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Cyte-1

EDITORS LETTER

Ich liebe Mode und Modephotographie, aber ich hasse die meisten Leute, die

sie tragen. Ein Widerspruch? Nur scheinbar, denn bei einem Bild geht es nur um

Überhöhung, es ist losgelöst von der Realität. Getragene Mode ist dagegen in den

meisten Fällen unerträglich. Zu eitel, zu teuer, zu alt, zu jung und häufig zu zynisch.

Vor allem fehlt es an Spaß in der Mode. Warum nimmt sie sich nur so wahnsinnig ernst. Klar, wenn etwas extrem teuer ist, darf man damit nicht spaßen. Wahrscheinlich hat das große Geld, der Mode seine Leichtigkeit geraubt. Es ist halt nur noch Business, wo der Product Manager mehr zählt als der Designer, wo sich die Creative Directoren, der großen Häuser im 3 Jahresrhythmus die Klinke in die Hand geben, kann es fast gar nicht mehr um neue Ideen, Schönheit und Kreativität gehen

sondern nur was sich am Besten kopieren und verkaufen lässt.

Auch der immer schneller werdende Cyclus der Mode lässt sie nicht besser dastehen. Wer soll das eigentlich alles kaufen und anziehen?

Aber das sieht ja leider auf dem Kunstmarkt nicht viel anders aus. Es gibt zwar noch

genügend Künstler, die mit Hingabe und Leidenschaft ihre Arbeit verfolgen, aber sobald die großen Galerien sie entdecken, hat der Spaß ein Ende. Mit hoch

geschwurbelten Texten bekamen Bilder, die man eigentlich mochte, einen interlektuellen Überbau, den sie in den meisten Fällen nicht stand halten können.

Scheinbar brauchen die Käufer diesen Überbau, da sie sonst nicht erkennen könnten, ob ihnen das Kunstwerk es wert ist.

Auch die Musik scheint immer mehr ihre Seele zu verlieren. In Zeiten, wo schnelle Klickzahlen mehr wert sind,als die kontinuierliche Entwicklung eine Musikers, wird

aus einer Band nur noch ein kaltes, kommerzielles Produkt.

Cyte möchte dagegen halten. Wir zeigen, was uns Spass macht und gefällt.

Wir sind nicht „political correct“ und mögen nichts „cooperated“ und den glatt poliert

Hochglanz. Cyte ist bewusst auf Zeitungspapier gedruckt – die Textur des Heftes ist uns genauso wichtig wie der Inhalt. Wir zeigen günstige Mode, teurer Kunst und untragbare Make-Ups, mischen es mit gezeichneten Designerlabels und lassen ver-

gangene Jugendkulturen wieder aufleben. Ob das funktioniert, weiss ich nicht. Aber

es sind die Dinge, die ich spüre und die für mich momentan Relevanz haben. Viele

Dinge stehen für mich gleichberechtigt nebeneinander, auch wenn sie nicht stimmig zu sein scheinen. Ich liebe Jugendkultur und das Nachtleben, aber gehe nicht gerne aus. Ich mag schöne Dinge, aber sehe auch in Hässlichkeit ein Qualität, weil sie mich manchmal stimuliert. Überhaupt ist es mir wichtiger etwas zu machen und zu probieren, auch wenn es falsch ist oder keinem gefällt. Lieber spannend und aufregend und vielleicht auch manchmal blöd und albern, als gar nicht. Ich mag Fehler.

In diesem Sinne möchte ich auf eine Reise mit euch gehen, die bestimmt nicht immer stimmig und perfekt ist, aber euch hoffentlich offen und neugierig macht.

xStephan

 

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Cyte-2

Zweite Ausgabe von Cyte!!

Wer hätte das gedacht?! Vielen, vielen Dank für das überwiegend positive Feedback!! Ich hätte niemals gedacht, daß ein kleines, sehr persönliches Magazin mit so offen Armen empfangen werden würde. Ist die Nische der neue Mainstram?!

Scheint so, sonst würdest Du nicht gerade diese Vorwort lesen! Zumindestens für immer mehr Leute, die keine Lust haben immer die gleichen Themen und PR-Photos zu lesen und zu sehen, scheint die Nische wichtig zu sein.

Auch für uns, die diesen Heft machen, wächst der Spass. Es gibt keine Regeln, Vorschriften oder Einschränkungen. Wenn der Keyboarder von Parcels,Patrick

Hetherington auf allen 25 Photos von sich den Mund aufreisst und die Augen geschlossen hat, dann ist das halt der Moment und seine Haltung dazu und nicht

ein undruckbares Bild. Es macht Spass unkonforme Menschen kennenzulernen,

Tracy Sputnik,die sich selbst als Kunst definiert und nicht anders tut als dies zu zelebrieren. Oder Kati Heck, die als Malerin schon jenseits jeder Konzepte und

PR-tauglichen Selbstdarstellungen steht, liegt halt gerne mal Photos. Warum?

Weil es gerade einfach Spass macht.

Ich hoffe wir vermitteln mit dieser Ausgabe den Spass, den wir mit den Leuten hatten, die wir traffen. Selbst ernstere Themen,wie die Vermüllung der Meere oder

das Abschlachten der Nashörner versuchen wir mit einer poetischen Bildsprache zu erzählen.

Gerade in diesen merkwürdigen Zeiten, wo alles aus den Fugen zu geraten scheint,

braucht man neben verlässlichen,seriösen Medien auch etwas unangepasstes und

freigeistiges. Das in Frage-Stellen von Presse, Social Media-Macht– am Anfang fand ich die Demokratisierung und Freiheit dieser neuen Medien toll. Jeder hat seinen eigenen Style, jeder kann sich ausdrücken und ist erreichbar und authentisch.Man musste nicht immer auf das Urteil der immer gleichen Institutionen hören, die einem die Welt erklärten. Jeder kann, wenn er denn genug Follower hat, auch viele mit seiner Meinung überzeugen. Aber jetzt ein paar Jahre später wo jedes belanglose Insta Sternchen sein Gesicht ins Netz stellt und damit hunderttausende Anhänger hat, sehne ich mich nach etwas sustaniellerem, Leute denen man folgen kann, weil sie etwas zu sagen haben, weil sie wirklich interessant oder besonders sind und vor allen Dingen etwas können. Schaut euch mal die Accounts unserer Contributors an, dann wist ihr was ich meine.

Menswear Fashionweek Paris, Louis Vuittons neuer Design Virgil Abloh zeigt in seiner ersten Show für das Haus eine fuliminaten Openair Show im Palais Royal.

Über 50 zu meist ethnische Modelle laufen über seinen regenbogenfarbigen

Laufsteg. Ein politisches Statement?! Die neue Offenheit einer Traditions-Marke!?

Oder doch nur ein medienträchtiges Spektakel, ein geschickter Marketing Zug??!!

Ich weiss es nicht, es hat aber auf jeden Fall seine Wirkung getan. Aber dennoch bleibt bei mir ein etwas schaler Nachgeschmack – menschliches Unglück – Migaration als Verkaufsmittel??? Wie denkt ihr darüber?

Schreibt mir – ich würde mich freuen.

xStephan

PS die nächste Ausgabe von Cyte kommt Ende März 2019

 

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Cyte-3

Ich komme aus dem Rheinland und habe Karneval immer geliebt!

Wahrscheinlich kommt daher meine Liebe zur Verkleidung und damit zur Mode.

Es gab wenig Geld und man musste improvisieren, um aus wenig viel zu machen.

Es war ein kreativer Umgang mit Kleidern. Ohne Regel und ohne Ziel – außer dem, toll auszusehen. Eigentlich war das mein Start in die Mode.

 

Jetzt viele Jahre später ist diese Liebe und diese Lust zur Mode ein fester Bestandteil meiner Person. Ich sehe all diese Modenschauen und fühle mich an früher erinnert. Aber etwas hat sich verändert.

Mit grösser werdender Skepsis bemerke ich, wie die großen Labels anfangen, sich gegenseitig zu kopieren. Da eine Kollektion die nächste jagt bleiben offensichtlich nicht genügend eigene Ideen übrig. Also kopiert man das, was andere erfolgreich verkaufen.

Brauchen wir wirklich alle 2-4 Wochen neue Kollektionen in den Läden/online?

Hat sich auf wundersame Weise das eigene Geld so vermehrt, dass wir immer mehr

und schneller konsumieren können? Ich weiß nicht genau, wann dieser Overkill angefangen hat, aber jetzt dreht sich das Karussell immer schneller und ich habe

das Gefühl bald explodiert das ganze System. Die noch in gut versteckten Winkeln existierenden tollen und spannenden Ideen einzelner, drohen in dieser unglaublich, undurchschaubaren Masse an Durchschnittlichkeit unterzugehen. Vielleicht wäre hier weniger mehr. Mehr Zeit, um eine Kollektion zu entwickeln, um eine Idee wirklich auszuarbeiten und nicht schnell einen Haufen Kleider rauszuhauen, die von 60er, 70er, 80er bis 90er nahezu jedes Jahrzehnt widerspiegeln, weil die Gegenwart zu wenig greifbar zu sein scheint. Unübersichtlich verzerrt in einem Overload an Instagram Bildern und hereinprasselnden Informationen, die keiner mehr verstehen oder deuten kann.

So gesehen bekommen wir doch wieder die Mode, die die Zeit reflektiert – und wir genau so verdienen.

Trotzdem wünsche ich mir wieder mehr Phantasie und modische Verrücktheiten

und nicht nur den kühlen, verkäuflichen Pragmatismus der Produkt-Manager großer Labels.

Wenn Mode auch nur ein Algorithmus ist, der, wenn er nur mit der entsprechenden Menge an Daten gefüttert worden ist, die immer gleichen, langweiligen Klamotten ausspuckt, dann haben wir uns bald alle überflüssig gemacht.

 

Wer hat eigentlich gesagt, dass Logo-Prints was mit Mode zu tun haben?

Warum verscherbeln Dior und Co ihr Marken-Image per Logo-Print auf der Resterampe der Mode-Idioten, die die Qualität eines Kleides nicht ohne seinen Markennamen erkennen können?

Vielleicht sollten sich aber auch die Designer wieder etwas mehr Mühe geben. Vielleicht reichen ja auch zwei Kollektionen pro Saison statt acht, aber die sind dafür dann wieder top. Abgesehen davon, dass wir auch sehr viel lauter über Nachhaltigkeit und Produktionsbedingungen sprechen müssen … .

 

Aber es gibt Ausnahmen, die Mode nicht nur als Marketing-Instrument benutzen, um Handtaschen und Parfums zu verkaufen, deren Kleider ihre Leidenschaft und Spaß am „Verkleiden“ und Anderssein widerspiegeln.

 

Dieses Heft soll die Phantasie anregen. Bastelt euch die Klamotten selbst, stöbert in Secondhand Läden und mischt sie mit euren aktuellen Lieblingslabeln. Dann kommt wieder was raus, was sich wirklich Mode nennen darf.

BE BRAVE!

 

xStephan

 

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Cyte-4

Cyte#4! Wow!

Der Beginn ist immer ein leeres Fenster vor meinem Schreibtisch, das sich im

Laufe der Entstehung des Magazins immer weiter mit Bildern füllt.

Ideen für Geschichten kommen aus allen Ecken angeflogen, werden ausgedacht, vorgeschlagen und dann entweder realisiert oder als „jetzt gerade unmöglich“ verworfen (wir hätten so gerne Jonathan Meese unschuldig wie ein Baby in einer Badewanne voller Stutenmilch photographiert …). Wenn wir dann alle Produktionen organisiert haben und es ans Photographieren geht, beginnt für mich der schönste Teil der Reise: die Zusammenarbeit mit all den Stylisten, Hair+Make-Up-Artisten, Modellen, der Austausch mit den Redakteuren, den Illustratoren …. Ein magischer Prozess, der wahnsinnig viel Spaß macht! Ich liebe das! Morgens vor einer „leeren, weißen Wand“ zu stehen und abends mit zehn neuen Motiven nach Hause zu gehen.

Nach dem Aussuchen kommen mir dann oft Zweifel, ist das richtig, zeitgemäß, erfüllt das meine Ansprüche, hat das Relevanz???

Nach außen häufig wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich winken manche müde ab, wenn sie das fertige Resultat im Heft sehen. Vielleicht zu Recht. Egal, das bin ich, das sind wir, die was auf die Beine gestellt haben und es geschafft haben, am Ende daraus ein Magazin zu machen und das wiederum fühlt sich gut und richtig an. Mit anderen Leuten was zu machen, Spaß haben und etwas entstehen zu lassen, ist es immer wert. Das ist ein Plädoyer an alle, etwas zu wagen und sich von nichts abhalten zu lassen. Einfach machen. Weil es egal ist ob es relevant, verkäuflich, gut, schlecht oder anders ist. Es geht darum, etwas mit anderen zu machen und zu versuchen seine eigene Sprache zu finden. Oder wenigstens weiter danach zu suchen, weil es hört ja niemals auf.

In den ersten Ausgaben hatten wir am Anfang einen Spruch stehen, der mir

immer etwas peinlich war, weil er wie eine blöde Instagram Weisheit klang:

„Do what you love“. Aber im Grunde stimmt das. Für das, was ich mache, wir alle bei Cyte machen. Wir lieben es, diese Bilder entstehen zu lassen, diese Geschichten zu erzählen. Und das Tolle ist, es gibt (fast) keine Regel bei Cyte, wir können es so machen wie wir wollen, es gibt nur die Grenzen in unseren Köpfen. Das klingt naiv? Dilettantisch? Ich habe das gerade mal gegoogelt und mir gefällt sehr, was da steht: Ein Dilettant ist ein Liebhaber einer Kunst oder Wissenschaft, der sich ohne schulmäßige Ausbildung und nicht berufsmäßig damit beschäftigt. Als Amateur oder Laie übt er eine Sache um ihrer selbst willen aus, also aus Interesse, Vergnügen oder Leidenschaft und unterscheidet sich somit von einem Fachmann. Wikipedia) Besonders meine Freunde, die bei „richtigen“ Verlagen arbeiten, gucken

manchmal etwas mitleidig auf mich: „Man merkt wieviel Herzblut darin steckt“ – fuck it! – Ja, tut es!

Und zum Glück ist da Herzblut drin und nicht Marktforschung, Markttauglichkeit, Vertriebseffizienz, Zielgruppenabdeckung, alles was zu einem ordentlichen Fließband-Produkt gehört … ich mache etwas Eigenes und das ist es, was drin steckt: Herzblut und Leidenschaft.

Es gibt Situationen, in denen es angeblich nur weitergeht, wenn einer einen Kompromiss eingeht. Aber warum eigentlich, warum darf man nicht das machen, was man fühlt? Angst! Alle haben Angst! Angst nicht gemocht zu werden, Angst nicht gekauft zu werden, Angst sich zu streiten. Zumindest mir geht es manchmal so, aber ich ermahne mich immer wieder, furchtlos zu sein.

Hey, wir machen keine Raketenwissenschaft! Wir machen Photos, schreiben Texte und am Ende kommt dabei ein Heft raus – nichts mehr aber auch nichts weniger!

Also, wovor sollte man Angst haben!?

Daher haben wir uns bei Cyte#4 wieder versucht frei zu machen von unseren Ängsten und Bedenken. Ließen Nikolas Tantsoukes Medusen aus dem Kopf wachsen, haben die Skypography erfunden und Sandra Groll hat mal kurz in

„Askese und Krawall“ die Welt erklärt. Wie gesagt keine Raketenwissenschaft,

aber es hat wahnsinnig Spaß gemacht!

Macht eurer eignes Ding und habt keine Angst, es kann nichts passieren,

außer, dass ihr diese Chance verpasst!

xStephan

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Cyte-5

Ich bin in einem Dilemma!

 

Neben meiner Arbeit für CYTE, bin ich ja auch noch Mode & Beauty Photograph. Ich arbeite sowohl für Magazine als auch für Werbung. Und das wird immer schwieriger für mich zu verantworten, das mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Auf der einen Seite liebe ich es, Bilder entstehen zu lassen, mit Leuten etwas zusammen zu erarbeiten. Auf der anderen Seite tragen meine Werbephotos dazu bei, den Konsum anzukurbeln und die Leute dazu zu bringen sich Dinge zu kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Selbst der Gründer von Ecosia, eine alternative Suchmaschine, schaltet Werbung auf seiner Seite, um damit aber Bäume zu pflanzen, die das Klima retten sollen. Muss man also einen Pakt mit dem Teufel schließen, um etwas Gutes zu erreichen? Bislang habe ich das getan, aber nicht wirklich darüber nachgedacht. Nur mittlerweile kann ich diese Gedanken nicht mehr ausblenden.

 

Wer soll das alles zu welchem Preis kaufen???

 

Früher habe ich mich da eher gespalten verhalten: die Bilder zu machen war schön und kreativ und hat Spaß gemacht. Aber das sich daraus erschließende Resultat habe ich ausgeblendet: Das, was mit den Bildern bewirkt werden soll, die Menschen, die dazu verführt werden sollen, sich Dinge zu kaufen. Auch in der Modephotographie bereitet mir das Schwierigkeiten: wieso muss es alle 4-6 Wochen eine neue Kollektion geben?

Wer soll das alles zu welchem Preis kaufen??? Abgesehen davon, dass dieser Overkill dazu führt, dass sich alle Labels mehr als je zuvor kopieren – natürlich nur das, was sich gut verkauft. Identität und Eigenständigkeit sind nicht mehr erkennbar.

Es ist wirklich ein Dilemma!

Aber irgendwo ist da ein kleiner Lichtblick am Horizont! Je kommerzieller und einheitlicher diese Welt wird, je größer die Firmen werden, deren Produkte wir kaufen sollen, desto mehr kleine Nischen bilden sich. Idem, eine uralte lithographische Werkstatt in Paris, steht wirtschaftlich gut da und erweckt beseelte Drucke zum Leben. Kleine Weinbars legen wieder knisternde Vinylplatten auf, die man nicht auf Spotify findet. Kleine Bio-Firmen versauen den großen Brands die Quartalszahlen mit individuellen, guten und nachhaltigen Produkten.

Wahrscheinlich wird man das Rad nicht komplett zurückdrehen können – dazu ist

bei allem zu viel Geld im Spiel. Aber kommen wir wirklich mit diesem Mehr! an Geld, Besitz, Konsum und Egoismus klar? Macht uns das glücklicher? Diese Fragen versucht Sandra Groll zu beleuchten in ihrer Story „Enttäuschungssyndrom“.

 

Es ist eine sehr einnehmende und verführerische Illusion

 

Außerdem haben wir uns diesmal einer unserer Lieblingsstädte angenommen: Paris.

Mich verbindet sehr viel mit dieser Stadt. Hier habe ich als Photo-Assistent gearbeitet, habe ich als Photograph eine Zeit lang gelebt und einen Sehnsuchtsort gegen meinen Weltschmerz gefunden. Ich weiß, dass Paris mehr ist als seine 20 Arrondissements, umgeben von der Peripherie. Dass Bandenkriege in den Banlieues toben, die Gelbwesten gegen das verkrustete System der herrschenden Elite kämpfen und dieser ganze romantische Traum eigentlich nur eine Kulisse für asiatische und amerikanische Touristen ist, aber dennoch. Es ist eine sehr einnehmende und verführerische Illusion, die von alten und besseren Zeiten erzählt, in die sich viele zurückträumen.

Lasst euch mitnehmen auf unsere Reise nach Paris, gesehen durch unsere Augen.

xStephan

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Cyte-6

Cyte-6

Mein erstes Vorwort habe ich irgendwann Ende April, mitten im Lockdown begonnen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob wir überhaupt ein Heft machen werden, weil alles ungewiss war. Es waren endlose Tage im Homeoffice, mit viel Sonnenschein und kristallklarer Luft. Entschleunigt und still, ungewohnt wohltuend und fast beruhigend. Aber auch diese unterschwellige Angst, wie es weitergehen wird, wie lange es dauert und was dann kommt.

In dieser Zeit hätte ich gar nicht so richtig gewusst, über was wir schreiben, was wir photographieren oder illustrieren sollen, es passierte ja nichts mehr, außer jeden Tag neue Nachrichten über die Pandemie. So wie viele Leute ihre Wohnungen renoviert und entrümpelt haben, konnte man auch seinen Geist mal ausmisten. Keine neuen Filme, Konzerte, Ausstellungen oder Restaurants. Keine neue Mode, keine Shows und kein Shopping – wenn dann nur online. Ich fand das ganz entspannend, keine Zerstreuung mehr, sondern nur auf sich selbst zurückfallen. Und auf einmal, ganz langsam und zögerlich entstanden wieder Bilder in meinem Kopf, ich konnte mir wieder Geschichten ausdenken, mit anderen Ideen austauschen. Diese Pause hat gut getan.

Vor allem weil sie, wenn auch unfreiwillig, unserer Vorstellung von Konsum, Nachhaltigkeit und Luxus entsprach. Weil wir schon immer „Weniger“ als „Mehr“ empfunden haben. Weniger Luxus, weniger Mode, weniger Angeberei, weniger Status-Symbole aber auch mehr Tagträume, mehr Spinnerei, mehr Verrücktheit, mehr Gelassenheit und mehr Kreativität.

So ist langsam – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Heft aus dem Nichts entstanden. Auch weil sich dann auf einmal das Jahr 2020 mit voller Wucht zurückmeldete. Die Pandemie brachte das Beste und das Schlimmste in den Leuten zum Vorschein und Dinge, die bisher nicht denkbar oder möglich waren, gingen auf einmal: Homeoffice und Videokonferenzen waren die einzige Möglichkeit, die Zahnräder am laufen zu halten. Eine neue Generation Bäcker versuchte sich an Sauerteig-Broten. Aber auch alle verrückten Staatenlenker zeigten wiederholt ihre dunkelsten Seiten, in der es nur darum ging, ihre Macht zu erhalten und nicht für die Menschen da zu sein. Spätestens nach dem Mord an George Floyd war das Thema Rassismus überall auf der Welt präsent. Wir weißen Menschen dürfen nicht zu viel dazu sagen, weil wir es nicht wirklich verstehen und nachvollziehen können, aber wir könnten anfangen dazu zu lernen. Das fällt nicht immer leicht, weil viele sprachliche „Gepflogenheiten“ so tief sitzen, dass es schwer fällt sie zu ändern. Aber Sprache ist wichtig und ändert alles.

Ich bin groß geworden mit den Worten wie Negerkuss, Zigeunerschnitzel, Indianer und Sarrotti-Mohr. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie die Leute, die damit gemeint sind, sich damit fühlen. Aber ich verstehe, was falsch gelaufen ist.

Jetzt Jahre später ist mir bewusst, wie ignorant und selbstherrlich ich war.

Wir leben in einer Welt, sind alle gleich und haben alle die gleichen Rechte und sollten alle gleichberechtigt behandelt werden.

Passiert nicht!

Das muss sich ändern!

Vielleicht fällt auch einigen von euch auf, dass es tatsächlich auch Bilder mit lachenden Menschen in dieser Ausgabe gibt – das ist eher selten in der Fashionphotographie. Das war nicht bewusst geplant, sondern ist das Bedürfnis, etwas Leichtes und Positives zu zeigen in einer schwierigen und unklaren Situation. Ich selber spüre ein Bedürfnis nach guter Energie und Versöhnlichkeit bei so viel Hass und Spaltung. Ich weiß, ein Magazin kann das nur begrenzt leisten …aber es soll wenigstens versuchen, es zum Ausdruck zu bringen.

Nichts ist wie es mal war und vielleicht liegt darin jetzt auch eine Chance.

THERE IS CHANGE IN CYTE!

xStephan

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Annama-Bitte tu mir weh

„Annama – „Bitte tu mir weh!“

Cyte traf Annama zum Shooting in Elmshorn. Wir fanden Klavier-kaputtthauen um ihren Song „Bitte, tu mir weh „ zu interpretieren, klang gut! ( das Klavier war nicht mehr spielbare und musste eh verschrottet werden…)

Es wurde ein heißer Nachmittag mit der Feststellung, das Klaviere ganz schön stabil sind!

Annama’s Album erscheint diesen Herbst und ist abwechslungsreich und spielt mit verschiedenen Stilen und Genres. Wir sprachen mit ihr über große Labels, Avantgarde und wie es als Frau im Musikbusiness ist.

Cyte: Wie ging das los mit der Musik?

Annama: Also, ich hab schon immer irgendwie Musik gemacht, ich hatte immer Bock zu singen, aber tatsächlich immer im Stillen, weil ich mich nicht getraut habe, das der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber irgendwann war ich dann bei meiner ersten Gesangsstunde und das war der Key-Moment, an dem ich gemerkt habe, geil, genau das möchte ich machen. Vor allen Dingen habe ich seitdem meine Schüchternheit enorm abgelegen können. Damals war das für mich der schönste Moment an dieser ersten Gesangsstunde.

Wie alt warst Du da?

15, glaube ich.

Mittlerweile gibt es einige Songs von Dir zu hören. Wie kommen die Songs zustande?

Also, meistens beginnt es mit dem geschriebenen Wort, weil ich versuche, tagtäglich immer etwas in mein Notizbuch zu schreiben, das Erlebte und generell Themen zu verarbeiten. Es beginnt dann meistens mit Worten. Wenn ich lange Zeit ein Thema mit mir herumschleppe, was ich gerne bearbeiten möchte, woraus ich einen Song machen möchte. Bis ich dann die Zeile gefunden habe, oder das eine Wort, was es auf den Punkt bringt, das braucht einen Moment. Aber wenn ich das Gefühl habe, geil, da ist irgendwas, das Thema hat ne gute Dimension, dann weiß ich, das wird zum Song …und genau das passiert dann meistens.

Das heißt Du schreibst alle Deine Texte selbst?

Ja, richtig!

Und wie entsteht die Musik?

Ich hab einen fantastischen Produzenten und der macht das bzw. wir machen das zusammen und ich werfe gelegentlich ein paar Zeilen rein, Themen oder ich hab schon einen fertigen Text geschrieben und dann schaut man mal, wie das matcht.

Und Du selbst spielst gar kein Instrument?

Boah, es ist tatsächlich zum Heulen, aber ich spiele wirklich kein Instrument – noch nicht. Ich möchte wahnsinnig gerne Klavier spielen lernen. Und da bin ich auch dran! Aber das braucht halt seine Zeit. Ich sehe mich in Zukunft auf der Bühne am Flügel, mich selbst begleitend.

Es stehen also auch irgendwann Konzert-Termine an?

Ja, das ist das große Ziel, auf jeden Fall!

Was bedeutet Dir denn Musik?

Grundsätzlich finde ich, dass es wohl emotional nicht Gewaltigeres gibt, als mit Musik zu kommunizieren. Außerdem liebe ich es einfach zu schreiben und wenn ich dann dieses geschriebene Wort auch noch in Musik packen kann, gibt es für mich nichts größeres. Ich brauche das auch extrem für mich selbst, denn wenn ich singe, habe ich das Gefühl ich kann ganz bei mir sein, ich weiß genau wer ich bin und was ich zu fühlen habe. Und ich liebe es auch einfach Töne von mir zu geben (lacht).

Ist Musik Deine Art zu kommunizieren oder vielleicht sogar so etwas wie eine Therapie?

Auf jeden Fall auch zu kommunizieren. Musik ist mein Medium Nr.1.

Und ja, ich würde mir wünschen, dass es so etwas wäre wie eine Therapie, ist es aber nicht ganz. Ich schaffe eher Erkenntnisse durch die Musik und durch das Verarbeiten von Themen indem ich das aufschreibe – das ist der Hammer, aber ich bin dann doch immer zu emotional und zu überwältigt von der Musik an sich und wenn ich dann mal wieder in meine eigenen Songs reinspringe, bin ich emotional so krass wieder drin. Durch Therapie entsteht ja eher so eine Distanz zu den Themen. Die kann ich so gar nicht entstehen lassen!

Deine drei Lieblings-Alben oder Lieblings-Songs?

Das ist echt schwer. Es ist schwierig sich zu entscheiden, es gibt einfach so viel gute Musik. Aktuell bin ich ein großer Fan von Noga Erez, das höre ich gerade wirklich all day long. Noga Erez, eine Künstlerin aus Israel – coole Frau – das Album Off the radar – super geil!

Dann aber auch, was so ein bißchen „Future Pop“ ist, Agar Agar, den Song I’m that guy zum Beispiel. Und auch GrandbrothersBloodflow, was ein reines Instrumentalstück ist mit einem heftigen Klavierspiel, was ich mir tatsächlich auch fast jeden Tag reinziehe.

Mittlerweile hat sich ja der Musikmarkt im Vergleich zu vor 10-15 Jahren komplett verändert. Es ist auf der einen Seite deutlich schwieriger mit Musik Geld zu verdienen, auf der anderen Seite hat man es viel leichter mit seiner Musik präsent zu sein. Selbst wenn man nicht von einer großen Plattenfirma genommen wird. Gibt es für Dich einen Plan B in dieser heiklen Situation, in der es durchaus schwierig ist, durch Musik zu überleben, also wenn das nicht hinhaut, mache ich was anderes?

Nein, es gibt keinen konkreten Plan B – wobei, es gab doch eine Phase, da war ich dem Beruf der Trendforscherin sehr zugeneigt Aber ich möchte jetzt unbedingt diesen Plan, der „Musik machen“ heißt, komplett durchziehen, komme was wolle – ich gebe jetzt Vollgas. Es wird verdammt schwierig werden, zumal ich auch sehr ungeduldig bin. Aber ich möchte alles probieren. Ich war kurzzeitig bei einem Label, hab denen Tschüss gesagt, hab mein eigenes Label gegründet, weil ich gemerkt hab in dieser Maschinerie bin ich irgendwie nicht zu Hause. Ich mach mein eigenes Ding. Auch wenn das durchaus nur wahnsinnig viel Arbeit und Durchhaltevermögen und ganz viel Frustration bedeutet. Aber ich glaube weiterhin daran und solange der Selbstglaube gegeben ist, gebe ich wohl noch nicht auf!

Toll! Das heißt Geld ist Dir auch nicht so wichtig, oder?

(Lacht) Geld ist noch nicht ganz so wichtig, ist aber ein wichtiger Teil, gerade wenn man kein Major Label im Background hat, das einen finanziell supportet und da ordentlich was reinboostet, ist es wirklich wahnsinnig schwierig und Du musst einfach ein bisschen Geld in die Hand nehmen können, um überhaupt die Musik an den Mann zu kriegen und ein bisschen Reichweite zu generieren. Das ist einfach sehr schwierig geworden und wenn Du nicht so aktiv bist auf den sozialen Medien, hast Du es noch schwerer und ich tue mich damit schwerer als andere. Aber Geld spielt eine Rolle und es muss irgendwie da sein, um auch diesen Traum ermöglichen zu können.

Ich frage das auch deshalb, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele Künstler, in erster Linie im Indie-Bereich, lieber gutbezahlte kommerzielle Kooperationen ausschlagen, als ihre Fan-Base dadurch zu verraten. Die spielen lieber auf jedem kleinen Festival, als dass der Makel der Kommerzialität an Ihnen kleben bleibt und sie so ihre Credibility verlieren würden.

Das kann ich verstehen. Also letztendlich. Es gibt ja dann doch immer wieder Lösungen und Wege, wie man sich über Wasser halten kann. Und wenn man wirklich so krass an ein Produkt glaubt und vor allen Dingen schon eine Fan-Base aufgebaut hat – auch wenn sie klein ist – ist sie wertvoll. Denn genau das sind die Leute, die hinter Dir stehen werden und die echtes Interesse an Deiner Kunst und auch an Dir als Künstlerin zeigen, glaube ich. Auf die muss man Acht geben, denn die sind einfach auch schnell verloren, wenn man sie – um Deine Worte zu verwenden – verrät. Und letztendlich ist es auch super wichtig – das ist immer so cheesy – sich treu zu bleiben. Es ist schön, dass man da kurzzeitig eine Geldquelle hat bzw. vielleicht kann man es so machen, dass man es offen und ehrlich an seine Crowd, Fan-Base kommuniziert, wenn man sagt: Leute, uns geht die Kohle aus, wir brauchen diesen kleinen Push, um weiter zu machen und auch um weiter für euch Musik machen zu können.

Beschreib mal den Spirit deines Albums, das jetzt rausgekommen ist!

Das ist ziemlich schwierig! Thematisch gesehen, ist es ein reines Trennungsalbum. Viele, viele Tränen sind geflossen. Es ist echt und pur. Aber grundsätzlich ist es deutsche Pop-Musik oder besser gesagt, deutsche Future-Pop-Musik, weil es, was ich so gehört hab, diesen Sound so noch nicht gibt. Und vielleicht kann man das damit vergleichen, dass es so ein bisschen „Neue deutsche Welle“ ist, aber in die heutige Zeit adaptiert.

Was macht Dich glücklich?

Das ist eine schwierige Frage! Aber eigentlich, ganz einfach gesprochen: wenn ich in der warmen Sonne sitze und ein O-Saft trinke – das habe ich nämlich gerade gemacht. Und wenn ich weiß, was ich will – auch wenn das nur kurze Momente sind hin und wieder, aber die gibt es – dann weiß ich auch genau, was ich zu tun habe und das gibt mir extrem viel Zufriedenheit (lacht).

Welche Musik und Musiker*innen haben Dich beeinflusst?

Thematisch, weil ich mich auch in letzter Zeit viel mit ihnen beschäftigt habe: Nina Simone und Patti Smith. Dann noch Iggy Pop, wegen seiner krassen Bühnenpräsenz, Echtheit und Hingabe. Und ansonsten, wie das Ganze mal los ging? Ich war so ein Mädel, das ihre Coverversionen auf YouTube hochgeladen hat und es waren dann eher die sehr schweren Balladen, die man so kennt. Z.B. von Alicia Keys, von Pink auch gerne, durchaus aber auch CCR mit Long as I can see the light. Aber wirklich emotional schwere Balladen. Eigentlich komme ich eher aus diesem Feld.

Du warst kurzzeitig bei einem großen Label und bist dann da weg. Was ist die Problematik für einen jungen Künstler, wenn er in die Maschine einer großen Plattenfirma gerät?

Grundsätzlich fehlt eine gewisse Vielfalt bzw. gerade hier im deutschen Markt

fehlt der Mut zur Vielfalt. Man soll eingeordnet werden: wie ist Dein roter Faden, kannst Du Dich irgendwo einordnen, welche Box bist Du? Und damit geht es ja schon los. Und das finde ich schwierig, weil genau diese Box gibt es für mich eigentlich gar nicht. Meine Antwort war dann immer: Leute, ich bin ungerne eine Box, ich bin gerne 8 Boxen, so sieht’s aus!

Und dann hat man natürlich versucht das Ganze hier und da zu modifizieren und doch in eine Ecke zu drücken, was ich schwierig fand. Da war kein Mut und kein Wille meinen Individualismus zu fördern und vielleicht sogar eine neue Sparte auf zu machen. Dieser Mut fehlt so ein bisschen. Und es kommt auch sehr oft zu diesem Vergleich: wir haben hier eine neue Künstlerin, wem ähnelt diese Künstlerin, wo können wir sie abheften. Mich konnte man aber nicht abheften und dann wurde es schwierig, aber ich wollte es genau so und ich werde es alleine probieren.

Ist das ein deutsches Phänomen oder gilt das überall?

Meine Erfahrungen sagen mir, dass es doch sehr deutsch ist. Ich glaube dieser Mut existiert woanders wesentlich mehr und man geht auch offener mit Musik um, mit neuen Dingen. Und der Support an sich in anderen Musik-Industrie-Nationen, ist breiter als in Deutschland. Ich habe das Gefühl, es ist hier sehr eingeschränkt. Man hat hier einfach Angst vor etwas Neuem.

Du bist ja von den Songs, die ich bisher gehört habe, musikalisch sehr breit gefächert: Bitte, tu mir weh ist ein wenig chansonartig, französisch angehaucht,

Rockstar ist Indie-Rock und Punk. Sind Dir diese verschiedenen Facetten wichtig, oder hängt das immer von dem vorher entstandenen Text ab, auf den Du dann musikalisch eingehen möchtest?

Das kann man so sagen. Meine Musik wird sich bestimmt weiterhin irgendwie wandeln und es wird nicht diesen besagten „roten Faden“ geben, sondern ich glaube daran, dass die Künstler*innen selbst dieser „rote Faden“ sind. Die Stimme an sich und welche Themen man behandelt und welche Intention man in die Musik reinbringt. Letztendlich, ich verändere mich wahnsinnig oft und ich finde das Leben ist einfach sehr fluide und danach geht meine Musik auch ein wenig. Also ein gutes Beispiel ist die Serie Babylon Berlin, da gab es die Sängerin, die den Soundtrack gesungen hat. Das war eine Frau in Männerklamotten mit Bart und einer wahnsinnig tiefen Stimme und ich war so WOW, da scheint irgendwie was Neues aufzukommen, eine emanzipierte Frau, darauf muss man doch reagieren und genau das versuche ich in meiner Musik zu verarbeiten. Und das kann sich natürlich auch klanglich völlig unterscheiden.

Wo wärst Du gerne in 5 Jahren?

Ich hoffe auf jeden Fall, dass sich bis dahin ein gewisser Erfolg eingestellt hat und

obwohl ich ja deutschsprachige Musik mache, würde ich wahnsinnig gerne in der Royal Albert Hall in London singen. Da war ich einmal und mir liefen tatsächlich die Tränen, weil es so unfassbar emotional war. Das wäre ein Ziel!

Das heißt irgendwann in 5 Jahren wird es auch englische Songs von Dir geben?

Oh, Gott, das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht! Ich hab ja mal englischsprachige Musik gemacht, Elektro-Pop. Ja, also ich bin nicht abgeneigt – mal gucken was kommt, ich würde wahnsinnig gerne deutsch, englisch, französisch verbinden – auch so was! Das schwebt mir durchaus vor! Mal gucken. Ich würde einfach gerne in so einer Location auftreten!

Was heißt es für Dich erfolgreich zu sein?

Ich bin echt keine Geschäftsfrau und geht Geld in mir unter, weil ich das gar nicht im Kopf hab so wirklich, bei dem was ich mache. Auch das kann man natürlich ganz anders angehen, sollte ich vielleicht auch. Aber wirklich erfolgreich zu sein, bedeutet musiktechnisch für mich, dass die Musik überhaupt Anklang findet, dass es überhaupt zu einer Fan-Base kommt mit der ich interagieren kann. Wo es zum Austausch kommt, wo ich ein Feedback erhalte, wo ich merke, geil, das macht irgendwas, das emotionalisiert die, das sind Themen mit denen sie sich identifizieren können. Oder dass ich überhaupt den Zeitgeist aufgreifen kann …so was. Dass ich so eine Interaktion spüre, dass meine Musik eben auch was macht und vor allem etwas hinterlässt. Und vielleicht auch im künstlerischen Sinne, dass das ganze Musikprojekt auch weitere künstlerische Verästelungen hat. Also, das Label, was ich gegründet habe soll nicht nur zwingend auf Musik basieren, das kann Kunst jeglicher Art sein, also dass man auch andere Künstler auf die Bühne holt während man performt, das man auf der Bühne steht mit einem weißen langen Kleid und dann hat man einen Sprayer um sich, der das Kleid während der Performance besprayt. Dass man echt so eine Community schafft und in irgendeiner Form auch irgendwas Neues kreiert.

Also der Avantgarde-Gedanke?

Oh, liebend gerne! Gott, wenn man sich das für eine Weile natürlich leisten könnte! Aber ich glaube es gibt immer Wege und irgendwie wurschtelt man sich immer durch. Aber das schafft Erfüllung bzw. das schafft einfach große Freude. Und auch diesen Anklang zu erzeugen.

Das hört sich gut an!

Beschreib mal so einen Musikerinnen Tag in Deinem Leben.

Idealerweise wäre ich stressbefreiter und könnte mir die Zeit nehmen, ausschließlich Künstlerin zu sein. Aufzustehen, auch so ein bisschen so ein Larifari-Tag von mir aus, guter Dinge, positiv gestimmt, gerne auch die Welt bereisen, weil man sucht natürlich immer auch

Inspiration. Aber ich glaube diese Inspiration ist überall zu finden, so lange Du mit wachen Augen durch die Welt läufst. Sich im Alltag nur inspirieren zu lassen, nur in so einem Flow zu sein, zwischendurch zu schreiben, am Klavier zu sitzen – was ich immer noch nicht beherrsche, aber so ein paar Akkorde sind durchaus schon möglich – und sich mal so treiben zu lassen und sich so wirklich in diese Künstler-Denke reinstürzen zu können, das wäre ideal. Ich bin jedoch immer noch so ein bisschen wirtschaftlich oder effizient unterwegs – was macht heute Sinn, wie bringe ich die Musik nach vorne,was sind die neuen Strategien. Davon würde ich gerne mehr ablassen, um wirklich nur Musikerin sein zu können.

Ist Social Media für Dich als Mittel wichtig?

(Lacht) Es ist verdammt wichtig, leider Gottes! Aber absolut nicht mein Tool! Ich weiß, dass es ein wichtiges Medium ist. Man muss es bedienen, aber macht wahrscheinlich erst dann Spaß, wenn man eben auch eine Crowd hinter sich hat, mit der man dann auch einfach kommunizieren kann, wo man auch Fragen stellen kann: Leute, was beschäftigt euch? Ich hab einen neuen Song, einen neuen Vers geschrieben, was macht das mit euch? Könnt ihr euch damit identifizieren? So was halt, wenn man das Medium nutzt, um wirklich im aktiven Austausch mit den Menschen da draußen zu sein.

Wie begegnet man Frauen im Musikbusiness?

Ich bin schon eine ganze Weile in diesem Game, aber ich bin noch nicht allzu tief eingestiegen, als dass ich jetzt von Touren sprechen kann, dass ich dort den Herren begegne… Aber ich glaube, dass bestimmt Dinge passiert sind, die mir nicht so aufgefallen sind, weil ich mich wahrscheinlich auch schon daran gewöhnt hab, als Frau in dieser Position zu sein. Was schwierig ist. Aber was ich tatsächlich festgestellt habe, dass ich doch sehr ambitioniert bin und echt auf die Tube drücke und wirklich Gas gebe. Vielleicht auch mal ein bisschen stresse. Neben mancher Anerkennung wird es gleichzeitig als negativ bewertet, also als anstrengend – die anstrengende, stressige Dame, die sich mal ein bisschen zurückhalten soll. Und das finde ich schwierig. Wenn ich ein Mann wäre, würde man sagen wow, ambitioniert der Typ, super cool, damit arbeiten wir jetzt, mal gucken was wir da noch so abschöpfen können. Und da stoße ich leider auf gegenteiliges Verhalten. Und das ist schwierig. Statt zu sagen wow, da möchte sich jemand den Arsch aufreißen, geil! Wir gehen damit und pushen das! Sonst kann ich nicht besonders viel dazu sagen, weil ich bisher nicht so intensiv in dieser Maschinerie gewesen bin. Aber wer weiß, was da noch auf mich zukommt, wenn es jetzt wirklich mal losgeht. Sachen, die mir durchaus begegnet sind: Oooch, mach mal langsam hier Mädchen, wir machen das schon! Ich habe ja echt so einige Musik-Videos produziert und hab auch dahingehend einfach Gas gegeben, um auch etwas vorlegen zu können. Auch um mich einfach kreativ darstellen zu können und auch um mich zu finden. Ich kreiere auch einfach gerne. Und tatsächlich war der Focus doch eher nicht auf der Gestaltung, kein super, Du hast hier alleine ein Musik-Video produziert und auf die Beine gestellt, Hammer, hast auch vor der Kamera gut performt, sondern es wurde eher gesagt hübsches Mädchen, siehst gut aus. Das ist es eher, was im Focus steht. Dass man darüber brilliert, diese eigentlich Arbeit dahinter, für die ich auch wertgeschätzt werden möchte und was für mich auch diesen Kunstaspekt hat und worüber ich mich halt auch ausdrücke, der kommt zu kurz und erfährt wenig Wertschätzung.

Woran liegt das, glaubst Du? Will man es Dir nicht zutrauen?

Ja, vielleicht traut man es einem nicht zu … Eine Bekannte sagte mal, hinter der Schönheit, einer Frau, sieht man nicht die Wahrheit. Also worum es ihr wirklich geht, will nicht erkannt werden. Oder man sieht nicht die eigentliche Emotion, die Intention oder die eigentliche Thematik, die einem wichtig ist und die man eigentlich nach außen bringen möchte. Dass die flöten geht. Und, ja, vielleicht vermutet man das auch nicht, dass auch frau durchaus in der Lage ist, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und das männliche Wesen dafür nicht braucht. Boah, schwierig!

Vielleicht stellst du aber auch durch Deine Größe, Präsens und Eigenständigkeit eine Bedrohung für die Männer aus der Musikindustrie dar? Die kann singen, schreibt ihre eigenen Text und produziert auch noch Videos …

Ja, wahrscheinlich besteht die Angst aus Label-Sicht, selbst etwas beitragen zu können, einen Stempel aufdrücken zu können. Die hat ihre eigenen Visionen und Ideen, die ist wohl schwer steuerbar …

Würdest du dich als schwer steuerbar beschreiben?

Überhaupt nicht! Ich höre mir alles an, denke darüber nach und nehme das auch gerne an und bau das auch liebend gerne ein. Klar, ich hab meine Grenzen und schau, wie ich damit arbeiten kann. Aber ich bin immer dafür, die Zusammenarbeit zu fördern, das finde ich ja geil, wenn Menschen zusammenkommen und sich kreativ austauschen können. Man befruchtet sich ja immer gegenseitig, das finde ich gut! Es ist dieser gegenseitige Austausch, dieses Pingpong!

Danke Annama

Styling: Daniel Blechman Hair+Make-Up: Kristina Heinisch

Video+Schnitt: Oskar Nehry

2.Kamera: Antonio Mayer

Art Direction: Jo4 Studio

Photograph: Stephan Ziehen

Danke an Henrike Heick und Tronje Thole van Ellen

Und der Stadt Elmshorn für die freundliche Unterstützung