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„in blackness like a star

„in blackness lika a star“

with you knife heart and voice you erase two nights i dream chalk with fields

the day before i caught a train to Bochumtom Tom and I spoke about Kazimir Malevich how he left the image painted a black square on white it was a tie crooked. done without a ruier he painted what he saw. and Infiniti space where spirit indicates a new logic 

you continue to talk to erase 

my black star wants 

by Gail Langstroth 

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Mehr? Weniger!

Sandra Groll

Enttäuschungssyndrome 

 

Über mediale Wunschproduktionen, emotionalisierte Konsumversprechen, ein überromantisiertes Bild von Paris und was eigentlich Geld damit zu tun hat.

 

Tourist*innen finden sich auf den lang ersehnten Reisen oftmals in einem befremdlichen psychosomatischen Zustand wieder. Sie leiden unvermittelt an einem psychischen Ausnahmezustand, der als Paris-, Jerusalem-, New-York oder Florenz-Syndrom verschiedene Ausdrucksformen annehmen kann. Die jeweiligen Syndrome machen sich in Form von Panikattacken, depressiven Verstimmungen, Schamgefühlen, Wahnvorstellungen und Aggression bemerkbar, auch irrationale Schuldgefühle, Bußrituale und andere Dissoziationen können auftreten. Je nach kultureller Herkunft der Reisenden entzünden sich die Symptome jedoch an unterschiedlichen Triggern und treten dann fast ausschließlich bei bestimmten Gruppen auf. Das Paris-Syndrom zum Beispiel scheint fast ausschließlich Reisende aus Japan zu befallen. So unterschiedlich die Syndrome gelagert sind, ihr gemeinsames Merkmal ist: sie treten als Begleiterscheinung des modernen Massentourismus und der Konsumgesellschaft auf und scheinen sich zu verstärken, je ästhetisierter sich diese Gesellschaft präsentiert. Dass unser Alltag in einem hohen Maße von hochgradig ästhetisierten Produkten und Dienstleistungen fast vollständig durchsetzt ist, dürfte bekannt sein. Weniger offensichtlich ist hingegen, dass die Ästhetisierungen von Design und Werbung nicht nur für schöne, funktionale und begehrenswerte Dinge sorgen, sondern durch diese auch auf unseren Emotionshaushalt und unsere Psychen zurückwirken und das eben nicht immer so wie eigentlich gewünscht. So auch im Fall der Städtereisensyndrome. Im Falle der japanischen Tourist*innen ist wohl ein, in Werbung, Medien und japanischen Kultur vorherrschendes, überromantisiertes Bild von Paris ursächlich dafür, dass es die Tourist*innen in Paris mit einer nur schweraushaltbaren Diskrepanz zwischen idealisierter und erlebter Realität zu tun bekommen und dann die entsprechenden Symptome zeigen.

Es gibt auch eine Reihe anderer Unannehmlichkeiten, die die konsumästhetisch geprägte Fiktion beenden

Hinter diesen Syndromen verbirgt sich jedoch ein grundlegenderes Phänomen nämlich eine Erwartungsenttäuschung, die mit der fortgeschrittenen ästhetischen Ökonomie der Gegenwart einhergeht. Sprich, wir haben uns daran gewöhnt, dass Design und Werbung nicht nur Dienstleistungen und Angebote gestalten, sondern Erlebniserwartungen inszenieren und dass der Gebrauch des eher unsinnlichen Medium ‚Geld‘ den Zugriff auf genau diese Erwartungen sichert. Wir erwarten – und unsere Erwartungen sind dabei in vielfältiger Weise bereits durch andere Konsumangebote designt – ein ganz bestimmtes Erlebnis von der Reise, vom Zielort, von uns selbst und von anderen auf dieser Reise. Schließlich haben wir Zahlungen geleistet und da kann man schon erwarten, dass sich das gewünschte Erlebnis vollumfänglich so realisiert, wie wir es erwarten. Wir verhalten uns zur Wirklichkeit im Modus des Konsums und in der Erwartungshaltung von Konsumierenden, die sich mittels Zahlungen den Zugriff auf ganz bestimmte Angebote gesichert haben.

Das ‚Paris‘ ist in unseren Köpfen eben nun einmal auch gestaltetes und kommuniziertes Konsumversprechen, das aber an der Wirklichkeit scheitern muss, denn das reale Paris umfasst nun einmal auch Pariser*innen, denen man bekanntlich einen etwas raueren Umgang mit Tourist*innen nachsagen kann. Und es gibt auch eine Reihe anderer Unannehmlichkeiten, die die konsumästhetisch geprägte Fiktion beenden und kurzen Prozess mit den romantischen Erwartungen machen. All das sorgt dafür, dass aus dem fiktiven, fein entworfenen Sehnsuchtsort und Konsumort ‚Paris‘ wieder ein höchst realer überfordernder Komplex aus Zumutungen wird. Genau diese Fiktionsenttäuschung – oder besser: dieser Realitätskontakt – führt dann zu den entsprechenden psychosomatischen Auffälligkeiten.  

Die Verkettung individueller und medialer Wunschproduktionen, professionell gestaltete und emotionalisierte Konsumversprechen, plötzlicher Realitätskontakt und Psychokrise, scheint mittlerweile ein Phänomen zu sein, das sich in der ästhetischen Konsumgesellschaft mit Wachstumsorientierung in verschiedenen Abstufungen und Phänomenen an vielen Orten zeigt. Ein strukturell ganz anders gelagertes Phänomen spielt sich zum Beispiel auf den deutschen Autobahnen ab. Auch hier hat man es im weitesten Sinne mit einem Designproblem zu tun. Die nun schon seit Jahren das Automobildesign dominierende Formensprache von ästhetisch gesteigerter Sicherheit im Inneren und sportlicher Dynamik mit leicht aggressiven Zügen nach außen, sorgt für die Erwartung, irgendwie schneller und überlegener zum Ziel zu kommen und dabei Freude am Fahren zu empfinden. Das kann natürlich nicht klappen und führt zu ähnlich irrational-emotionalen Ausreißern, schrägen Verhaltensweisen und emotionalen Überforderungen, wie das in Wirklichkeit nur wenig romantische reale Paris.

Man hat es mit einer Designkrise zweiter Ordnung zu tun, denn der im und durch das Konsumangebot versprochene Mehrwert oder Zustand der Welt und des Selbst will sich nicht so recht einstellen. Schlimmer noch, wir müssen uns der Erkenntnis stellen, dass die schönen Bilder und Szenarien, die durch Werbung und Produktdesign so wunderbar mehrdimensional an unsere individuellen Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse anschließen und im Diesseits Erlösung von was auch immer versprechen, in letzter Konsequenz enttäuschen. Das Problem ist nicht nur unsere Erwartung und ihre Pseudobefriedigung durch Konsumangebote, die ganz nebenbei auch eine ganz bestimmte, nicht intendierte Variante von Wirklichkeit gestalten, sondern die durch Geldkommunikation zusätzlich vermittelte Erwartung, dass das, was das designte Angebot verspricht, auch so eintrifft. Wie versprochen.

Das Mehr! bildet den Resonanzkörper einer wachstumsorientierten Ökonomie und speist sich aus Transzendenzbedürfnissen

Dies geschieht anscheinend, weil wir uns kollektiv auf einer Sinn- und Sinnlichkeitssuche befinden, die scheinbar nur durch eine Form von Konsum zu stillen ist, in der es darum geht stets Mehr! zu bekommen. Mehr Sinn, mehr Sinnlichkeit, mehr Romantik oder eben mehr Geschwindigkeit und mehr Souveränität. Dahinter steckt ein psychisches und emotionales Resonanzbedürfnis, das in der modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft nicht befriedigt wird, da an die Stelle echter Resonanzen funktionale Äquivalente, wie zum Beispiel das Geld getreten sind.[1] Diese Entwicklung verdankt sich nicht allein einer kapitalistischen Weltverschwörung, sondern in einem erfolgreichen Ineinandergreifen von psychischen, sozialen und kulturellen Prozessen, die sich wechselseitig stabilisieren und in einer wachstumsorientierten Gesellschaft und entsprechend enttäuschungssensiblen Individuen münden.

Das ‚Mehr!‘ ist das eigentliche Problem, denn es ist zunächst einmal gesichts- und gegenstandslos und wird begleitet von einer emotionalen Sehnsucht, die bereit ist, sich von Angeboten verzaubern zu lassen. Es bildet den Resonanzkörper einer wachstumsorientierten Ökonomie und speist sich aus Transzendenzbedürfnissen. Erst im Medium von Bildern, Narrativen und Design, findet dieses Mehr! überhaupt erst ein Ausdrucksmedium. Im Kern mischen hier soziale und psychologische Bedürfnisse mit, deren Befriedigung früher in den Bereich der Religion fielen und dort auch bedient wurden, nämlich Unsicherheitsabsorption und Kontingenzausschaltung. In der Gegenwart einer postindustriellen Konsumgesellschaft bleibt als Antwort auf individuelle und kollektive Sinnsuchen nur der Konsum von ästhetisch und funktional möglichst zugeschnittenen Dienstleistungen und Angeboten, die uns da abholen wo wir bereits stehen. Dass es eine Verbindungslinie zwischen kapitalistischer Ökonomie, Konsum und Religion[2] gab und gibt, ist bereits ebenso gut dokumentiert, wie die  psychosomatischen Muster, die im Hintergrund wirken.[3]

Ähnlich wie in früheren Zeiten die Religion und der Mythos, ist auch die Ökonomie der Gegenwart darauf angewiesen durch ästhetischen Budenzauber dem Mehr! einen Ausdruck zu verleihen. Allerdings geht es hier nicht um Heilsversprechen und eine einheitliche Deutung der Welt im Rahmen einer Kosmologie sondern darum, durch sinnliche und funktionale Steigerungen Attraktivität herzustellen und Zahlungen zu realisieren. Und am Ende geht es darum: um Zahlungen und zwar Geldzahlungen. Wer eine Zahlung anbieten kann, erhält Zugriff auf ein knappes Gut und zwar in Absehung aller weiterer Bedingungen, etwa des gesellschaftlichen Standes, der körperlichen Verfasstheit oder der Bereitschaft Gewalt auszuüben. Wer dies nicht kann, kann auch keinen Zugriff auf diese Güter beanspruchen. Niklas Luhmann[4] hat dies in eine schöne Form gebracht, nämlich das Geld sowohl ein symbolisches und diabolisches Medium sei. Symbolisch indem es verbindet und diabolisch indem es trennt. Mit einem solchen Medium lässt sich der Zugriff auf knappe Ressourcen recht friedlich organisieren, denn es entlastet von „Menschlichkeiten wie Hass und Gewalt.“[5]Mittels Geld lässt sich so der eigene Mehr!-Anspruch durchsetzen.

Und das Beste am Geld: es ist zähl- und sammelbar.

Allerdings kann Geld, als Medium von Kommunikation mittels Zahlungen noch mehr, es entbindet von der Notwendigkeit ein Gut sofort gegen ein anderes zu tauschen. Das bedeutet: man muss sich nicht sofort entscheiden und kann Erwartungen bilden. Damit bietet Geld die Möglichkeit Zugriffe aus Gütern von der aktuellen Situation zeitlich, sozial und thematisch unabhängig werden zu lassen mit dem Ergebnis, dass mit seiner Hilfe alles Mögliche erreichbar wird. Auch dies eine Form von Steigerung und damit ein Mehr!. Und das Beste am Geld: es ist zähl- und sammelbar. Wird es gesammelt, entstehen Summen oder besser, ein Potential, das mehr und größere Zugriffe ermöglicht. Wenn man sich hier geschickt anstellt, lässt sich dies ebenfalls wieder in Geld übersetzen. And so on. Man muss bei all dem nur ein recht einfaches Rezept verfolgen: Mach mehr Geld.

Das gesichtslose Mehr! steckt somit nicht nur in unseren haltlosen Psychologien, den Strukturen der Konsumgesellschaft, sondern auch grundlegen in der Logik des Geldes. In der Logik des Geldes verbirgt sich jedoch auch ein Weniger!. Auch wenn dieses Weniger! nicht den positiven Wert einer Wachstumsgesellschaft bildet, ist es doch unverzichtbar. Denn damit diese Ökonomie funktionieren kann, bedarf es Knappheiten, also weniger Ressourcen und Gegenstände als Zugriffswünsche. Nur so lässt sich das Mehr! realisieren. Bereits im 19. Jahrhundert wurde deutlich, dass Knappheit selbst zu einem knappen Gut werden kann und dass nun neue Knappheiten erschlossen werden müssen. Nicht ohne Grund fällt die Geburtsstunde von Design und Werbung in diese Phase. Sie erschließen nach und nach die emotionale und psychische Bedürftigkeit des Menschen, in dem sie ästhetisch gesteigerte Sinnangebote machen, die zu neuen Knappheiten führen und Kapitalbildung antreiben. Sie arbeiten an der Verzauberung der Welt und an den konkreten Erscheinungsformen unserer Erwartungen. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Übergang in eine ästhetische angetriebene Ökonomie dann vollzogen, mit dem Ergebnis, dass man nun mehr im Alltag auf Angebote trifft, die unstillbare „Begehrnisse“[6] erzeugen, obwohl sie vorgeben, Bedürfnisse zu befriedigen. Dass diese dann an den jeweiligen Wirklichkeiten scheitern ist ein willkommener Impuls, der Wachstumseffekte aller Art in Gang setzt. Die Enttäuschung ist damit schon in die Dinge eingeschrieben. Am Ende mündet dies zwar in einer permanenten Spirale aus Erwartung und Enttäuschung und führt dabei zu den eingangs beschriebenen Symptomen, mündet dann aber nicht darin, dass man auf einen Postwachstumskurs einschwenkt, sondern in all den kleinen Alltagspsychosen, die sich aus dem oszillierenden Verhältnis von Mehr! und Weniger! ergeben.

 

Literaturverzeichnis

 

Baecker, Dirk (2003); Kapitalismus als Religion, Aufl. 2009, Kadmus Verlag, Berlin,

Baudrillard, Jean (1970); Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen, 2015, Springer Verlag,

Böhme, Gernot (2016); Ästhetischer Kapitalismus, 2. Aufl. 2016, Suhrkamp Verlag, Berlin,

Bolz, Norbert (2002); Das konsumistische Manifest, Wilhelm Fink Verlaf, München,

Luhmann, Niklas (1988a); Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1.Aufl. 1994, Suhrkamp, Frankfurt am Main,

Rosa, Hartmut (2016); Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 7. Aufl. 2017, Suhrkamp Berlin,

Weber, Max (1904); Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Berliner Ausgabe 2016, 4. Auflage, Holzinger Verlag,

[1] Rosa, Hartmut (2016); Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung

[2] U.a.: Weber, Max (1904); Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Baecker, Dirk (2003); Kapitalismus als Religion

[3] Baudrillard, Jean (1970); Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen

[4] Luhmann, Niklas (1988a); Die Wirtschaft der Gesellschaft, S.258.

[5] Bolz, Norbert (2002); Das konsumistische Manifest,S.37.

[6] Böhme, Gernot (2016); Ästhetischer Kapitalismus

MEHR?

WENIGER!

Text: Sandra Groll #s_groll

Illustration: Oskar Nehry #oskkko

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Real

Real

POST 1: Broken Wings

Flügel, verdammt, wo sind diese Flügel. Meine Güte ist das voll hier, trotzdem, ohne die Flügel gehe ich nicht weg.

Ich wühle mich vorbei an braungebrannten Leibern, an Cocktail schlürfenden Bikinischönheiten, an Sixpack trainierten Jüngelchen, an bärtigen Muskelmenschen und an diversen lasziv planschenden Badenixen.

Da, endlich, da hinten am Ende des Pools, ich sehe die Flügel im gleißenden Licht der Sonne strahlen, da muss ich hin. Nun kann mich keiner mehr stoppen.

Schon mal des Haargel aus meiner Bauchtasche geholt „…oh Entschuldigung, ich wollte dich nicht anrempeln, melde dich später bei mir, ich geb dir nachher einen Drink an der Bar aus“…schnell noch ein prüfender Blick in die Selfiekamera meines Handys werfen … „Och ja, ein wenig gebräunter könnte ich sein, geht aber ansonsten“…und dann bekomme ich Flügel!
Verdammt …was ist das? Wie kann das sein? Warum lauern hier so viele Frauen rum? Hilft ja nix, warten und warten …und dann kommt der große Moment. Ich setze mich auf die Lehne der Sitzgelegenheit …„Äh, könntest du vielleicht ein Bild von mir machen, nein?“

Mist, was war das denn für eine eingebildete Kuh, die hatte wohl Angst, dass ich mehr Likes als sie bekomme. „Ah, Bedienung, bitte, bitte, bitte“ (herzchenflötend).

Nun meinen Rücken richtig zu den gemalten Flügeln an der Steinwand ausrichten, schnell noch die Beinchen übereinander geschlagen, locker mit meinem langen Haar spielen, verstohlen zur Seite schauen und …KLICK!
“Hast du’s? Sind die Flügel auch hinter mir zu sehen? Sehe ich wie ein Geflügelter aus? Nein? …Flügel abgeschnitten? Dann bitte noch einmal“.

Eine hohe Stimme dringt durch die Deep House Mucke zu mir ans Ohr: „Nein, jetzt bin ich aber dran, weg da“. Ich bin so verwirrt, dass ich aufstehe und den begehrten Sitzplatz vor der bunten Flügelmalerei freimache. Noch einmal anstellen? Ohne mich.

Das war es dann wohl mit meinem Flügelbild für Instagram. Eine Welt bricht zusammen, was nun? Es ist zum aus der Haut fahren. Mit meinem Onepack kann ich auch keinen lässigen, an der Poolkante verdrehen Shot machen, hier ist es vorbei, ich muss hier weg. Aus die Maus. Overdose Instalife. Meine Laune ist verdorben und ich verlasse niedergeschlagen den Haubentaucher in Berlin.

 

Ob das alles wahr ist was ich hier schreibe? Das kannst du entscheiden lieber Leser, aber gib doch mal auf Instagram #Haubentaucher ein und scrolle dich durch die Suchergebnisse. Ich wette mit dir, du wirst neben den echten Haubentaucher-Vögeln auch einige geflügelte Wesen in Menschengestalt finden. Und das nicht zu knapp. Meinen Schnappschuss wirst du dort natürlich nicht sehen, denn schließlich waren auf meinem Foto die Flügel gestutzt und dadurch wurde das Bild für meinen Instachannel schlicht und einfach absolut unbrauchbar.

 

POST 2: Get the party started

Genau, es geht um Instagram. Bevor ich mich weiter mit diesem Phänomen beschäftige, sollte ich vielleicht etwas über die Geschichte von Instagram schreiben. Aber eigentlich macht das wenig Sinn, da das Spannende heutzutage nicht die historischen Fakten des Unternehmens sind, sondern eher die Auswirkungen, die diese Plattform auf unsere Gesellschaft hat.

Trotzdem, hier in kurzer Abriss:

Am 6. Oktober 2010 wurde die von Kevin Systrom und Mike Krieger entwickelte Social Media Bilder-Plattform Instagram veröffentlicht. Also lieber Instagram-Influencer, der sechste Oktober ist dein Weihnachten, du solltest an diesem Tag deinem Schatzi ein Foto auf Insta schenken und dem wohlbekannten Kameralinsen-Logo huldigen.

Im Jahre 2012 wurde dann mal so richtig Cash gemacht. Facebook legte eine Milliarde Dollar auf den Tisch, um Insta zu kaufen. Wobei ein großer Anteil der Summe in Facebook-Aktien gezahlt wurde. Trotzdem, sicherlich kein schlechter Deal für die Gründer und wie sich inzwischen gezeigt hat, das gilt auch für Facebook.

 

Im Sommer 2016 erschien dann die mächtige Stories-Funktion auf Insta, die die Community feiern lies. Die Stories waren nicht neu in der Social Media Welt, denn Snapchat hatte es vorgemacht. Instagram handelte hier ganz offen nach der Devise „Gut kopiert ist halb gewonnen“.

 

2018 führte Insta IGTV ein, jetzt war Insta plötzlich auch noch eine Alternative zu YouTube, wo Livestreams schon länger möglich waren. Außerdem wurde die 1 Milliarde-Marke der aktiven Nutzer erreicht, nun gehörte Instagram zu den drei erfolgreichsten Social Media Plattformen der Welt (1. Facebook, 2.YouTube, 3. Instagram – wenn man Messenger Services wie WhatsApp nicht in die Betrachtung einbezieht).

Verwunderlicherweise hat Facebook immer noch mehr als doppelt so viele monatliche Nutzer – allerdings ist der Ruf der Plattform inzwischen ziemlich angeschlagen. Wenn man sich so umhört, ist Facebook eher zum Altenheim der Social Media Welt geworden. Denn wer Hip und Hop und Jung ist, der fasst das Gesichtsbuch nicht mehr mit dem Selfiestick an. Was soll’s, Marc Zuckerberg wird es egal sein, schließlich hat er so, mit seinem Konglomerat aus Social Media, die gesamte Altergruppe von 9-99 im Griff.

 

Aus dem Jahre 2019 gibt es noch keine besonderen Firmennews von Insta zu berichten. Schaut man auf die offizielle Firmenseite, dann fällt auf, dass 2019 vor allem Dinge hervorgehoben werden, die mit Datenschutz und Userschutz zu tun haben (außer das IGTV nun auch Querformat unterstützt …juhu).
Interessant vor allem der Hinweis zum Kampf gegen Online-Bullying. Tja …wer die Dämonen ruft ….

Wie oben schon kurz berichtet, ist Instagram die Plattform für junge Menschen. Tatsächlich sind laut einer Studie 60,4% der Nutzer zwischen 18 und 24 Jahre alt (Statista.com) und 90% der Nutzer sollen unter 35 Jahre alt sein (Science Daily). Bei Facebook sieht das etwas anders aus. Aber wer Facebook abgeschrieben hat macht einen Fehler, denn Facebook wächst auch immer noch, u.a. im asiatischen Raum und auch bei den Silver Surfern ab 60.
Ich bin zwar noch kein Silver Surfer, fühle mich allerdings häufig so, wenn ich mal wieder meine Insta-App öffne. Wow, alles so schön bunt hier, wo sind die normalen Menschen? Ich bin weder Beauty-, Fitness-, Fashion- oder Mommy-Blogger und weiß deswegen auch nicht so richtig was ich posten soll. Meine Bilder sind zu ordinär und lassen sich auch nicht mit den zahlreichen coolen Filtern schöner machen. Tja, dumm gelaufen für mich, ich glaube mit einem monetären Influencer-Income klappt es bei mir nicht mehr.

 

POST 3: The Beautiful People

Ich erinnere mich noch gut an die OMR 2019 in Hamburg. Irgendwann mittags schlug ich in den Messehallen in Hamburg auf und schaute mich um. He, das war krass und fast wie im Haubentaucher. Nur schöne, coole und hippe Menschen und ich fühlte mich irgendwie seltsam, fast so, als ob man aus Versehen im falschen Club gelandet ist und man dann feststellen muss, dass man mit hormongesteuerten Teenies eher nicht mehr viel gemeinsam hat.

Die einzigen Menschen die auf den ersten Blick nicht wie allzeit für Instagold bereit aussahen, waren die Aussteller von so langweiligen Firmen die Shop-Lösungen oder Datenanalyse-Tools anboten.

Manchmal bildeten sich aufgeregte Trauben, weil irgendein schöner Mensch durch die Hallen wandelte und wohl zur Spezies der bekannten Influencer gehörte.

Lustig allerdings wurde es, als ich in diversen Vorträgen feststellen musste, dass Menschen ab 40 nicht mehr zielgruppenrelevant sind. Hat mich etwas gewundert, da Menschen ab 40 Jahren doch eigentlich häufig ne Menge Cash verdienen, das dringend wieder in den Geldkreislauf zurückgeführt werden muss.

Noch besser wurde es aber, als immer wieder betont wurde, dass man Erfolg im Social Media Bereich hat, wenn man (bitte das nächste Wort Englisch aussprechen) real ist.

Fynn Kliemann gab diesen Tipp u.a. in einem Live-Interview mit Joko Winterscheidt den im Publikum sitzenden Nachwuchs-Influencern und ich war doch sehr verwundert.

REAL? (hast du dieses Wort eben englisch ausgesprochen? Falls nicht bitte noch einmal lesen und Englisch aussprechen). Was ist auf Insta oder auf vielen anderen Social Media Plattformen (bitte das nächste Wort Englisch aussprechen) real?
Ich möchte mal behaupten, real is no deal. Mal ehrlich, das ist doch eine Selbstlüge, die das Gewissen beruhigt beziehungsweise, um die Rolle, die man für die Follower nach außen eingenommen hat, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Nichts gegen Fynn Kliemann, cooler Typ, der womöglich wirklich so ist, wie er ist. Aber die anderen „Social Media Experten“, die so etwas behaupten, sollten aufhören so einen Stuss zu reden.
Es ist nun wirklich nicht natürlich in einem weißen Kleid mit einem Kind auf dem Arm durch ein blühendes Lavendelfeld in Frankreich zu laufen. Es ist auch nicht natürlich in einem Bikini in einem Sonnenblumenfeld herumzustehen. Es ist schon seltsam, wenn Essen immer aussieht wie ein Gemälde und noch unnatürlicher ist es, immer total geil auszusehen.
Den Vogel schießen die ganzen Mami und Papi Blogger ab. Ach du schöne Familienwelt, ach du schöne Mutter, ach du wunderschöner Muskelpapa, ach du meine Güte und diese wunderbaren Kinder in den süßen Klamotten in dem traumhaften Haus/Urlaub/Garten und diese gesunde Ernährung. Sorry Leute, ich muss es sagen, FUCK U!

Macht was ihr wollt, aber inszeniert nicht eure Kids for Klicks.

Die Bloggerin Toyah Diebel hat sich diesem Thema angenommen und ein spannendes Projekt gestartet. Unter dem Hashtag #deinkindauchnicht oder auf der Webseite deinkindauchnicht.org kann man sich das Ergebnis anschauen, lustig und verstörend zu gleich.

Was kann Instagram dafür? Nichts!
Menschen brauchen Anerkennung und Instagram ist eine gute Plattform diese zu bekommen. Gleichzeitig wird durch die vielen Bilderlügen gerade auf die jungen Nutzer ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut, dem nur schwer gerecht zu werden ist. Kannst du nicht mithalten, bist du raus. Das Ergebnis ist das oben schon erwähnte Online-Bullying. Natürlich ist Mobbing nicht neu, die Online-Welt macht es nur dynamischer. Ein Hate-Kommentar ist eben schnell geschrieben und Anwendungen wie Tellonym, die Kids gerne in ihrer Insta-Bio verlinken, machen es noch einfacher, die User anonym zu beschimpfen.
Das Leben der Influencer ist schön und wenn dein Leben nicht so schön ist, dann hast du ein Problem, nicht nur in der echten Welt, sondern auch online.
Den Traumberuf Influencer kannst du dann vergessen, na ja vielleicht geht dann ja immer noch Game-YouTuber oder Twitcher.

POST 4: idontwannabeyouanymore

Ich frage mich ja immer, was machen die Family-Blogger bloß, wenn ihre Kinder groß werden und keinen Bock mehr auf Familienbilder haben? Vielleicht leiht man sich dann Kinder aus? Es gibt nicht wenige Menschen, die durch die Instagram-Einnahmen ihr Leben bestreiten und in solchen Fällen sollte man eine Alternativlösung bereit haben. Vielleicht wird man dann Fitness-Blogger oder Food-Blogger, der Druck wächst.

Man könnte es natürlich auch so machen wie die sehr erfolgreichen Harrisons. Sarah Harrison (vorher Nowak) und Dominic Harrison sind u.a. Fitness-Blogger und nachdem Sie sich kennen gelernt hatten, wurde die Liebe auf Insta inszeniert und da inzwischen auch ein Kindlein geboren wurde, sind die beiden nun eben auch Family-Blogger.
Mitte August 2019 haben Sarah in Love und Dominic geheiratet, ein zweites Mal, denn eigentlich sind die beiden schon seit 2017 vermählt. Diesmal wurde die Traumhochzeit allerdings live auf Insta inszeniert und auch gestreamt und Millionen Menschen schauten zu. Ich finde, da könnte man auch noch ein drittes und viertes Mal heiraten, lohnt sich bestimmt.
Team Harrison hat einfach alles richtig gemacht, es ist halt immer gut, mehrgleisig zu fahren.

 

Meine Lieblingsmommybloggerin ist übrigens die Zwillingsmami Janine Wiggert. Checkt ihren Insta-Channel aus, mehr Realness geht nicht.

 

Wie auch immer, ich kann mir hier die Finger wund tippen, Instagram funktioniert und nur das zählt. Insta liefert für viele Menschen die Rosamunde Pilcher Schmonzette der Neuzeit, nur mit Werbung drin.

Eine Untersuchung des Bundesverband Digitale Wirtschaft(BVDW) zeigt, dass gut jeder Fünfte schon aufgrund von Aussagen eines Influencers Produkte gekauft hat. Je jünger das Publikum, des höher der Anteil der Käufer. Die Zielgruppe, die am Besten durch Influencer Werbung gecatcht werden kann, liegt laut der Studie bei den 16- bis 24-Jährigen.

 

Nun ziehen aber langsam doch etwas graue Wolken am Werbehimmel auf. Immer mehr Firmen sehen, dass die Produktplatzierungen in den bezahlten Posts der Influencer teilweise sehr fragwürdig sind.
Es gibt so unglaublich absurde Beispiele von Produktplatzierungen, einfach zum kringelig lachen. Die Suchmaschine deiner Wahl wird dir einige lustige Beispiele liefern wenn du nach „Instagram Werbe Fails“ suchst oder du checkst unsere Cyte Webseite, dort haben wir einige Beispiele verlinkt.

 

Noch problematischer wird es, wenn Influencer ihre Abonnenten gekauft haben. Ich erinnere mich noch gut an eine Dokumentation, in der einige Accounts von bekannten Influencern unter die Lupe genommen wurden und häufig signifikante Hinweise auf gekaufte Abonnenten und Klicks gefunden wurden. Als Anschub sind gekaufte Abonnenten häufig sehr beliebt. Die Follower eines Accounts bringen dem Influencer Lila, Para, Knete und das zählt im Endeffekt. Da scheint die Versuchung für einige Influencer groß, seinen Account für ein paar hundert Euro künstlich zu pimpen. Deswegen gehen immer mehr Unternehmen dazu über, Accounts genau unter die Lupe zu nehmen und zum Beispiel auch die Interkationen zu checken.
Was bringt eine Produktplatzierung, wenn die meisten Abonnenten nur Fakeprofile sind oder sich nicht für die Inhalte interessieren?
Insgesamt passt die ja ganz gut zur Fakeinalisierung vieler Accounts.

Deswegen wird der Ruf von vielen Unternehmen nach Natürlichkeit immer lauter. Einige haben ihre Strategie geändert und setzen inzwischen mehr auf Micro-Influencer, da diese häufig glaubwürdiger unterwegs sind. Die Marketingbranche sucht den Königsweg und torkelt zwischen Reichweite und Glaubwürdigkeit hin und her.
Für Marken ist Instagram inzwischen unverzichtbar und Firmen wie zum Beispiel „About You“ sind durch geschicktes Instagram-Marketing erst so richtig groß geworden.

 

Die Party ist noch lange nicht vorbei und wenn neue Zielgruppen Instagram für sich entdecken, wird es noch spannender. Denn Instagram macht auch Spaß und es gibt unzählige Accounts, die tolle Inhalte liefern.
Auch hier wirst du auf unserer Cyte Website fündig, dort haben wir die aktuellen Lieblingsprofile unserer Redaktion verlinkt.

REPOST: BROKEN WINGS

Ich werde mich nun erneut um Flügel kümmern. Den Haubentaucher vergesse ich einfach mal. Ich kaufe mir ein Gummihuhn mit Flügeln, ziehe mir einen Trainingsanzug von Kick an, nehme einen Besen der abstrakt einen Golfschläger darstellen soll und lege mich dann mit diesen Dingen leicht verdreht auf das Green eines Golfplatzes.

Mal ehrlich, mehr REAL geht nicht!!!!! (Achtung, Real bitte Deutsch aussprechen 😉 ).



CREDITS

Text: Moritz von Fulmenstöcker – Illustration: Oskar Nehry #oskkko

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Askese+Krawall

Askese und Krawall – letzte Formen der Authentizität

 

Während Greta sich auf ihren asketischen Weg über den Atlantik gemacht hat, beschäftigt sich Donald weiterhin mit den üblichen Provokationen. Beide können sich dabei immenser medialer Aufmerksamkeit sicher sein. Einer Aufmerksamkeit, in der deutlich wird, dass sowohl die demonstrativen Verzichtshandlungen Gretas wie auch die Krawall- und Konfliktgesten Donalds, anscheinend wahrnehmbare Unterschiede machen, die Unterschiede machen. Beide Formen – die Askese, als Selbstdisziplinierung und der Krawall, als ungeordnete Störung – scheinen sich dabei zwar zunächst konträr gegenüberzustehen, dennoch sind beide Ausdruck einer grundlegenden Erschütterung eines für die moderne Gesellschaft zentralen Arrangements: der Authentizität. Dabei sind es vor allem die überall beobachtbaren, überaus emotionalen Reaktionen, die auf eine starke Irritation durch diese Formen von Authentizität hinweisen. Das ist bemerkenswert, denn hier wird die Paradoxie des modernen Imperativs ‚Sei du selbst‘ sichtbar, bei dem stets auch die unausgesprochene Aufforderung mitklang ‚aber bitte nicht so sehr, dass es stört‘. Sowohl ‚Greta‘ wie auch ‚Donald‘ – die jetzt hier in Anführungszeichen stehen, weil es nicht um Personen, sondern um gesellschaftliche Phänomene geht – bilden, unabhängig von den inhaltlichen Themen, für die sie stehen, auch deshalb Erregungsknoten im zeitgenössischen Kommunikations- und Erwartungsrauschen, weil sie Authentizität bereits nachmodern vollziehen. Sie stechen schon allein deswegen heraus, weil hier das übliche post-post-moderne und ästhetisch angetriebene Spiel mit zahmen Authentizitätsproduktionen, wie wir es aus Werbung, Kunst und Design kennen, durch etwas anderes ersetzt werden zu Ende gespielt wird. Es geht nicht mehr um eine Echtheit, die sich produktiv integriert, sondern die sich entlang der durch sie ausgelösten Irritationen erhält. Damit greifen beide Formen Authentizitätserwartungen auf, die eigentlich längst nicht mehr einlösbar sind, weil man sich daran gewöhnt hat, dass ‚Echtheit‘ nicht nur verdächtig, sondern auch hochgradig artifizielle und ästhetisierte Angelegenheiten sind, für die Kunst, Kultur und Werbung die entsprechenden Formen bereitstellen. Genau diese Befriedigung der Sehnsucht des modernen Menschen nach dem Echten und Einzigartigen durch ästhetische und hochgradig artifizielle Formen, führt in der ästhetischen Ökonomie des 20. Jahrhunderts dazu, dass man sich in einer Weise an sie gewöhnt, die dafür sorgt, dass sich diese Formen grundlegend verdächtig machen und mündet in der Gegenwart anscheinend darin, dass für Authentizitätskommunikationen nur noch die Ausweichstrategien Askese oder Krawall bereitstehen, die beide in einem gewissen Maße ein dissoziales Verhalten erfordern und auf radikale Simplifizierung angewiesen sind. Authentisch sind nun all jene Entitäten, die sich nicht nur durch eine positive Übereinstimmung mit sich selbst und entsprechenden Erwartungen, sondern vor allem durch ihr Störungs- und Widerspruchspotential erhalten, das sie in Konfrontation mit der Pluralität von Perspektiven und Meinungen erzeugen.

Während sich die zahme, vergesellschaftete Authentizität der Moderne dadurch auszeichnete, dass man bereit ist Kompromisse einzugehen, indem zum Beispiel zwischen den Anforderungen der Authentizität einer Funktionsrolle, etwa einem Präsidialamt, und individueller Authentizität unterschieden wird, zeigen die neuen Formen eine deutliche Tendenz, die durchgehaltene Abweichung zu betonen. Damit kehrt sich die gesellschaftliche Funktion von Authentizität um. Sie garantiert nicht mehr die Ordnung, sondern integriert Störung. Dazu muss man jetzt natürlich ein wenig ausholen und rekonstruieren, dass Authentizität in der modernen Gesellschaft einen unverzichtbaren Eigenwert bildet, der eine Ordnungsfunktion übernahm und am Übergang zu einer digitalen, nächsten Gesellschaft genau diese Funktion nicht mehr einwandfrei erfüllt werden kann.

Bereits für die klassische moderne Gesellschaft galt für Individuen und andere soziale Akteur*innen: Man möge doch bitteschön in seinem Auftritt, Verhalten, sich selbst und anderen Gegenüber authentisch sein. Erst auf dieser gesellschaftlichen Entwicklungsstufe setzt sich das Konzept des freien Individuums durch, dessen Entwicklungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten offen sind und das sich dem gemäß zur Entfaltung aufgefordert sieht. Parallel dazu stellen sich allerdings eine Reihe von Unbestimmtheiten und Unsicherheiten ein, die Lösungsstrategien erfordern, denn man muss, damit man in die Interaktion miteinander kommt, ja nun einmal Erwartungen aneinander organisieren und das Risiko einschränken, von sich selbst oder dem anderen enttäuscht zu werden. Die implizite Aufforderung sich möglichst authentisch zu verhalten, damit die eigenen Wertvorstellungen und Maßstäbe zu kommunizieren, ist da recht hilfereich, denn nun kann man zumindest unterstellen, dass das Gegenüber nicht völlig beliebig agiert und Böses im Schilde führt, sondern gemäß der eigenen Werte handelt und dies so oder ähnlich auch in Zukunft tun wird. Die Aufforderung, man möge doch bitteschön in seinem Auftritt und Verhalten authentisch sein sorgt also dafür, dass sich eine Identität zeitlich, sozial, sach- und wertbezogen stabilisiert, und dass man genau dies erwarten kann. Die implizite Erwartung, man möge doch bitteschön möglichst authentisch sein und entsprechende Verhaltensweisen an den Tag legen, schwingt von nun in allen Interaktionen mit. Ist Ausdruck eines sich wiederholenden Grundmusters im gesellschaftlichen Alltag der modernen Gesellschaft und orchestriert dabei nicht nur mögliche Interaktionsformen, sondern auch emotionale Erregungszustände. Egal ob diese Authentizitätserwartungen an Personen, Organisationen, Rollen, Kommunikationen, Dinge oder Dienstleistungen gestellt werden, es existiert eine unausgesprochene Aufforderung zu einem authentischen, also zu einem möglichst konsistenten und wertorientierten Verhalten, das nicht nur bereit ist, sich gegen äußere Widerstände durchzuhalten, sondern sich dem anderen transparent macht, darin verlässlich erscheint und überzeugt.

Authentisch ist nur dasjenige, das als Original gelten kann, seine Echtheit beweist und in diesen Qualitäten überzeugt. Damit ist schon einmal klar: Authentizität muss sich wahrnehmbar machen, damit die Unterscheidung zu bloßen Kopien gelingt. Genau diese wahrnehmbare Unterscheidbarkeit ist in der Gegenwart anscheinend nur noch über Störungen

oder verschärfte Autonomie möglich, die in einem asketischen Durchhalten zum Ausdruck kommen. Andere Formen, etwa eine wahrnehmbare individuell-selektive Verweisungstiefe oder ästhetische Glaubwürdigkeitssteigerungen sind nicht nur strategisch für eine ästhetische Ökonomie ausgebeutet, sie verlieren auch ihre Überzeugungs- und Integrationskraft. Damit müssen andere Formen an ihre Stelle treten. Schließlich konnte seit der Entdeckung der Originalität im Verlauf der Renaissance und dem langsamen Aufstieg des Authentischen zu einem unverzichtbaren Eigenwert der modernen Gesellschaft, auf den performativen Einsatz und Produktion des Echten und Originären schon allein deshalb nicht verzichtet werden, weil unterstellte Authentizität Komplexe soweit vereinfacht, dass sie handhabbar werden. Wenn man nämlich davon ausgehen kann, dass ein Gegenüber dem Imperativ ‚sei authentisch‘ Folge leistet, also als Original handelt, dann muss man sich um potentiell gefährliche Endloshorizonte diese Handlung, wie Täuschungsabsichten und anderen Unbestimmten, nicht kümmern. Authentische Formen von Kommunikation und Handlung erzeugen Vertrauen. Vertrauen erleichtert den Vollzug des nächsten Schritts. Wahrgenommene Authentizität bedeutet dann, dass man es mit keiner Fälschung, Kopie oder Täuschung zu tun hat, sondern eben mit einem Original, dessen Enttäuschungswahrscheinlichkeit geringer liegt. Zudem sichert Authentizität Aufmerksamkeit, indem sich in der wahrnehmbaren Echtheit einer Sache auch ihre herausragende Einzigartigkeit ausdrückt, die sie vor allen anderen Angeboten auszeichnet.

Diesen instrumentellen Wert von Authentizitätskommunikationen kennen Werber*innen im Übrigen sehr genau. Neben der Kunst und dem Design bildet nämlich auch die Werbung einen gesellschaftlichen Bereich, in dem es ganz erheblich darum geht, Vorlagen für Authentizitätskommunikation zu kreieren. Das hört sich zunächst etwas widersinnig an, schließlich gibt es kaum einen gesellschaftlichen Bereich, dem man im Allgemeinen eine größere Ferne zu Fragen der Authentizität unterstellt. Allerdings sind Werber*innen nun einmal auch Expert*innen im Umgang mit der Einheit der Differenz von Schein und Sein. Sie verwalten dabei quasi eine grundlegende Paradoxie von Authentizität, nämlich dass Authentizität eine höchst artifizielle Angelegenheit ist. Ihre Beobachtungsvorlagen sorgen bis in die Gegenwart dafür, dass Authentizität als Imperativ überhaupt funktioniert. Denn wenn wir alle wirkliche Originale und darin authentisch sind, dass wir originär und einzigartig handeln, dann bekommt man es im Alltag mit einem erheblichen Kontingenzproblem zu tun. Da man sich dann auf nichts verlassen kann, mit der Konsequenz, dass man es mit einer Unbestimmtheit zu tun bekommt, die soziale Interaktion und damit Gesellschaft kollidieren lässt. Werber*innen wissen dies im Übrigen sehr gut, denn ihr Tagesgeschäft besteht in nichts anderem als in der Entwicklung von Vorlagen für Authentizitätskommunikationen, die das Kunststück fertigbringen, einerseits Authentizitätsbedürfnissen zu entsprechen, dies aber in Form mit Blick auf mögliche Kopien zu tun.

Allerdings ist auch bei ihnen die Krise der Authentizität längst angekommen, denn die seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts gebräuchlichen eher zahmen, symbolisch-ästhetischen Strategien verlieren deutlich ihre Überzeugungskraft. Ursächlich hierfür ist, dass die implizit überall anzutreffende Forderung ‚authentisch, bitte!‘ zwingend eine wahrnehmbare Unterscheidbarkeit zwischen Echtheit und Kopie erfordert und so grundlegend zu Handlungsmaxime wurde, dass man sie aller Orten antrifft. Dies wird jedoch in dem Augenblick problematisch, wenn unter den Bedingungen einer ästhetischen Ökonomie, ästhetische Formen von Authentizitätskommunikation ubiquitär werden und noch das kleinste Sinn- oder Konsumangebot seine originäre Einzigartigkeit in die Welt hinausschreit. Gleiches gilt für all die ‚Human-Centred‘ orientierten Designprojekte, die nun aber wirklich (wirklich!) den authentischen Bedürfnissen des Menschen entsprechen und dabei, das ist eine unausweichliche Ironie, eben jene wirklichen Bedürfnisse als Begehrnisse und Sinnversprechen überhaupt erst erzeugen.

Gerade die unterschwellige Verbindung von Echtheit, Originalität und Einzigartigkeit im Authentizitätsbegriff jedoch führt in ein Paradox, das sich im Verlauf der Moderne sowohl produktiv als auch destruktiv entfaltet: Im Streben nach Authentizität ist man nur eine Kopie und angewiesen auf höchst artifizielle und standardisierte Angebote. Produktiv ist dieses Paradox in der immensen Steigerung möglicher Lebensentwürfe und Lebensrealitäten, destruktiv überall dort, wo mit diesen Lebensentwürfen in unübersetzbaren Meinungs- und Realitätsausschnitten münden. Produktiv ist das Authentische auch überall dort, wo mit Hinweis auf ‚Echtheit‘ Abweichungen und Widerstände formuliert werden und Themen in den gesellschaftlichen Diskurs eingeführt werden, mit denen man sich dann gesellschaftlich auseinandersetzen muss. Problematisch wird es dort, wo der Hinweis auf die eigene Originalität als Exit-Strategie herhalten muss, um sich an bestimmten Diskursen gerade nicht zu beteiligen. Die Frage wird jedoch sein, ob man sich von den modernen Authentizitätserwartungen nicht besser lösen sollte, denn der strukturelle Rahmen, den die nächste Gesellschaft vorgibt, wird ein anderer sein.

Und so scheint es ganz so, als ob sich langsam, aber sicher die Einsicht durchsetzt, dass es mit ‚Echtheit‘ so eine Sache ist: Sie ist eine artifizielle Angelegenheit, die zur Nachahmung auffordert und darin ihr eigenes Versprechen selbst unterläuft. Und auch ‚Greta‘ und ‚Donald‘ ändern an diesem Umstand erst einmal wenig, denn die Struktur dieser Phänomene wirkt zunächst eher als eine Richtungskorrektur auf weniger ausgetretenen Akzentuierungen der Authentizitätsproduktion. So verweisen etwa asketischen Praktiken auf die Counter Culture der 1960er Jahre, das provozierende Krawallgebaren hingegen auf den Punk der späten 1970er und 1980er Jahre. Die werden als Gesten wahrgenommen, die man bereits kennt und zu denen man sich postmodern Verhalten konnte. Allerdings finden sie nun unter verschärften Bedingungen in einem dramatischeren Setting statt und das führt zu einer Form, in der sich Authentizität darin beweist, dass sie unter allen Umständen durchhält, Komplexität ignoriert, auf die eignen Simplifikationen vertraut und ihre Überzeugungskraft weniger durch eine Kongruenz des Handelns – die unter den Bedingungen der Gegenwart, in der jede Entität eine fragmentarische Existenzweise führt, eh kaum durchhaltbar ist – sondern durch die erzeugte Reibungen gewinnt. Am Ende könnte ein veränderter Imperativ stehen, in dem Aufforderung ‚Sei Du selbst‘, dessen sozialverträglicher Nebensatz ‚aber bitte nicht so sehr, dass es stört‘ fallengelassen wird.

CREDITS

Text: sandra Groll #s_groll – Illustrationen: Oskar Nehry #oskkko

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Lost in the stream of streaming

Society Lost in the stream
Society Lost in the stream

LOST IN THE STREAM OF STREAMING

PROLOG – TOP TEN SWIPER

  1. Rote Augen schwarze Nacht der Himmel sternenklar,
    100 Mille bar, Geld machen liegt in der DNA………(KC Rebell feat. Summer Cem & Capital Bra)……..SWIPE
  2. Stepp‘ in die Soirée, Attitude is Nicki (rrh)
    Kronleuchter, Séparée, steh‘ auf Schickimicki (ja)
    Donatella an mei’m Hals, doch die Schuhe Jimmy
    kein Undercover-Flex, gib ihm…. (Shirin Daivd)……..SWIPE
  3. Zu, zu, zu wild, wie ich rasier‘ (wouh)
    Pu-Pu-Pupill’n sind auf halb vier (pow, pow)
    Die, die Kugeln meiner Heckler
    Haben Hunger, haben Afiyet (mmh)….(Eno, MERO)………SWIPE
  4. La la la la la la
    Ты моя невеста
    Ты моя принцесса, ты моя принцесса-са-са, jajaja….(Capital Bra)……SWIPE
  1. Sie rufen an, hallo, hallo!
    Endlich gehst du ran, Bruder, hallo, hallo!
    Ich brauch‘ vier Kilogramm, hallo, hallo!…(Azet, Zuna)………SWIPE
  1. Bam! Den Scheiß, den ich hier bringe, ist mein Hobby, Hobby (Hobby, Hobby)…(MERO)……..SWIPE
  1. Yeah, breakfast at Tiffany’s and bottles of bubbles….(Ariana Grande)……SWIPE
  1. Ey, Juliet, Juliet, ich bin Romeo
    Du bist Gangster, doch süß wie ein Oreo….(Loredana, Mozzik)…..SWIPE
  1. Oh she’s sweet….(Ava Max)……SWIPE
  1. Ladies &….(Nimo, Capo)……SWIPE ….
    SWIPE
    SWIPE

           SWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPE

       SWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPE

     SWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPESWIPE

SWIPESWIPESWIPESWIPE

SWIPESWIPESWIPE

SWIPESWIPE

SWIPE

AHHHHH…ich kann es einfach nicht lassen, ich bin swipesüchtig, oder auch, je nach Device, klicksüchtig. KLICK, SWIPE, KLICK, SWIPE…und so weiter, kein entrinnen.
Angefangen und gefangen, gefangen im endlosen Raum des Streams of Streaming.

Ach, was waren das noch für Zeiten, als man nur Langspielplatten und Musikkassetten am Start hatte und nicht swipen oder klicken konnte. Wer hatte schon Lust im schummrigen Halblicht die dunklen Rillen zwischen den Songs zu finden, oder an den Anfang des nächsten Songs zu spulen.

Und heute….ich bin klein, will auch immer artig sein….heute bin ich am Start, wenn es um die Zukunft der Musik geht.

Es liegen aber auch dunkle Zeiten hinter der Musikindustrie.

Der CD-Silberling brachte eine neue ökonomisch goldene Ära und niemand konnte sich vorstellen, dass diese Zeiten einmal enden würden. Große Feiern, große Ziele und doch alles an die Wand gefahren.

Es ist aber auch ärgerlich, wenn man sich selbst auf der Party der unbegrenzten CD-Möglichkeiten feiert und dann schlendert plötzlich ein nicht geladener Gast vom Fraunhofer-Institut mit einem feisten Grinsen auf die Tanzfläche. „Hallo, mein Name ist Mp3 und das hier ist übrigens mein Kumpel Napster“.

Der Rest ist traurige Musikindustriegeschichte, die den Spruch „Wenn zwei sich streiten dann freut sich der Dritte“ mehr als bestätigt.

Hätte, hätte, man sich unter den Majors doch liebgehabt,

hätte, hätte die GEMA nicht so rumgezickt,

hätte, hätte man Handys hergestellt……, dann wäre man Apple…

…und Apple war der Dritte der sich freute und mit itunes die Downloadplattform launchte die die Plattenfirmen auch gerne gehabt hätten (Does anyone remember „Phono Line“?).
Schon komisch, dass immer die Anderen der Musikindustrie zeigen, wie moderner Musikvertrieb funktioniert.

Dem Gast namens „Mp3“ ist das Grinsen inzwischen vergangen und er hat auch keine Lust mehr zu tanzen, er sitzt inzwischen nur noch an der Bar und lässt sich volllaufen, es will ja eh keiner mehr etwas von ihm wissen (selbst sein Kumpel Napster hat ihn verlassen). So langsam löst er sich in seine Einsen und Nullen auf und in ein paar Jahren ist er ganz verschwunden, während die arrogante „CD“ in silbernen Glitzerklamotten, noch immer eng umschlungen mit der elegant in schwarz gekleideten „Vinyl“ einen langsamen Walzer tanzt, den „DJ Stream“ in seiner unendlichen Güte aus seiner Playlist „Retro“ geswipt hat.

Da sind wir nun, im hier und jetzt.

MUSIKSTREAMING, natürlich nicht von der Plattenindustrie erfunden, ist der neue Heilsbringer für alle, für dich, für mich, für den Plattenboss und für die Künstler.
Entschuldigung, wer hat da „Nope“ reingerufen? Egal, muss wohl ein Musiker gewesen sein, wird sich schon beruhigen.

Neu ist das Streamen von Musik ja nicht wirklich, schließlich gibt es schon ewig Internetradios und auf MySpace (na, wann warst du das letzte Mal auf MySpace?) und bei YouTube konnte man auch schon immer Musik anhören, allerdings selten mit Genehmigung der Urheber.

Während sich die Plattenfirmen um die Abmahnungen der illegalen Uploader und Downloader kümmerten und vor Zukunftsangst erstarrten, fummelten zukunftsorientierte Menschen in Schweden bei Knäckebrot und Surströmming an einer Musikstreaminglösung herum. Die Gründer von Spotify Daniel EK und Martin Lorentzon sammelten fleißig Musiklizenzen ein und 2008 begann dann das neue Zeitalter des Musikhörens.

In Schweden hatte bald fast jeder Mensch einen Spotify Account und so kam es wie es kommen musste, ganz nach IKEA Devise: „First we take Sweden, then we take the world“.

Es folgten weitere Streamingportale und heute teilen sich Spotify, Apple Music und Amazon Prime den Markt größtenteils auf, mal sehen ob YouTube Music das Trio sprengen kann, da dieser Service noch relativ neu am Markt ist.

Verwunderlich dabei, Apple war diesmal Spatzünder und hatte große Probleme einen userfreundlichen Streamingdienst zu etablieren.

Der Musikstreamingdienst mit den meisten Nutzerzahlen ist heißt übrigens Tencent Music, das ist ein chinesischer Streamingdienst, der mit 800 Millionen Usern alle anderen Streamer locker in die Tasche steckt, aber wen interessiert außerhalb von China schon Tencent? Dies könnte sich natürlich ändern, wenn Tencent sich irgendwann für Dinge außerhalb von China interessiert.

Fakten, Fakten, Fakten….werden irgendwann langweilig, deswegen möchte ich jetzt auf meine Swipe- und Klicksucht zurückkommen.

Was hat Streaming nur aus mir gemacht? Ich bin ein elender Musik-Fast-Food-Junkie geworden und ich bin nicht allein.
Was interessieren mich noch die Begleitmusiker, die Komponisten, die Texte, die Cover, die Musiktitel, alles streamt an mir vorbei.

Der erfolgreichste Streamingkünstler 2018 weltweit war DRAKE, na wer hat denn auf seinem Album „Scorpion“ so mitgemacht? Man weiß es nicht, weil es irgendwie auch egal geworden ist.

Schnell in die Playlist gepackt, und schwupp, nächster Song. Ach Album, interessiert doch eigentlich auch nicht mehr, im Streaming zählt der Track, ein ganzes Album braucht doch kein Mensch mehr.
Ein Album ist sowas von gestern, ist doch viel zu lang und langweilig,

Apropos Playlisten, die Macht der Playlisten regiert die Musikwelt. Jeder will einen Titel in einer, zum Beispiel von Spotify kuratierten, Playlist unterbringen. Blöd nur, bisher lassen sich Spotify & Co da nicht reinreden, da die Streaminganbieter ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen. Wieder mal dumm gelaufen für die Recordcompanies.

Mal sehen wie lange diese Unabhängigkeit noch währt, schließlich würde sich mit den mächtigen Playlisten sehr viel Geld verdienen lassen, denn mit Playlisten werden Streamighits gemacht.

 

Die Streamingportale haben aber sicherlich noch ein anderes Ziel.

Sie wollen die perfekte Playlist für den User generieren. Dafür werden die Algorithmen mit denen die Daten der Hörer ausgewertet werden immer ausgefeilter, je vernetzter wir sind, desto besser wird die Musik auf uns abgestimmt.
YouTube Music hat da als Tochter von Google einen unglaublichen Vorteil.

Du bist am Meer (Google Maps) und es regnet, dann hör dir doch mal „Mellow Beach Tunes“ an.
Du hast bei Google „Reise nach Ibiza“ gesucht, dann bringe dich in Stimmung mit unserer „Ibiza Sunset“ Playlist. Du hast heute Geburtstag oder ein Freund von dir, oder du hast gestern gesoffen, du hast heute nicht geduscht, du bist verlassen worden, du warst beim Italiener essen…..

Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und es wird in Zukunft auch möglich sein, die automatisch auf den User abgestimmten Playlisten immer lokaler zu gestalten. Die Streaminganbieter sind ein hervorragendes Beispiel für den Spruch: Think global, act local.

Wir werden so zu gläsernen Musikhörern, aber ist es nicht auch schön, immer die passende Mucke zur Situation und Stimmung dabei zu haben?

 Wie aber hört sich ein perfekter Streaminghit eigentlich an?

Ich hol mal meinen Stift raus und skizziere:

  • Länge: unter 3 Minuten
  • Genre: Deutschrap
  • Songverlauf: Nach fünf Sekunden Refrain, dann Strophe, Refrain, Drop, Refrain, Schluss
  • Oder keine richtige Strophe, sondern Strophe ähnlich wie Refrain.
  • Text: Irgendwie dicke Hose
  • Es darf auf keinen Fall ein instrumentales Solo im Song sein!!!

Die Top 10 Song(text)schnippsel die ich am Anfang des Artikels kredenzt habe, zeigen wie es im Streaming funktionieren kann.

Sechs von zehn Songs sind unter drei Minuten, neun von zehn Songs sind Deutschrap und bei neun von zehn Songs fängt der Text innerhalb der ersten zehn Sekunden an.

Was soll man sich lange mit dem Vorspiel aufhalten, wenn man gleich zu Sache kommen kann und das ist jetzt nicht zweideutig gemeint.

Alle Menschen die einen nervösen Swipefinger haben, müssen mit dem Song sofort gecatcht werden, denn sonst……genau…..SWIPE….und nächster Song.

Ich selbst würde eigentlich nur noch Songs mit einer Länge von 31 Sekunden veröffentlichen, denn ab 30 Sekunden Trackstream klingelt es in der Kasse. Das Gute an solch kurzen Songs ist außerdem, man hat keine Zeit mehr für eine Strophe, sondern beginnt und endet einfach mit dem Refrain.

Sicherlich ist das total übertrieben, aber auch die Formatradiolandschaft hat die Musik verändert und es ist nun mal Gesetz, ein Lied mit zu viel Instrumentalanteil kann eigentlich kein Hit werden und wohlmöglich wird die Streaminglandschaft die Art und Weise des erfolgreichen Songwritings noch einmal verändern.

Es geht um den schnellen Musikkonsum, nicht mehr unbedingt um den nachhaltigen Eindruck eines Liedes.

Eine Sache hat sich aber definitiv schon verändert, durch das Streaming wurde ein neues Zeitalter des Raps eingeläutet und in Deutschland ist dies besonders auffällig (man höre sich zum Vergleich einmal die Streaming Top Ten von Italien an).

Deutschrap prägt die Streamingcharts und insgesamt macht Rap ca. 60% der deutschen Streams aus und der größte Anteil davon geht auf das Deutschrap-Konto.

Deutschrap ist Kindermusik, denn die Kids streamen wie verrückt Deutschrap, kost ja nix über den Freemium- oder Familyaccount. Deutschrap scheint der so eine Art Punk des 21. Jahrhunderts zu geworden zu sein, denn die wenigsten Eltern stehen auf die verbalen Ergüsse von Capital Bra, Raf Camora, Bausa & Co und wohlmöglich ist Deutschrap die Rebellion der Pubertiere gegen eine Welt, in der man sich besser angepasst verhält, schließlich ballern Raptexte einfach raus.

Ob man sich morgen noch an die vielen Rapper erinnern wird? Scheißegal!

Die Gesellschaft wird schneller, der Konsum wird schneller, die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer und warum sollte sich nicht auch die Art Musik zu hören verändern und anpassen.

Ich selbst bin als Musikhörer ein großer Fan vom Streaming, trotzdem darf man ja mal hinterfragen und Selbstüberprüfung hat noch niemanden geschadet.

Streaming hat den illegalen Downloads den Notenschlüssel in den Rücken gerammt und der Niedergang der Musikindustrie wurde gestoppt, was ja beides eigentlich nicht übel ist.

Die Umsatzzahlen fallen nicht mehr, sondern steigen langsam wieder an. Der Weg aus dem Tal ist aber lang und wer weiß, vielleicht hat man sich zu früh gefreut.

 

EPILOG – DER WEG NACH OBEN

Ein wunderbarer Tag, die Sonne scheint in das tiefe Tal und eine leichte Brise weht vom Berg herab….schnell noch mal ein motivierendes Lied auf die Bluetooth-Kopfhörer gestreamt und auf geht’s – Der Plattenmensch ist bereit, denn ab heute geht es wieder aufwärts.

Auf dem Weg nach oben sieht der Plattenmensch in der Ferne einen guten Freund auf dem verwunschenem Pfad stehen, er freut sich und winkt ihm fröhlich zu.

Warum schaut der gute Freund nur so seltsam und wieso versperrt er ihm mit verschränkten Armen den Weg?

Plattenmensch sagt: „Hallo Streamingmensch, schön dich zu sehen, wollen wir Party machen?“

Streamingmensch swipt sich über den Kopf:
„Ach weißt du was Plattenmensch, ich brauche dich nicht mehr um Party zu machen, ist doch viel cooler wenn die Künstler direkt ihre Songs bei uns ins Streaming hochladen können“

Plattenmensch macht große Augen, ist verwirrt, wird dann wütend und macht einen Schmollmund:

„Mach doch, dann entziehe ich dir alles was ich hier so an Musik im Rucksack habe, willst du mal sehen?“

Streamingmensch ist sich unsicher, macht den Weg frei und ruft Plattenmensch trotzig hinterher:
„Wir sehen uns weiter oben noch mal, kannste glauben.“

Plattenmensch geht pfeifend den schmalen Pfad nach oben und plötzlich lauert hinter einem Felsen ein gemeiner Gnom und rasselt mit einer Rasselkette.

„He Gnom, was bist du denn für ein hässlicher Zwerg? Geh und verzieh dich, denn ich bin ein Plattenindustriemensch und auf dem Weg nach oben“
„He Plattenfuzzi, ich bin der Gnom BLOCKCHAIN und stelle dir jetzt ein Bein…hahahahahahaha…(das Lachen sollte an dieser Stelle dämonisch klingen).

 

Quelle Songtexte: TOP 10 Streamingcharts Spotify Deutschland vom 23.02.2019

CREDITS

Text: Dirk Eichhorn #don_sqirrel