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Besser einschlafen mit dem Internet

Auf der Suche nach der verlorenen Einheit oder Besser einschlafen mit dem Internet

Lange Zeit schon gehe ich spät schlafen und anders als Marcel Proust fallen mir die Augen weder über einem Buch zu, noch setzt ein Herumstreifen der Gedanken in der reichen inneren Erfahrungswelt ein. Es ist eher ein Betäubungszustand, der mich vorspannlos schlafen lässt und der ohne die üblichen kleinen Hilfen in Pillenform oder Alkoholkonsum auskommt. Auch solide Achtsamkeitsrituale spielen hier keine Rolle. Ganz im Gegenteil, es ist eine Überdosis an Informations-, Kommunikationsangeboten und entsprechend Erlebnisvorlagen, der unzähligen Informations- und Wahnsinnscluster des Internets. Eine Art weißes Rauschen, erzeugt durch eine Überlastung mit Komplexität und Pluralität. Ein emotionales und kognitives in-die-Knie-gehen im Angesicht des Chaos der sozialen Welt und dem gut zu beobachtenden institutionellen und individuellen Scheitern an den dringlichsten Aufgaben in dieser Welt. Während sich soziale, politische, ökonomische und ökologische Krisen überlagern, verstricken sich Individuen und Institutionen in seltsam schematischen Kommunikationsformen und einer unendlichen Kakophonie aus feinteiliger Absurdität. Eigentlich bedürfte es kollektiver Anstrengungen, um es mit den Krisen unserer Zeit aufzunehmen, also gemeinsamen Handlungen, denen eine gemeinsame kommunikative Abstimmung darüber vorausgeht, was denn die Handlungsziele wären. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer, denn je nach sozialer, psychologischer oder kultureller Position, zeigen die jeweiligen Krisen eine völlig andere Gestalt und legen damit unterschiedliche Lösungsansätze nahe und dies erzeugt wiederum Kommunikationsbedarf.

…erzeugt die interne kommunikative Komplexität der modernen Weltgesellschaft, die gleichzeitig mit selbsterzeugten Folgen in der Umwelt und in sich selbst (…) zurande kommen muss, eine zynische Produktivität

Und überhaupt werden ja ganz unterschiedliche Äußerungskulturen gepflegt: von feinsinniger Reflexion über das völlige Ausblenden bestimmter Problemlagen bis hin zur Aufforderung zum Umsturz ist alles dabei. Und dann sind da noch die kleinen, ganz individuellen Alltagsüberforderungen und Fragestellungen, die ebenfalls gelöst werden wollen. Ganz triviale Angelegenheiten, wie eben die Frage „Wie schlafe ich möglichst schnell ein?“. Und genau hier erzeugt die interne kommunikative Komplexität der modernen Weltgesellschaft, die gleichzeitig mit selbsterzeugten Folgen in der Umwelt und in sich selbst – also entsprechenden Umweltdruck und ihrer internen Komplexität – zurande kommen muss, eine zynische Produktivität. Der Verlust der eigentlich immer schon imaginären Einheit, lässt sich hervorragend als

kognitiver Notausschalter nutzen und den wachen Tag beenden. Achtsamkeitscoaches und Schlafforscherinnen dürfen nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, geben sie doch unisono die Anweisung, die Bildschirmzeit in den Abendstunden frühzeitig zu reduzieren und mit Entspannungsritualen Körper und Geist auf den Schlaf vorzubereiten. Also durch körper- oder geistbezogene Rituale, Komplexitätsreduktion zu betreiben.

Vermutlich dürfte die allgemein gelebte Praxis dann allerdings doch der eben vorgestellten ähneln und das allabendliche Betäuben mit Information deutlich verbreiteter sein als ein achtsames Zubettgehen mit Meditation und Atemübungen. Ein Ritual ist im Übrigen auch sie, nur dass es in diesem Ritual nicht um Komplexitätsreduktion, sondern um Komplexitätskonfrontation geht, der allerdings der Schrecken durch eine eher beobachtende, denn interagierende Position genommen ist.

Ganz hartgesottene Personen wagen sich auf Telegramm vor, für normal Sterbliche hingegen reichen die auf Twitter trendenen Themen.

Für ein effizientes Einschlafen in der Spätmoderne empfiehlt sich also eine Überdosis aus Information und Kommunikation, möglichst arbiträr zusammengestellt und durchaus emotional angereichert. Aber erst der richtige Mix und die richtige Strategie macht‘s: Eine kurze Stipp-Visite in die Eckkneipen von Social Media, um mit wohligen Schauern als Gaffer, der kommunikativen Kneipenschlägerei beizuwohnen und die allgemeine Wild-West-Stimmung zu genießen. Ganz hartgesottene Personen wagen sich auf Telegramm vor, für normal Sterbliche hingegen reichen die auf Twitter trendenen Themen. Ganz wichtig ist für ein gesundes und komatöses Einschlagen: Nicht eingreifen und nicht interagieren, denn wer sich dazu hinreißen lässt, in die Kakophonie aus Informationen unklarer Provenienz, schrägen Vergleichen und Selbstdarstellung mit einzusteigen, dürfte eher eine unruhige Nacht haben. Stichwort hier: den emotionalen Resonanzraum nur kurz nutzen und sich nicht von den Algorithmen in einen emotionalen Steigerungsverlauf locken lassen. Nur ankucken, nicht interagieren ist also das Motto der Push-Phase dieser Einschlafroutine. Um jedoch wirklich ermattet an der Überschusssinnerfahrung der Gegenwart in den Schlaf zu sinken, bedarf es noch einer Cool-Down-Phase. Als Counterpart zu dem Aufeinanderprallen der Meinungen, Wünsche, Drohungen und Äußerungen mehr oder weniger menschlicher Akteure, geht es im Cool Down um möglichst kleinteilige und eher sachliche Informationen, mit geringer Erregungswahrscheinlichkeit. Etwa die Hintergründe des 30-jährigen Krieges recherchieren, Konstruktionsanleitungen für möglichst echtwirkende Furry-Kostüme zu realisieren oder die mathematischen Grundlagen der Stringtheorie. Die konkreten Inhalte sind natürlich individuell zu setzen, sollten jedoch möglichst abwegig und ohne Resonanzraum zu echten persönlichen Interessen gelagert sein. Möglichst wenig Ich-Bezug und möglichst weit weg von der eigenen Alltagwirklichkeit oder Leidenschaften. Wichtig ist nur die strukturelle Verzahnung von einer Push-Phase mit krawalliger Kommunikation und einer Cool-Down-Phase mit kleinteiliger, eventuell nutzloser Information.

…natürlich erweisen sich die meisten spätmodernen Problemlagen der Welt als Probleme, auf die man nicht mit simplen Planungsverfahren reagieren kann, denn sie nehmen an jedem Ort unterschiedliche Gestalt an.

Der eigentliche Trick passiert dann aber auf anderer Ebene, denn dieses Internet ist ja voll von Themen und ihren Kontroversen. Also ein Ort an dem Zustandsänderungen von Welt und die Problemlagen von Gesellschaft in Beiträgen abgebildet werden, aber immer nur in Teilaspekten. Angelegenheiten, die auch als Teilaspekt zum Nachdenken und Handeln auffordern. Und dieser Aufforderung wird – das ist die gute Nachricht – in den Teilbeiträgen auch entsprochen. Nur anders – das ist die schlechte Nachricht – als wir es erwarten. Während wir also in unseren Beiträgen auf übergreifende Problemlagen Bezug nehmen, diese Problemlagen aber von unseren Positionen aus höchst individuell beschreiben, Lösungsvorschläge skizzieren und dabei meist unterkomplex bleiben, spukt in den Hinterköpfen immer noch die Idee, dass sich die Welt mit den richtigen Maßnahmen instrumentell steuern lässt. Das endet dann in Vorstellungen wie: Wenn nur alle „richtig“ aufgeklärt sind, klappt das schon mit dem gemeinsamen, problemorientieren Handeln. Schön wär‘s. Die unbewusste aber kollektiv-geteilte Vorstellung davon, wie mit Komplexität und den entsprechenden Problemlagen umzugehen sei, ist also seltsam verrückt und dennoch hängen alle gesellschaftlichen Bereiche der völlig absurden Vorstellung nach, dass der chaotischen Vernetztheit der Welt, ihren Problem und Krisen, irgendwie doch noch eine Vereinheitlichung abgerungen werden kann, und dass die meisten Probleme und Konflikte doch ganz einfach zu lösen seien, wenn diese Einheit nur erst einmal wiederhergestellt sei. Manche Beiträge überspringen das Moment der wiedergefundene Einheit auch komplett und setzen dafür ein Externalisierung durch Personifizierung. Das mündet dann in Forderung wie „XYZ muss weg!“. Natürlich ist das kein konstruktiver Beitrag und natürlich erweisen sich die meisten spätmodernen Problemlagen der Welt als Probleme, auf die man nicht mit simplen Planungsverfahren reagieren kann, denn sie nehmen an jedem Ort unterschiedliche Gestalt an.

Am Ende ist also die Covidpandemie vor allem ein relationales Problemgewebe, das sich, wie jedes andere Makroproblem nicht klar fassen lässt, weil der Gesamtzusammenhang von Wirklichkeit eher den Charakter einer netzwerkartigen, lebendigen und dynamisch reagierenden Struktur aufweist.

Das lässt sich am Beispiel der Covid-Krise, der Klimakrise oder wie in der fiktiven Komödie „Don’t look up“ zeigen. Allen diesen Problemen, ob nun real oder fiktiv, ist gemein, dass sie als Faktum alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen, aber in diesen Bereichen völlig unterschiedliche Problemlagen auslösen. Die Covid-Pandemie ist nicht nur ein biologisches Phänomen und auch nicht nur ein medizinisches Problem. Sondern auch ein Problem, das politische Entscheidungen erfordert unter der Bedingung unvollständiger Erkenntnisse, für die die Wissenschaft – und zwar nicht nur als Medizin – zuständig ist, denn in diesem Funktionsbereich der Gesellschaft[1] werden nun einmal Erkenntnisse hergestellt und überprüft. Gleichzeitig ist sie natürlich auch ein ökonomisches Problem mit Logistikproblem, das die ökonomischen Akteure, seien es nun Menschen oder Institutionen, je nach Positionierung und Sparte unterschiedlich trifft. Und sie ist ein Problem mit rechtlichen Folgen und Problemfällen. Sie trifft Männer und Frauen unterschiedlich, sie trifft den globalen Norden anders als den globalen Süden. Und schlussendlich trifft sie auch jeden in seinen Verfasstheiten, individuellen psychischen und physischen Ressourcen unterschiedlich. Die Existenz des Virus in der Umwelt des Sozialen ist dabei nicht einmal das eigentliche Problem, sondern der Umstand, dass es den Weg in den menschlichen Körper gefunden hat und von dort strukturelle Kopplungseffekte einsetzen. Am Ende ist also die Covidpandemie vor allem ein relationales Problemgewebe, das sich, wie jedes andere Makroproblem nicht klar fassen lässt, weil der Gesamtzusammenhang von Wirklichkeit eher den Charakter einer netzwerkartigen, lebendigen und dynamisch reagierenden Struktur aufweist. Jedes Problem der Gegenwart ist somit ein wicked – ein vertracktes Problem im Sinne des Designwissenschaftlers Horst Rittel.[2] Dies ist keine neue Erkenntnis, denn die Welt weist nicht erst seit gestern eine relationale Struktur auf, in der sich permanent Überlagerungseffekte herausbilden, Kollisionen ereignen, Muster herausbilden und auflösen und Steuerungsmaßnahmen verpuffen. Nur die Erkenntnis, dass die Einheit der Welt immer schon verloren ist und damit auch die Einsicht, dass alle Steuerungsversuche neben den mehr oder weniger gewünschten, unendlich viele weitere Zustände erzeugen, ist jüngeren Datums und wird uns in der Kakophonie der digitalen Kommunikation vorführt.

Diese Diagnose hört sich fataler an als sie eigentlich ist (…)

Diese Pluralität gilt es nun auszuhalten und auch mit dem Umstand zurande zu kommen, dass das Projekt der klassischen Aufklärung auch deswegen gelungen ist, weil sich nun jeder als kritisch-rational aufgeklärtes und damit zu öffentlicher Positionierung berufenes Subjekt versteht. Mit der Konsequenz, dass alte Einteilungen, die überlaufende Sinnproduktionen begrenzt haben, wie etwa Laie und Experte, gleich mit aufgelöst werden. Das Ergebnis lässt sich nun in den digitalen Räumen beobachten, in den nicht nur jeder zum Bundestrainer, zum Virologen, Rechtsexperten oder politischen Kabarettist wird, sondern sich Pseudofunktionsbereiche bilden, die sich zunehmend institutionalisieren, eigene Problemdefinitionen und Lösungsvorschläge produzieren, auf Selbsterhalt drängen und die interne Komplexität von Gesellschaft erheblich steigern. Schlussendlich bildet sich auf diese Weise ein Multiversum aus Realitätsausschnitten ohne vollständige Privilegien oder Handlungshoheit und das bedeutet leider auch, auf die Frage, wie sich soziale Realitäten und Prozesse synchronisieren lassen gibt es nur eine Antwort: gar nicht.[3] Diese Diagnose hört sich fataler an als sie eigentlich ist, denn schließlich gewinnt das Soziale seine Stabilität aus selbsterzeugter Unruhe, Sinnüberschüssen und Krisen und zwar entlang von Teillösungen und Versuchen, die sich dann in evolutionären Prozessen bewähren oder nicht. Neben der kognitiven Reizüberflutung lässt mich dies dann doch recht zuverlässig Schlaf finden.

Read More:

Luhmann, Niklas Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd.1&2, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Nassehi, Armin (2021); Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft, Verlag C.H.Beck, München.

Rittel, Horst & Webber, Melvin M. (1973); Dilemmas in einer allgemeinen Theorie der Planung, In: Reuter, Wolf D. & Jonas, Wolfgang (2013); Dilemmas in einer allgemeinen Theorie der Planung S.S. 20-38, Birkhäuser Verlag, Basel.

[1] Zur funktionalen Differenzierung siehe: Luhmann, Niklas Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd.1 & 2.

[2] Vgl. Rittel, Horst & Webber, Melvin M. (1973); Dilemmas in einer allgemeinen Theorie der Planung, In: Reuter, Wolf D. & Jonas, Wolfgang (2013); Thinking Design. Transdisziplinäre Konzepte für Planer und Entwerfer, S.20-38.

[3] Nassehi, Armin (2021); Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft

Text: Sandra Groll

Illustration: Oskar Nehry

 

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Ach Arkadien

Ach, Arkadien – ein spätmoderner Problem-Lösungskomplex

Dieser Text entsteht auf einer Terrasse in Italien, von oben die Weinreben, im Blick nach vorne die Rosmarinhecke, dahinter die Olivenbäume und dann das Mittelmeer, im Halbschatten, leichter Wind, unter Beobachtung der Mauereidechsen und begleitet von angenehmen hundert-zwanzig Dezibel der Zikaden. Genauso habe ich mir das vorgestellt mit dem post- oder wahrscheinlich eher zwischenpandemischen Urlaub. Steinern, natürlich, authentisch und bedingungslos instagrammable. Die natürliche Umgebung macht mir ein komplexes, aber nicht überforderndes Wahrnehmungsangebot und entspricht so ganz meinen Erwartungen. Das alte Bauernhaus im Olivenhain, ein authentisches Refugium bestens angebunden an steinige Wanderwege. Also auch hier Erwartungssicherheit in Sachen Authentizität und Individualität. Nice! Das bedeutet Entspannung, tolle Bilder und Sinnlichkeit und damit Basiszutaten für ein

Narrativ, von dem ich bereits weiß, dass es sich gut erzählen lässt – mir selbst und anderen. Abgerundet wird der Komplex von vielen kleinen und bekannten Handlungsabläufen, die bereits bekannt sind, da medial vermitteltet oder in vorangegangenen Urlauben eingeübt wurden. In einer Stunde wird es Zeit für den ersten Sprizz des Tages! Mit ganzen Sinnen genießen durch Routinen und entlang von wiederkehrenden Mustern, die die Sache erwartungssicher machen und dennoch das Gefühl vermitteln, etwas komplett Außergewöhnliches zu tun und mit entsprechenden Bildern und Geschichten anderen davon erzählen zu können, die eigentlich das Gleiche tun. Wenn es ganz schlecht läuft, sogar am selben Ort. Paradoxie, at it’s best. Denn nichts entwertet Urlaubsorte mehr als andere Tourist*innen, die auf die gleichen authentischen Erlebnisse aus sind und Urlaubsorte, die sich auf die Bereitstellung solcher Erlebnisse ausgerichtet haben. Wir wollen singuläre, einzigartige und authentische Erlebnisse, sind aber darauf angewiesen Formen zu wählen, die etabliert und sozial anerkannt sind. Dies geht nur mit Mustern und zugeschnittenen Formaten die Orientierung bieten. Prinzipiell könnte ja alles Mögliche zu einem Erlebnis oder gar Urlaub erklärt werden. Interessant jedoch ist, dass immer nur ganz bestimmte Formen und Zuschnitte sinnhaft als Urlaubserlebnisse durchgehen und das macht es übrigens auch schwer, der spätmodernen Reiseaktivität ökologisch sinnvolle Alternativen anzubieten. Van-Life bietet jedenfalls ausdrücklich keine ökologische Alternative, sondern höchstens eine weitere Steigerung vermeintlicher Individualität und noch mehr Konsum knapper Ressourcen. Gleiches gilt für Biwakieren im nächstgelegenen Wald. Beide unterliegen den gleichen Dynamiken, erfordern jede Menge Konsumobjekte, die eigens für diese Aktivitäten hergestellt werden und produzieren gleichzeitig die entsprechenden Muster, die dann einen Massentrend bedingen.

Grundsätzlich ist dies nicht einmal ungewöhnlich, denn Urlaubreisen sind gleichzeitig entscheidungsabhängige Angelegenheiten und damit eine Auswahl aus unendlich vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, dass jede Entscheidung erst einmal riskant ist, da sie den Ausschluss aller anderen Möglichkeiten nach sich zieht. Wer nach Italien reist, reist nicht nach Malle und entscheidet sich auch gegen die Möglichkeit zum Reiseverzicht. Dass gerade letzter eventuell angebracht wäre, lässt sich sehr schön am Beispiel meiner Urlaubsreise beobachten, deren erster Teil unter dem Zeichen spätmoderner, bildungsbürgerlicher und individualtouristischer Italienromantik steht und deren zweiter Teil sich am voralpinen Sehnsuchtsort der Münchner Schickeria, dem Tegernsee, abspielt. Während ich also für den ersten Teil dieses Textes fröhlich meine Sehnsucht nach Arkadien befriedige – ja, auch ich in Arkadien! Goethe und Schiller lassen grüßen! – und darin wunderbar an bildungsbürgerliche Ideale anschließe, brennt das reale Arkadien ebenso wie der südliche Teil Italiens lichterloh, sind massive Flutschäden im Ahrtal zu verzeichnen, wird gleichzeitig der Schritt von einer pandemischen zur endemischen Lage vollzogen, während gleichzeitig der Weltklimarat mit einem verheerenden Bericht zur Erderwärmung aufwartet. Dem gegenüber steht die reale und individuelle Situation am Urlaubsort, von Feuer oder problematischen Klimaphänomenen verschont, das Haus im Olivenhain mit Blick aufs Meer und unterhalb ein touristisch eher mäßig besuchter Ort mit dem Charme von Cinque Terre, ohne selbst in Cinque Terre zu liegen. Und auch hier zeigt sich ein Problem: die Vernetztheit der Welt lässt sich nur schwer denken und ihre Relationen kaum sinnvoll gestalten. Sprich: Das was Urlaubsreisen psychisch, emotional, sozial, ökonomisch und teilweise auch politisch leisten, lässt sich aufgrund dieser Multidimensionalität kaum anständig versprachlichen und erst recht nicht, wenn gleichzeitig die multidimensionalen Probleme mitberücksichtigt werden sollen, die durch Urlaubsreisen erzeugt werden. Urlaub sind nicht nur komplexe Angelegenheiten, aus Handlungen, Sinn, Wünschen, psychischen, sozialen und kulturellen Konstellationen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten. Sie sind im Sinne Horst Rittels vertrackte Probleme, die sich aufgrund ihrer Multidimensionalität und deren Eigendynamik bereits der anständigen Beschreibung entziehen. Darüber hinaus sind sie vor allem höchst artifizielle Angelegenheiten, die erst in der modernen Gesellschaft im großen Stile möglich und in der spät modernen Gesellschaft unverzichtbar werden.

Da sie Formen sind, die erst in einem bestimmten soziohistorischen Setting möglich, dann aber schnell systemisch auf mehrfache Weise notwendig werden, lässt sich nach der Bedingung ihrer Möglichkeit fragen. Allerdings und dies fehlt mir in der gegenwärtigen Diskussion, sollte diese Frage nicht mit einem einfachen Verweis auf spätmoderne Dekadenz und Konsumfreude der Gewinner der Globalisierungsprozesse der letzten Jahrhunderte beantworten. Das ist schlichtweg zu simpel und öffnet außer einem leicht protestantisch angehauchten und moralinsauren Aufruf zum Verzicht auch keinen Weg zu Alternativen und das ist genau das Problem. Denn erstens funktioniert der Aufruf zu Erlebnisverzichten in einer säkularisierten Gesellschaft, deren Mitglieder dem impliziten Imperativ folgen, so viele positive Erlebnisse wie möglich in der eigenen Lebenszeit und im Diesseits zu realisieren nicht mehr. Und zweitens sind Urlaube nicht einfache Dinge oder Ereignisse, sondern eben komplexe Angelegenheiten, die auf mehrfache Weise Funktionen erfüllen. Sie bieten den leiblich spätmoderner Leistungssubjekte des globalen Nordens Entlastungsfunktionen, sichern als wirtschaftliche Faktoren das ökonomische Überleben ganzer Regionen, dienen psychologisch einer Selbst- und Fremdversicherung und als Zeichen dafür, dass das eigene Leben nicht nur gelebt, sondern auch erlebt wird, ermöglichen kulturellen Austausch oder erhalten gar natürliche Habitate. Gleichzeitig sind sie natürliche ökologische Probleme, machen ganze Regionen von einem Wirtschaftszweig abhängig, spalten das soziale Band, sind Neidfaktoren und lenken vom politischen Weltgeschehen ab.

Urlaubsreisen sind also Formen, die sich nicht in einem, sondern gleich in mehreren Medien einschreiben und realisieren. Dirk Baecker hat den Hinweis Fritz Heiders, das Dinge nichts anderes als feste Kopplungen in Medien sind einmal am Beispiel der Wanderung, die nichts anderes sei als eine Form im Medium von Wegen, in eine recht sinnige Form gebracht, dabei aber vom Medium im Singular gesprochen. Bei den meisten Entitäten verhält es sich jedoch ein wenig anders: Sie sind Formen, die sich dadurch bedingen, dass sie gleich in mehreren Medien, vielleicht sogar in unendlich vielen Medien als Zustände der Welt eingeschrieben sind. Das lässt sich sehr schön am Beispiel der Italienreise zeigen. Diese führt nämlich eine schizophrene Mehrfachexistenz in unterschiedlichen Sinnprovinzen und genau das ist vielleicht ihr Problem, beziehungsweise unser Problem in einer globalisierten Welt, die leidet. Damit ist die Urlaubsreise jedoch nicht allein, sondern in guter Gesellschaft mit den meisten Dingen dieser Welt. Sie existieren gleichzeitig als Waren, Dienstleistung und Wirtschaftsfaktor, als ökologische Probleme, spätmoderne Entlastungsprojekte erschöpfter Psychen, als soziale Werte oder Prestigegewinne, als Erlebniswünsche, als immanenter Ersatz eines transzendenten Jenseits, das der Säkularisierung zum Opfer gefallen ist oder als nicht mehr hinterfragtes Must-Have in modernen Biografien. Damit gilt für die meisten Entitäten, dass sie Lösungen (im Plural!) anbieten, während sie gleichzeitig Probleme (im Plural) erzeugen. Auf diese Weise sind sie multidimensionale Problem-Funktions-Zusammenhänge, die sich nicht auf eine Dimension reduzieren lassen, in der dann die jeweiligen Probleme durch eine Maßnahme gelöst werden können. Und damit sind wir schon beim eigentlichen Problem, wie viele andere spätmoderne Phänomene auch verstehen wir Urlaubsreisen als monokausale oder monosubstanzielle Angelegenheiten und argumentieren für und wider eine solche Reise durch das Thematisieren von Einzelaspekten, obwohl sie ihrer Natur nach eher als relationales Gefüge, also als eine Vielheit von singulären Aggregatzuständen und Beziehungen zwischen diesen zu verstehen sind. Mit relationalen Gefüge Umgangsweisen zu entwickeln und ihre Dynamiken zu verstehen, dabei die Paradoxie auszuhalten, dass die Lösungen, die solche Gefüge anbieten gleichzeitig Probleme in anderen Gefügen nach sich ziehen, dürfte eine Aufgabe sein, die sich der Gesellschaft und jedem Einzelnen in Zukunft stellt. Mit den Mitteln des klassischen europäischen Denkens, das Ursache und Wirkung, Probleme und Lösungen, Subjekte und Objekte säuberlich trennt, in Kausalverhältnisse setzt und dabei nur die Einzelaspekte wie Steigerung des Wohlstands durch touristische Angebote oder Lösung des ökologischen Problems durch protestantische Verzichtsübungen im Blick hat, wird man jedoch an dieser Stelle nicht weiterkommen. Denn zu viele unserer ideellen Verortungen, individuellen Verhaltens- und Handlungsroutinen, setzen auf das Nebeneinander von Sinnprovinzen und gleichzeitig drauf, dass die interne Vernetztheit dieser Sinnprovinzen unterschlagen wird.

Was aber dann? Vielleicht sollte man der Vernetztheit der Lösungen und Probleme, der mehrdimensionalen Sinnprovinzen mit Vernetzungskonzepten begegnen, die nicht negieren, dass es so etwas wie eine spätmoderne Erlebnisgesellschaft gibt, dass Urlaube außerhalb der eigenen Region Spaß machen, und dass Tourismus auch zum Erhalt traditioneller Agrarkultur und Habitate beitragen kann und dabei gleichzeitig auch nicht die Problemhöfe von Reisen zu verdrängen. Das würde bedeuten, den Urlaub multidimensionaler auszurichten und berufliche Termine, die sonst eine eigene Reiseaktivität erfordern auf die Anreiseroute zu setzen, Familienbesuche ebenso und vielleicht auszudehnen um sich endlich mal auf Arbeiten konzentrieren zu können, die im beruflichen Alltag den Konzentrationsschwächen zum Opfer fallen. Schließlich sollte remote Work mittlerweile kein Problem mehr sein. Ob so ein Urlaubsdesign eine wirkliche Alternative bietet müsste jedoch gesondert untersucht werden und ist eine Aufgabe für das nächste Jahr, denn nun bin ich mittlerweile am Tegernsee ankommen und kann mich trotz der voralpinen Lieblichkeit auf Grund der leisen, aber deutlich wahrnehmbaren höchst distinktiven Tischgespräche über das Haus auf Sylt oder die viel bessere Zahlungsmoral der Amerikaner im Hinblick auf Berater- und Coachingtätigkeiten an den Tischen neben mir, nicht mehr konzentrieren. Eins sei aber erwähnt: die Grasnarben der Rad- und Wanderwege sind hier in einem Maße gepflegt, die so herrlich an die recht uniforme Art der Bekleidung der Reisenden anschließt. Es drängt sich jedoch die Frage auf, welchem mir noch nicht bekannten Muster man folgen muss, um das Kunststück fertig zu bringen, sich zugleich so schlecht und so teuer anzuziehen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Text.

 

 

Text: Sandra Groll

Photo: Rüdiger Schwartz

 

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Rollerskating

Rollerskating with Jesus on the Grand Concourse

I rollerskate on the Concourse

past art deco buildings

and bodegas

I use the strengh of my legs to push me forward

the bend of my knees for momentum

the gaze towards the courthouse to keep my balance

Yet, I fall

(No, I did not wear any protective gear.

I just rolled with my faith in myself.)

My knee, its skin scrapped off

Blood dripping.

The scrape must have covered my whole knee.

My brother tells me good, you are learning

He kneels down and looks at the scrape.

He walks me to an open hydrant and takes a handkerchief out

Of his back pocket to clean my knee.

(Yes, we used water from an open hydrant,

No, I am not sure where that handkerchief was

And no, we did not use Neosporin.)

He tells me to sit on the edge oft he sidewalk, next to his Sony boombox.

He increased the volume.

His afro looked like Jesus halo –

Give me a ho, you got your funky bus fare

Ho – ho – ho – ho

The wheels grew from his feet,

moonwalking then spins, first on both feet,

then on one leg, making undulations with

unseen lines

He spins and spins

Bip bop bam, alakazam,

like a record

after a strong scratch release

crossing his legs with his body tilted on one side

then switching direction with his body tilted the other direction

(Yes, my brother fell. Even the best of them have to fall, right?)

It was a pepple that made him fall.

He smiles at himself, looks at me

With the same smile, and tells me

We all have to fall sometime,

but we learn when we get back up.

I took his hand out for me to get up.

I took his hand and we skated

My Jesus – my brother – and me.

 

 

Poem: Mercy Tullis-Bukhati

Supported by Gail Longstroth

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Variation on a theme

„Variation on a theme by Rumi“

Start with patience—with longing.

O longing—thorny vine growing

from the dirt of my mind—I begin again

in a pin prick, a trickle tightly running

down your body’s slender pockets, each

one enough for my mouth, my fingertips

to catch on, to wait patiently within.

O to love by longing—patiently—forming

stars in the roof of my mouth, kissing

starry cinders into a wine we devour

from cupped hands—beloved, be lunatic

be savage, be a wink & a grin sent across

an ocean, be thirst, the hands holding

my face & laughing—start with patience

believe me, O longing, believe in me

the way starving forget-me-nots believe

in sun & water & be the question beloved

be question & the patience of searching,

never finding answers—only longing after them.

BIO: Roberto Carlos Garcia 

Roberto Carlos Garcia is a native New Yorker, a poet, storyteller and essayist. He is founder of the cooperative press Get Fresh Books Publishing, A Nonprofit Corp. In December, 2020, Garcia’s third book of poetry, Elegies, was released by FlowerSongPress. His poems have been widely published in POETRY Magazine, The BreakBeat Poets Vol 4: LatiNEXTBettering American Poetry Vol. 3, The Root, Those People, Rigorous, Academy of American Poets Poem-A-Day, The Acentos Review, Lunch Ticket, and many others.

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Fierce urgency

„The fierce urgency of now“

a poem + photo by Gail Langstroth

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Eine toxische Beziehung

„Social Media: Eine toxische Beziehung“

Revolutions-Preenactments mit Büffelmensch, Foodie-Instragram, geschmacklose Sophie-Scholl-Vergleiche, Achtsamkeitsinszenierungen, Echsen-Eliten, Corona-Waldbaden und Impfverschwörungsmythen, absurde Theorien über die Beschaffenheit der Welt. All dies sind sehr reale Phänomene der Gegenwart bei denen man sich ein wenig die Augen reibt und die Frage angebracht ist: Wie konnte es eigentlich soweit kommen? Gemeinsames Merkmal scheint nur ein selektiver Umgang mit Daten, Themen und Positionen, eine postfaktische Grundhaltung und ihr Ursprung aus einem sprachlich und inhaltlich enthemmtem, kommunikativen Grundrauschen in Social Media Formaten.

Diese Anzeichen weisen auf eines ziemlich deutlich hin, nämlich, dass soziale Medien nur auf den ersten Blick bloß digitale Kommunikationswerkzeuge sind, die uns alle näher zusammenbringen. Vielleicht ist auch die Metapher vom „Werkzeug“ im Hinblick auf Social Media völlig fehl am Platze und es wäre sinnvoller davon auszugehen, dass Social Media eher toxischen Beziehungspartner*innen gleicht. Sprich: Asozialen Entitäten mit denen wir uns anscheinend kollektiv in einem unguten Abhängigkeitsverhältnis befinden und zwar mit entsprechenden Folgen für Psyche, Kultur und Gesellschaft.

Dabei fing doch alles ganz harmlos an. Und zwar wie in toxischen Beziehungen üblich, mit einer Love-Bombing-Phase. Social-Media hatte uns fasziniert mit all den Angeboten und Möglichkeiten, die uns eröffnet wurden und die so wunderbar anschlussfähig waren an unsere individuellen Bedürfnisse. Hier ein bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Lob, Gemeinschaft, Verständnis und Bewunderung, viel Bewunderung. Und wie in jeder toxischen Beziehung waren die Warnsignale von Anfang an sichtbar, ließen sich aber recht gut ignorieren, indem einfach angenommen wurde, dass die Probleme auf Seiten der Nutzer*innen und nicht in der Strukturlogik und der Konstruktionsweise dieser Medien zu suchen sind. So zeigt sich zum Beispiel recht früh, dass Facebookaktivität einen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl von Jugendlichen[1] ausübt. Anscheinend sind es aber nicht nur Jugendliche, die in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und in ihren Psychen weit weniger gefestigt sind als angenommen. Vielmehr machen sich Verfallserscheinungen und mentale Auffälligkeiten bemerkbar, die sich durch alle Alterskohorten und gesellschaftlichen Schichten ziehen.

 

Leider ist die Idee, Medien wären reine Werkzeuge insbesondere bei Kommunikationsmedien mit Blick auf Gesellschaft, Kultur und Psychen naiv.

Dabei sind es nicht nur die üblichen Verdächtigen, wie die übertriebenen Bilder des gelungenen Lebens, der perfekten Körper oder des beruflichen Erfolges, sondern auch ein kollektiv mit Lust betriebenes Gaslighting in Foren und Messengergruppen, das verstärkt durch ihre Resonanz in Politik und den klassischen Medien, die Büffel-Mensch-Hybride und Pseudomilizen ins Kapitol treibt. Zusammen mit multiplen Formen von Hetze, die sich spontan gegen alles und jeden richten kann, mit frisierten Studien und Falschinformationen, die Verrohung von Sprache und künstlichen Intelligenzen, die in ungeklärtem Auftrag zusätzlich mitmischen und in der ganzen Kakophonie den jeweiligen Nutzer*innen das Passende raussuchen, zeigen die sozialen Medien ihr zweites, ziemlich asoziales Gesicht. Und bei Gesicht zeigen bleibt es nicht und auch nicht bei einfachen Kommunikationsangeboten. Die dunkle Seite von Social Media reicht mittlerweile gehörig in den Alltag hinein und ist nicht auf die digitalen Echokammern beschränkt. Wie bei Liebhaber*innen, die uns mal diese, mal jene Seite zeigen, Auf- und Abwertung gleichzeitig betreiben, anziehen und wegstoßen, Emotionen und Wahrnehmung manipulieren, macht sich Verunsicherung und Sinnverlust bemerkbar.

Bei toxischen Beziehung sollte aber stets danach gefragt werden: wie konnte es soweit kommen? Und im Falle von Social Media ist hier nicht allein mit dem Hinweis auf individuelle psychologische oder bildungsbezogene Mängel der Nutzer*innen, gesellschaftliche Fehlentwicklung und kulturelle Übertreibungen der Spätmoderne getan. Vielmehr scheint eine grundlegende Fehleinschätzung ursächlich. Social Media Formate wurden und werden überwiegend als Werkzeuge verstanden. Werkzeuge, die unserer Kommunikation und sozialen Aktivitäten dienen. Dienliches Zeug, mit dessen Hilfe sich Möglichkeiten realisieren lassen, das unterhält, dessen man sich nur zu bedienen braucht und bei dem es vielleicht zu einem Falschgebrauch kommen kann, dies aber dann das Problem des gebrauchenden Subjekts, nicht aber des Werkzeugs oder des Designs des Werkzeugs sei. Leider ist die Idee, Medien wären reine Werkzeuge insbesondere bei Kommunikationsmedien mit Blick auf Gesellschaft, Kultur und Psychen naiv.

 

In Bezug auf Gesellschaft ist die Vorstellung Kommunikationsmedien wären Werkzeuge allein deshalb naiv, weil jedes Kommunikationsmedium besondere Formen von Unbestimmtheit, Sinnüberschüsse und damit Unruhe erzeugt.[2] Dies gilt für das archaische Medium „Sprache“, ebenso wie für die sozialen Medien der digitalen Gesellschaft. Bereits der erste je gesprochene Satz schuf die Möglichkeit, die Welt in einer Ja- und einer Nein-Version zu beschreiben. Damit Lüge, die Falschbehauptung und ein ernstzunehmendes Ordnungsproblem in der Welt. Denn nun müssen Mittel und Wege gefunden werden mit dieser medial erzeugten Unbestimmtheit umzugehen und das Ringen, um Konsens zu organisieren. Die systemtheoretische Soziologie arbeitet an dieser Stelle mit einem Vier-Stufen-Modell gesellschaftlicher Strukturentwicklung – Stammeskultur, geschichtete Gesellschaftsstruktur, funktional ausdifferenzierte Gesellschaftsstruktur[3] und nachmoderne Gesellschaftsstruktur – bei dem die jeweiligen Strukturen als Lösungen aus den Zumutungen der Kommunikationsmedien hervorgehen, denen eine Gemeinschaft ausgesetzt ist. Damit ergibt sich ein grobes Ablaufschema: Sprache führt zu Stammeskultur, Schrift zu geschichteten Gesellschaftsstrukturen, Buchdruck zur funktional ausdifferenzierten Gesellschaft der Moderne und digitale Medien zu einer modernen Gesellschaft, deren Strukturform gegenwärtig noch in der Entwicklung steckt. In all diesen Entwicklungen werden vorangegangene Strukturen aber nicht vollständig aufgelöst, sondern überlagert. Die Umstellung erfolgt auch nicht ad hoc oder mittels eines Masterplans, sondern über einen längeren, durchaus konfliktbeladenen Zeitraum in dem sich evolutionär erfolgreiche Formen durchsetzen. Dabei ist die Struktur den Medienevolutionen nachläufig. Dies bedeutet, jedes neue Medium muss die Strukturen, die als Lösung für das Chaos entwickelt wurden, die ein anderes Medium ausgelöst hat, zwangsläufig überlasten.

 

…und beschert uns neben teutonischen Querdenker*innen auch jenen besagten Büffelmenschen im Kapitol.

Gegenwärtig sind es unsere heißgeliebten sozialen Medien, die gesellschaftliche Strukturen gehörig unter Druck setzen, die auf die Möglichkeiten und Überraschungen dieser Medien nicht ausgelegt sind. Und hier wird es nun toxisch, da man sich auf nichts mehr verlassen kann. Jüngstes Beispiel sind die auf Reddit verabredeten, subversiven Ankäufe von Gamestopp-Aktien (geschehen im Januar 2021, Anm. d. Redaktion), die zielgenau die etablierten Akteure und Ordnungen des Stockmarkets unter Druck setzen. Die mittels Social Media vorbereitete Verabredung auf ‚Buy and Hold‘ schafft für die Hedgefonds eine ähnlich unangenehme Enttäuschungssituation, wie das unzuverlässige Dateverhalten von toxischen Beziehungspartner*innen. Die passenden Kränkungsäußerungen ließen nicht lange auf sich warten.

Auch der Wissenschaft geht es nicht anders: pandemiemotiviert machen sich Milliarden von selbsternannten Statistiker*innen, Viro- und Epidemiolog*innen, Soziolog*innen, Pädagog*innen und Wirtschaftwissenschaftler*innen daran, nicht nur eigene Berechnungen und Forschungen vom Homeoffice-Sofa aus zu verbreiten, sondern auch ganz eigene Konsistenz- und Kohärenzketten einem breiten Publikum zu präsentieren, das die Produkte der Wissenschaft auf Grund ihrer trockenen Darreichungsform in Wort und Bild noch nicht einmal zur Kenntnis genommen hat. In den Social Media Formen kommt es auf den Unterschied zwischen DNA und RNA, den Feinheiten von bildgebenden Verfahren, der Bewertung von Studiendesign und statistischen Erhebungen auch nicht mehr an. Millionenfach geteilt, dabei in immer schrilleren Tönen verfasst geraten dabei die klassischen Angebote der Wissenschaft auf eine nie dagewesene Weise unter Druck. Ihre Darreichungsform ist schlichtweg nicht dramatisch genug, um mit den emotional aufgeladenen Alternativvorschlägen auf Social Media mithalten zu können. Wie in jeder guten toxischen Beziehung wird mit Drama die Bleibewahrscheinlichkeit gesteigert, denn das dargebotene Drama macht auch ein kleines bisschen süchtig.

Auch innerhalb der politischen Sphäre, treibt das graue Rauschen von zusätzlichen Möglichkeiten, Sinnüberschüssen und Kommunikation munter die Handlung voran und beschert uns neben teutonischen Querdenker*innen auch jenen besagten Büffelmenschen im Kapitol. Schade ist es allerdings um die schöne Idee vom Querdenken. Sie wird vielleicht nie wieder ihre optimistische Konnotation zurückgewinnen und in den agilen Managementseminaren wird man sich ein neues Buzzword suchen müssen.

Hier zeigen sich die kulturellen Folgelasten der toxischen Beziehung. Die Erosion von Werten und geteilten Ideen. Oder um mit es mit Jon Bon Jovi zu sagen: You gave love a bad name. Ganz gleich ob Demokratie, Aufklärung, Liebe, Frieden Freiheit oder eben Querdenken; in Social Media Formaten lässt sich beobachten, dass Werte zwar noch ganz klassisch „Superunbezweifelbares“[4] in Kommunikationssituationen symbolisieren, dies aber nicht mehr ausreicht um außerhalb des eigenen digitalen Resonanzraumes Gehör zu finden. Bis vor Kurzem konnte man sich, wenn man in Kommunikationen nicht mehr weiterwusste auf gesellschaftlich geteilte Werte berufen. Also auf Verabredungen und tradierte Abkürzungen, die unscharf genug waren, um als gemeinsam Geteiltes zu fungieren. Aber Werte funktionieren auf diese Weise nur, wenn man mit ihnen und nicht über sie kommuniziert.[5] Man also nicht in jeder Situation genau ausformuliert, was unter Meinungsfreiheit oder Demokratie zu verstehen ist. Dieses Nichtausformulieren wird jedoch unter der Erfahrung von Pluralität zum Problem. Allein die schiere Anzahl der werteadressierenden Kommunikationen, mit denen wir täglich in unseren Social Media Aktivitäten zu tun haben, zwingt uns ganz nebenbei zu einem Pluralitätsbewusstsein und dem unguten Gefühl nicht so ganz zu wissen, in welchen Fahrwasser Liebe, Freiheit und Demokratie in einem bestimmten Post schwimmen.

Am folgenreichsten ist die Fehlinterpretation von Medien als Werkzeugen wohl aber an der Schnittstelle zu Psychen, deren unheimliches Eigenspiel für uns so intransparent und folgenreich vonstattengeht, dass man unter Normalbedingungen, und meist nur mit therapeutischer Hilfe, beschränkte Zugriffsmöglichkeiten erhält. Hier schlägt uns zu dem auch noch die noch immer dominante Vorstellung, der Menschen sei ein rein rational handelndes Wesen, dessen moderne Aufgeklärtheit in reflexiv abwägenden Handlungen mündet, ein ziemliches Schnippchen. Wer gibt schon gerne zu, mit der Mouse, äh dem letztem, rotweingeschwängertem Social Media Post ausgerutscht zu sein. Dabei natürlich ist die eigene Aktivität im Klicken, Posten, Kommentieren und affiziert sein alles andere als rein rational.

 

Welche Angebote sichtbar werden entscheidet ein auf die Nutzer*innen und ihre Erwartungen zugeschnittener Algorithmus …

Es müssen noch nicht einmal die aus Sensationslust angesurften Bermudadreiecke des Absurden, Gemeinen und Radikalen sein, die auf die eine oder andere Art eine Resonanz im psychisch-emotionalen Haushalt finden und Selbstbilder verunsichern. Es reicht eigentlich ein einfacher Post, der irgendein beliebiges Symbol des gelingenden Lebens zeigt. Egal ob Achtsamkeitsübungen, selbstgemachtes Sauerteigbrot oder das neubezogene Eigenheim, schon ist der bohrende Vergleich des Eigenen mit einem unvollständigen Bild des Fremden da und mit ihm der Zweifel, der Neid und das Befragen des eigenen Lebensentwurfs.

Und noch etwas darf bei all dem nicht vergessen werden: Social Media Formate sind nicht passiv. Sie warten nicht wie der Inhalt eines Werkzeugkastens auf Gebrauch, sondern beobachten, sammeln Daten, clustern Muster und schlagen Angebote vor, ermöglicht durch die nie gelesenen Nutzungsvereinbarungen. Welche Angebote sichtbar werden entscheidet ein auf die Nutzer*innen und ihre Erwartungen zugeschnittener Algorithmus, der die präsentierten Beiträge und Kommunikationspartner*innen bereits auf die jeweiligen Vorlieben angepasst hat. Eins A Stalker*innenqualitäten. Der Fun Fact bei all dem: Die Algorithmen sind nicht aus purer Freundlichkeit oder Liebe zu uns auf diese Weise programmiert. Sie liefern ein virtuelles, auf das unser Akzeptanzniveau angepasste Bild von der Welt mit den entsprechenden Kommunikationsangeboten. Das ist natürlich praktisch, denn so lässt sich nicht nur der Eindruck erwecken, die eigene Wirklichkeitserfahrung entspräche der allgemein geteilten Einschätzung der Welt, sondern auch erhebliche Gewinne einzufahren und die nächsten Schritte des Individuums zu prognostizieren. Realitätsverzerrung und Manipulation sind – wie könnte es anders sein – klassische Bestandteile einer toxischen Beziehung. Einer Beziehung, die auf einem alten Grundparadox der menschlichen Seinsverfassung aufsitzt: der gleichzeitigen Suche nach Zugehörigkeit und Individualität. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Es wird aus diesem Grund auch keine sozialen Medien geben, sondern immer nur Medien, die gleichzeitig asozial-soziale Medien sind. Der Ausstieg aus der toxischen Beziehung zu diesen Medien hingegen könnte irgendwann gelingen, allerdings müsste die entsprechende Ratgeberliteratur noch geschrieben werden. Aber das mache ich dann ein anderes Mal.

[1] Kross E, Verduyn P, Demiralp E, Park J, Lee DS, Lin N, et al. (2013) Facebook Use Predicts Declines in Subjective Well-Being in Young Adults. PLoS ONE 8(8): e69841. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0069841

[2] Baecker, Dirk (2015); Designvertrauen. Ungewissheitsabsorption in der nächsten Gesellschaft

[3] Luhmann, Niklas (1984); Soziale Systeme

[4] Luhmann, Niklas (1997); Die Gesellschaft der Gesellschaft, S.1122.

[5] Luhmann (1997); S.1123.

Text: Sndra Groll

Illustration: Oskar Nehry

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2020

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Text: Jo Kühmstedt

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Shooter

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Text: Jan Beatty

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About Us

ABOUT US

Wir fragten 8 Menschen um die 20 zu ihrem Leben, Gefühlen und Einstellungen.

Eine unvollständige Bestandsaufnahmen wie es ist 2020 zu leben.

Photograph: Ralph Baiker

Styling: Ulrike Carolina Simm

Talents: Eli, Friedrich, Kelsang, Lea, Liam, Lisanne, Max + Tasha@M4 Models

Danke an das Hotel Neuer Fritz, Berlin

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UX:Candide

UX:CANDIDE – Voltaire, User Experience und Karenfizierung

1759 erschien, unter Pseudonym des fiktiven Doktor Ralph, Voltaires satirischer Abenteuerroman „Candide oder Der Optimismus“.[1] Candide, der etwas gutmütige und leichtgläubige Protagonist wähnt sich, beeinflusst durch seinen Lehrer Pangloss, in der besten aller Welten. Pangloss selbst vertritt einen philosophischen Optimismus und beweist dem jungen Candide auf wortreiche Weise, dass dieser sich in einer Welt befindet, in der alles aufs Vortrefflichste eingerichtet ist und keinerlei Zweifel daran besteht, dass in letzter Konsequenz auch das augenblickliche Ungemach auf den besten aller möglichen Zustände hinausläuft. Candide selbst hält sich zunächst unerschütterlich an dieses Weltverständnis und es bedarf einer wilden Abfolge recht dramatischer Ereignisse und katastrophaler Entwicklungen im Roman, um Candide schlussendlich zu der Überzeugung kommen zu lassen, dass die Welt dann doch eher ein arbeitsreiches Veränderungsprojekt mit unklarem Ausgang darstellt. Damit ist die Idee der beste aller möglichen Welten nicht grundsätzlich aufgehoben, sondern in individuelle weltgestalterische Projekte mit kleinerem Zuschnitt verschoben. Und so lässt Voltaire Candide am Ende des Romans, einer letzten Verteidigungsrede des Optimismus durch Pangloss, diesem entgegnen, dies alles wäre schön gesagt, aber man müsse nun doch den Garten bestellen. Die Sache mit dem Garten beschäftigt uns bis heute, schließlich dürfen sich die Gartenbau-Center auch in Pandemiezeiten zu den Krisengewinnlern zählen und auch die Sache mit dem Optimismus ist noch nicht ganz geklärt.

Wie die Baumarkt Kampagnen der letzten Jahre in dramatisch-ästhetischer Bildsprache bereits herausgearbeitet haben, lässt sich die beste aller Welten mit Hilfe der Gartenbaukunst und im kleineren Maßstab nämlich durchaus verwirklichen. Die beste aller möglichen Welten ist allerdings in diesem Optimismus nicht ein Zustand des Wirklichen sondern auf Verwirklichung durch individuelle und gesellschaftliche Aktivitäten, genannt Projekte, angewiesen. Projekte dieser Art – auch das haben wir gelernt – gelingen, natürlich nur mit den richtigen Werkzeugen und Methoden.

Im Kleinen und im Großen konkurrieren eine Vielzahl von Dienstleistungen und Produkte zur Weltverbesserung. Ihr Versprechen, zur Realisation des besten aller möglicher Realitätsausschnitte beizutragen, natürlich bereits in entsprechende Narrative und Bildwelten übersetzt. Die Inszenierungen entwerfen ein emotionales Bild und zwar nicht nur vom kommenden Zustand sondern auch von den Selbstwirklichkeitserfahrungen, die den Prozess dahin begleiten. Bevor es zum Gartenbauprojekt kommt bedarf es einer Erlebnis- und Sinnvorlage, die die jeweilige weltgestaltende Aktivität mit der entsprechend motivierenden Erwartungswahrscheinlichkeiten versorgt. Die aller möglichen Welten liegt im Kommenden und im Konsumierbaren und ist auch eine Frage der jeweiligen USER EXPERIENCE (Anm. d. Redaktion: Abkürzung: UX – Übersetzung: Nutzererfahrung).

Überhaupt ist das hartnäckige Beharren auf den guten Ausgang und die Gestaltbarkeit der besten aller möglichen Welten eine Schlüsselqualifikation in beratend–gestaltenden Berufsfeldern. Hier sitzen sie, die Panglosses oder Pangli der Gegenwart und fahren unerschütterlich trickreiche wort-, bild- und methodenreiche Überzeugungsmanöver für das beste aller möglichen Angebote. Das Credo: Die beste aller Welten ist erreichbar und liegt – wie könnte es anders sein – stets im Einsatz des richtigen Mittels, bei dem an alles gedacht ist, selbst an eine ganzheitliche Nutzererfahrung, was man hiermit exklusive anbietet. Die gegenwärtige Misere, welcher Art sie auch immer sei, ist therapierbar. Sei es nun durch die neuste Methode des agilen Managements oder durch den neusten Entwurf des Designs. Unterschiede zwischen beiden bestehen auf dieser Ebene nur in der Art ihres jeweiligen Mediums. Sie sind moderne Unbestimmtheitsbewältigungsrituale und müssen auf diese Weise durch und durch optimistischer Natur sein. Ihr optimistisches Gebaren ist tief in die Gewebe einer artifiziellen, spätmodernen Wirklichkeit eingelassen. Als zeitgenössische Formen der Weltgestaltung, folgen sie einer interessanten Logik, sie versprechen unzureichende Ist-Zustände in wünschenswerte Sollzustände zu überführen.[2] Dazu braucht es immer erst einmal ein wenig Pessimismus, denn das Bestehende muss sowohl als kontingent, also anders möglich, wie auch als mangelhaft markiert werden. Stichwort: Schwer verbesserungswürdig! Der moderne Optimismus braucht also einen Rejektionswert, einen Abstoßungswert, wie die Systemtheoretiker sagen würden, damit es zu der entsprechenden Produktivität kommen kann. Die optimismusverbreitenden, um Zustimmung und Umsetzung werbenden, Innovationen und Gewinne versprechenden, Entwürfe und Methoden können gar nicht anders als von der Herstellbarkeit der besten aller möglichen Welten auszugehen, sich zu diesem Zweck selbst anzubieten und dabei auch gerne eine kritische Selbstreflektion zu unterschlagen.

Besonders gut lässt sich die beste aller möglichen Einrichtungen der Welt im Übrigen versprechen, wenn man es mit dem seltenen Phänomen einer sich plötzlich auftuenden, neuen Alltagssituation zu tun bekommt, in der Verhalten noch nicht tradiert und die passenden ästhetischen Codes noch nicht ausgearbeitet sind. Die passiert unter anderem wenn zwei bisher getrennte soziale und materielle Raumkategorien mit getrennten sozialen Praktiken, Rollen und Erwartungserwartungen verschmelzen. Zum Beispiel die plötzlich nicht nur gesellschaftsfähig, sondern notwendig gewordenen Home-Office-Situationen in Pandemiezeiten. Man hat es hier plötzlich mit einem improvisierten IST-Zustand zu tun, dessen Mängel und Unzulänglichkeiten nicht erst mühsam herausgearbeitet werden müssen. Sie liegen klar zu Tage. Selten ist es leichter eine verbesserte und überzeugende Vision anzubieten, die dann auch das Kunststück fertig bringen kann, die Heilige Kuh bürgerlicher Wohntradition – die Privatheit der eigenen vier Wände – gänzlich neuen Zugriffsbegehrnissen und Stakeholdergruppen zu erschließen, wie sich am Branded Homeoffice Vorschlag von Mutabor unlängst gezeigt hat.[3] Der verbesserungswürdige Zustand unserer improvisierten Home-Office-Lösungen ist nämlich auch anders denkbar, nämlich als Werbe- und Identifikationsfläche mit der jeweiligen Firmenidentität und als designter Außenauftritt, die beiden Parteien – den Heimarbeitenden und dem Unternehmen – eine besondere USER EXPERIENCE verspricht. Das hört sich zunächst nach einer Win-Win-Situation an – der Angestellte wird technologisch und materiell entsprechend ausgestattet und im virtuellen Meeting lässt sich die Unternehmensidentität visuell mitkommunizieren – ist aber auch ein gestaltender Eingriff. Eine Vision, die sich im optimistischen Tonfall gut kommunizieren lässt. Allerdings mündet das Konzept auch schnell in einem dystopischen Szenarium, da das vorgeschlagene Möbeldesign einen Designansatz verfolgt, der eine unglückliche Zwangsverheiratung von Möbeldiscount und preiswerter Großraumoffice-Ausstattung anstrebt. Das endet dann in einem Szenarium, bei dem man ernsthaft auch über einen Schadensersatzanspruch für die Verletzung der ästhetischen Intimsphäre nachdenken sollte. Um hier wirklich eine positive User Experience zu schaffen, dürften somit noch ein paar weitere konzeptionelle Überlegungen notwendig sein oder ein größerer Einkauf bei USM Haller.

Aber mit diesem Beispiel lässt sich an den Grundmechanismus des modernen Optimismus herankommen. Er speist sich aus der permanenten Oszillation von Enttäuschung und Erwartung in modernen Gesellschaften. Unabschließbare Projekte sind natürlich das Grundmotiv jeglicher Designaktivitäten, nur so lassen sich die entsprechenden Entwürfe anbieten, mit denen sich nun endlich die beste aller Welten in ultimativer User Experience realisieren lässt. Denn genau darum geht es, eine positive User Experience. Eine sinnlich-libidinöse Erwartungssicherheit, in der die Unbestimmtheit und die Herausforderungen der Welt eingeebnet sind. Als Konsumenten sind wir hier alle ein wenig wie der Candide auf dem Schloss des Baron Thunder-ten-trockhs zu Beginn des Romans, allerding mit ziemlichen Beharrungskräften und recht geringer Frustrationstoleranz. Und hier findet sich ein kleines, noch unbeobachtetes Problem, dessen möglicher Umfang hier nicht vollständig erfasst werden kann und über das hier nur einige kleinere Vermutungen angestellt werden können.

UX-Konzepte werden in kleinteiligen, aber omnipräsenten Angeboten und Projekten realisiert, eine App hier, ein Service dort. Allerdings setzen sich diese Konzepte als dünne, Einebnungs-Interfaces an die Oberflächen von Komplexitäten und beeinflussen so unsere Erwartungskulturen im Umgang mit der Welt.[4] Kurz gesagt: Damit erfahren wir unsere Wirklichkeit zunehmend im Modus des Experience Design. Das scheint zunächst trivial oder auch eine begrüßungswürdigee Verbesserung zu sein, besitzt aber durch den Umstand, dass diese Konzepte ganz nebenbei unsere alltägliche Wirklichkeitserfahrung prägen – und damit einen Trainingseffekt auf sozial-psychologischer Ebene besitzen – auch eine Reihe von nicht bedachten Konsequenzen. Als Konsument*innen vom UX Design verwöhnt, verlieren wir die Geduld im Umgang mit einer Wirklichkeit, die man besser als Einheit der Differenz der besten und der schlechtesten aller möglichen Welten verstünde. Hindernisse, Widerspenstigkeiten, Zumutungen, negativen Affektstimmungen und Enttäuschungen, Katastrophen und Krisenverläufen aller Art schlagen nämlich auch weithin ihre Resonanzen[5] in unseren Psychen, allerdings mit dem Unterschied, dass diese jedoch entsprechende Toleranzen im Umgang mit UX eingebüßt haben.

Die letzten sechs Monate, darin dürfte aller sozialen Pluralität zum Trotz Einigkeit bestehen, waren im Sinne der User Experience auf nahezu sämtlichen Ebenen des Alltags eine absolute Zumutung. Die entsprechenden affektiven und emotionalen Frustrationsentladungen lassen sich bereits recht deutlich in allerlei seltsamer und kontrafaktischer Aktivität beobachten. Man darf also die Vermutung anstellen, dass die monokausale Ausrichtung auf positive, affirmative und bequeme User Experience-Konzepte anscheinend in einer grundlegenden und genderunabhängigen KAREN-fizierung[6] großer Bevölkerungsteile, die nun definitiv gerne die Manager*innen sprechen möchten, aber sowohl an der Adressenlosigkeit der ganzen Angelegenheit, wie an der Begrenztheit ihrer eigenen Artikulationsmöglichkeiten scheitern.

Darin haben sie im Übrigen nichts mit Voltaire`s Candide gemein, denn dieser verfügt durch die Überzeugungsarbeit Pangloss noch über einen Optimismus erster Ordnung. Ein solcher Optimismus besitzt noch keine Vorstellung von der Einheit seiner Differenz. Er hält sich auf der einen Seite oder der anderen Seite seiner Unterscheidung auf. Die beste aller möglichen Welten, ist ein Zustand, der auch dann vorauszusetzen ist, wenn ein augenblickliches Desaster das Gegenteil nahelegt. Das hält man dann einfach durch, damit am Ende des Romans die beste aller möglichen Welten zu einem bescheidenen Gartenbauprojekt werden kann.

Kompliziert wird die Sache jedoch, wenn die beste und die schlechteste aller Welten gleichzeitig zu Verfügung stehen und die Sache eine Angelegenheit von Beobachter*innen wird, die mit der Einheit der Differenz der besten und schlechtesten aller Welten operieren und sich entscheiden müssen, während sie gleichzeitig darauf trainiert sind, die Entscheidung durch entsprechend gestaltete Angebote ganz nach dem Motto der HypoVereinsbank „Leben Sie, wir kümmern uns um den Rest“ abgenommen zu bekommen. Dann wird es messy, dann wird es anstrengend und dann wird der Ruf nach Einfachheit und Klarheit laut, der sich an eine anonyme, übergeordnete Instanz richtet. Hier wird der Teil mit dem eigenverantwortlichen und eher bescheiden angelegten Gartenbauprojekt übersprungen, da sich man sich daran gewöhnt hat, dass sich zu Hauf Gartenbauanbieter finden, deren immer neue Saisonware zumindest kurzfristig die beste aller möglichen Ausstattung verspricht. Und wenn es im Garten dieses Jahr auch erst einmal nach Poco-Domäne ausschaut, im nächsten Jahr ist schließlich auch wieder Sommer. Dann lässt sich auch ein Garten im Landhausstil ausprobieren inklusive der dekorativ platzierten Buchsbaumschere aus dem Hause Burgon & Ball, seit 1730 in unveränderter Form produziert.

[1] Voltaire (2007); Candide oder der Optimismus.

[2] Rittel, Horst (2013); Thinking Design

[3] https://www.mutabor.de/project/branded-homeoffice/

[4] Vgl. Simon, Herbert A. (1990); Die Wissenschaft vom Künstlichen.

[5] Vgl. Rosa, Hartmut (2016); Eine Soziologie der Weltbeziehungen.

[6] KAREN und KEVIN sind die Leute, die bei Alltagsproblemen einen psychischen Melt-down bekommen und sich über alles beschweren, weil sie sich als Kund*innen nicht wertgeschätzt, als Nutzer*innen nicht verwöhnt genug fühlen. Dabei wird es grob, aggressiv und ziemlich psychotisch.