstrecht nicht das Ende der kreativen Arbeit, sondern der Anfang eines Professionalisierungsschubs, Qualitätssprung und hat jede Menge neuer berufliche Felder geschaffen. Ähnliches gilt auch für den 3-D-Druck – dessen optimistischste Zukunftsbeschreibung vor fünfzehn Jahren noch darin bestand anzunehmen, dass wir uns in Zukunft die Gegenstände des alltäglichen Bedarfs daheim selbst drucken – endet nicht in 3D-Printershops zum Ausdrucken der eigenen Kaffeetassen an jeder Straßenecke.
In dieser Aufzählung von Technologien darf natürlich auch „Das Internet der Dinge“ nicht fehlen. Mein Kühlschrank bestellt immer noch keine Milch, Alexa hat es nie in meine Wohnung geschafft und meinem Drucker habe ich das ungefragte Nachbestellen des Toners untersagt. Es ließe sich meinem Verhalten ein gewisser Technikskeptizismus unterstellen. Eine Art persönliches Unvermögen, aber das wäre alles zu einfach und zu konservativ gedacht. Denn oft ist es nicht das mangelhafte Subjekt, das sich als mangelhafter Konsument oder innovationsfeindlicher Late Adopter bockig anstellt. Vielmehr sind es diejenigen, die beim ersten Hype nicht mitmachen, die durch ihre Zurückhaltung den notwendigen Hinweis darauf liefern, dass die Technologie und ihre Produkte den eigentlichen Anwendungshorizont noch nicht gefunden haben und so erst die Entwicklung einer zweiten Generation von Produkten überhaupt vorbereiten. Im Bereich des Internet of Things kommen diese Produkte gerade erst an und es sind Produkte, die digitale Kommunikation nicht zu simplen Konsumzwecken, sondern zur infrastrukturellen Optimierung des Haushalts nutzen. Denn wenn der Herd mit der Dunstabzugshaube kommuniziert, dass jetzt gerade Zwiebeln gebraten werden, dann machen endlich auch die offenen Grundrisse der modernen Architektur Sinn. Schließlich hat niemand gerne Zwiebelgeruch im Sofakissen.
Grundsätzlich also gilt, die wirklich interessanten Anwendungen lassen sich beim Freisetzen einer neuen Technologie im Alltag noch gar nicht denken und in diese Richtung dürfte es auch in Sachen ChatGPT, Googles Brad und Co gehen. Natürlich sind die heutigen Ergebnisse von ChatGP3 im Hinblick auf mittelmäßige Kreativleistung überraschend solide und Googles Brad überzeugt mit der Mimikry menschlicher Kommunikation insofern, dass die ersten Testnutzerinnen teenagerhafte Trotzigkeit und elaborierte Formen passiv-aggressiver Kommunikation beklagen. Darin könnte bei Letzterem ein echtes Anwendungspotenzial liegen, schließlich lassen sich so gelingende Kommunikationsstrategien mit dem Pubertier ganz ohne hochgezogene Unterlippe und zugeschlagener Tür üben.

Der befürchtete Verlust durch ChatGPT, DallE und anderen KI hingegen lässt sich auch als Befreiung lesen. Zwar lassen diese Kreativbot gerade Unternehmerinnenherzen höherschlagen und sorgen für Verunsicherung bei den Contentcreatorinnen, da mittelprächtige Kreativleistungen wie Social-Media-Texte oder simple Werbekampagnen nun beschleunigt und perspektivisch auch ohne entsprechende Gehaltszahlungen und Sozialbeiträge von der kreativen Maschine übernommen werden können. Allerdings wird dabei vergessen, dass nicht nur neuronale, sondern auch soziale Strukturen plastisch sind. Sie gewöhnen sich an die dargebotenen Muster, bis diese schließlich ihren Reiz verlieren. Ich halte das allerdings für eine gute Nachricht: Denn das fürchterliche Mittelmaß, die unendliche Vorhersagbarkeit gleichzeitiger Informationslosigkeit und die Wiederkehr der immer gleichen Muster sind gelinde gesagt nicht nur als Adressat, sondern auch als Produzent eine Zumutung und erinnern strukturell an den immer gleichen Aufbau der Büttenreden im Kölner Karneval. Schenkelklopfer, die man getrost ChatGPT und Co überlassen kann, und damit sind wir schon bei der ersten echten Leistung der künstlichen Kreativitäten und diese legt deutlich den Finger in die Wunde der Kreativwirtschaft, des Marketings und der Werbung und führt uns unsere blinden Flecken vor: Indem sie die kreativen Bullshitjobs als das entlarven, was sie sind: Tätigkeit, die auf Muster beruhen, angewiesen sind und diese Muster reproduzieren, damit sie den unterstellten Mustererwartungen von Zielgruppen und der teuer eingekauften Beratungsleistung authentische Brand Identity entsprechen, die selbst auf Mustertypologien wie zum Beispiel den Brand Archetypen aufsitzen, die selbst mit den musterorientierten Verfahren der Beratung hergestellt wurden. Wirklich kreativ, das kann man aus der Kunstgeschichte lernen, ist es, das Muster und die Strategie selbst zu entwerfen, schließlich beginnt mit der gewollten Nichtreproduktion bisheriger Muster jede neue Entwicklung und das bedeutet dann gegen die statistische Wahrscheinlichkeit zur verstoßen. Das ist blöd, denn Statistik ist die Grundlage von künstlichen Intelligenzen. An dieser Stelle lässt sich im Selbstversuch mit ChatGPT einwenden: Moment einmal, das Gedicht, dass ich mir von ChatGPT testweise entlang von Stichworten schreiben ließ, gibt es doch bisher nicht und hat mich dann doch überrascht. Das mag sogar stimmen, allerdings kann die Maschine die Aufgabe „Gedicht“ nun eben nur strukturell bedienen. An meiner kleinen Testaufgabe, ein Gedicht über Niklas Luhmanns Gesellschaft der Gesellschaft im Stil Ingeborg Bachmanns und andersherum ein Gedicht von Ingeborg Bachmann systemtheoretisch umzusetzen, ist ChatGPT erwartbar gescheitert. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich mangelt es der künstlichen Intelligenz deutlich an sinnlicher Wahrnehmung in ihren Trainingsprozessen. Bildungsbürgerinnen würden hier den Begriff Aisthesis benutzen, der nicht nur den griechischen Stamm des Wortes Ästhetik bildet, sondern die sinnliche Wahrnehmung meint, die in allem menschlichen Tun zum Einsatz kommt. Und ja auch dort, wo wir vermeintlich rein rational handeln. Wer jemals Programmiererinnen beim Sprechen über eleganten Code zugehört hat, weiß, was gemeint ist. Die Statistik hingegen, die den Rechner beim Erkennen der Welt anleitet, mag dem modernen Wunsch nach Wissen und Kontrolle im Umgang mit Chancen und Risiken entspringen, schafft aber nicht die superintelligente Maschine, sondern ein Tool für eine eingeebnete, irgendwie mittelmäßige und erwartbare Welt mit ebenso eingeebneten und mittelmäßigen Text- und Bildproduktionen.
Umso erschreckender also, dass diese Ergebnisse für das Bestehen von Prüfungsleistungen in Schule und Universität reicht. Allerdings hatten wir auch das bereits geahnt: Im Bildungssektor haben viele Aufgaben wenig mit viel beschworener originärer Leistung oder dem individuellen intellektuellen Vermögen zu tun, sondern mit regelkonformem Mittelmaß. Unsere Abschlüsse weisen schlicht nichts anderes nach, als die Fähigkeit einigermaßen zuverlässig vergleichbare Muster zu reproduzieren. Das können die Maschinen mittlerweile ähnlich oder besser und schreiben dabei nicht mal ab, weil sie deutlich weniger Skrupel empfinden und bei Bedarf eben nicht abschreiben, sondern gleich ganze Quellen und Aussagen erfinden. Damit legen sie nicht nur den Finger in die Wunde, sondern halten uns, unseren leeren Formen und Selbstbeschreibungen den Spiegel vor, die im Alltag eine Reihe von Verfahren, Prozessen und Auffassungen ganz unbemerkt dominieren. Sie nagen am bereits faulen Gebälk des Selbstverständnisses der kreativen Leistungsgesellschaft, in der das kreative Subjekt überhöht wird, nur um es fester an die Bereitschaft zur Selbstausbeute und Selbstregulierung zu binden. Die Gefahr der schlauen Maschinen ist also nicht, dass die künstliche Intelligenz den Menschen ersetzt, sondern dass der Mensch sich im Spiegel seiner Technologie, seines Gestells und einiger seiner eigenen Darksides gewahr wird und dabei nur nicht die Bedingungen der Muster, sondern auch das eigene Eingewobensein in diese Muster hinterfragt. Und zwar auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Vielleicht ist jetzt eine gute Gelegenheit, um eine neue Mediation, einen neuen Umgang zu erlernen und die Suche nach Entscheidungsparametern für das eigene Handeln auf die beiden äußeren Bereiche der Gaußschen Normalverteilung zu verlegen und das ganze Modell dabei gleich zumindest dreidimensional zu denken. Als Haufen mit einer Spitze in der Mitte und Ausläufern an den Rändern. Die sprichwörtliche Nadel dürfte dann an den Rändern zu finden sein.

Text: Sandra Groll

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Documenta 15


Late Responder: Documenta fifteen

Wenn dieser Text erscheint, sind die hundert Tage der fünfzehnten Documenta verstrichen. Kassel ist wieder Kassel und die Erregungszustände dürften sich nach der mittlerweile obligatorisch gewordenen Forderung nach einem grundsätzlichen Ende der ganzen Veranstaltung, neuen Themen und anderen Gegenständen zugewandt haben. Schließlich wurden bereits nach der von Adam Szymczyk geleiteten documenta 14 Stimmen laut, die angesichts der erheblichen finanziellen Verluste ein Ende der öffentlichen Finanzierung einforderten. Ähnliches wird nun auch angesichts des Antisemitismuseklats auf der vom Künstlerinnenkollektiv ruangrupa organisierten documenta fifteen, gefordert. Dies dürfte allerdings, wie im vorangegangenen Fall, nur eine symbolische Form des Prozessierens der Wirkung der documenta fifteen darstellen. Denn wirksam, das war sie auf jeden Fall und dies gleich auf mehrfache Weise. So trieb sie unabhängig vom Eklat um antisemitische Bildsprachen die üblichen First Responder in Sachen Einordnung und Kritik zu ganz grundsätzlichen Äußerungen. Etwa Bazon Brock, der im Kollektiv einen Gegenspieler zur subjektiven Autorenschaft, „der im Namen der Kunstfreiheit die Kunst liquidiert.“ sieht. Für diese Position muss man natürlich zum einen die Kunst auf die Figur des subjektiven Autors reduzieren und dann, wie es Brock tut, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen gleichsetzen, weil sich beide ohne ihre Perspektiven ohne absichernde soziale Strukturen durchsetzen. Eine etwas fragwürdige Position schließlich dürfte die funktional ausdifferenzierte Moderne deutlich vorgeführt haben: Dass es für Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen eben doch auf die legitimierenden Strukturen im Hintergrund ankommt. Auch der aus dieser Konstruktion abgeleitete Schluss auf ein Ende der Kunst, dürfte sich als Fehlschluss erweisen. Denn nichts scheint sich hartnäckiger selbst zu erhalten als die Kunst, die von ihren reflexiven Rändern in Kunstwissenschaft und Kritik schon oft den ein oder anderen Tod gestorben ist und sich in der Gegenwart dennoch als recht lebendig erweist.

Bildungsbürgerliche Intellektualität ist schlussendlich auch eine performative Praxis (…)

Grundsätzlich ist es manchmal eben doch ratsam, gerade nicht als First Responder aufzutreten, sondern ein wenig zu spät zu kommen, dafür aber ein wenig mehr den Gesamtkomplex beobachten zu können. Ich mochte dies eigentlich immer schon: Ausstellungen, die ihren zeitlichen Zenit bereits überschritten hatten, Exponate mit Patina und ersten Erschöpfungszuständen, bereits abklingenden Erregungszuständen in den Diskursen und den Verlust des symbolischen Neuigkeitswertes, den ein Bericht über den Besuch und die Würdigung einer aktuellen Ausstellung als First Responder grundsätzlich besitzt. Zu spät zu kommen entlastet ein wenig von dem schalen Gefühl, die klassischen Reproduktionsmuster des Bildungsbürgertums zu reproduzieren. Man ist dann halt einfach zu spät und kann die Symbolgewinne nicht mehr ohne weiteres einfahren.
Oder eben gerade umso mehr, nicht nur sich dann natürlich etwas überraschend Neues einfallen lassen muss, denn schließlich haben alle anderen Expertinnen bereits geäußert und Deutungsmuster, Einschätzungen und Kritik medial präsentiert. Strukturell sollte man da also noch etwas draufsetzten und Beobachtung, Analyse und Einschätzung zu einem innovativen Angebot verweben. Bildungsbürgerliche Intellektualität ist schlussendlich auch eine performative Praxis, die einen gewissen Neuigkeitswert und Originalität aufweisen muss, da sie vor anderen stattfindet, von diesen wahrgenommen und als solche bestätigt werden muss. Dies alles geschieht unter der Bedingung, dass eine wiederholte Information sich fast automatisch in Nichtinformation verwandelt.

(…) nach Kassel fahren, unter Umständen stressige Kunst kucken, überfordert sein und gegebenenfalls in den Videoinstallationen einschlafen.

Man hat es also mit einer Art doing intellectuality zu tun und als solche geht es nicht nur um individuelle Performanz, sondern vor allem auch um eine soziale Erwartungsstruktur, die dazu beiträgt, dass bestimmte Muster produziert und reproduziert werden. Je nach eigener Lage werden dann bestimmte Formen möglich, sich an Kommunikation zu beteiligen. Das führt mitunter zu interessanten Ergebnissen und Phänomenen, denn für Angehörige der Kulturbranche kann auch der Verzicht auf einen documenta Besuch mit Hinweis darauf, dass gerade das diesjährige Konzept zu einer Sozialpädagogisierung der Kunst beiträgt, einen Symbolwert bedeuten. Dazu bedarf es dann allerdings eloquenten Zusatzkommunikationen und natürlich einiger Mühe im Vorfeld, schließlich muss auch diese Strategie erst einmal entwickelt werden.
Für die meisten anderen besitzt ein Documenta-Besuch hingegen durchaus Symbolwert und lässt sich ganz beiläufig in Alltagskommunikation einflechten, um auf das eigene kulturelle Kapital hinzuweisen und auf die entsprechenden Mühen, die man bereit ist, auf sich zu nehmen, um dieses zu realisieren. Mit einem Augenzwinkern hier: nach Kassel fahren, unter Umständen stressige Kunst kucken, überfordert sein und gegebenenfalls in den Videoinstallationen einschlafen. Diese real gelebte Praxis wird höchst wahrscheinlich eher weniger offen thematisiert, denn man verlässt sich darauf, dass die üblichen First Responder im Bereich der Kunstkritik bereits einfach zu adaptierende Deutungs- und Kritikmuster bereitgestellt haben, mit denen sich dann schnell auch die vermeintlich originäre Kurzeinordnung der eigenen Erlebnisse und Position zusammenbauen lässt.
Allerdings operieren auch diese Erstkommentierenden meist mit recht typischen Mustern, die eine Art Algorithmus bilden, in dem nur die jeweiligen Werte und Gegenstände getauscht werden müssen. Ein prominentes und gern genutztes Muster, zeitnah die Erwartungs- und Erregungsstrukturen zu bedienen und entsprechendes Versatzstück für bildungsbürgerliche Deutungsangebote, besteht im Ausrufen des „Endes von XY“. Gerne mit betont kritischen Impetus und gefolgt von der eleganten Wendung, dass genau aus diesem Grund, Ausstellung Z bedeutsam sei. Es existieren natürlich auch eher affirmative Muster, die allerdings im Hinblick auf die allgemeine Aufmerksamkeitsökonomie im Nachteil sind, da sie meist reibungslos an das jeweilige kuratorische Konzept und den entsprechenden Pressetexten anschließen. Ein höherer symbolischer Gewinn lässt sich aus diesem Grund zweifellos eher mit Absetzungsversuchen einfahren.
(…) dass es immer wieder auch zum Eklat kommt. (…) Eine documenta ohne Skandal dürfte auf funktionaler Ebene unvollständig sein (…)

Aber auch Late Responder Beiträge bilden dem entsprechenden Muster. Das beweist am Ende auch dieser Text, der nach Ablauf der eigentlichen Veranstaltung erscheinen wird, aber ebenfalls eine Deutungs- und Beobachtungsvorlage anbietet, mit der dann individuell weitergearbeitet werden kann. Der Vorteil des Late Responder besteht nicht nur darin, die Reste am Ort des Geschehens zusammenzusammeln und den anschließenden Bericht für eventuell folgende Verwaltungsakte zu schreiben, sondern auch den Gesamtkomplex noch mal ein wenig anders würdigen zu können. Die Beobachtungsrichtung beginnt dann damit,
eine documenta nicht einfach nur als eine Entität aus kuratorischem Konzept gezeigten Werken und Thema zu verstehen, sondern als einen mehrdimensionalen Komplex aus höchst unterschiedlichen Elementen: Themen, Findungskommissionen, organisatorischen ebenso wie politischen und wirtschaftlichen Aspekten, Zeitphasen, Diskursen, Reaktionen, Ordnungsstrukturen, Werken, Personen, Rollen, Publikum, Stadt, Welt usw.
Eine documenta ist ein mehrdimensionales Gewebe, das sich, um die Hauptfunktion Weltkunst zu zeigen, gruppiert, dabei allerdings einen ganzen Zusatzfunktionsscluster nach sich zieht. Auf diese Weise ist jede documenta für sich einzigartig, immer wieder neu und doch Bestandteil einer Reihe und vergleichbar mit den anderen. Und das ist das Schöne an diesen einzigartigen Formen in Serie: Es lassen sich in ihnen eben auch wiederkehrende Muster finden. Zum Beispiel, dass es immer wieder auch zum Eklat kommt. Sei es nun der Umstand, dass die documenta 14 im Nachgang finanziell gerettet werden musste oder eben auch antisemitische Ikonografie auf der diesjährigen documenta. Diese Beobachtung möchte ich allerdings nicht missverstanden wissen, denn in keiner Weise zielt mein Argument an dieser Stelle darauf ab, antisemitische Ikonografie in den gezeigten Werken zu legitimieren. Mein Argument ist, dass eine documenta als Gesamtkomplex eben auch deshalb erfolgreich und notwendig ist, wenn es zu einem Skandal kommt. Anders formuliert: Eine documenta ohne Skandal dürfte auf funktionaler Ebene unvollständig sein und schlimmer noch: ein leicht zu konsumierendes Gut, das anschlussfähig ist an einen Status quo der Welt, an den Kunstmarkt und sie hinterlässt ein unprovoziertes Publikum.

Schlussendlich war auch die documenta fifteen einzigartig und produktiv (…)

So ist der Eklat um antisemitische Bildsprachen eher eines der Erfolgsmerkmale der diesjährigen documenta, denn er lenkt den Blick nicht nur auf das globale Thema Antisemitismus, sondern auch auf einen allzu leichtfertigen Umgang und eine Überschätzung von Gegenfiguren wie etwa der Idee, dass partizipative Prozesse und Kollektive uns grundsätzlich zu einer besseren Welt verhelfen würden. Ähnliches gilt für die reichlich koloniale Romantisierung nichtwestlicher Perspektiven, die einen deutlich blinden Fleck in den gegenwärtigen Diskursen bildet. Und in diesem Sinne hat der Eklat seine strukturelle Funktion erfüllt. Nämlich durch die ausgelöste Entrüstung Themen und Problemfelder zu sichtbar zu machen, die sonst eher latent bleiben. Auf diese Weise werden gleichzeitig auch Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit allerlei blinden Flecken gegeben, die sich im Fall des documenta Anspruchs Weltkunst zu repräsentieren, nun einmal aus den höchst unterschiedlichen globalen, historischen und sozialen Perspektiven und Aufmerksamkeiten ergeben. Auf diese Weise regt die diesjährige documenta höchst unterschiedliche Anschlussoperationen an: Kommunikationen, Handlungen und allerlei symbolische Aktivitäten: Abbau des fraglichen Werkes, personelle Konsequenz, Abzug von Arbeiten durch Künstlerinnen, Rücktritte der Generaldirektorin, Bildung und Einsatz eines beratenden Expertinnengremiums, Überprüfung weiterer Arbeiten, gerichtliche Einschätzungen usw. und jeder dieser Aspekte gibt Anlass zu weiterer Beschäftigung,

Schlussendlich war auch die documenta fifteen einzigartig und produktiv, denn zum einen beziehen sowohl die Werke der jeweiligen künstlerischen Positionen und der thematische Schwerpunkt im kuratorischen Konzept bisher latent Gebliebenes in Kommunikationszusammenhänge ein und machen sichtbar, was bisher als unsichtbar behandelt wurde. Zum anderen setzt genau dies etliche Handlungszusammenhänge in anderen Kontexten in Gang und legt Zusammenhänge und Strukturen offen, die anderen normalerweise eher unauffällig bleiben.
Allerdings und auch deswegen ist die diesjährige documenta ein Erfolg, dass unterhalb der Überbietungsschlachten kunst- und kulturwissenschaftlicher Expertinnen und jenseits des Eklats über antisemitische Bildsprachen gerade Besucherinnen, die nicht zu den diskursbestimmenden First Respondern gehören, sowohl mit den Arbeiten an sich als auch mit den angebotenen Themen durchaus zufrieden waren. Denn von Medien und den üblichen Verdächtigen fast unbeobachtet und nur durch einen ganz persönlichen Gang ins Feld in Form eines documenta-Besuchs beobachtbar, konnte man anstelle der üblich kunstdiskursversierten Plattitüden des Öfteren links und rechts neben sich in Anbetracht der Themen im sogenannten globalen Süden und die in den Werken erfahrbar werdende Relation zu den Lebenswelten des Nordens, ein leises: Das habe ich nicht gewusst! hören. Und das ist dann doch ein ganz erheblicher Erfolg.

Text: Sandra Groll

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SOCIETY

Millennials

„Millennials“

30, binärgeschlechtlich und Layla grölend – Warum Millennials die eigentlichen Boomer sind.

Millennials in Deutschland. Sie sind mit knapp 16 Millionen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe nach Alter gestaffelt, lieben laut Konsumstatistik Toffifee und erinnern sich an die große Panik vor Silvester 2000. So weit, so öde, aber…

Jetzt wird’s peinlich. 2019 hieß es „ok Boomer“ in dem Meme, auf das sich Gen Z und wir, die zwischen 1981 und 1996 geborenen Millennials, ausnahmsweise einigen konnten. Mit den Boomern waren nicht nur die tatsächlichen, nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Baby Boomer gemeint, sondern alle Menschen, die konservative Meinungen vertreten über Dinge weltpolitischer Relevanz wie Klimawandel, die Frage ob Milliardäre ihr Vermögen wirklich ehrlich erarbeitet haben usw. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“. Das Durchschnittsalter von Querdenkern liegt bei 47, also genau zwischen Millennials und Boomern. Mich überrascht das wenig.

Denn spätestens seit die Pandemie 2020 die Welt überrannte, stand für mich fest: Millennials sind die wahren Boomer. Jeder Blick aus meiner sozialen Bubble heraus offenbarte Schlimmes für mein Bild der Menschen in meiner Generation. Heimliche Partys während der Ausgangssperre und der Lockdown-bedingte Babyboom (aha!) ließen mich beinahe tägliche neue Kulturschocks erleben. Die Babys werden dann natürlich mit ausgefallenen nordischen Namen versehen und im Lastenrad (dem mobilen Symbol der Gentrifizierung) in der Gegend rumgekarrt. Couldn’t be me (allein, weil ich nicht mal die sozial-finanzielle Stellung habe, aktiv an Gentrifizierung teilzunehmen).

Die, die noch keine Eltern sind, tummeln sich auf Dating Apps und schreiben in ihr Profil ‚old fashioned – habe kein Social Media‘ (zumindest die Männer). Da läuten bei mir sämtliche Alarmglocken. Old fashioned bedeutet einfach, du bist mehr oder minder heimlich ein Kleinstadt Andrew Tate und fragst beim Thema ‚Gewalt gegen Frauen‘, was denn mit den Männern sei. Natürlich bist du ein Freigeist, aber glaubst fest an zwei Geschlechter. Wer in den sozialen Medien nicht vertreten ist, hat doch einfach etwas zu verstecken. Zum Beispiel das Fehlen von jeglicher Persönlichkeit, das mit der Profilierung über das nicht vorhandene digitale Ich kompensiert werden muss.

Wieso ich so abwertend über meine Peers denke? Will ich ja gar nicht. Aber diese Harry Potter-liebenden, im Unverpackt-Laden-einkaufenden und Scheiße für Satire-haltenden Menschen lassen mich einfach sehr oft Fremdscham empfinden. Gen Z, um deren Kaufkraft sich vom Kiez Kiosk bis zur ausbeuterischen Riesenmarke alle kloppen, ist einfach die bessere Generation. Besonders ihre Einstellung zur vielzitierten Work-Life-Balance feiere ich. Meine Boomer-Millennial (Moomer?) Kolleg:innen machen Überstunden und gönnen sich danach nicht mal eine Runde Doomscrolling zum Runterkommen, weil Internet böse und so. Und Gen Z macht sich auf TikTok & Co gern über die nächstältere Generation lustig. Zu Recht.

Ich dagegen bin eine cool Mom, not a regular Mom. Das mache ich unter anderem daran fest, dass ich immerhin 9 von 10 Begriffen aus der Jugendwort des Jahres Shortlist 2022 kenne. Apropos cool Mom – In Mean Girls war Schauspielerin Amy Poehler, die die entspannte Mutter einer Teenagerin spielte, gerade einmal 31. So alt wie ich jetzt. Autsch. Das Altern macht uns Millennials sehr zu schaffen. Und da unterscheide ich mich nicht von meinen Gleichaltrigen.

Vielleicht bin ich schon in der Schiene ‚ich umgebe mich mit jungen Menschen, um jung zu bleiben‘ – aber vielleicht bin ich auch einfach wirklich anders, wer weiß. Kleiner Fun Fact zum Schluss: Ich habe mit 10 das erste Harry Potter Buch gelesen, fand es langweilig und habe nie wieder eins in die Hand genommen. Ich habe trotzdem Anglistik studiert und muss heute keine Ausflüchte finden, warum J.K. Rowlings Aussagen über Transfrauen doch gar nicht so schlimm seien. Millennial Feminismus ist nämlich auch sehr Schwarzer-gefärbt. Aber darüber sprechen wir ein andermal.

Text: Sabina Derendelic

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SOCIETY

ABC od style

ABC of STYLE

Sustainable living – Ideen vom Trend-Sperrmüll

 

Wer sagt, Mode wäre nicht nachhaltig? Zumindest was Ideen und Trends angeht, containern Designer*innen, Influencer*innen und sonstige ‚Tastemaker‘ seit jeher gerne auf den Müllhalden der Popkultur und finden ab und zu einen Schatz. Oft sind es Stilrichtungen und Phänomene, die zu ihrer Zeit noch belächelt wurden und danach in jeder bad taste Nostalgieliste zu finden waren – Hüfthosen, Blocksträhnen, große Logos etc.. Es findet beim Recycling oft eine Verschiebung der Zielgruppe statt – böse Zungen (also ich) könnten gar behaupten, dass dabei eine Art kulturelle Aneignung stattfindet. Erinnert ihr euch noch, als karierte Plastiktaschen noch ausschließlich in ‚Import/Export‘ Läden zu finden waren? Oder als buschige Augenbrauen noch als der Gipfel des schlechten Geschmacks galten, zum Nachteil von uns ethnisch gut mit Haar bestückten Menschen?

Für das CYTE Magazin habe ich selbst die biologisch abbaubaren Handschuhe angezogen und den Trend Sperrmüll durchwühlt. Ich sage voraus, dass die folgenden Trends schon bald recycelt werden. Oder in Gen-Z speak: Ich manifestiere:

 

 

Netlog Style

 

Wer SchülerVZ und Knuddels noch kennt, erinnert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch an Netlog. In Deutschland war die belgische Plattform vor allem für eines bekannt – als Sammelplatz für sogenannte ‚Netlog Models‘ – zumeist männliche Jugendliche mit migrantischem Hintergrund, die auf ihre eigene Weise die 2000er Metrosexualität interpretierten: Wasserstoffblond-Blocksträhnen, extreme Gelfrisuren, noch extremere Solarium Bräune, Brillanten Ohrstecker. Wie viele Trends verschwand der Netlog Style auch irgendwann, um im ewigen Kreis des

Ich sehe schon bleiche Vorstadt-Teenies, die Mutti beim Großstadt Einkaufserlebnis einreden wollen, sie bräuchten jetzt wirklich unbedingt das Strassshirt und die Haargel und Sprühbräune Kombipackung von Urban Outfitters. Dazu ein Exemplar von Susan Sontags ‚Notes on Camp‘ aus der hippen Bücherabteilung, weil eigentlich bist du ja nicht wirklich so ein (Flüsterton) ‚Asi‘ – wer mal an die Kunstakademie will, muss früh lernen, Arbeiterklasse Ästhetiken nachzustellen.

 

 

Politische Inkorrektheit

 

Natürlich hängt Deutschland mit seinen Debatten um das Gendersternchen dem Trend mal wieder hinterher, aber ich kann versichern: Wir leben bereits im post-wokeness Zeitalter. Seit ein paar Jahren wurden Versuche von marginalisierten Gruppen, auf Missstände hinzuweisen, gekapert von den Werbeagenturen dieser Welt, um Märkte zu erweitern: Das obligatorische ‚Black Lives Matter‘ Quadrat im Instagram Feed und das ‚plus size‘ Model, das eigentlich keins ist. Wer nicht mitzog, dem drohte der erhobene digitale Zeigefinger (meist jedoch keine wirklichen Einnahmeeinbußen). Aber auch dieses Trends sind die Menschen müde geworden und für die Modewelt heißt das: Bald können wieder ohne Shitstorm indigene Muster auf Taschen gedruckt werden! Du kannst wieder deinen ‚Indianerschmuck‘ zum (angeblich) Pandemie-konformen Festival anziehen. Unverschämt teure Parfümhersteller können das Wort ‚gyp*y‘ ungeniert …. Oh warte. Das haben sie all die Jahre eh unbehelligt gemacht.

 

 

 

Bench Jacken

 

Als ich noch in der Oberstufe war, galt die Fleece-Halskrause mit dem Markenlogo als DAS Piece für ein gelungenes Outfit – Schultag? Bench Jacke. Date? Bench Jacke. Das erste Mal dieses ungewöhnliche Frozen Joghurt Eis essen gehen? Ihre ahnt es, Bench Jacke. Das Besondere hier ist, dass die Fleecejacke nur einen Schritt weit entfernt ist von der Funktionsjacke. Und die bekleidet, wie wir wissen deutsche Oberkörper von Nord bis Süd unabhängig von Anlass und Jahreszeit. So kam es, dass der Geist der Bench Jacke weiterhin in Reihenhäuser-Kleiderschränken weilt – und bald schon per TikTok Videos statt per Ouija Brett heraufbeschworen wird. Findige 15-jährige future Jeff Bezos der Bundesrepublik werden die elterlichen Schränke durchforsten nach dem coolen vintage it-piece, um auf Verkaufsplattformen gutes Geld damit zu machen. In England funktioniert das dank der Plattform ‚Depop‘ schon seit Jahren, aber Deutschland hängt … ja. Ich wiederhole mich.

 

 

Bundeswehrjacken

 

Trendprognosen zeigen leider: Der Tumblr Style kommt zurück. Die Microblogging Plattform erlebte in den 2010ern ihre Blütezeit, als Skinny Jeans noch cool waren und die Arctic Monkeys auf der letzten Welle des Gitarrengeklimpers ritten. Zu den ästhetischen Markern der Tumblr Persönlichkeit gehörten unter anderem auch dunkler Lippenstift, der Kanken Rucksack und … die Bundeswehrjacke. Ein Parka, ob im Camouflage Muster oder schnödem Armeegrün, war nicht komplett ohne die Deutschlandflagge am Arm. International finden Produkte, die mit Deutschland und Militär zu tun haben, sonst eher Absatz unter milliardenschweren Kriegstreibern. Zeitgleich mit dem Aufkommen der oben besprochenen ‚wokeness‘ Kultur nahm die Popularität von Tumblr ab und Parkas wurden bald durch North Face und Stone Island Jacken ersetzt. Meine Verschwörungstheorie: Nach den gescheiterten Versuchen, mehr Rekrut*innen anzuwerben mit Werbeplakaten und Youtube Serien, wird die Bundeswehr als nächstes heimlich 1.000 Bundeswehrjacken an Influencer*innen verschicken. Das hat schon 2018 beim Relaunch der Dior Saddle Bag funktioniert und es wird wieder funktionieren – und schon prangert SchwarzRotGold wieder an den Armen der Hypebeasts (sagt man das noch?). Und irgendeine Fast Fashion Marke wird aus Versehen die Belgien Flagge benutzen.

Words:Sabina Derendelic