THE SPACE //

Text + Portrait: Stephan Ziehen
Artworks + Exhibition pictures@The Space //

Subtitel: THE SPACE // ist ein von der Künstlerin Sarice Brudet initiiertes Ausstellungskonzept mit dem Ziel, neben den Ausstellungen einen Raum zum Nachdenken und zur Kunstvermittlung zu schaffen sowie Dialoge und interdisziplinäre Verbindungen zu fördern.

 

Cyte: Hi Sarice, wer bist Du und was machst Du?

Sarice: Hi, ich bin Künstlerin und mache auch kuratorische Arbeit. Studiert habe ich Ökonomie und Philosophie. Ich musste mittendrin auf die Fern-Uni Hagen wechseln, weil ich einerseits aufgrund der Ausstellungen und andererseits wegen meiner Model-Jobs viel unterwegs war. Der Kunst-Kontext hat mich seit jungen Jahren schon immer sehr interessiert und ich hatte das Glück durch die Fotoreisen und Auslandsaufenthalte mein Netzwerk in dem Bereich zu erweitern und dadurch einen großen Verteiler aufzubauen. Ich habe neben der Uni, um Geld zu verdienen, diverse Foto-Jobs gemacht. Und dann hat die Modelagentur mich irgendwann gefragt, ob ich Lust hätte Zeit im Ausland zu verbringen. Klar hatte ich. Eine der ersten Stationen war Hong Kong und da war ich 20. Seitdem ich klein bin male ich und habe mich mit Kunst als Kommunikationsform intensiv auseinandergesetzt.
Parallel zur Uni und dem Modeln habe ich daher auch immer weiter gemalt und mich mit Kunst beschäftigt. Nach dem Tod meines Vaters in 2005 und einer Zeit der Reflektion, ging es 2009 dann richtig los mit meiner ersten großen Ausstellung in Los Angeles. Wieder zurück in Europa und nach einem kurzen Rückschlag durch eine verdeckte Herzmuskelentzündung, folgten Solo- und Gruppenausstellungen und dann habe ich ab 2015 mit den Ausstellungen in Off-Spaces angefangen.

Cyte: Wie kam es zu diesen Off-Locations, was ist das?

Sarice: Vor Corona habe ich in leerstehenden Gewerbeflächen oder Wohnungen temporäre Ausstellungen gemacht. Da konnte ich z.B. die alte Bornhold-Ladenfläche am Neuen Wall bespielen und eine Fläche im Kaufmannshaus. Die Ausstellungen gingen über ein Wochenende oder bis zu 3 Monate. Und dann kam Corona. Alles stand still. Das war keine einfache Zeit, da ich ca. 3 Ausstellungen vorfinanziert habe, meine eigenen Produktionskosten hatte und dann schauen musste, wie man das irgendwie alles hinbekommt. Nach Corona Ende 2021 hat die Stadt Hamburg dieses Freiflächenprogramm „Raum für kreative Zwischennutzung“ ins Leben gerufen. Das war ein Zwischennutzungsprogramm von leerstehenden Gewerbeflächen bei denen ein Nutzungsvertrag vorliegt und nur eine Nebenkostenpauschale entrichtet wurde. Kulturschaffende zahlten 1,50€ pro Quadratmeter und der Rest der Nebenkostenpauschaule wurde durch einen Kulturfonds der Stadt Hamburg übernommen. Die leerstehenden Flächen konnten genutzt werden, bis ein Hauptmieter gefunden wurde.

CYTE: Was ist THE SPACE // für Dich?

Sarice: THE SPACE // ist ein Ausstellungskonzept im kuratierten Format, das ich initiiert habe mit dem Ziel neben den Ausstellungen einen Ort für Dialoge, Begegnungen, Austausch, Kunstvermittlung, kulturelle Bildung und interdisziplinäre Verbindungen zu schaffen. Oder auch Raum zu lassen für das Experiment oder unrealisierte Projekte. Die beiden Querstriche hinter THE SPACE // sollen dies auch symbolisieren, Raum zu lassen für Dialoge und Austausch und Raum zu geben für Ideen, Visionen, Studien und unrealisierte Projekte. Ich versuche immer jüngere mit etablierteren Positionen in einen Dialog zu stellen. Inhaltlich beschäftigen sich die Ausstellungen und das Begleitprogramm mit den Themen Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, Diversitäten, Identitäten, postkoloniale Aufarbeitung, Fragilität & Verhältnis von Natur & Mensch, Biodiversität und gesellschaftliche Strukturen. Ich mache viele Führungen für Schul- und Uniklassen, die jungen Freunde der Kunsthalle, Kunstvereine usw. und arbeite ein Begleitprogramm im Rahmen von Talks und Performances aus. THE SPACE // ist keine Galerie, hier werden keine Künstler und Künstlerinnen im klassischen Sinn vertreten, sondern es ist ein Ausstellungskonzept und es wird für jede Ausstellung ein Ausstellungsthema ausgearbeitet. Mit der Zeit ist das Projekt immer größer und größer geworden. Ich durfte vor der aktuellen Fläche eine Fläche am Ballindamm mit ca. 1.000 Quadratmeter bespielen. Nach einem Jahr wurde ein Hauptmieter gefunden und ich durfte anschließend zwei Flächen, eine mit 480 Quadratmetern und die andere mit 440 in der Kaiser-Wilhelm-Straße bespielen. Für die eine Fläche wurde Mitte dieses Jahres ein Hauptmieter gefunden, aber die zweite Halle darf ich weiterhin nutzen. Und solange kein Hauptmieter ist Sicht ist, kann der Vertrag verlängert werden.


Cyte: Toll.

Sarice: Ja. Es war gar nicht geplant, dass es so groß wird oder so lange geht und ist organisch gewachsen. Aufgrund dessen, dass ich viele Künstler*innen, Kuratoren und Kunstliebhaber in meinem Freundeskreis und Netzwerk habe, die dann ihrerseits andere Künstler*innen vorgeschlagen haben, wuchs es von ganz alleine.

Cyte: Wie ist das, ständig mit dem Risiko im Nacken, dass jederzeit ein Hauptmieter auftauchen kann? Das bietet nicht sonderlich viel Planungssicherheit.

Sarice: Es bietet sich immer irgendwie irgendwo eine Gelegenheit, diesen Ansatz zu verwirklichen oder einen anderen Ausstellungsort zu finden. Und ich weiß ja, dass dieses Risiko besteht. Das ist Planung genug. THE SPACE // ist eine Leidenschaft, keine Einkommensquelle. Für mich ist Kunst dazu da an Menschlichkeit zu erinnern und Dialoge zu führen. THE SPACE // soll ein Raum der Begegnungen sein. Ich bin selbst Künstlerin und habe das Glück, dass sich meine Arbeiten ganz ok im Moment verkaufen, wodurch ich mich finanzieren kann und so kann ich im Moment auch das Ausstellungskonzept ein wenig back-upen. Wo ich aber auch an meine Grenzen komme. Daher wäre es sinnvoll langfristig mit einer Stiftung oder Kulturförderung zusammen zu arbeiten. Die meisten der Arbeiten, die im THE SPACE // zu sehen sind können auch erworben werden. Jede Künstler*in hat Produktionskosten und private Kosten und daher freue ich mich über jede Arbeit, die einen Sammler*in findet. Es wurden auch schon Arbeiten an ein Museum verkauft. Mit den Künstler*innen ist die Vereinbarung, falls was verkauft wird, dass 15% an das Ausstellungskonzept gehen, so dass jeder auch etwas zu dem Konzept beitragen kann und die Nebenkostenpauschale, Transportkosten, Techniker usw. plus minus mit gedeckt werden können.

Cyte: Wirklich also Liebe zur Kunst, und dass man hier etwas umsetzt, einen Raum bietet.

Sarice: Ja, am liebsten kostendeckend! Es wäre natürlich besser, wenn man noch mehr Budget hätte. Dann könnte man noch weitere Ideen umsetzen, Publikationen machen, raumspezifische Arbeiten anfertigen oder ein Researchprogramm ausarbeiten. Oder man könnte dann auch alle freiwilligen Helfer und Supporter auch honorieren. Viele helfen ehrenamtlich mit und supporten. Hier werden auch keine Arbeiten gezeigt, die danach ausgesucht werden, was sich am besten verkaufen lässt, sondern Arbeiten, die zum Thema passen und es werden eher Showpieces gezeigt, d.h. großformatige Arbeiten oder auch raumspezifische Arbeiten, die generell schwierig zu verkaufen sind. Die Präsentation und die inhaltliche Auseinandersetzung sowie der Austausch stehen im Vordergrund, der Austausch und die Geschichten zu den einzelnen Arbeiten, die Thematik zu den einzelnen Arbeiten und wie diese Geschichten und Thematiken im Dialog stehen. Kuratieren kommt von dem lateinischen Wort „curare“, was so viel bedeutet wie „sorgen für“, „pflegen“, „sich kümmern um“. Jede künstlerische Arbeit und die Person hinter der Arbeit haben im übertragenden Sinne eine Stimme, etwas für das sie stehen, ein Thema, eine Aussage. Kuratieren bedeutet für mich auf diese Stimmen zu hören, versuchen zu verstehen, ernst zu nehmen und für sie einzustehen. Diese Positionen und Stimmen in einen Kontext und Dialog mit anderen zu bringen und im Rahmen einer Gruppenausstellung diesen Stimmen auch Gehör zu verschaffen.

Cyte: Aber du bist für alles, was hier gezeigt wird die Kuratorin und du entscheidest, was hier hängt und was nicht?

Sarice: Ja, aber ich tausche mich auch mit den teilnehmenden Künstler*innen oder mit meinem Inner Circle aus. Das ist ein schöner Dialog und ich bin immer offen für Vorschläge und Perspektiven und frage auch viel nach, aus dem heraus natürlich dann auch manchmal Ideen und neue Ansätze umgesetzt werden. Letztlich liegt die finale Entscheidung aber bei mir.

Cyte: Und wie geht es weiter?

Sarice: Die aktuelle Fläche kann weiter genutzt werden bis ein Hauptmieter gefunden wird. Ich bin dabei Stiftungen und Förderprogramme anzuschreiben, die das Ausstellungskonzept mit unterstützen, da es ohne eine Unterstützung und Förderung nicht finanziell tragbar ist. Je mehr Volumen das Ausstellungskonzept zur Verfügung hat, desto mehr Möglichkeiten habe ich, die Künstler*innen und deren Arbeiten weiterhin zu zeigen, Rahmenprogramme auszuarbeiten und raumspezifische Installationen umzusetzen.

Cyte: Du hast zwar nicht den Verkauf im Fokus aber dennoch, was verkauft sich am besten?

Sarice: Am meisten Freude machen die jüngeren Arbeiten, wenn die verkauft werden. Die sind noch nicht so teuer und die Künstler*innen stecken das Geld gleich meistens wieder in neue Produktionen. Wir haben auch größere Namen und Museumskünstler mit dabei, wie zum Beispiel Gregor Hildebrandt, der mit ausgestellt hat. Sein Ziel ist es nicht bei uns verkauft zu werden, er zeigt seine Arbeit, da er das Konzept und junge Kunst unterstützen möchte.

Cyte: Hat der nicht auch eine Professur in München?

Sarice: Ja, er ist Professor in München an der Kunstakademie, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist ein renommierter zeitgenössischer Künstler und setzt in seinen Arbeiten analoge Tonträger wie Kassettenbänder, Videobänder, Schallplatten und Kassettenhüllen ein. Seine Partnerin ist die Künstlerin Alicia Kwade, die auch Professorin an der HfbK Dresden ist. Im THE SPACE // wurden zwei ihrer Studenten gezeigt: Lukas Maksay, der unter anderem Betonarbeiten macht und Laura Theurich, die viel mit Glas, aber auch mit Bronze und anderen Materialien arbeitet.
Aus Gregor Hildebrandts Klasse wurde einmal eine Arbeit aus der Serie Nebelbilder von Lorenz Egle gezeigt sowie eine Arbeit von Franz Stein und Lara Koch.
Es bringt viel Freude zu sehen, wenn die dann irgendwann die Uni verlassen und ihren Weg erfolgreich gehen.

Cyte: Wie oft wechselst du die Ausstellungen?

Sarice: Drei- bis viermal im Jahr. Die Ausstellungen gehen auch etwas länger, ca. 2.5 – 3 Monate. Da hauptsächlich großformatige Arbeiten, Skulpturen und Installationen gezeigt werden, ist der Aufwand zu groß, die nur eine kurze Zeit hängen zu lassen. Und bis wirklich jeder da war, den man dort haben möchte und die ganzen Führungen organisiert hat, ist es gut einen längeren Zeitraum zu haben.

Cyte: Im Vergleich zu meinem ersten Besuch scheint jetzt viel mehr hier los zu sein. Euer Publikum hat sich vergrößert!?

Sarice: Ja, das stimmt. Der Verteiler vergrößert sich stetig durch die Besucher, die es wiederrum weitererzählen und natürlich durch die Künstler und Künstlerinnen, die ihre eigenen Netzwerke mitbringen und durch die Pressearbeit durch Freunde, die das Konzept supporten möchten.

Cyte: Nochmal die Frage zur Planbarkeit, wenn hier jetzt der Mietvertrag nicht verlängert würde, hast Du dann schon eine neue Fläche in Aussicht?

Sarice: So konkret nicht, aber es ergibt sich immer mal wieder etwas. Und wie schon gesagt, ich bin ja selber Künstlerin und wenn es so kommt, hätte ich mal wieder einige Monate am Stück mich nur auf meine Arbeiten zu konzentrieren. Was auch mal wieder ganz gut wäre.

Cyte: Was machst du für Arbeiten?

Sarice: Ich arbeite hauptsächlich abstrakt, aber habe auch eine klassische figurative Werkgruppe mit Ölarbeiten. Bei den abstrakten und informellen Arbeiten beschäftige ich mich im Moment mit der Materialität des Gewebes und dem Farbauftrag basierend auf Falttechniken mit Negativ- und Positivfalten, woraus ich Kompositionen entwickle. Es geht mir darum: „Making the invisible visible“ bzw. im übertragenden Sinne Strukturen sichtbar zu machen, etwas zu entfalten, das nicht offensichtliche sichtbar zu machen und wie man Empathie in eine Komposition übersetzen könnte und meiner Interpretation von Balance. Es gibt das Buch von Deleuze „Die Falte: Leibniz und der Barrock“ auf das ich mich unter anderem beziehe und inhaltlich beschäftige ich mit den Themen, die auch im THE SPACE // bearbeitet werden wie Koexistenz, kulturelle Komplexitäten im globalen Kontext, sozialen Strukturen. Ich schreibe auch die Ausstellungstexte für die Ausstellungen im THE SPACE //. Abstraktion ist für mich auch eine Form des Widerstandes, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen, zu hinterfragen und andere Perspektiven einzunehmen.


Cyte: Ist es für dich und deine eigene Kunst hilfreich und förderlich, dass du durch diesen Raum ständig mit anderen Künstlern konfrontiert bist? Oder blockiert das auch?

Sarice: Auch ohne das Ausstellungskonzept würde ich mich tagtäglich mit Kunst auseinandersetzen. Ich besuche viele Ausstellungen und setze mich mit den Themen auseinander, die behandelt werden. Das einzige was nicht förderlich für meine eigene Arbeit ist, ist der Zeitfaktor, wenn irgendwelche organisatorischen Aufgaben anfallen, die Zeit von Studioarbeit wegnehmen. Das ist eigentlich das einzige Manko. Hätte ich mehr Budget, würde ich gerne jemanden anstellen, z.B. einen Student*in. Anstelle, dass sie/er in einer Bar arbeitet oder einen anderen Job machen muss, um das Studium zu finanzieren ist die Person hier und kann sich mit Kunst auseinandersetzen. Sowas wäre optimal. Denn bisher machen das hier alle ehrenamtlich, damit der Ausstellungsraum auch an möglichst vielen Tagen in der Woche geöffnet sein kann. Ich glaube, es gibt nichts frustrierenderes, als so eine Fläche bespielen zu können und dann Menschen vor verschlossenen Türen stehen lassen zu müssen, weil niemand da ist, der sie einlässt. Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir diesen Raum bespielen dürfen und es einen Austausch gibt. Kulturelle Bildung und Kunstvermittlung kosten Geld, sei es in der Produktion von Kunstwerken oder dass sich Künstler*innen Gedanken machen und dies in Form von Kunst umsetzten, um so einen Dialog zu starten. Ich glaube, deswegen ist es gut und wichtig, dass es städtische Förderungen für Kunst und Kultur gibt. Bildende Künstler*innen werden ja oft gar nicht fürs Ausstellen bezahlt. Man nimmt frei zugängliche Ausstellungen manchmal für selbstverständlich. Wenn man Kunst in seinem Leben haben möchte, muss man umdenken und vielleicht öfter mal jüngere Arbeiten kaufen, um das Ganze zu unterstützen und nachhaltig Chancen zu ermöglichen.


Cyte: Findest du, dass Hamburg als Standort schwierig ist, um „teurere“ Kunst zu verkaufen?

Sarice: Das Geld ist da! Die, die ich kenne, kaufen aber häufig lieber in den großen Galerien und auf Messen im Ausland. Es scheint spannender zu sein eine große Arbeit in einer Galerie in Paris zu erwerben, als im eigenen Wohnort und man kann das Kauferlebnis mit einem schönen Trip und Museumsbesuchen verbinden. Nach London, Paris, Basel, New York oder so fliegen, das ist ein anderes Erlebnis für diese Käufer, Kunst einzukaufen.

Cyte: Wie würdest Du die Hamburger Kunstszene im Vergleich zu Berlin oder München einordnen? Ich hadere manchmal mit den Möglichkeiten und dem mangelnden Mut dieser Stadt in Bezug auf die Kunst. Wie siehst Du das?

Sarice: Ich finde, Hamburg hat sehr gute Künstler*innen, spannende Sammlungen, man kann hier eine sehr gute Ausbildung genießen und auch die Institutionen machen einen sehr guten Job. Wir haben in Hamburg jetzt auch eine neue Stadtkuratorin, Joanna Warsza. Sie und ihr Team sind sehr engagiert und haben ein sehr gutes Programm ausgearbeitet. Was ich an Hamburg auch sehr schätze ich die Kollegialität und dass man sich gegenseitig supportet. Auch die OFF-Art Szene, das sind freie Kunstorte in Hamburg, ist sehr stark. Ich finde eher die Außendarstellung schwierig und bedauernswert, da Hamburg in erster Linie als Musicalstadt dargestellt wird und weniger als Kunststadt. Hamburg kann Kunst und ist anders als Berlin und München. Die Sammlung Falckenberg in den Phoenixhallen in Hamburg Harburg ist einzigartig und gehört zu den bedeutensten Sammlungen der Welt. Dann gibt es das Woods Arts Institute, wo die Kunstsammlung Reinking zu sehen ist. Es ist ein riesiger Park mit Skulpturen und in der Mitte steht ein altes restauriertes Schulgebäude sowie mehrere Reetdachhäuser, wo die Kunst bewundert werden kann.

Cyte: Vielleicht liegt das auch daran, dass die öffentlichen Museen, also Deichtorhallen und Kunsthalle, selten Ausstellungen zeigen, die wirklich in Erinnerung bleiben. Und wenn dann wirklich mal etwas Spektakuläres wie die William Kentridge Ausstellung gezeigt wird, wurde sie ursprünglich für ein anderes Museum konzipiert und nur in Hamburg weitergeführt.
Ich habe häufig das Gefühl, dass Hamburg immer nur den Rest, den keiner haben will, zeigt.

Sarice: Hast Du die Ausstellung „Dix und die Gegenwart“, die Dr. Ina Jessen kuratiert hat, gesehen? Die mochte ich sehr!

Cyte: Ja, aber es ist irgendwie nie so, dass man Herzklopfen bekommt oder wirklich ergriffen ist. Häufig sind es zu viele Arbeiten, zu wenig Luft zwischen den Bildern und Skulpturen, man kommt selbst kaum zum Atmen und damit hat man keine Ruhe, die Werke wirklich zu betrachten und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.
Das ist wie eine Volkshochschulkurs für moderne Kunst, aber es fehlt die Leidenschaft und auch die Begeisterung für irgendwas.

Sarice: Mir hat die „Dix und die Gegenwart“ Ausstellung sehr gut gefallen. Die Ausstellung basiert auf ihrer langjährigen Forschung und sie schaut genauer auf ein bislang nicht beachtetes Kapitel, nämlich Dix’ Werk während der NS-Zeit (1922-1945), das häufig als unpolitisch und konform galt. Die Landschaftsbilder mit altmeisterlicher Pinselführung mit subtiler Kritik im Gewand der Anpassung hatte ich vorher noch gar nicht gesehen. Und den Gegenwartsbezug fand ich auch sehr interessant, bei dem 50 zeitgenössische Positionen gezeigt wurden mit Bezug auf Dix’ Themen, ikonografische Strategien und technische Ansätze. Aber das ist auch das Schöne an Kunst und dass Meinungen und Auffassungen verschieden sind, sonst wäre es ja langweilig. Der Moment, in dem man einfach gefesselt ist, stellt sich bei manchen ein und bei manchen nicht.

Cyte: Genau, wie zum Beispiel die Anne Imhof Ausstellung im Palais de Tokyo. Ich kannte damals eigentlich gar nichts von Anne Imhof, und ich bin da reingekommen und erst habe ich das alles nicht verstanden. Aber je weiter ich in diesen Raum vorgedrungen bin, desto mehr hat mich das weggeknallt.
Ich bin fast ohnmächtig geworden, weil ich das so toll fand und gedacht habe, ja, so muss Kunst 2021 aussehen. Auch wenn ich rückblickend gar nicht so richtig den Finger drauflegen konnte, was ich da eigentlich gesehen habe oder wie ich das einem beschreiben sollte, der nicht da war: ist es Malerei, ist es Installation, ist es dies, ist es das? Performance war dann auch noch, und es war aber alles zusammen so überwältigend. Den Anspruch muss man jetzt nicht permanent haben, aber zumindest hier und da sollte das aufblitzen. Und in Hamburg, habe ich das Gefühl, wird einfach nur abgearbeitet. Es fehlt an Lust, an Leidenschaft.

Sarice: Ich habe schon das Gefühl, dass es an Lust, Leidenschaft und Können in Hamburg nicht mangelt. Auch was die ganze Off-Szene in Hamburg leistet finde ich bemerkenswert. Sie es der Lycra Raum, Oel-Früh, das Westwerk, Frise, der 8. Salon, die Gruppe Motto im Gängeviertel, der Sender oder das Studio Peragine in der Hafencity. Oder auch der Kunstverein Gastgarten. Die machen ein tolles Programm. Ich glaube man kann gespannt sein, was in der Kunstszene in Hamburg in Zukunft bewegt wird.