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Amelie Char

Genau darum geht es: Awareness zu schaffen für
Geschichten, die gehört werden müssen.
Artist: Amelie Hennig | Words: Claudia Ippen
Anfang Juli bin ich mit Amelie Hennig zu einem Gespräch verabredet. Digital, denn sie ist
gerade in New York. Sie sitzt in einem Café, im Hintergrund läuft Musik und es entsteht
sofort eine entspannte Atmosphäre. Wir sprechen über Schauspiel, künstlerische Freiheit,
ihre aktuellen Projekte und warum sie gerade in den USA ist.
Amelie wirkt gelassen, selbstbewusst und ganz bei sich. Im Gespräch genauso wie mit dem
Weg, den sie eingeschlagen hat. Sie hat bereits in Kurzfilmen gespielt, war in
internationalen Produktionen zu sehen, schreibt an einem eigenen Projekt und übernimmt
bald eine Hauptrolle in einem Berliner Indie-Film. Auch das Theater zieht sie wieder stärker
an, sie sieht sich spielend, auf der Bühne.
Was mich besonders beeindruckt: Mit welcher Ruhe und Selbstverständlichkeit sie über
ihren Werdegang spricht. Souverän, reflektiert, dabei trotzdem nahbar, und das mit 27.
Vielleicht liegt es daran, dass sie diesen Traum schon lange verfolgt, viele Erfahrungen
gesammelt hat, im Positiven wie im Negativen, und immer drangeblieben ist.
Amelie scheint genau zu wissen, was sie will und vor allem auch, warum sie es will.
Cyte: Du bist in Regensburg geboren, lebst aber heute in Berlin. Lass uns doch hier starten.
Wie sehr bist du noch mit Regensburg verbunden und was schätzt du an Berlin?
Amelie: Ich bin in Regensburg geboren und dann nach Starnberg gezogen. Starnberg ist
eine kleine Stadt neben München, am Starnberger See. Dort habe ich gelebt, bis ich zehn
war, und bin dann mit meiner Mama nach Berlin gezogen und dort zur Schule gegangen. In
Starnberg und generell in Bayern aufzuwachsen war sehr begrenzt. Meine Mama hat mich
allein großgezogen, und das war dort manchmal schwierig. Es ist nicht unbedingt normal,
wenn man als „Zweierteam“ auftaucht. Ich bin sehr dankbar, dass wir nach Berlin gezogen
sind, weil es für mich genau richtig war, in einer Großstadt aufzuwachsen. Ich bin relativ
schnell erwachsen geworden, habe früh Verantwortung übernommen, und dafür bin ich
meiner Mutter sehr dankbar. Das hat sie auch für mich gemacht, und das schätze ich sehr.
Wenn ich alte Bekannte aus Starnberg treffe, fällt mir auf, wie unterschiedlich Lebenswege
verlaufen können, je nachdem wo und wie man aufwächst. Und auch mit welchen Themen
und Herausforderungen man sich auseinandersetzen muss, bevor man überhaupt erwachsen
ist.
Cyte: Da wird einem bestimmt auch bewusst, wie unterschiedlich offen oder verschlossen
Menschen sein können, abhängig vom sozialen Umfeld. Ich kann mir gut vorstellen, dass
das eine große Rolle spielt. Gibt es Einflüsse oder Lebensweisen aus deiner Heimat, sei es
aus Regensburg, Starnberg oder Berlin, die du ganz bewusst in deine Arbeit als
Schauspielerin einfließen lässt?

Amelie: Aus Starnberg nehme ich vielleicht vor allem das Gefühl von Freiheit mit, in dem
Sinne, dass ich heute nicht mehr dort bin. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das wirklich so
annehmen konnte. Mittlerweile verstehe ich, dass es okay ist, wenn sich Menschen
unterschiedlich entwickeln. Ich bin sehr dankbar, in einer Großstadt wie Berlin groß
geworden zu sein, anstatt in einer Kleinstadt. Auch wenn ich glaube, dass ich mich sowieso
in diese Richtung entwickelt hätte. Denn ich hatte schon früh das Bedürfnis,
auszubrechen. Was ich aus Berlin mitnehme ist das Gefühl, wirklich frei zu sein, mich
nicht in eine Schublade stecken zu lassen, mich so verhalten zu dürfen, wie ich möchte. Und
genau das hat mir meine Mama durch den Umzug ermöglicht.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man in einer Kleinstadt oft das Gefühl hat,
beobachtet zu werden. In Berlin dagegen ist man viel anonymer. Das gibt einem mehr
Raum, sich selbst auszuprobieren.
Amelie: Ja, du bewegst dich freier. In Starnberg habe ich sehr deutlich gespürt, dass viele
Menschen sich lieber in ihrem sicheren, gewohnten Umfeld aufhalten. In Berlin dagegen
prasseln unglaublich viele Einflüsse auf dich ein, auch harte. Man wird schnell mit der
Realität der Gesellschaft konfrontiert, nicht mit einer kleinen, heilen Welt.
Das lernt man auf eine andere, manchmal auch schmerzhafte Weise. Und ich glaube, genau
das hat stark dazu beigetragen, dass ich mich für die Schauspielerei entschieden habe und
dass ich den Mut hatte, einfach meinen eigenen Weg zu gehen.
Cyte: Das ist tatsächlich die perfekte Überleitung zu meiner nächsten Frage: Wie hat deine
Schauspielreise eigentlich begonnen? Hatte der Umzug nach Berlin damit zu tun? Ich habe
gelesen, dass du unter anderem an der Next Generation Schauspielschule warst, magst du
darüber erzählen?
Amelie: Meine Familie ist generell sehr sicherheitsliebend, viele arbeiten in der IT oder im
juristischen Bereich. Ich bin die Einzige in meiner Familie, die künstlerisch arbeitet. Das
war also etwas ganz Neues. Ich war während der Schulzeit schon sehr ambitioniert. Ich
wusste immer: Wenn ich etwas will, dann kriege ich das auch hin. Egal, was ist. Also habe
ich meinen Eltern gesagt: Es ist jetzt so. Ich werde das machen. Ich bin dann zur Next
Generation Schauspielschule gegangen, und dort habe ich zum ersten Mal erlebt: Ich kann
das wirklich. Ich bin gut darin. Das Feedback, das ich dort bekommen habe, war völlig neu
für mich. Vorher hatte ich so etwas nie gehört. Ich habe schon als Kind geschrieben und mit
meinen Freundinnen kleine Filme gedreht. Das war immer da, aber eben als Hobby. In
meiner Familie war das nie ein Beruf, den man sich ernsthaft hätte
vorstellen können. Nicht, weil sie es abgelehnt hätten oder mir etwas nicht
gegönnt hätten, sondern weil es für sie einfach total unrealistisch war, dass
jemand wirklich in diesem Beruf arbeitet.
Cyte: Gerade wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem „normale“ Berufe die Regel
sind, hat man oft gar keinen Kontakt zu so etwas. Wie war denn dann der Schritt an die
Schauspielschule? War das so ein Moment von: Ich will das jetzt einfach mal ausprobieren oder hat dich jemand angeschubst? Warst du eher schüchtern?
Amelie: Ich war extrem schüchtern. Aber der Impuls kam aus einem ganz tiefen
Bedürfnis. Ich wollte das unbedingt ausprobieren. Ich wusste nur nicht, wie. Ich
erinnere mich genau, wie ich am Küchentisch saß und bei der Schule angerufen habe. Ich
habe mit der Leiterin gesprochen und ihr gesagt, dass ich das gerne machen würde, obwohl
ich keinerlei Erfahrung hatte und nicht wusste, ob ich das überhaupt kann. Und sie war
unglaublich freundlich, hat gelacht und gesagt, dass alle willkommen sind, dass man keine
zehn Jahre Erfahrung braucht, um mitzumachen. Ich habe dann mit meinen Eltern geredet
und ihnen gesagt: Ich möchte das machen. Der Impuls kam ganz allein von mir. Es war das
erste Mal, dass ich wirklich auf mich selbst gehört habe und etwas getan habe nur weil ich
es wollte. Und nicht weil jemand anderes es gesagt hat. Ich glaube, genau deshalb
war dieser Schritt auch so kraftvoll: weil er wirklich aus mir selbst kam.
Cyte: Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde: Das ist mein Weg?
Amelie: Ja, das war während meiner Zeit an der Schauspielschule. Plötzlich habe ich
realisiert: Ich beschäftige mich gerade ernsthaft mit dem Gedanken, Schauspielerin zu
werden. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das funktioniert, das war für mich eine
völlig fremde Welt. Ich wusste nur: Es macht mir Spaß. Und ich wusste auch, dass ich gut
darin bin. Aber ich hatte keinen Plan, wie man in diesen Beruf überhaupt reinkommt, es
wirkte alles völlig surreal. Und dann hat meine Schauspiellehrerin Ines Bartholomäus, die
auch heute noch mein Coach ist, eine ganz tolle Frau, zu mir gesagt: Du solltest dich mal
bei Agenturen vorstellen. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir klar wurde: Wow,
das könnte wirklich was werden. Und von da an bin ich losgezogen und seitdem gehe ich
diesen Weg.
Cyte: Es geht ja nicht nur darum, was man kann, sondern, wie du eben gesagt hast, auch
darum, dass das wirklich ein Lebensweg sein kann. Dass man davon leben kann, dass es
tatsächlich ein Beruf ist, den man ergreifen kann.
Amelie: Ja, aber es ist eben auch ein Weg, den man nicht einfach allein geht. Du brauchst
Unterstützung, weil es eine kleine, ziemlich geschlossene Branche ist. Da kommst du nicht
einfach so rein. Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Ich glaube, heute ist das
vielleicht ein bisschen anders, aber damals hat sich das alles noch sehr viel abgeschlossener
angefühlt.
Cyte: Das heißt, ohne die Unterstützung von Ines wäre es vielleicht ganz anders
gekommen, oder auch gar nicht erst passiert? War das so eine Art Schlüsselmoment für
dich? Oder meinst du die Zeit in New York und später in London (Anm. d. Red: Amelie
studiert 2025 am Giles Forman Centre For Acting in London)? Spielt das alles mit rein?
Amelie: Ja, definitiv. Ich habe mich damals für Kurzfilme beworben und wurde auch viel
gebucht. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Dieses Gefühl: Du machst etwas, das
andere Menschen berührt. Du bist jemand, mit dem andere arbeiten wollen. Ich habe mich
dann auch bei Schauspielschulen in Deutschland beworben, aber es war irgendwie nie die
richtige Zeit für mich. Ich habe viele Absagen bekommen. So ist das eben auf diesem Weg.
Genauso wie du positives Feedback bekommst, bekommst du auch sehr
viel Gegenwind. Da musst du durch. Mit 22 bin ich dann nach New York
gegangen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass der traditionelle Weg in
Deutschland mit klassischer Schauspielschule für mich nicht passt. New
York war im Rückblick die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ines
hat mir am Anfang definitiv einen wichtigen Anstoß gegeben. Aber es geht nicht nur
um diesen einen Moment, sondern darum, dranzubleiben. Bis heute. Man
muss immer weitermachen, Schritt für Schritt und nach vorne schauen, auch wenn es
schwierig wird. Es gibt immer neue Etappen, auf die man hinarbeitet, und man darf sich von
Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Ohne diesen inneren Antrieb funktioniert
es nicht.
Cyte: Warum, glaubst du, hat es in Deutschland so gehakt? Und was war dann anders in
den USA?
Amelie: Gute Frage. Ich war 19, als ich hier in Deutschland vorgesprochen habe. Ich war
total jung und total unsicher. Ich habe mich damals nicht getraut, meinen Impulsen zu
folgen. Vielleicht wurde ich auch nicht richtig geleitet in den Vorsprechen. Das kann auch
passieren. Nicht, weil die Dozent:innen schlecht gewesen wären, sondern weil es einfach
nicht gepasst hat. Manchmal ist das eben auch ein Zeichen. Natürlich war ich traurig. Mein
Herz war gebrochen. Aber im Nachhinein war es gut so. In New York wurde ich gesehen
und auch gewollt. Die wollten, dass ich dort studiere. Und dadurch habe ich eine
Ausbildung bekommen, die genau zu mir gepasst hat. Die wussten, wie sie mit mir
arbeiten wollten und warum.
Cyte: War New York also so eine Art Befreiungsschlag für dich?
Amelie: Ja, absolut. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.
Cyte: Was war rückblickend der größte Hebel für dich in New York?
Amelie: New York war wie Disneyland, jeden Tag aufregend. Ich war Anfang 20, alles war
möglich, und ich hatte keine Verantwortung. Ich habe Kurzfilme gedreht, Theater
gespielt, war viel mit Freunden unterwegs. Ich hatte nur einen kleinen
Koffer und einen Rucksack – alles andere war irgendwie egal. Es war wie eine
Wolke, auf der wir alle schwebten. Und dann kam Corona. Und mit Corona auch die
Realität. New York war wunderschön, aber irgendwann musste ich aus diesem Traum
aufwachen. Als Deutsche darf man dort nicht einfach arbeiten, also war klar: Ich muss
zurück. Aber ich habe so viel gelernt und das konnte ich in Berlin einbringen und damit den
nächsten Schritt machen. Ich habe dann wirklich tolle Jobs bekommen, auch durch den
Boom von Streaming und internationalen Projekten. Ein echtes Highlight war The Tattooist
of Auschwitz und die RTL+-Serie Gute Freunde. Allein die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Charaktere zu spielen und verschiedene Rollen auszuprobieren, war total
bereichernd. Das, was ich gelernt hatte, endlich anwenden zu können, das
war großartig. Aber es hat auch drei Jahre gedauert, bis das in Deutschland so richtig ins
Rollen kam. Und dann kam London. Das ist wieder ganz anders als damals New York. Da
war ich einfach noch viel jünger. Jetzt, noch einmal ins Ausland zu gehen, mit mehr Reife
und Erfahrung, ist eine völlig neue Art des Lernens.
Cyte: Klar, du bist älter, hast mehr Erfahrung, bringst mehr Tiefe mit. Ich kann mir
vorstellen, dass New York damals total unbeschwert war und dass es jetzt ernster, bewusster
ist, oder?
Amelie: Absolut. Schauspielerei ist ja ein ständiger Prozess: Wach bleiben,
wachsen, sich selbst und die Figuren hinterfragen. Es ist fast wie eine Art
Therapie, weil du ständig reflektierst und analysierst. Und je älter man wird,
desto tiefer wird dieser Prozess. Das habe ich in London stark gespürt: wie weit ich heute
gehen kann im Vergleich zu damals. Und wie sehr ich mich inzwischen öffnen kann. Da ist
heute viel mehr möglich als damals in New York.
Cyte: In der letzten Folge von The Tattooist of Auschwitz spielst du eine Schlüsselfigur, die
den Handlungsbogen noch einmal stark prägt. Das stelle ich mir mental ziemlich
herausfordernd vor, gerade bei so einem schweren Thema. Du hast ja eben auch gesagt:
Man geht tief rein. Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet – mental und
schauspielerisch?
Amelie: Das war alles sehr kurzfristig. Ich wurde erst zwei Wochen vorher besetzt.
Normalerweise weiß man sowas Monate im Voraus. Ich glaube aber, für die Rolle war das
sogar gut. Ich hatte trotzdem genug Zeit, um mich mit der Regie und auch unserer Intimacy
Coordinatorin auszutauschen. Dabei sind viele Fragen aufgekommen, die ich stellen und
klären konnte. Was historische Rollen so herausfordernd macht, ist die komplett andere
Lebenswirklichkeit. Diese Einfachheit, mit der damals gelebt wurde. Heute haben wir
ständig neue Eindrücke, wollen immer mehr. Dagegen standen damals ganz andere Themen
und Traumata im Vordergrund, und viele davon wurden gar nicht offen angesprochen, wie
es heute der Fall ist. Meine Figur prostituiert sich, um zu überleben. Sie entscheidet sich
ganz bewusst für diese Arbeit. Für mich war die größte Frage: Wie viel fühlt man da? Wie
viel Bewusstsein hat ein junges Mädchen in dieser Situation? Und wie zeigt man das?
Gerade als junge Frau war das sehr nah an mir dran.
Cyte: War da eher Neugierde in dir? Also das Interesse, dich dieser Frage zu stellen? Oder
hat dich das auch belastet? Immerhin gehst du da emotional sehr tief rein.
Amelie: Auf jeden Fall. Genau das ist ja das Spannungsfeld beim Schauspiel: Wie viel lässt
man an sich ran? Und wie viel muss man auch wieder loslassen? Ich bin sehr nah an
meinen eigenen Emotionen. Das ist als Schauspielerin extrem wichtig. Man
muss fühlen. Aber eben auch loslassen können. Für mich war es wichtig, diese Figur nicht als Opfer zu zeigen. Sie trifft eine Entscheidung, um zu überleben. Das macht
sie stark. Ich wollte zeigen: Sie ist nicht schwach. Sie ist pur, gutherzig, und kämpft für
sich.
Das Ganze war emotional sehr intensiv, aber auch schön, weil ich diese Figur so sehr mit
Leben füllen durfte. Für mich fühlt sich das an, als hätte ich eine weiße
Leinwand komplett bemalt. Und jetzt kann ich sie wieder wegstellen. Aber sie bleibt
trotzdem da. Ich bin stolz, dass ich ihre Geschichte erzählen durfte. Genau darum geht
es: Awareness zu schaffen für Geschichten, die gehört werden müssen.
Cyte: Das bringt mich auch gleich zu meiner nächsten Frage: The Austrian Case ist
thematisch ganz anders. Trotzdem werden auch dort reale Personen und tatsächliche
Ereignisse dargestellt. Es geht um die Geschichte des österreichischen Mörders Unterweger.
Du spielst Margret Schäfer, die von ihm entführt und ermordet wurde. Ich kann mir
vorstellen, dass es nicht immer einfach ist, die Balance zu finden zwischen der
Verantwortung gegenüber der realen Person und den historischen Ereignissen einerseits,
und deiner künstlerischen Freiheit, die Figur und dich selbst darin einzubringen,
andererseits. Wie gelingt dir diese Balance?
Amelie: Ja, ich glaube, das Wichtigste war, dass ich sehr eng mit der Regie
zusammenarbeiten konnte. Kirsten Brandt, die Regisseurin, ist auch sehr jung, was toll war.
Wir haben viel besprochen: Wie nah wollen wir an der Realität bleiben? Wie viel Freiheit
habe ich als Schauspielerin? Die Dreharbeiten waren sehr intensiv, mit vielen Gesprächen
und viel Raum, die Lücken zu füllen. Viele Szenen zeigen Margret im Auto, wo ihr klar
wird, dass es bald vorbei sein wird. Das ist so eine absurde Situation, die man sich kaum
vorstellen kann. Da greift man auf das zurück, was man an Schauspieltechnik gelernt hat:
viel Methode, um sich gut einzufühlen, aber eben auch, um das Erlebte danach wieder
loslassen zu können. Trotzdem bewegt einen das sehr. Nach so einem Dreh bin
ich oft noch zwei, drei Tage in einer ganz anderen Stimmung.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich danach leer fühlt, auch weil man so viel
von sich reingegeben hat.
Amelie: Genau. Aber das ist auch schön so. Wenn mich das nicht berühren würde, wäre das
nicht gut. Je mehr ich fühle und mich einbringe, desto besser kann ich die Rolle erzählen
und desto besser geht es mir danach auch damit. Ich sehe diese Leere auch nicht als etwas
negatives, sondern als ein Zeichen, dass ich wirklich alles gegeben habe, um Margret eine
Stimme zu geben und ihre Geschichte weiterzuerzählen – eine Geschichte, die leider zu früh
zu Ende ging und die nicht so hätte enden sollen. Ähnlich war das bei Christel (Anm. d.
Red.: Amelies Rolle in The Tattooist of Auschwitz). Und genau das finde ich so
schön an der Schauspielerei, dass wir das machen und solche Geschichten
erzählen können.
Cyte: So ein Gefühl kann einen mit Sicherheit auch tragen, ist aber bestimmt auch sehr
anstrengend. Ich habe mich gefragt, ob du vorher mit Margrets Familie gesprochen hast? Amelie: Leider nicht. Ich weiß, dass das bei großen Hollywood-Produktionen manchmal
gemacht wird, bei uns war das nicht der Fall. Es ist ja auch ein sehr sensibles Thema, und
man weiß nie, wie die Familie damit umgeht. Ich habe mich aber intensiv mit Margret als
Person beschäftigt. Es gibt nicht sehr viele Informationen über sie, denn sie war eines von
vielen Opfern. Da hat man als Schauspielerin dann auch die Freiheit, die
Figur mit Leben zu füllen, ihre Biografie auszuschreiben und sich zu
überlegen, wer sie gewesen sein könnte. Das ist auch schön und
bereichernd.
Cyte: Du hast eben Gute Freunde erwähnt – magst du dazu auch noch ein paar Worte
sagen? Das ist ja wieder ein ganz anderes Projekt als The Austrian Case oder The Tattooist
of Auschwitz.
Amelie: Das war ein Projekt, bei dem wir unglaublich viel gelacht haben. Ich hatte wirklich
Glück, die Chemie mit meinem Spielpartner war toll, das hat natürlich vieles erleichtert.
Auch das ganze Team war super. Es war einfach eine sehr besondere, schöne Zeit mit viel
Witz, Leichtigkeit und Freiheit. Wir durften improvisieren, viel ausprobieren
und uns selbst nicht allzu ernst nehmen. Und genau das ist manchmal das
Schönste an einem Projekt: Wenn man mit dem Gefühl reingehen kann,
einfach spielen zu dürfen. David (Anm. d. Red.: David Dietl, der Sohn des bekannten
deutschen Regisseurs Helmut Dietl, hat Regie geführt) hat uns diesen Raum gegeben, er hat
uns vertraut und uns machen lassen. Das war ein riesiges Geschenk. Und es war definitiv
ein Projekt, das mir noch einmal bestätigt hat: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Cyte: Ich stelle mir Improvisation gar nicht so leicht vor. Man braucht ja auch eine gewisse
Chemie, um sich überhaupt öffnen zu können. Aber du liebst das, oder? Dieses
Ausprobieren, die Freiheit, das ist etwas, das du sehr schätzt.
Amelie: Total. Ich glaube, das kommt mit der Zeit, wenn man beginnt, sich in den eigenen
Impulsen wohlzufühlen. Dann entsteht Vertrauen in dich selbst, und damit
auch der Raum, mutig zu sein und Dinge auszuprobieren, selbst wenn mal
etwas völlig daneben geht. Deshalb lieben wir Schauspieler:innen die
Schauspielschule auch so sehr. Es ist der eine Ort, an dem man wirklich frei
experimentieren darf. Im Berufsalltag ist das oft schwieriger. Da geht es oft darum, „richtig“
zu sein, zu funktionieren, bewertet zu werden. Und das ist auch okay. Aber je mehr man
sich beim Drehen diese Freiheit bewahren kann, desto lebendiger wird das Spiel und desto
besser funktioniert es. Wir sind ja auch einfach nur Menschen. Und je freier ich bin, desto
mehr kann ich geben. Improvisation ist für mich eine wunderbare Möglichkeit,
mich auszudrücken. Es geht vor allem darum, im Moment zu sein, echt zu
sein, nicht zu spielen, nichts zu erzwingen.
Cyte: Das kam bei dir auch genauso rüber. Improvisation als das Gegenteil von „etwas
erzwingen“, nämlich: im Fluss zu bleiben, spielerisch zu sein. Und das bringt ja auch oft mehr Leichtigkeit und Natürlichkeit mit sich.
Amelie: Absolut. Ich dachte lange, ich kann das, also improvisieren. Aber wenn man dann
wirklich mal einen Impro-Kurs macht, merkt man, wie komplex es ist. Und gleichzeitig
ist es auch das Freiste, was man in diesem Beruf machen kann. Das ist
einfach schön.
Cyte: Lass uns von deinen vergangenen Projekten ins Hier und Jetzt kommen. Was steht
bei dir aktuell an? Ist der Sommer für dich eher eine Pause? Machst du gerade Urlaub in
New York? Oder arbeitest du an neuen Projekten? Kannst du da schon ein bisschen
verraten?
Amelie: Gerade stehen zwei tolle Dinge an, die für mich einen großen nächsten Schritt
bedeuten. Zum einen habe ich eine eigene Serie geschrieben, die ich aktuell pitche. Genau
deswegen bin ich auch hier in New York. Es ist total aufregend. Und dann drehe ich Ende
des Jahres meinen ersten Indie-Film in einer Hauptrolle. Das ist für mich etwas ganz
Besonderes, weil ich an einem Punkt bin, an dem ich solche Projekte überhaupt machen
kann. Und weil es ein Film ist, der in einem jungen Team entsteht, aus
einem echten künstlerischen Impuls heraus. Wir entwickeln das
gemeinsam, unterstützen uns gegenseitig.Das fühlt sich einfach richtig an.
Ich freue mich sehr darauf.
Cyte: Das klingt nach zwei echten Herzensprojekten. War das Schreiben schon immer
etwas, das dich interessiert hat? Oder kam das eher spontan?
Amelie: Ich habe als Kind viel geschrieben. Irgendwann habe ich aber aufgehört, wirklich
daran zu glauben, dass ich das kann. Als Schauspielerin ist man ja sehr viel mit Geschichten
beschäftigt, mit Figuren. Und nach Jahren, in denen ich viele Drehbücher gelesen habe,
habe ich angefangen zu verstehen, was Schreiben für mich bedeutet und welche Figuren ich
erzählen möchte. Also habe ich es einfach ausprobiert. So ein bisschen wie
beim Schauspiel: Ich bin reingesprungen und habe gesagt, ich mach das
jetzt einfach.
Cyte: Das ist ja oft der beste Weg. Vor allem auch bei dir. Du hast eben gesagt „wir“ –
machst du das Projekt mit jemandem zusammen?
Amelie: Ja, mit meiner Kollegin Luise Großmann. Wir haben das gemeinsam geschrieben
und sind jetzt auch zusammen hier, um es zu pitchen. Das ist definitiv nochmal eine neue
Herausforderung.
Cyte: Wie kann ich mir das vorstellen? Wie läuft so ein Pitch ab?
Amelie: Der Schreibprozess ist natürlich erstmal sehr geschützt und privat. Aber
irgendwann kommt der Punkt, an dem man das Projekt vorstellen muss und das ist eine
Seite, die ich vorher nicht kannte. Jetzt geht es darum, selbst aktiv zu werden und den
nächsten Schritt zu machen als Produzentin, als Creatorin. Das war erstmal nicht leicht, ist
aber total wichtig.
Cyte: Dann ist es bestimmt auch schön und hilfreich, das gemeinsam mit jemandem zu
machen.
Amelie: Ich bin sehr froh darüber. Wir können uns die Arbeit teilen. Und auch die
Frustration, falls es Absagen gibt. Es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn man etwas so
Eigenes und Persönliches rausgibt. Aber genauso schön ist es dann, sich auch über die
Erfolge gemeinsam zu freuen.
Cyte: Unbedingt! Ich drücke euch die Daumen, das klingt alles sehr aufregend. Magst du
noch etwas zu deinem anderen Projekt, dem Indie-Film, erzählen? Worum geht es da?
Amelie: Ich kann zumindest eine grobe Outline geben. Es ist ein sehr intensiver Film mit
einer sehr komplexen und widersprüchlichen Figur, die ich spiele. Genau das interessiert
mich. Ich darf vielschichtig arbeiten und ganz in diese Figur eintauchen, was für mich auch
ein Lernprozess ist. Der Film erzählt drei verschiedene Geschichten, die sich immer wieder
begegnen, aber dennoch eigenständig bleiben. Ich spiele in einer dieser Geschichten. Das
Ganze ist sehr „Berlin“ und auch ein bisschen provokant, worauf ich mich sehr freue. Mehr
darf ich aber leider noch nicht erzählen.
Cyte: Klingt spannend! Gibt es sonst noch ein Buch, eine wahre Geschichte oder eine
Figur, die dich so nachhaltig beeindruckt hat, dass du sagst: Das will ich irgendwann
unbedingt mal auf die Leinwand bringen?
Amelie: Oh ja, auf jeden Fall. Ich will dazu jetzt nur nicht zu viel sagen. Man weiß ja nie,
ob man es später doch macht. Aber ich habe viele eigene Geschichten, die ich angefangen
habe – aus meinem Leben, aus meiner Familie, meiner Zeit in New York. Ich lese gerade
auch wieder viele Theaterstücke. Das ist ganz toll. Das bringt mich gerade zurück zu meiner
Theaterliebe und besonders zu Stücken, die tief gehen und Figuren in Beziehungen zeigen.
Ich liebe Partnergeschichten und auch den Humor dahinter.
Cyte: Das Thema Theater schneide ich jetzt auch bei den Quickie-Fragen an – das habe ich
mich nämlich auch schon gefragt. Lass uns starten: ich stelle dir ein paar schnelle Fragen,
antworte bitte ganz spontan und denk am besten nicht zu viel drüber nach.
Was macht dich glücklich?
Freiheit.
Was macht dich richtig sauer?
Ungerechtigkeit.

Wie entspannst du dich am besten?
Musik.
Was würde deine engste Freundin über dich sagen?
Sie hat vorhin zu mir gesagt, ich sei der merkwürdigste Mensch, den sie kennt – im besten
Sinne. Ein Mix aus Purheit und etwas Seltsamen. Und dass ich das auch offen zeige. Wir
haben darüber gesprochen, wie wir auf andere wirken. Ich glaube, mein Wunsch ist es
einfach, immer authentisch zu sein.
Was war dein bisher größtes Abenteuer?
New York, meine Schauspielzeit dort.
Was wärst du geworden, wenn Schauspielerei keine Option gewesen wäre?
Ich glaube, dann hätte ich angefangen zu schreiben.
Film, Fernsehen oder Theater – was liegt dir am meisten? Wo siehst du deinen
Schwerpunkt oder auch deine Leidenschaft?
Beim Film. Das kenn ich am meisten, da bin ich Zuhause. Aber Theater ist auf jeden Fall
etwas, wo ich gerne noch mehr machen möchte.
Schreibend oder spielend?
Spielend, auf der Bühne.
Was ist deine eigene Quickie-Frage an dich?
Vielleicht: Sicherheit oder ins Ungewisse, ins Risiko, aufbrechen?
Und deine Antwort?
Risiko. Ich glaube, ich entscheide mich ganz aktiv bei allem, was ich tue, für das Risiko. In
meiner Familie habe ich gesehen, was es bedeutet, den sicheren Weg zu wählen. Ich weiß
ziemlich genau, wo ich hinwill und wo nicht. Ich vertraue mir selbst. Und ich weiß,
dass sich das Risiko am Ende lohnt.
Cyte: Was für ein schöner und passender Abschluss. Vielen lieben Dank für unser
Gespräch!

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Jana McKinnon

„Ich möchte gerne auch mal eine Frau spielen, die ein Arschloch ist oder eine Antagonistin. Eine Rolle, die nicht dem entspricht, was man von einer Frau erwartet.“

Actress: Jana McKinnon Words: Claudia Ippen

Wir treffen uns in der alten Maggi-Fabrik in Charlottenburg. Draußen ist es grau und eigentlich viel zu warm für einen Berliner Wintertag. Drinnen sitzen Jana und ich uns in grünen Samtsesseln gemütlich bei einem Kaffee gegenüber. Jana steht schon seit ihrer Kindheit vor der Kamera und hat in den letzten Jahren viele unterschiedliche und mitreißende Rollen gespielt. Nicht umsonst wurde sie bereits mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Vielen – so auch mir – ist Jana aus der Amazon-Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo bekannt, und aus Kim Franks Filmdebüt Wach. Wir sprechen über ihre österreichisch-australischen Wurzeln, ihre aktuellen Projekte, das Miteinander am Set, aber auch über Female Enpowerment und darüber, was ihr bei der Darstellung von Frauenfiguren besonders wichtig ist. Jana wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend, sie antwortet bedacht aber sehr offen. Ich habe den Eindruck, dass sie genau weiß, was sie will, sich aber auch immer wieder inspirieren lässt von Anderen. Sie überrascht mich, als sie von ihrer neuen Leidenschaft fürs Weightlifting erzählt. Im Laufe unseres Gesprächs sagt sie: Ich glaube, da wird noch etwas Spannendes passieren. Und genau das glaube ich auch. Ich freue mich schon drauf!

CYTE: Du bist in Österreich und Australien aufgewachsen. Die beiden Länder scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Gibt es bestimmte Aspekte der jeweiligen Kultur, die dir besonders gefallen oder die du als herausfordernd empfindest?

Jana: Ich habe als Kind ein paar Jahre in Australien verbracht, aber ich war meine gesamte Schulzeit in Österreich. Mit dem Geld meines ersten bezahlten Filmprojekts habe ich mir dann ein Flugticket nach Australien gekauft, da war ich so fünfzehn oder sechzehn. Ich habe damals ganz viel Zeit mit meinem Opa verbracht, bin gereist und habe das Land nochmal neu kennengelernt. Ab dann war ich alle paar Jahre für einige Monate dort. In den letzten dreieinhalb Jahren war es dann umgekehrt, ich habe überwiegend Zeit in Australien verbracht und war in Europa zum Arbeiten. Ursprünglich bin ich aus familiären Gründen nach Australien gereist, um Zeit mit meinem Opa zu verbringen, der damals im Sterben lag. Und dann bin ich irgendwie dort geblieben, ich fand es einfach wahnsinnig schön, dort zu sein. Ich hatte außerdem die Möglichkeit, in Australien ein tolles Projekt zu machen und zu drehen. Und so hat sich das irgendwie alles ergeben.

CYTE: Was schätzt du an dem Leben und den Menschen dort, privat oder auch beruflich?

Jana: Beide Länder, sowohl Australien als auch Österreich, sind sehr gemütlich. Zeit und Pünktlichkeit sind nicht so wichtig. Vieles funktioniert pi mal Daumen. Das kommt mir sehr entgegen, denn ich tu mich schwer mit Pünktlichkeit. Zeitmanagement ist so gar nicht meins. In Australien sind die Menschen im Arbeitskontext extrem professionell. Das fällt mir wirklich immer auf. Am Set sind sie große Crew-Strukturen gewöhnt. Es werden dort viele Hollywoodfilme und ausländische Produktionen gedreht, sie sind dort den ganzen Trubel also gewohnt. Das ist ein großer Unterschied zu Österreich und Deutschland. Alles ist größer.

CYTE: Auch die Budgets?

Jana: Das ist das interessante, denn im Verhältnis sind die Budgets dort gar nicht so viel größer. In Australien leben ja nur rund 25 Millionen Menschen. Eigentlich ist das ein sehr kleines Land mit einer kleinen Filmindustrie. So viele australische Produktionen gibt es da auch gar nicht, anders als zum Beispiel in Deutschland. Aber sie haben eben sehr viele ausländische Produktionen, das macht das ganze so professionell.
Grundsätzlich sind die Australier einfach wahnsinnig freundlich und herzlich. Es gibt schon auch diesen chit chat, den man aus den USA kennt, aber hier ist er tatsächlich ernst gemeint. Wenn dich Leute nach deinem Wochenende fragen, dann wollen sie das auch wirklich wissen. In Australien gibt es eine Art von Freundlichkeit, die mir in Europa manchmal fehlt. Ich fände es schön, wenn das hier etwas verbreiteter wäre. Ich versuche daher auch, diese Freundlichkeit selbst mitzunehmen in neue Begegnungen.

CYTE: Du bedienst dich also an dem Positiven aus den verschiedenen Welten und lässt das in dein eigenes Leben einfließen – das finde ich eine schöne Lösung. Welches Land würdest du als deine Heimat bezeichnen? Österreich, weil du dort aufgewachsen bist? Oder Australien, weil du prägende Jahre dort verbracht hast?

Jana: Meine Eltern kommen aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten. Ich fühle mich dadurch nirgendwo so richtig zuhause. Ich befinde mich irgendwo dazwischen. Wenn ich in Australien bin, dann fühle ich mich sehr europäisch. Wenn ich aber hier bin, dann fühle ich mich nicht mehr ganz so europäisch. Das ist eine seltsame Zwischenwelt, in der man sich bewegt. Und die auch manchmal zu absurden Situationen führt. In Australien spreche ich wie alle anderen und höre mich wie alle anderen an. Die Menschen denken also, ich bin genauso kulturell aufgewachsen wie sie. Ich kenne aber zum Beispiel wichtige Personen oder Ereignisse aus der australischen Popkultur nicht. Dann wirkt es manchmal so, als würde ich hinterm Mond leben. Mir fehlt dieses Wissen einfach.

CYTE: Stört dich das sehr? Oder kannst du diese Zwischenwelt auch genießen?

Jana: Ich finde es schön, dass ich beide Kulturen in mir trage. Ich habe verschiedene Werte vermittelt bekommen und kann mir herauspicken, was mir davon persönlich wichtig ist. Gleichzeitig ist es aber auch manchmal traurig, da ich nie meine Liebsten an einem Fleck zusammen haben kann. Ich vermisse meine Freunde, Freundinnen und meine Familie in Australien sehr. Man kann nicht einfach mal schnell für zwei Wochen dahin fliegen. Australien ist einfach sehr weit weg.

CYTE: Helfen dir deine österreichisch-australischen Wurzeln bei deiner Arbeit als Schauspielerin?

Jana: Ich war immer schon sehr viel unterwegs, auch als Kind. Beim Drehen ist man plötzlich für längere Zeit, ein paar Wochen oder Monate, an einem völlig neuen Ort und muss sich erst einmal zurechtfinden. Die Skills, die man dafür braucht, diese Offenheit für neue Orte und Menschen, konnte ich mir durch meine Kindheit, in der ich viel hin und her gereist bin, mit meinen Eltern und später allein, aneignen.

CYTE: Ich habe gelesen, dass du eher zufällig zur Schauspielerei gekommen bist. Du hast als Kind in den Kurzfilmen von einer Freundin deiner Mutter mitgewirkt. Was hat dich in deiner Anfangszeit in der Branche am meisten überrascht?

Jana: Gute Frage. Ich habe sehr früh mit der Schauspielerei angefangen, mit fünf Jahren. Mir war ganz lange nicht klar, dass das ein Beruf ist. Vor meinem ersten bezahlten Projekt mit fünfzehn, wusste ich nicht, dass man damit auch Geld verdienen kann. Mir war einfach nicht bewusst, dass die Schauspielerei ein Lebensweg oder eine Karriere sein kann. Für mich war das etwas, das ich in den Schulferien gemacht habe, weil ich Spaß daran hatte. Das war dann eine riesige Überraschung! Ich hatte dadurch aber auch keine Erwartungen an die Branche oder ans Filmemachen. Ich kam von einem Projekt zum nächsten und habe mich treiben lassen.

CYTE: Gibt es etwas, das dich heute daran noch überrascht?

Jana: Mich überrascht immer wieder, wie viele tolle Geschichten es noch zu erzählen gibt. Es gibt noch so viel zu erforschen, so viele Welten, die man noch erzählen und erschaffen kann.

CYTE: Das Gefühl kann ich absolut teilen. Wir kommen gleich auch nochmal darauf zurück. Vorher aber würde ich gerne noch wissen, was dein Aha-Moment war, in dem du wusstest, dass dies deine Leidenschaft ist und du das weiter machen möchtest?

Jana: Ich hatte mit siebzehn eine Phase, in der ich nichts mehr von der Schauspielerei wissen wollte. Sie hatte mich von Anfang an begleitet, und ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich gar nicht wirklich weiß, worauf ich sonst Lust habe, was ich vielleicht sogar auch lieber machen wollen würde. Ich habe mich dann entschieden, die Schauspielerei zu lassen und etwas zu studieren. Das hat nicht besonders gut funktioniert. (lacht)

CYTE: Welches Studium hast du begonnen?

Jana: Ich habe mir sehr kurz eingebildet, Romanistik studieren zu wollen. Und dann nebenbei auch in einem Café gearbeitet. Ich habe, wie viele andere, nach der Matura bzw. dem Abi gejobbt und überlegt, wo es für mich hingehen könnte. Von Film wollte ich zu der Zeit eigentlich gar nichts wissen. Der Film Wach von Kim Frank hat das geändert. Ich hatte damals noch keine Agentur. Kim hat mich irgendwie über irgendwelche gemeinsamen Kontakte gefunden und mir das Drehbuch zugeschickt. Ich habe es zwischendurch während meines Jobs im Café gelesen und konnte es nicht mehr weglegen. Da hat’s mich wieder gepackt. Der Dreh war dann auch eine sehr besondere Erfahrung. Es war mein erstes deutsches Projekt und ich musste dafür einen deutschen Akzent lernen. Kim hat an mich geglaubt und mir – ehrlich gesagt – auch ab und an einen Arschtritt verpasst. Für mich war das eine wichtige Erfahrung und Kim hat meine Arbeitseinstellung sehr geprägt. Davor war ich eine Kinderdarstellerin und es gewohnt, dass mir alles aufbereitet und angesagt wird. Wenn du dann aber erwachsen bist, macht das niemand mehr für dich. Das hatte ich irgendwie gar nicht so auf dem Schirm. Anfangs hatte ich mit dem deutschen Akzent meine Probleme. Kim hat mir zu verstehen gegeben, dass wir den Film nicht drehen können, wenn ich meine Arbeit nicht richtig mache. Er sagte zu mir, dass er mir mit dem Akzent nicht helfen könne und auch kein anderer das für mich machen kann, dass ich dafür allein verantwortlich bin. Das klingt jetzt so simpel, aber für mich war das damals eine Offenbarung. Es war das erste Mal, dass sich Regie und Drehbuch nicht an mich angepasst haben, sondern umgekehrt. Das hat meine Einstellung zum Filmemachen verändert. Und dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe zum ersten Mal ein ganzes Drehbuch auswendig gelernt und habe mich sehr stark an den Text gehalten. Ich habe das erste Mal so richtig diese Arbeit gemacht. Und das war super wichtig.

CYTE: Also war das für dich der Beginn der „erwachsenen“ Schauspielerei?

Jana: Auf jeden Fall! Danach habe ich mir eine Agentur gesucht und zum ersten Mal aus mir heraus die nächsten Schritte gesetzt, um weiterzumachen.

CYTE: Was liebst du an der Schauspielerei? Oder anders gefragt, was inspiriert und motiviert dich daran?

Jana: Das hört man wahrscheinlich immer bei dieser Frage. Aber dieses Gefühl ist sehr besonders, gemeinsam mit anderen Welten zu erschaffen, diese zu betreten und gemeinsam an diese zu glauben. Was ich am meisten daran liebe, sind die Kollaborationen. Niemand kann einen Film alleine machen, man muss mit anderen zusammenarbeiten. Und die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, haben so viel Wissen und Können. Es ist einfach wahnsinnig inspirierend, am Set zu stehen und den Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Arbeit machen. Eigentlich liebe ich das am meisten.

CYTE: Lernst du aus jeder Produktion etwas Neues?

Jana: Auf jeden Fall!

CYTE: Lass uns ein bisschen über deine Projekte sprechen. Du hast in der zweiten Staffel der australischen Serie Black Snow mitgewirkt. Kannst du uns etwas über deine Rolle erzählen?

Jana: In der ersten Staffel sehen wir den Detektiv James Cormack, der einen Vermisstenfall löst. In der zweiten Staffel ist meine Rolle, Zoe, die vermisste Person. Ihr Verschwinden ist zwanzig Jahre her, aber es wird ein neues Beweisstück gefunden, so dass ihr Fall wieder neu aufgemacht wird. Cormack ermittelt in ihrer Heimatstadt und früheren Community, und geht den verschiedenen Verstrickungen nach, die sowohl politischer Natur sind als auch mit Zoes Familie zu tun haben. Gleichzeitig werden Rückblicke von Zoe kurz vor ihrem Verschwinden gezeigt. Das unterscheidet die Serie auch von anderen Krimis oder who done it-Formaten, denn die Zuschauer tauchen gleichzeitig in zwei Welten ein. Sie lernen die vermisste Person kennen und erleben Figuren sowohl in jungen Jahren als auch wenn sie älter sind. Spannend ist, was das Leben dazwischen mit ihnen gemacht hat. Dieser Leerstelle zwischen dem Leben davor und dem Leben danach auf den Grund zu gehen, ist total interessant und diese zu füllen ein bisschen auch die Aufgabe der Zuschauer*innen.

CYTE: Beim Anschauen entsteht nach und nach ein Gesamtbild, was ich sehr faszinierend fand. Hat dich diese Erzählweise an dem Projekt besonders gereizt oder gab es noch andere Aspekte, die dich daran interessiert haben?

Jana: Ich habe die erste Staffel in meiner WG in Queensland geguckt. Das hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. Und dann habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass ich für die zweite Staffel zum Casting eingeladen wurde. Ich wollte das Projekt einfach unbedingt machen!

CYTE: Man schaut sich in Deutschland ja nicht so oft australische Produktionen an. Ich war beim Gucken total begeistert von Queensland und der Landschaft – ein weiterer Grund, sich die Serie unbedingt anzuschauen.

Jana: Ich finde es auch wunderschön! Die Landschaft ist so speziell dort. Ich habe selbst in Queensland gelebt und für mich war das schon in der ersten Staffel so schön, diese Landschaft, in der ich mich selbst bewege, repräsentiert zu sehen. Den meisten kommen Outback oder Busch in den Sinn, wenn sie an Australien denken. Aber viele Regionen an der Ostküste sind tropisch oder subtropisch. Und auch die Geräuschkulisse ist so speziell! Die Vögel, die es dort gibt, findet man nirgendwo sonst. Ich brauche nur darüber zu reden und es entsteht ein Gefühl, das mich direkt dorthin transportiert. Es ist tatsächlich so schön!

CYTE: Lass uns nochmal über deine anderen Projekte sprechen. Im März kommt der Film Der Prank in die deutschen Kinos. Außerdem hast du vor Kurzem in Portugal Tochter der Erde abgedreht.

Jana: Der Prank ist ein Kinderfilm und für mich war es das erste Mal, dass ich etwas eher Komödiantisches drehen durfte. Auch wenn meine Rolle nicht spezifisch komödiantisch ist. Das war sehr cool, weil ich das vorher noch nicht gemacht habe. Ich glaube, ich werde oft auch nicht dafür gesehen. Es war schön, das machen zu dürfen, eine Rolle mit mehr Leichtigkeit und Humor zu spielen.

CYTE: War dann direkt auch mehr Leichtigkeit am Set und beim Drehen?

Jana: Ja doch. Am Set findet man immer Leichtigkeit, auch im Humor mit den anderen Menschen, mit denen man arbeitet. Da außerdem zwei Kinder immer am Set waren, herrschte von Anfang an ganz automatisch eine achtsame Stimmung. Die ganze Crew hatte außerdem große Lust auf den Film, das hat man total gemerkt. Er ist so erfrischend, auch unpädagogisch und macht einfach Spaß. Die Story dreht sich um Lucas, seinen chinesischen Austauschschüler und einen misslungenen Aprilscherz, der einige Gefahren nach sich zieht und eine große Jagd durch die Stadt zur Folge hat – einfach sehr witzig.

CYTE: Geht das andere Projekt auch in die komödiantische Richtung oder ist es etwas ganz anderes?

Jana: Das ist was ganz anderes. Es handelt sich dabei um den Debütfilm von Lilli Tautfest. Ich war schon lange Zeit vorher in den Prozess involviert. Wir wollten seit drei Jahren diesen Film drehen und sind immer wieder unter anderem an finanziellen Hindernissen gescheitert. Wir haben den Film dann tatsächlich im Herbst an der Algarve mit sehr kleinem Budget zusammen mit Lana Cooper in der anderen Hauptrolle und einem Kind, das vor Ort lebt, gedreht. Es ist eine Mischung aus Roadmovie und Generationengeschichte: Eine junge Ausreißerin verliebt sich in die Taschendiebin Linda. Gemeinsam mit Lindas elfjähriger Tochter reisen sie die Küste entlang und entdecken ihre eigene Art zu leben und zu lieben.

CYTE: An diesen beiden Projekten erkennt man die Vielseitigkeit deiner Arbeit und Rollen. Das zeigt sich nicht nur hier, sondern grundsätzlich in all deinen Projekten. Was ist dir wichtig bei der Entscheidung für eine Rolle?

Jana: Der Prank ist ein Film, den ich gerne als Kind gesehen hätte. Das hat mich gereizt. Außerdem war es eine schöne Möglichkeit, mich auszuprobieren und etwas Lustiges zu spielen. Als ich das Drehbuch von Tochter der Erde vor ein paar Jahren gelesen habe, hatte ich sofort den Film visuell vor Augen. Das passiert nicht so oft. Ich bin sofort in die Welt eingetaucht und wurde beim Lesen richtig mitgerissen. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass ich das Projekt unbedingt machen möchte. Besonders auch dann, wenn ich beim Lesen darüber nachdenke, wie ich die Rolle am besten spielen kann. Wenn eine Herausforderung darin steckt. Wenn ich mich frage, wie soll ich diese Szene spielen, wie soll ich das umsetzen, das kann ich ja gar nicht – dann habe ich das Gefühl, hier wird’s interessant.

CYTE: Das kann aber auch einschüchternd wirken. Der Gedanke kam mir auch als du von deiner Arbeit mit Kim am Film Wach erzählt hast. So etwas kann einen ja auch unter Druck setzen. Ebenso wie eine Szene zu lesen und nicht zu wissen, wie man sie spielen soll. Doch bei dir scheint genau das der Antrieb zu sein, der dich motiviert und herausfordert.

Jana: Ja das reizt mich schon, wenn ich neue Wege finden muss. Auch wenn ich manchmal das Impostor Syndrom habe, weil ich nie auf einer Schauspielschule war. Trotzdem finde ich es aber immer gerade dann besonders spannend, wenn ich einen neuen Weg entdecken muss, um eine Figur zu erreichen, und mir diesen Weg selbst ausgraben und erarbeiten darf.

CYTE: Gräbst du diesen Weg alleine aus oder besprichst du dich dabei mit Anderen, zum Beispiel engen Vertrauten?

Jana: Ich habe in den letzten Jahren eine sehr schöne Arbeitsbeziehung aufgebaut zu einem guten Freund, der selbst auch schreibt und Regie führt. Denn ich habe gemerkt, dass ich am liebsten im Team arbeite. Er ist ein Sparringspartner für mich. Wir lesen zusammen, wir machen Ideen-Pingpong. Ich habe gemerkt, dass es mich wahnsinnig inspiriert, wenn er Ideen und Gedanken einwirft und ich diese dann mit meinen eigenen zurückspielen kann. Und allein auch Texte laut mit jemandem zusammen zu lesen, hilft mir sehr im Prozess. Ich habe lange gebraucht, das zu erkennen. Ich dachte immer, man sei die bessere Künstlerin, wenn man alles aus sich selbst heraus schöpft und alles alleine macht. Ich bewundere es sehr, wenn Menschen das so können. Aber je älter ich werde, desto mehr kann ich mir eingestehen, dass ich nicht so funktioniere. Ich ziehe sehr viel Inspiration aus meinem Umfeld und liebe Kollaborationen.

CYTE: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Früher wurde einem in vielen Bereichen suggeriert, dass man es allein geschafft haben muss. Ich bin froh, dass sich das mittlerweile geändert hat und man anerkennt, dass man vieles nur gemeinsam schaffen kann.

Jana: Ja genau. Sich gegenseitig zu beflügeln ist das Schönste.

CYTE: Welche Frauenfigur möchtest du zukünftig mal verkörpern?

Jana: Das ist eine coole Frage. Ich bin eh sehr achtsam bei der Auswahl meiner Figuren. Und passe sehr auf, dass ich in meinen Rollen keine Klischees reproduziere, die ich selbst nicht mehr sehen möchte als Zuschauerin. Mir wäre es am liebsten, wenn Frauenfiguren alles sein könnten. Ich möchte gerne auch mal eine Frau spielen, die ein Arschloch ist oder eine Antagonistin. Eine Rolle, die nicht dem entspricht, was man von einer Frau erwartet. Ich möchte eigentlich alles verkörpern, ich will da gar keine Grenzen setzen!

CYTE: Das finde ich super! Was steht als nächstes an? Womit beschäftigst du dich in der nächsten Zeit?

Jana: Der Prank und Tochter der Erde kommen bald heraus. Ich freue mich schon sehr, die Filme selbst auch zu sehen. Und sonst besuche ich gerade Castings und streiche meine Wohnung. Ich baue mir zum ersten Mal ein kleines Nest. Das ist gerade wichtig und notwendig in meinem Leben, nachdem ich die letzten fünf Jahre sehr viel unterwegs war und aus dem Koffer gelebt habe. Und ich bin neugierig, was sonst noch so passiert. Es sind spannende Projekte im Raum, auch wenn noch nichts davon schon spruchreif ist. Irgendwas Tolles wird, glaube ich, passieren!

CYTE: Hast du einen Wunsch für die kommenden Monate oder Jahre?

Jana: Ich habe so viel, was ich noch gerne machen möchte. Mir wird auch nie langweilig. Es gibt ein paar Leute und Regisseur*innen mit denen ich wahnsinnig gerne zusammenarbeiten würde. Ich würde auch gerne reisen und mich in anderen Dingen weiterbilden. Denn ich finde man kann nur besser werden im Schauspiel, wenn man zwischendurch lebt und auch andere Erfahrungen macht. Ich werde wahrscheinlich demnächst für eine gewisse Zeit mal auf einem Bauernhof arbeiten.

CYTE: Wwoofen?

Jana: Ja genau. Wwoofen. Und einfach leben!

CYTE: Ich möchte unser Gespräch gerne abschließen mit ein paar schnellen Fragen. Antworte ganz spontan, das kann ruhig auch kurz sein, was auch immer dir in den Sinn kommt.

Was macht dich glücklich?

Jana: Gutes Essen.

CYTE: Welches Buch hat dich zuletzt begeistert?

Jana: Ich lese gerade Wellness von Nathan Hill und finde es ganz toll.

CYTE: Liest du auf Englisch oder auf Deutsch?

Jana: Beides. Das Buch gerade auf Englisch.

CYTE: Wie sieht ein perfekter Sonntag bei dir aus?

Jana: Ausschlafen, spazieren gehen, gut frühstücken und später ins Kino mit jemanden, den ich gern hab. Ganz gemütlich also.

CYTE: Welche Musik hörst du gerade?

Jana: Ich bin momentan in einer Zwischenphase, etwas gelangweilt von meiner Musik und auf der Suche nach was Neuem, wie Eusexua von FKA twigs, oder entdecke auch Altes wieder. Zum Beispiel das Debut-Album von James Blake. Aber auch meine Lieblingsband aus Wien, Buntspecht, begleitet mich gerade wieder einmal verlässlich durchs Leben.

CYTE: Was wissen wir noch nicht über dich?

Jana: Olympic Weightlifting.

CYTE: Guckst du das oder machst du das selber?

Jana: Ich mach’s selber. Ich finde Weightlifting und Powerlifting extrem enpowering – das hat mein Leben sehr verändert. Sich stark zu fühlen, macht einen großen Unterschied. Und zu wissen, dass man Kraft hat, gibt einem sehr viel Selbstbewusstsein. Das ist ein großartiges Gefühl, das ich neu für mich entdeckt habe. Das macht mir unglaublich viel Spaß! Es verändert auch die Wahrnehmung vom eigenen Körper und von Ästhetik insgesamt. Denn Frauen können auch mega sexy sein, wenn sie muskulös und stark sind. Man muss nicht zerbrechlich aussehen, um als Frau schön zu sein. Das finde ich sehr bereichernd gerade.

CYTE: Was ist dein Oscar-Favorit?

Jana: Ich habe leider noch nicht Anora gesehen. Ich liebe Sean Baker und freue mich wahnsinnig darauf.

CYTE: Was ist zurzeit dein Lieblingsstück im Kleiderschrank?

Jana: Ich habe mir gefütterte Boots gekauft und trage zum ersten Mal warme Schuhe im Winter, das verändert alles!

CYTE: Drei Essentials, die du bei einem Dreh dabei haben musst?

Jana: Raumspray für zuhause, den Duft von Zirbel mag ich gern. Sehr österreichisch. Manchmal nehme ich mein eigenes Kopfkissen mit und essenziell ist auf jeden Fall meine eigene skin care, damit ich keinen Ausschlag bekomme beim Dreh. Und tatsächlich brauche ich immer ein Gym in der Nähe für mein Weightlifting. Das kann ich nicht mitnehmen, das suche ich mir dann immer vor Ort.

Vielen Dank, liebe Jana, für das schöne Gespräch. Es hat großen Spaß gemacht! Wir wünschen dir viel Erfolg für deine kommenden Projekte und Pläne.

Jana McKinnon

Photographer: Julien Fertl
Assistant: Enrico Renje
Hair & Make-up: Sabin Bolognini
Locationscout: Jens Oellermann

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Petra van Bremen

Petra van Bremen

Cyte: Wie ging bei Dir alles los? Wann und wo hast Du angefangen zu modeln?

Petra: Als junges Mädchen in Zeeland, wo ich aufgewachsen bin. Wo mein Vater geboren ist, in Holland. Direkt an der Küste, wo alle aus Nordrhein-Westfalen gerne Urlaub machen. Da habe ich einen offiziellen Mannequin-Kurs gemacht. So richtig, mit einer Prüfung, mit Diplom. Dann fand ich mich selbst natürlich schon großartig, dass ich ein echtes Mannequin bin. Von da an, habe ich als Model gearbeitet.

Cyte: Toll. Hast Du dann non-stop weiter gemodelt oder gab es auch Pausen?

Petra: Zeeland war zwar nicht der ideale Platz, um von dort aus als Model zu starten, aber ich habe doch meine Jobs gut hingekriegt. Meine Eltern kamen dann irgendwann auf mich zu und fragten: „Was ist das, wo soll das jetzt hingehen? Du weißt, Du kannst das nicht Dein Leben lang machen. Willst Du nicht lieber doch einen Beruf erlernen, mehr als das?“ Ich habe also eine Ausbildung im Personalmanagement gemacht. Bis 24 oder 25 Jahren habe ich nebenher noch gemodelt. Mal in Belgien, mal in Deutschland. Ich war recht viel unterwegs. Und irgendwann wurde es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Mein Ehrgeiz, im Personalmanagement Karriere zu machen überwog schließlich. Und da habe ich dann aufgehört mit dem Modeln.

Cyte: Wie war das am Anfang, Du bist viel gebucht worden?

Petra: Ja, ja, ja, ich habe in Deutschland und in Belgien gearbeitet, das waren natürlich die ersten Länder, die sich anboten. Ich hatte meine Agentur, Intermodel in Rotterdam.
Das war so spannend alles. Eines Tages kam der Call nach Paris. Man hatte mich in Antwerpen für Dries van Noten und Ann Demeulemeester laufen sehen.
Da bekam ich Angst. Außerdem war ich frisch verliebt, hatte meinen Freund in Holland. Die Chance habe ich also nicht genutzt.

Cyte: Gibt es von den Schauen, van Noten, Demeulemester noch Bilder?

Petra: Nee, leider nicht. Handys gab es ja noch nicht.
Das waren alles noch junge Designer. Da waren die noch ganz, ganz am Anfang ihrer Karriere. Sie hatten noch nicht viel Presse. Und ich dachte, was ziehen die mir jetzt an? Das war so avantgardistisch. Aber, nee, vielleicht hat es die Fotos gegeben. Ich habe sie leider nicht.

Cyte: Das war alles in den 80er Jahren?

Petra: Ja, da war ich noch jung. Und es war total anders als heute. Es gab damals Schauen für Boutiquen, kleinere und größere. Ich bin dann irgendwann auch für die großen Unternehmen gelaufen. Damals noch nicht so international wie heute. Aber nach und nach habe ich dann ganz langsam meinen Weg gefunden. Ich liebe die Catwalks!
Das war für mich schon immer das Größte. Shootings waren mir zu Beginn nicht so lieb. Ich war zu verunsichert. Die Kamera war mir irgendwie zu nah, zu viel Aufmerksamkeit.

Cyte: Aber Catwalk ist ja eigentlich noch schlimmer!

Petra: Nee, Catwalk, das war für mich das Größte. Ich hatte zwar immer Lampenfieber, war super nervös. Aber das gehört einfach dazu, das macht den Reiz aus. Man war in Bewegung, nicht wie bei einem Shooting einfach nur in einer Pose. Mein Verhältnis zu meinem Körper war damals nicht ausgewogen. Das hat sich mit der Zeit zum Glück gegeben, heute weiß ich wie und was ich bin.

Cyte: Hattest Du denn damals, aber vielleicht viel interessanter auch jetzt, Vorbilder für Dich als Modell?

Petra: Damals, ja! Kennst Du die Londoner Zeitschrift Avantgarde? Die hatten viele coole Fotos. Da waren Jerry Hall und Lauren Hutton drin. Die beiden waren meine Favoriten. Man wollte Jerry Hall sein, mit ihren langen Haaren. Und man wollte Lauren Hutton sein wegen Estée Lauder. Lauren Hutton ist für mich immer noch top, auch, weil sie so natürlich ist und so „Lauren“ geblieben ist. Ja und außerdem mag ich, wie heißt sie noch, sie ist mittlerweile 93 Jahre: Carmen Dell’Orefice. Sie ist natürlich genau das Gegenteil zu Lauren. Ihr Spruch: „Wenn die Decke runterfällt, dann reparierst Du sie doch auch“. Das ist für sich so ehrlich! Sie steht zu allen Schönheitsoperationen, die sie gemacht hat. Ich finde das genial, wie sie das erklärt. Ich habe sie mal persönlich kennengelernt, da war sie in Düsseldorf. Mein Mann und ich waren im selben Hotel. Ich komme in den Frühstücksraum, und da sitzt sie. Ich war ohne Make-up, ohne alles. Ich konnte nicht anders, ich musste den Groupie geben und habe mich ihr vorgestellt. Sie war so nett und so schön, im vollen Ornat. Haare, Make-up, Ketten, wunderschön!
Es kam dann noch der große Moment, wo wir auf der gleichen Show waren. Ich war als Gast eingeladen, und sie war das Model damals für, Gott, wie heißt die Marke jetzt? Das fällt mir gleich ein. Da war sie als Model, und dann habe ich sie abends getroffen. Und sie sagt zu mir: “You know what? I like you better without make-up. You should come to New York.”
Ja, so war das. Das waren so Highlights.

Cyte: Wir müssen über diese Sprünge sprechen, Deinen Entschluss nicht mehr zu modeln und lieber Karriere im Personalmanagement zu machen und dem Weg zurück, zur Arbeit als Model.

Petra: Ich mache einen kleinen Schritt zurück, ich bin ja wegen der großen Liebe nach Hamburg gezogen. Von Holland nach Hamburg. Und es war mein Mann, der gesagt hat, warum fängst Du nicht nochmal an, das war Dein Leben.

Cyte: Wie alt warst Du da?

Petra: Ich bin 2003 nach Hamburg gekommen. Da war ich Anfang 40. Als Model habe ich aber erst ein paar Jahre später wieder angefangen. Nachdem ich mich in Hamburg eingelebt hatte, kam dann irgendwann der Moment, in dem ich merkte, ich brauche noch etwas für mich. Ich habe meinen Mann viel auf seinen Reisen begleitet, das war spannend und bot viel Beschäftigung. Aber mir fehlte das Modeln. Und dann kam diese Reklame von „Eucerin“. Echte Frauen waren das. Große, kleine Körper, jung, alt. „Diversity“, das Wort gab es noch gar nicht. Aber das war für mich ein Zeichen. Und da dachte ich, hm, vielleicht gibt es da doch eine Möglichkeit. Aber ich hatte natürlich gar kein Material mehr, keine aktuellen Bilder, gar nichts. Und dann bin ich an einem Abend mit meinen Hunden spazieren gegangen und kam an der Agentur von e-Models vorbei, die hatten ihr Büro bei mir um die Ecke. Da war noch das Licht an. Noch so ein Zeichen! Ich hab im Internet nachgeschaut, was das für eine Agentur das ist. Und irgendwann, als ich vom Friseur kam, habe ich einfach geklingelt.
Ich bin Model und würde gerne wieder arbeiten.
Haben Sie einen Termin?
Nee, ist das dann wichtig?
Ich frage mal meinen Chef.
Innerhalb von 14 Tagen kam ein Fotograf, wir machten neue Bilder und das war mein Neu-Start.
Letztlich ist mein Mann der Grund. Er hat mich wieder zurückgeschubst ins Rampenlicht. Seine Idee war, dass ich als Freiberufliche ab und zu Jobs habe und den Rest der Zeit mit auf seine Reisen gehen kann. So funktioniert das.

Cyte: Was ist das Gute, was das Schlechte am Älterwerden?

Petra: Gut finde ich die Gelassenheit. Ich muss mich niemandem gegenüber mehr beweisen. Ich habe auch nie ein Problem gehabt mit dem Älterwerden. Und da liegt wahrscheinlich auch meine Kraft, dass ich ja, einfach zu mir selbst stehe. Ich werde älter, gut, aber ich kann noch so viel machen. Und diese innere Ruhe, die ich selbst habe, weil ich das verinnerlicht habe, führt dann natürlich dazu, dass es mir richtig gut geht.
Der Nachteil am Älterwerden ist eher schleichend. Die Gesundheit, die nicht mehr so volle Energie wie in der Jugend. Ich muss mich länger erholen als früher. Zumal wenn ich viele Jobs, viele Unternehmungen hintereinander weg mache. Und man wird sich bewusst, dass irgendwann auch mal das Ende da ist. Und das hatte man natürlich früher nicht.
Da hat man früher nie dran gedacht. Als ich 60 wurde, ist mir das plötzlich sehr bewusst geworden. Da wurde mir bewusst, wie viele gute Jahre ich noch zu gehen habe.
Und sicher war auch ein Faktor, dass meine Mutter an Demenz erkrankte. Schmerzlich bewusst wurde mir da wie zerbrechlich man werden kann. Und das hat bei mir sehr viele Gedanken ausgelöst. Da habe ich zum ersten Mal wirklich so ein Dipje, würde man in Holland sagen, so ein Dipje, einen Tiefpunkt gehabt. Mein Mann war überrascht und sagte hey, so kenne ich Dich gar nicht.
Für mich war es die Frage, wie geht es weiter? Was will ich noch? Was will ich zusammen mit meinem Mann machen? Wie fülle ich die letzten guten Jahre? Die letzten guten Jahre, von 60 bis 90. Das hat mich innerlich beunruhigt, zum ersten Mal.

Cyte: Und jetzt, was fehlt Dir zum Glück?

Petra: Ich hätte meine Mutter noch gerne ein bisschen länger auf der Welt gehabt. Ja. Aber, das sind nun mal die Dinge, die im Leben passieren.
Ich bin so ein privilegierter Mensch im Sinne, dass ich Petra van Bremen bin, ich bin glücklich verheiratet, ich habe eine tolle Familie und ich liebe das, was ich tue. Kann man das so sagen? Ja, absolut. Absolut! Wenn Du jetzt fragst, um glücklich zu sein, nee, da fehlt mir nichts. Wenn Du jetzt karrieremäßig fragst, ja, da bin ich noch voller Energie und Pläne.
Das ist was anderes. Das sind für mich zwei verschiedene Dinge.

Cyte: Der ganzen Model-Branche haftet das Vorurteil an, dass sie sehr oberflächlich ist. Wie begegnest Du dem?

Petra: Ist das so? Ich weiß, so wird über die Branche gesprochen, aber das ist kein schönes Wort. Ich würde eher schnelllebig sagen.

Cyte: Ich gebe Dir ein Beispiel: wenn Evelyn Hall sagt und sich damit klar abgrenzen möchte: „Nein, ich bin doch kein Model mehr, ich bin jetzt Schauspielerin!“, dann denkt sie offenbar, dass es mehr Wert hat, eine Schauspielerin zu sein als ein Model.

Petra: Nee, so sehe ich das absolut nicht! Wirklich nicht! Wenn ich als Model auf einen Job komme, was da für ein engagiertes Team ist, welcher Teamgeist da herrscht und was da hart gearbeitet wird. Das Model, der Fotograf, der Stylist, der Visagist, die Assistenten und alle, die da noch mitmachen, was da manchmal an Vorbereitungen, an Planung drinsteckt. Und wenn man die Vision versteht, die noch dahinter steckt. Das kann man doch nicht oberflächlich nennen? Da arbeiten doch Leute sehr seriös und sehr hart und Du bist ein kleiner Teil davon, wie andere auch Teil von irgendetwas sind. Das hat für mich rein gar nichts mit Oberflächlichkeit zu tun.

Cyte: Wird Schönheit überschätzt?

Petra: Jetzt muss ich fragen, wie meinst Du das? Schönheit als “Du bist schön“ oder Schönheit im Allgemeinen?

Cyte: Eher auf Personen bezogen. Forschung beweist, dass eine schöne Person, ihrer Zeit entsprechend schön, Vorteile hat im Leben.

Petra: Ist das so?

Cyte: Ja, Du bekommst leichter einen besseren Job und nicht ohne Grund werden Modelle sehr gut oder wurden, sag ich mal, sehr gut bezahlt für ihr in erster Linie junges Aussehen. Du bist so gesehen eine Ausnahme, das neue Role Model. Es ist eher die Frage, wie guckst Du auf Schönheit und wie bewertest Du Schönheit? Nimmst Du Dich selbst als schön wahr?

Petra: Na, jetzt vielleicht, wo ich älter geworden bin. Als junges Mädchen, nicht. Ich bin in einer sehr bodenständigen Familie aufgewachsen. In Zeeland sind wir sehr bodenständig. Das Prinzip „Schönheit“ war bei uns zu Hause kein Kriterium, kein Thema.
Ich denke, meine Eltern haben zwar immer Komplimente über uns Kinder bekommen. Als junges Mädchen war ich aber zu verunsichert. Es ist nicht immer einfach, weil wenn Du als junges Mädchen hübsch bist, wirst Du auch von vielen Menschen angestarrt.
Wenn ich heute Photos ansehe, von damals als ich jung war, denke ich heute, ich war eigentlich schon sehr hübsch. Das kann ich aber erst jetzt über mich selbst sagen.
Meine Mutter hat mir, als ich Anfang 40 war, gesagt: „Du bist schöner geworden, jetzt wo Du älter geworden bist.“ Und das von meiner Mutter! Das war für mich das schönste Kompliment. Da habe ich realisiert, hey, ja, die van Bremen ist nicht schlecht. So, da war es dann für mich so klar, okay, Du bist eine hübsche Frau. Ich habe bemerkt, dass vielleicht, ja, es gibt Vorteile und ja, die Tür ist immer ein Spalt auf.

Cyte: Welche Deiner Eigenschaften schätzt Du am meisten?

Petra: Ich glaube, mein emphatisches Vermögen, ich kann mich sehr gut in Menschen hineinversetzen, ich kann zuhören und so das Gefühl dafür bekommen, was los ist. Und meine Kraft durchzuhalten. Ich habe eine innerliche Kraft und ich gucke auch von A bis Z, nicht von A bis B. Ich sehe Z, da ist mein Ziel und da will ich hin.
Und ich kann auch sehr gut Komplimente machen, es fällt mir leicht. Wenn zum Beispiel eine andere Frau toll aussieht, sage ich das auch. Egal ob das dann jemand ist in einem Hausflur oder jemand, den ich im Lift treffe. Dann sage mir, hey, die will ich gerne kennenlernen. Dann gehe ich rüber und sage „Hallo, ich bin Petra van Bremen“.

Cyte: Was wäre, im Bereich des Modelns, Dein Ziel – egal ob realistisch oder unrealistisch.

Petra: Darf ich zwei nennen? Ja, der Laufsteg, Paris natürlich. Das ist jetzt mein Ziel, Paris.
Ob das dann Haute Couture ist, oder Prêt-à-Porter, egal. Eine richtig gute Pariser Show. Seit ich Vogue gemacht habe, bin ich noch ehrgeiziger geworden. Außerdem möchte ich in noch so eine richtig coole Zeitschrift. „Petra van Bremen, das grauhaarige Cover Girl.“ International. Es wäre großartig, international durchzustarten.

Cyte: Wann warst Du am glücklichsten?

Petra: Ja, wie kann ich das am besten sagen? Privat, in dem Moment, als ich meinen Mann zum ersten Mal kennengelernt habe, das war schon ein Highlight.
Und diese Phase, dass wir so zusammengekommen sind und der Heiratsantrag gekommen ist, das vergesse ich nie. Ich habe nicht einen Moment, aber ich bin so glücklich mit meinem Mann zusammen und ich sehe auch den Moment noch vor mir, wie er mit seinen blitzblauen Augen vor mir sitzt. Ich glaube, da hat mein Herz vor Glück einen Sprung gemacht. Beruflich als Marcel Ostertag mich zurück auf den Laufsteg gebracht hat. Zum ersten Mal nach so langer Zeit. Ich bin dafür sehr dankbar! Da war ich happy, das war glaube ich das erste Mal, wo ich so sehr befreit gelaufen bin. Das hat auch mein Mann bemerkt: „Du warst da – Du warst präsent!“
Darüber freue ich mich sehr, dafür mache ich es. Deshalb ist auch Geld nicht nur mein Drive. Natürlich, wenn es morgen eine Estée Lauder-Kampagne gibt und ich bin das Modell, ja, natürlich wird dann verhandelt. Das ist eine Riesenfirma.
Die Show von Marcel hat mich wieder zurück ins Geschäft gebracht. Damit hatte ich endlich wieder ein Laufsteg-Video, das ich nach Mailand oder Paris, an Balenciaga, Yves Saint Laurent und andere super Designer senden kann. Jetzt war es erstmal Berlin und ich muss nun die Brücke nach London, Paris, Mailand finden.
Jetzt habe ich eine Agentur, die das vorbereitet … Aber mit Agenturen ist das so eine Sache. Ich erinnere mich an Gespräche, wo mir gesagt wurde: „Petra, Größe 38? 36 wäre besser!“ Aber, ja, ich war immer eine Größe 38. Erst nach dem Tod meiner Mutter, habe ich sehr viel Gewicht verloren. Da war ich wieder auf dem Gewicht eines jungen Mädchens. Aber das war schrecklich, das war nicht mehr schön! Das war nicht meine Welt! Ich sah aus wie ein Skelett, es machte mich alt. „Ja, aber Du willst doch nach Paris!“ Und da hab ich gesagt, okay, dann nicht, denn um jeden Preis will ich es nicht.

Cyte: Das verstehe ich.

Petra: Da muss ich auch ehrlich akzeptieren, wenn das der Grund ist, mich nicht zu buchen, ja, dann ist das so, ich kann’s doch nicht ändern.

Cyte: Jetzt würde ich gerne noch mit Dir über Deine Vorbildrolle sprechen. Wie siehst Du Dich da?

Petra: Ich bin gerne ein Role Model geworden, aber das hat mich auch überrascht. Ich hab ein Buch geschrieben, wie ich Model geworden bin. Das hat eine gewisse Aufmerksamkeit erregt. Außerdem habe mit Instagram angefangen, und da kamen so viele Fragen! Fragen zu meinem Alter, wie es kommt das ich mich modisch noch so viel traue et cetera. Das ist doch wunderbar, oder? Ich finde es schön, wenn ich angesprochen werde, egal ob das auf der Straße ist oder irgendwo sonst. Es passiert immer öfter, dass Menschen mich irgendwas fragen. Mir gefällt das. Ich gehe auch gerne in Talkshows, weil ich es wichtig finde den Leuten zu sagen, dass wir kein Verfallsdatum haben. Habt keine Angst alt zu werden! Natürlich wird dann kritisch nachgefragt: Ja, Du hast leicht reden, Du siehst ja gut aus und so. Aber das ist nicht immer der Punkt. Es geht darum, dass wenn ich in den Spiegel schaue, ich sehe keine ältere Frau, ich sehe Petra. Petra ist zwar älter geworden, aber ich sehe mich nicht alt. Natürlich ist es so, manchmal, wenn ich morgens aufwache und meine Augen verquollen sind, dass ich zurück ins Bett möchte – aber dann müssen die Eye-Pads her, denn das nächste Fotoshooting steht an. Ich bin aber sehr viel gelassener geworden.
Ich bin dankbar, ich habe dieses Aussehen geschenkt bekommen. Aber wie ich mich weiterentwickelt habe, daran habe ich sehr hart gearbeitet, von der jungen verunsicherten Petra zu der Person, die ich jetzt bin! Und „Petra“ ist mittlerweile eine Marke, und das war harte Arbeit! Auch ich muss an meinem Körper arbeiten, auch bei mir grüßt die Schwerkraft. Es sitzt nicht immer alles da, wo es soll, es ist nicht immer alles „perfekt“.
Wenn ich eine Show habe oder ein Shoot, versuche ich mich ein paar Tage vorher bewusster zu ernähren. Es macht mir immer große Freude, obwohl ich trotzdem immer ein bisschen nervös bin. Du wirst unter die Lupe genommen und das ist nicht immer einfach.


Cyte: Wie schaust Du auf die aktuelle Modewelt?

Petra: Ich mag überhaupt nicht die Art und Weise, wie jetzt die Shows gemacht werden. Die Modelle sind wie eingefroren, bloß nicht lachen. Ich finde das steril. Warum müssen die Modelle so mager sein, warum müssen das alles nur so junge Mädchen sein. Warum müssen die alle so geradeaus schauen, nicht links gucken, nicht rechts gucken, warum nicht diese Wärme zurückbringen, warum nicht diese Leichtigkeit, dieses schöne Miteinander. Ja, ich vermisse das. Die Nähe. Neulich habe ich eine Charity-Show gemacht, es war eine kleine Show. Danach sind die Frauen auf mich zu gekommen und haben mir gesagt, wie gut es Ihnen gefallen hat: „Wir können uns mit Dir identifizieren, weil Du in unserem Alter bist. Wenn sie das tragen kann, dann können wir das auch tragen!“ Ich kam mit meiner Größe auch gut an. Das ist doch das Schöne daran, dass man die Menschen mitnimmt, auch verkaufstechnisch ist das doch gut, wenn Du dann das Kleid verkaufen möchtest, und es so hübsch aussieht an einer etwas älteren Frau, dann ist das doch schön! Wir sollten wieder mehr Nähe zulassen, das täte uns allen gut!
Cyte: Vielen Dank für das Gespräch!

Photographer: Stephan Ziehen

Hair&Makeup: Maria Pilar/ @kultartists.com
Using for skin: SANTAVERDE-Extra Rich Beauty Elexir/ Annemarie BÖHRLIND-System Absolute Smoothing Eye Cream/ RMS-Uncover Concealer 11 – Living Luminizer, LIP2CHEEK -Demure, DADO SENS – Hypersensitive Wimpern- und Augenbrauenserum.
for hair: ORIBE – Aprés Beach Wave and Shine Spray, Gold Lust Nourishing Hair Oil

Talent: Petra van Bremen

Casting: Karen Stehle

all looks by Zara

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Alltägliches sichtbar machen

„Alltägliches sichtbar machen“

Photographer: Julien Fertl
Show-Photographer: Jonah Nogens

Anfang Juli dieses Jahres fand eine besondere Modenschau statt. Nic Moeckel zeigte zum 70. Geburtstag seiner Großmutter Uta, seine selbst entworfene Mode in der Garage ihres Hauses. Uta hat dort Anfang der 90er, nach der Wende, Jogginganzüge, Jeans und Aerobicmode an die Einwohner Plauens verkauft. Später eröffnete sie dann die Boutique „La Mode“, in der ihr damals noch kleiner Enkel Nic viel Zeit verbrachte. Prägende Jahre für ihn, die den Grundstein für sein Interesse an Mode, Kunst und dem Schönen an sich weckten. Jetzt schließt sich der Kreis mit seiner ersten eigenen Show zu Ehren seiner Großmutter. Seine Entwürfe sind verspielt, unkommerziell, phantasievoll und rau. Nicht alles hat Hand und Fuß, aber man spürt eine Energie und Unangepasstheit, die Spaß macht. Ich weiß nicht ob hier der nächste McQueen oder Margiela am Start ist, aber ich bin froh über jeden Freigeist!

Cyte: Okay, Nic, wie bist Du zur Mode gekommen? Erzähl!

Nic: Es hat mit meiner Oma angefangen, würde ich sagen, in ihrem Laden, „La Moda“. Da war ich als Kind immer nach der Schule. Ich war permanent von Kleidung und Zeitschriften umgeben und hörte, wie meine Oma die Kunden beraten hat.
Als Kleinkind habe ich das alles aufgesogen und jetzt habe ich das über die Jahre verdaut und spucke es so langsam wieder aus. So fühlt es sich an. Und ich kann jetzt erst rückblickend meiner Oma dafür danken, weil ich es inzwischen einordnen kann. Damals, als Kind war das alles selbstverständlich für mich.

Cyte: Und die Show, die Du in der Garage veranstaltet hast, das ist allein Dein Werk, Du hast Dir das alles selbst beigebracht?

Nic: Irgendwie alles, was ich mache, fange ich autodidaktisch an. Es ist ganz banal: Anfangs steht die Lust, ich habe Bock auf was, probiere ich mich aus, falle ich ein paar Mal hin, lerne dabei und mach es nochmal.
Eine Sensibilisierung für Mode war immer da und gerade auch in der Schule, dann guckt man schon, was tragen die anderen, was ist gerade so der Peer-Group-Code. Und das hat sich weiterentwickelt. Dann habe ich das FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) im Medienkulturzentrum Dresden gemacht. Es gibt dort eine große Halle und da habe ich gesagt, okay, ich habe da ein paar besiebdruckte Klamotten rumliegen, die zeig ich jetzt. Zu dieser Zeit war alles sehr grafisch basiert. Was wichtig war, dass es Spaß gemacht hat und ich wusste, dass ich weitermachen will.

Cyte: Arbeitest Du weiter an deinen Modedesigns oder ist das jetzt momentan durch das Studium in den Hintergrund geraten?

Nic: Es gibt immer Phasen. Eine Zeit lang male ich, eine andere Zeit lang designe ich.
Ich finde die Abwechslung essenziell, wenn man stetig nur an einer Sache arbeitet, dann stagniert man. Aber wenn es eine Pause gibt, man raus in die Welt geht, lebt, andere Dinge wahrnimmt, Bekanntes durch neue Filter betrachtet. Und wenn man dann zurückkommt, dann verzeichnet man meistens eine Entwicklung. Ich habe noch so viel unveröffentlichte Designs – auf meinem Computer habe ich bestimmt so 200 Entwürfe liegen und Skizzen nochmal 500.

Cyte: Hast Du Vorbilder in der Modewelt?

Nic: Es gibt schon Spannungsfelder, in denen man sich bewegt und aufsaugt. Margiela ist gut, Rick Owens auch. Diese ganze Bubble um Yeezy und Kanye herum – abgesehen davon wie er sich politisch äußert. Aber wenn man ihn im Bereich der Kunst und des Designs, auch der Architektur beurteilt, ist er wirklich progressiv. Auch „Prototypes“ finde ich gut.

Cyte: Würdest du dich selbst irgendeiner Szene zuordnen?

Nic: Ja, wenn man so sagen kann, dass es Kinder von Demna (Demna Gvasalia von Balenciaga) gibt, dann gehöre ich irgendwie dazu. Die Sachen, die einen umgeben, die prägen einen und ob wann will oder nicht, in irgendeiner abstrahierten Form sind sie im eigenen Werk vorhanden. Man muss also gucken, dass man eine gesunde Distanz zu seinen Vorbildern hält, sonst wirkt das was sie machen als alternativlos und es gibt kein Raum für Abweichung und den eigenen Willen, und gerade der ist ja interessant. Ein zweiter Demna würde die Leute langweilen, weil den gibt es ja schon, was spannend ist, ist die eigene Version. Dieses auf Distanz bleiben ist in einer Konsum ausgerichteten Welt nicht immer leicht. Hinter jeder Ecke lauern Informationen, überall sind Algorithmen auf einen zugeschnitten, man kann sich nicht wirklich abkapseln, dazu müsste in einer Höhle leben, – vielleicht ein Zukunftsprojekt.
Ich muss sagen, ich habe alles, was Demna gemacht hat, sehr lange wirklich sehr gemocht.
Das Spannende ist ja, dass Figuren wie Demna, oder auch Virgil Abloh, alltägliches wieder sichtbar machen. Dieses DHL-Shirt. Und in dem Moment, in dem er das dann rausbringt, ist als hängt man es in einen weißen Raum, also man verändert den Kontext. Das trägt nicht mehr der DHL-Bote, sondern es hängt in diesem weißen Raum, sein Wert verändert sich komplett. Und das aber nicht, weil das Shirt jetzt anders ist, sondern nur weil sich die Atmosphäre drumherum verändert hat.

Cyte: Wie lange musst du noch studieren, bis du einen Bachelor in visuellem Design hast?

Nic: Drei Jahre – Am liebsten würde ich mein ganzes Leben studieren. Ich bin von Grund auf neugierig und will mich ausprobieren. Also ich glaube, die Freude am Spiel ist für das was ich machen unersetzlich. Ich meine die Unbedarftheit mit der Kinder die Welt entdecken, bereit Kontexte zu verändern und Funktionen zu missachten. So kam auch dieses eine Outfit zustande, wo der Lampenschirm auf einmal eine Kopfbedeckung ist. Man sollte Kinder ermutigen quer zu schlagen, erst dann wird es spannend. Mit meiner WG-Mitbewohnerin habe ich angefangen regelmäßig Spaghetti mit den Händen zu essen.

Cyte: Es gab einen Look in der Show, wo ein Modell eine Brille trug, die an die Margiela „Blade Runner“ Brille erinnerte. War das beabsichtigt?

Nic: Nein, die Brille habe ich vorher nicht gesehen. Es ist ja häufig so, dass irgendwann die Zeit reif ist und ganz viele vergleichbare Designs an unterschiedlichen Stellen aufploppen. Hip-Hop wurde ja auch nicht an einer Stelle erfunden. Irgendwann ist die Zeit reif und dann machen viele Leute an unterschiedlichen Stellen den nächsten Schritt.

Cyte: Wie fand Deine Oma die Show, die Du als Hommage an sie gemacht hast? War ihr das nicht zu verrückt?

Nic: Die Oma hat rote Haare. Da verkraftet sie das schon. Sie hat es akzeptiert!

Cyte: Hat die Kollektion oder die Show einen Namen?

Nic: Das ist „Hommage a grand-mère“.

Cyte: Wie kam Deine Show insgesamt an, abgesehen von Deiner Oma?

Nic: Es war ein gemischtes Publikum. Meine Kommilitonen, mein Alter, und dann die ganzen, die so ungefähr 50 Jahre älter waren. Bei den 50-Jährigen bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie nur gesagt haben es habe ihnen gefallen, weil sie mich kennen.
Aber bei den Leuten, bei denen es mir wichtig war, bei denen ich weiß, dass sie für sowas sensibilisiert sind, das einschätzen können, da hatte ich auch positives Feedback. Und das freut mich natürlich.

Cyte: Was treibt Dich an?

Nic: Zu einem Kommilitonen habe ich gesagt, dass ich mich in unserer Welt langweile, oder eher meine Sinne langweilen sich. Ich glaube von diesem Zustand geht die Euphorie aus mit der ich das Andere suche und hervorbringe. Ich möchte aus gelernten und tradierten Sehgewohnheiten raus. Es ist einfach meine Vision, es ist meine Kunst, ein intrinsischer Trieb, wie ein Tagebucheintrag. In erster Linie mache ich das für mich und nicht, weil es jemand anders gefallen würde. Und wenn mir der Tagebucheintrag so gut gefällt, dann kann ich ihn veröffentlichen und schauen, ob er noch jemand anderem gefällt. Und wenn nicht, dann ist es auch gut.
Die meisten Leute haben vor dem Anderen Angst oder Respekt, weil sich auf das Neue erst eingestellt werden muss, es fordert uns. Die Antworten müssen erst noch gefunden werden. In dem Moment, wo du so eine Frage provozierst, ist das ein Hinweis dafür, dass du irgendetwas Anderes geschaffen hast, irgendetwas Irreguläres, Unkonventionelles.
Die meisten Leute reagieren mit Ablehnung, fühlen sich in ihrer Gewohnheit bedroht. Indikator dafür sind dann so Sprüche wie, „…was soll das denn“ oder „…und was bedeutet das jetzt?“ Es muss eine Plattform für alternative Lebensentwürfe geschaffen werden, sie erfrischen unseren Geist.
Rick Ruben, ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Den Musikproduzenten.
Also für traditionell produziert man ja im dunklen Studio. Er hat dann angefangen mit den Leuten rauszugehen, in Licht durchflutete Räume, um wieder näher zur Natur zu kommen. Und das macht natürlich was mit der Musik.
Ich fand das sehr interessant. Er ist weitaus mehr als nur ein Produzent, sondern eher ein Philosoph mittlerweile.
Und das Schöne ist, anders als ein Großteil der Geisteswissenschaftler, ist er für mich authentisch und nachvollziehbar, in dem, was er beschreibt. Er lässt sich nicht auf die Kälte der Wissenschaft und die damit einhergehende Abstraktion ein. In dem, was er schreibt, erkenne ich mich wieder, wenn ich mein Schaffen reflektiere. In dem, was ein Großteil der geisteswissenschaftlichen Community schreibt, nicht. Er hat ein Buch geschrieben, in dem er sagt, dass er keine Antworten geben will. Und dass er sich nicht bewusst ist, ob das richtig ist. Aber das ist das, was er erfahren und beobachtet hat.

Cyte: Was denkst Du über KI?

Nic: Ich finde es wichtig, dass man an absurden, nicht tragbaren und nicht vorhersehbaren Dingen arbeitet, quasi als Gegenentwurf zur KI und allem technisch Logischem. Wir brauchen all das Handgemachte, Unkontrollierte, das Verrückte oder Sinnlose oder wie auch immer man das Gegenteil von KI bezeichnen möchte. Ich kann nur für mich sprechen, ich weiß, dass ich sowas immer machen werde, und dass KI mir nichts abnimmt. Ich habe in mir ein intrinsisches Bedürfnis wie Hunger und dieser Hunger stillt sich nicht durch KI. KI kann ein Instrument sein, wie für den Maler der Pinsel, nimmt aber einem nicht die Frage ab ob das was man vor sich hat, einen Wert hat oder nicht, dafür braucht es weiterhin Geschmack und Erfahrung. Ich verstehe KI nicht als short-cut, sondern als Erweiterung meines Werkzeugkoffers.
In den letzten Jahren habe ich auch versucht meine Umgebung zu kuratieren oder weitestgehend bewusst zu entscheiden, welche Filme gucke ich, welche Musik höre ich, wie oft höre ich Musik, welche Farbpaletten, welche Architektur, welche Formen kommen darin vor, welche Bücher und so weiter. Das saugt man alles auf und es bestimmt das Unterbewusstsein, irgendwann kommt es wieder hoch.

Cyte: Wie ist Dein Verhältnis zu deinen Eltern?

Nic: Wahnsinnig gut. Und neben meiner Oma, habe ich auch meinen Eltern zu danken. In der Welt, in der ich aufgewachsen bin, war so gut wie alles möglich. Meine Eltern haben immer meine Meinung, meinen Geschmack gefördert. Ich hatte einen Spielzeugbagger, der war gelb, und da wollte ich, dass er grün war. Papa hat grüne Farbe gekauft und wir haben den Bagger gemeinsam angesprayt. Ich wollte große Spieldinosaurier, und ich konnte noch nicht so gut zeichnen, dass ich meinen Vorstellungen gerecht werden konnte. Dann habe ich Mama als Bleistift benutzt, sie musste die Dinos für mich zeichnen. Es kam ungefähr das heraus, was ich mir vorgestellt hatte. Etwas älter habe ich selbst angefangen zu probieren, die Proportionen zusammengesetzt. Ich wollte früh meinem Willen und meiner Intuition nachgehen. Ich glaube, auf diese gute Erfahrung in der Kindheit greife ich jetzt viel zurück.
Ich fange Sachen einfach an. Wenn es sich richtig anfühlt spüre ich es. Manchmal bin ich auch desillusioniert, von dem was ich so mache. Das kommt auch vor. Ich habe auch nicht immer die Energie, etwas umzusetzen.
Als zum Beispiel meine Oma mich bat die Einladungskarten für ihren Geburtstag zu gestalten habe ich gesagt, okay, ich stelle das ganze Abendprojekt zusammen. Am Anfang hatte ich die Motivation, aber letztlich hatte ich nicht die Energie oder den Willen, das aufzubringen. Irgendwann hatte ich mir wieder ein neues Energiefeld erschlossen, dann war es möglich. Darüber spricht Kanye auch ganz oft. Dass er Atmosphären schafft, in denen man arbeitsfähig ist. Also da, wo Energie freigesetzt wird, wo Wille, wo Dopamin entsteht. Ich habe dafür ein Manifest geschrieben. Der zentrale Punkt ist eigentlich, ganz viel Alltag ,Krankheit und Kleinbürgerlichkeit wegzuschieben.
Keine Zeit mehr auf Essen kochen, verschwenden. Wirklich nur für die eine Sache zu brennen. Man muss dafür sorgen, dass sich der Nebel lichtet. Ich mag diese Nebelmetapher.

Mal ist Nebel da und man sieht gar nicht, wo man hinlaufen soll. Mal ist auf einmal alles klar und es ist klar, wohin man läuft. Das ist der Punkt, wenn man sagt „the vision gets clear“.

Cyte: Was sind deine eigenen nächsten Projekte? Unabhängig, ob es Mode ist oder Malerei oder Design. Woran arbeitest du gerade? Wo lichtet sich der Nebel gerade so ein bisschen?

Nic. Gerade sind bei mir wieder Nebelschwaden aufgezogen.

Cyte: Warum?

Nic: Es ist so, dass dieses Dopamin und die Euphorie, die vor dieser Show in mir waren, gerade so abfallen. Deshalb habe ich das Gefühl, ich muss erstmal wieder ein bisschen leben und erleben. Um wieder was rauszugeben.

Aber im November ist in München der Kunstsupermarkt. Da stelle ich Bilder von mir aus.
Und eigentlich wollte ich mit einem Freund nach Thailand, aber wir haben kein Geld. Und jetzt ist es wahrscheinlich Ungarn geworden, oder wieder Italien. Vielleicht gehe ich im August arbeiten.
Um ein neues Projekt zu finanzieren. Vielleicht habe ich nach der Reise eine Antwort, welches Projekt es sein wird. Ich glaube, das ist sehr wichtig.
Also wenn ich sage, man muss raus und leben … … das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe für mich. Das heißt nicht, dass die für andere eine Gültigkeit besitzen muss. So ein bisschen entdecke ich mich auch wieder … … in meinen inneren Konflikten.

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PEOPLE

I have a dream

„I have a dream“

Photographer: Winston Sussens

Model: Andrew Barabash@ M4 Models

Styling: Timo Luebker 

Grooming: Shirin Kürschner@ Nina Klein Agency 

Photo assistant: Aljoscha Samain

Words: Kathrin Klemp

Andrii Barabash, called Andrew, comes from Ivano-Frankivsk, in western Ukraine. The 23-year-old studied law with a bachelor’s degree in the neighboring university city of Lviv and has been modeling since his spontaneous discovery on Instagram in October 2019. When the Russian war of aggression started on February 24, 2022, the modeling business was only just taking off after the Covid break. Andrii was in Milan at the time. Since then, Andrii has been living out of a suitcase. He works tirelessly around the world to financially support his family, who continues to live in Ivano-Frankivsk, and the Ukrainian state.
Cyte met Andrii for an interview in Hamburg.

Cyte: Please, tell me about your family in Ukraine.

Andrii: I have a smaller sister. It is just two years. We are very close, like best friends. All my family still lives at home. I am from Westukraine. It’s safe. People can live like normal. Though it’s hard because of the war.
Cyte: Since 24th of February 2022, Ukraine has been in a Russian war of aggression.
Before this we all knew wars only from cinema. How does it feel like to live with this?

Andrii: Hard, but to be honest: I cannot even imagine, because I have not been in Ukraine since then. I left the Ukraine two month before it happened. I haven’t seen the bomb and everything. But I miss my country. I want to live with my family, with all my friends. I would like to live a normal life in Ukraine. All Ukrainians would like to live normal life. But they cannot, because of the war. It’s hard. It’s hard. It’s hard.

Cyte: Have you lost loved ones?

Andrii: From my family just one uncle. From my friends I lost a few guys from my school. They are actually the same age with me and they were killed very cruel by Russia. 

Cyte: Did you flee from the war?

Andrii: No, no! As a model I am moving around the world. That time, when war started, I was in Milan. I continued to stay there for a longer time. But I have no place now, where I am based. I am always with my luggage and I am moving around the world. Around Europe to Asia and so on. Where ever I have a job, I am moving with all my stuff.

Cyte: So you do not have a homebase?

Andrii: No, for now not. It is although why I want back to Ukraine. I don’t have a place where I can stand more than a few month. The model company give me usually some apartment or some Model apartment or some airbnb.

Cyte: So you are a kind of refugee. Being a soldier at the front must be hard. Being a refugee might even be tougher. What would you say? Do you think, you will avoid the war?

Andrii: I don’t know. Honestly it is a very hard question. I ask myself this question a lot of times. I don’t know. It is a decision that will your life change. For now I am trying to help my country from outside how I can.

Cyte: You are working very hard. Maybe to forget? 

Andrii: No, not to forget, because I do not have another choice, actually. No, I don’t want to forget, because when you forget, you do not help. And I want to help. I want to do everything what I can. I work hard, because I need to earn money: First to survive by myself and although to help and to do something for the Ukraine, like do some donations. Sometimes I do some fund racing. I collect money for soldiers to help them. In Italy my friends and I started to do volunteer jobs. It was very intensive and we got a lot of help from local people. And we collected financial help and did send it to Ukraine.

Cyte: Do you think that this kind of life has an effect on you? Are you unhappy, do you have fears?

Andrii: I think, it effects myself. I think all Ukrainians need some psychologists. I even try to go to them. I think, it is important to overthinking things. You are always thinking of bad things. For instance two days ago Russia missiled a children hospital. It is very big stress! But I cannot say that I live hard. People in Ukraine do have the worse situation. Anyway, I am lucky that I am outside. I am in a safe place and I can live more or less a normal life than people in Ukraine. It’s not fair to young people that they do not have a normal life in Ukraine. In the whole world young people in my age can live a normal life: they are going to school, they are going to university, they have a student life, they have fun. They can do everything, what they want. They can travel. But in Ukraine they have borders which changes everything. It’s very unfair, it is life!

Cyte: Would you call sadness your constant companion?

Andrii: Yes, sadness is always with me. I do have happy moments. I have a lot of friends everywhere. Sometime I meet with my mom and my sister in Krakow. They come from Ukraine and I come from another country just to meet for a few days. That are very happy moments. But after some time you do not know anymore what is reality. I cannot be ok with this situation, because I really love my country and I want to live there. I had my best life in Ukraine. I had everything that I wanted there. And I never wanted to leave aboard in another country. But now we have this.

Cyte: Russia is known for not being particularly gay-friendly. How does Ukraine feel about queer people?

Andrii: Ukraine is not like Russia, because Russia is a homophobic country. In Ukraine it is not a good situation, but going better in small steps. Queer People are more free. But for the old generation it is very hard. The old generation does not want to understand. They are more strict. Gay or lesbian – for them it is not normal. In a few years in Ukraine it will be better.
Cyte: Was that perhaps an additional motivation for you to leave Ukraine?

Andrii: No, no. I had never a motivation to stay away from Ukraine. For me it has never been a problem.
Cyte: The war is unlikely to end quite soon. What plans do you have for the near future?

Andrii: I can’t even plan for one month. For me everything changes so quickly. I don’t have any plans, because everything changes in last minute. It is because of model life. Today you can be here in Germany, but tomorrow you have to go to China. Sometimes you sit on your sofa and your agent calls you, you have to go to a job. It is very spontaneous. But I think, it is a good job for young people and it is a nice opportunity to travel. And I love my job!
Cyte: Would you like to go back to Ukraine after the war?

Andrii: Yes, yes for sure! It is my biggest dream to go back to Ukraine. And the Ukraine free without Russia, safe country with happy people and I live there. Everything I want, is just to go back to Ukraine.

Cyte: Then you would make the Ukraine to your homebase and work from there?

Andrii: Exactly, for sure. It is my dream. I hope, I will go home soon, but nobody knows, when the war will finish.

Addition from the Cyte editorial team:
According to estimates by the UN High Commissioner for Refugees (UNHCR), around 32.5 million border crossings from Ukraine were registered from the beginning of the war to mid-June 2024. The number of refugees was sometimes over 200,000 per day. The neighboring country of Poland has now taken in the most refugees with 1.5 million. 1.17 million refugees were registered in Germany. So far, no European country has succeeded in making the good training of refugees from Ukraine fruitful to a greater extent. According to the Federal Employment Agency, their employment rate in Germany was only 25.2 percent at the end of last year. People predominantly work in low-paying professions, such as in geriatric care, in hotels, in restaurants, in simple services, in agriculture and in temporary employment agencies. All these people are united by their deep sadness.
Jewelry designer Valery Guzema describes these emotions very aptly in Vogue, as Andrii also explained to us: “It seems impossible to be happy now, no matter where I am and what I do, the grief is always there…We have lost our home, our jobs and our normal lives and are trying to adjust to life in different countries. But we all have the same dream – to come home!” May this dream soon become a reality for everyone.

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PEOPLE

Days like this

Anna@M4

Where are you from and what was it like to grow up there?

I was born in Mateteng, Lesotho, but I grew up in Bad Honnef, Germany.
So for me growing up there, I was surrounded by a lot of old white rich people
and being a mixed and broke kid, confronted me with a lot of challenges, but it made me become the strong independent black woman that I am today.

Who impresses you, who is your idol?

My mother.

Where do you see yourself in 10 years?

In a place where I find peace with myself and my surroundings.

If you could change the world, what would you change?

No guns.
Free weed.
Rich parents for everyone.


What is your opinion on artificial Intelligence?

Anastasia@Modelwerk

Where are you from and what was it like to grow up there?

I grew up everywhere in Germany.
Not having a base as a child was something I never understood.
I felt safe but limited. I taught me a lot and made me who I am.

Who impresses you, who is your idol?

Anyone who can infect you with their passion for life.
People who are able to live a life that they have on what they love to do.
There are too many 9-5 zombies out there – I admire anyone who could break free from that with their own strength, passion and love.

Where do you see yourself in 10 years?

I used to have a plan,…always!
Now I just want to be happy with what I am doing.
Nurturing and helping people along the way.

If you could change the world, what would you change?

I feel like all evil derives from a lack or excess of self-love.
If we all would love ourselves for who we are and accept that nobody is perfect
and we are all here just to learn from each other and care for each other and our surrounding – most, if not all problems would be solved.

What is your opinion on artificial Intelligence?

As a medical student I am fascinated by it.
Especially neurotic is super interesting and some even say incorporating tech into biological
mass is just another step in our evolution.
It holds such potential. But every good holds the same evil.

Axel@Modelwerk

Where are you from and what was it like to grow up there?

I’m from Belgium. Growing up there was fun and interesting!
Learnt a lot from great people!

Who impresses you, who is your idol?

Mummy!!! Because she’s such a strong woman!


Where do you see yourself in 10 years?

Hopefully somewhere hot with the people I love.

If you could change the world, what would you change?

I would help my people in Africa and end racism.

What is your opinion on artificial Intelligence?

Scary…

Franz Horn(ohne Agentur)

Where are you from and what was it like to grow up there?

Ich bin aus Hamburg. Meine zweite Heimat war auf dem Land in der Kleinstadt Lenzen.
Ich fand es sehr schön das Stadtleben und das Landleben genießen zu können.

Who impresses you, who is your idol?

Meine Idole sind meine Geschwister, weil meine Schwester für ihre Meinung einsteht, auch
wenn es dadurch Stress geben kann. Und mein Bruder, weil er sehr stark Bedürfnisse anderer Personen über seine eigenen stellt. Ich würde gerne genauso sein.

Where do you see yourself in 10 years?

Ich sehe mich selbst in 10 Jahren an einer Förderschule arbeiten und auf dem Land lebend, wo ich einen alten Bauernhof selbst renoviere.

If you could change the world, what would you change?

Wenn ich etwas an der Welt ändern könnte, würde ich das Schulsystem verändern. Ich denke das in der Schule in gewissen Bereichen Entwicklungen und Selbstfindung der Kinder eingeschränkt werden.

What is your opinion on artificial Intelligence?

Kann sehr hilfreich sein, z.B. bei gefährlichen Operationen, wo es immer zu menschlichen Versagen kommen kann.

Photograph: Stephan Ziehen
Hair+Make-Up: Volkan Günaydin for Goldwell
Models: Anna@M4 Models
Anastasia@Modelwerk
Axel@Modelwerk
Franz Horn

Retouching: Gloss Envision

Thanks to Yilmaz Aktepe for the wonderful T-Shirts

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Just Phriends

JUST PHRIENDS:Pharell goes fashion

Subtitel: Zum Auftakt der Pariser Herrenmodewoche mit den Kollektionen Frühjahr/Sommer 2024 zelebriert Popstar Pharell Williams seine erste Männerkollektion fürs Luxuslabel Louis Vuitton. In der Front Row unterstützen ihn Celebrities wie Rihanna, Naomi Campbell, Beyoncé und Lenny Kravitz – alle in Louis-Vuitton-Looks. Alles ein großangelegter Marketing-Coup des Monsieur Arnault oder steckt mehr dahinter?

Joy, Joy, Joy! Für seine erste Louis-Vuitton-Kollektion verwandelt der US-Amerikaner Pharell Williams die älteste Brücke von Paris in einen riesigen, goldenen Laufsteg mit Schachbrettmuster. Eine Show der Debüts – die erste Modenschau des Entertainers für das Traditionshaus ist zugleich die bisher größte Menswear-Show von Louis Vuitton und der erste Catwalk auf der Pont Neuf. Begleitet wird das Spektakel von fast himmlischen Klängen des Gospelchors „Voices of Fire“ aus Virgina. Williams hat sie in seiner Eigenschaft als Musiker eigens produziert. Darunter der Song „Joy“ (Unspeakable): „Er ist sehr emotional“, sagt der 13-fache Grammy-Gewinner über seinen Soundtrack. Emotional und divers wie seine Musik wirkt der 50-jährige selbst sowie die KünstlerInnen, die sie darbieten, bis hin zu Starpianist Lang Lang, der das von Williams kreierte Klavierstück „Peace Be Still“ spielt. Dass das ganze Universum des Design-Messias divers ist, glorizifiert die gesamte Show. Es gibt viele weibliche Models zu sehen, zumindest wenn man bedenkt, dass es sich ja eigentlich um Menswear handelt. Alle Menschen Brüder und Schwestern, connected durch das Louis-Vuitton-Logo?
The Show goes on
„Ich kreiere Dinge für Menschen, genau!“, erklärt er selbst das Phänomen. Und wie er kreiert! In 25 Minuten präsentiert Louis Vuitton 75 Looks. Die gesamte Palette der Männergarderobe – von klassischer Schneiderei über edle Streetwear mit Bomberjacken aus Logo-Leder bis hin zum diversen Zeitgeistzeichen, dem Rock für Männer. Schon jetzt hat sich Pharell Williams ein LV-Denkmal durch seine geniale Erfindung des Damiermusters gesetzt, einer Art Camouflage Louis Vuitton Print-Würfel in Pixelkünstlermanier, der sich sogar auf Gummistiefeln wiederfindet. Innovativ wirkt auch der Fakefur, der für eine Sommer Kollektion einen erstaunlich großen Stellenwert einnimmt. Strange und deplatziert muten dagegen die bemalten Lederanzüge an, die wie Mississippi-Dampfer zwischen den eher grafisch angelegten gelbgewürfelten Entwürfen daherkommen. Eine Hommage an Williams US-amerikanischen Wurzeln? Dazu natürlich die eigentlichen LV-Cashcows: Taschen, Taschen, Taschen, wohin das Auge blickt – um den Body, als Koffer, die klassischen Modelle wie Speedybag, Alma oder Keepall baumeln zu mehreren in knalligem Rot, Grün, Blau oder Gelb am Handgelenk. Louis Vuitton-Trunks werden auf Golfcaddys über den Laufsteg gefahren. Nach einer Weile schwenkt die Kamera auch aufs Publikum. Zuerst natürlich auf Bernard Arnault, Chef des Konzerns LVMH und damit Herrscher über Louis Vuitton. Ein älterer Herr mit eingefrorener Miene, aber sehr viel Macht. Neben ihm Beyoncé und ihr Mann Jay-Z. Zwei Menschen mit gigantischer Social-Media-Macht. Beyonce hat extra mit ihrer Europa-Tournee pausiert, um der Show beizuwohnen. Spätestens jetzt fragt man sich, ob es nicht ein Kalkül des Monsieur Arnault ist, Musik und Mode zu verbinden, um seine Traditionsmarke auf Kurs zu halten und divers zu vermarkten. Schließlich gehört Williams selbst zur Zielgruppe des Luxushauses und ist damit gleichzeitig ein authentischer Markenbotschafter.

Kleiner Mann ganz groß
Auf jeden Fall hat der kleine Mann aus dem knapp 500.000 Seelen Ort Virgina Beach im US-Staat Virginia gezeigt, dass er mehr kann als singen: Er ist der Pariser Modeszene gewachsen! Pharell Williams lebt seit einiger Zeit mit seiner Frau, Helen Lasichanh, und seinen vier Kindern in der französischen Hauptstadt. Nur so kann er sich auf die Verwirklichung „seines Traums“ konzentrieren. Dieser nahm am Valentinstag Gestalt an, als Alexandre Arnault, Sohn von Bernard Arnault, persönlich anrief, um ihm die Entscheidung von LV-CEO Pietro Beccari mitzuteilen, ihm die mehrjährige Nachfolge des 2021 verstorbenen LV-Designers Virgil Abloh anzubieten. Abloh hatte seit 2018 die Männermode bei Louis Vuitton entworfen. Er war der erste Afroamerikaner, der bei einem französischen Luxusmodehaus die künstlerische Leitung übernahm. Pharell Williams war ein Freund von Virgil Abloh: „Virgil war immer ein Bruder im Geiste. Das ist buchstäblich das, womit wir hier arbeiten“, ließ Pharrell in einer Presseerklärung verlauten. „Er hat dem Haus eine Menge Hits hinterlassen. Was mich betrifft, so arbeite ich mit seinem Geist zusammen. Ich fühle mich geehrt.“ Die Verpflichtung von Abloh und Pharell zeigt ganz nebenbei auch, dass Bernard Arnault es wie kein zweiter in der Edelmarken-Branche versteht, die black community einzufangen.
Trotzdem war die Skepsis groß, als Louis Vuitton seine Entscheidung bekannt gab, einem multitalentierten Multimillionär die kreative Leitung zu übertragen: Viele Stimmen bestanden darauf, dass der Posten an einen „etablierte:n Designer:in“ hätte gehen sollen. Sie übersahen dabei, dass Williams, übrigens auch ein Freund von Karl Lagerfeld, schon lange in Mode macht. Mit Marc Jacobs legte er bereits bei Louis Vuitton Sonnenbrillen auf. Und auch ohne entsprechende Ausbildung verfügt er über ein beachtliches Netzwerk in der Branche: Mit Nigo gründete er 2003 den Billionaire Boys Club. Für Moncler entwarf er Daunenjacken, die aussahen wie kugelsichere Westen und mit Adidas verband ihn eine langjährige Zusammenarbeit. Das Wichtigste ist, dass er sich selbst den Job zutraut: „..ich war auch nicht auf der Juilliard, um Musik zu studieren. Und ich habe es nicht schlecht gemacht. Als Schwarze Menschen auf diesem Planeten sind wir daran gewöhnt, dass man uns sagt, was man tun kann und was nicht…“, erklärte Williams vor der Show gegenüber der VOGUE. Außerdem ist Pharell Williams nicht allein: Louis Vuitton stellte ihm ein eigenes fünfköpfiges DesignerInnen-Team zur Seite. Seine Vision hinter der Kollektion: „Liebe. Und Komfort. Ein anderes Wort für Komfort ist für mich Luxus. Es geht um den Komfort des Designs und das Design des Komforts.“ Auf seine Visionen setzt auch Louis Vuitton in einer Presseerklärung: „Pharell ist ein Visionär, der sich in den letzten zwanzig Jahren zu einer globalen Kulturikone entwickelt hat und dessen kreative Universen sich von der Musik über die Kunst bis hin zur Mode erstrecken. Die Art und Weise, wie er die Grenzen zwischen den verschiedenen Welten, die er erforscht, überschreitet, entspricht dem Anspruch von Louis Vuitton als kulturelle Maison und unterstreicht die Werte von Innovation, Pioniergeist und Unternehmertum.“
Wandlung von einer Mode- zur Kulturmarke
20 Milliarden Euro Umsatz macht LVMH jährlich. Bernard Arnault ist der zweitreichste Mann der Welt. Ein Gigant, dem sich die ganze Stadt Paris unterwirft. Da macht auch Bürgermeisterin Anne Hidalgo verkehrstechnisch gern mal eine Ausnahme und sperrt das ganze Viertel um die älteste Brücke der Stadt herum. Pont Neuf liegt generell strategisch günstig für Arnault: Am Fuß der Brücke befindet sich das Louis-Vuitton Hauptquartier, neben seinem neuen Luxushotel Cheval Blanc und dem Kaufhaus Samaritaine. Die Ernennung des Allround-Künstlers Pharell Williams, der wie kein anderer für Pluralität und Transversalität steht, ist ein weiterer Baustein der überlegten Wandlung Louis Vuittons von einer Luxusmode- und Lederwarenmarke zu einer kulturstiftenden „Kultmarke“. LVMH spendet in Paris viel und regelmäßig, wie beispielsweise den Jardin d’Acclimation im Bois de Boulogne neben seiner – vom kanadisch-US-amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry erbauten – Fondation Louis Vuitton.
Ein Job für einen Messias
„Er (= Williams) ist ein extrem talentierter Mensch. Er ist eine Art Chamäleon, eine Muse mit vielen anderen Qualitäten, die früher von einer künstlerischen Leitung verlangt wurden“, erklärt Pascaline Wilhelm, Fashion Director der Première Vision. Es ist klar, die künstlerische Leitung bei Louis Vuitton ist ein Job für einen Mann, der mehr kann. Sein atypisches Profil und sein prominentes Netzwerk machen Pharell Williams zum perfekten Kandidaten, zu einer Art Messias. Und dabei kommt er trotz brillantenbesetzter Tiffany-Brille so unglaublich sympathisch rüber: „We really need him in our times. He is still so positiv, modest and brillant“, resümiert treffend Inga Giese, Fashionexpertin und Chefredakteurin von Icon.

„Just Phriends – Pharell goes Fashion“

Words: Kathrin Klemp

Illustrations: Studio VE

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PEOPLE

Franz Liebig

Jedes Projekt, egal wie groß oder klein, lang oder kurz, hinterlässt Spuren.

Artist: Franz Liebig

Text: Claudia Ippen

An einem sonnigen Junimorgen sitzen Franz und ich uns gegenüber. Leider nicht live, er ist in Paris und ich in Hamburg, dafür digital und bei einem zweiten Kaffee. Wir kommen sofort ins Erzählen – darüber, wie er über Umwege zur Schauspielerei gekommen ist, was ihn daran am meisten reizt und welche Themen ihm besonders am Herzen liegen. Inhalte sind ihm wichtig, das merkt man. Und komplexe Figuren, die man nicht sofort durchdringt. Franz macht, was sich für ihn richtig anfühlt, lässt sich immer wieder durch Begegnungen mit anderen Menschen und Künstlern inspirieren und, wie er sagt, an andere Orte bringen. Ich freu mich schon drauf, wo wir ihn als nächstes sehen, vielleicht wird’s ja auch ein eigenes Projekt über den Osten oder seine Großmütter. Ich bin gespannt!

Cyte: Du hattest mir ja schon geschrieben, dass du gerade nicht in Berlin bist. Sondern in Paris am

Theater. Vielleicht steigen wir da auch direkt ein, wo sitzt du gerade und warum?

Franz: Ich bin immer mal wieder in Paris. Ich habe hier studiert, und meine Agenturen befinden sich in Paris und Berlin. Dreiviertel des Jahres bin ich in Berlin und die restliche Zeit in Paris für Castings oder Drehs. Oder wie jetzt am Théâtre de la Tempête für eine dreiwöchige Master Class, eine Art Weiterbildung für Schauspieler mit Berufserfahrung. Das Théâtre de la Tempête ist toll. Es war das erste Theater in Paris, in dem ich ein Stück gesehen habe. Und jetzt habe ich die großartige Möglichkeit, mit dem Intendanten, Clément Poirée, zusammen zu arbeiten.

„Wir lernen, einen eigenen Text unter das Stück zu legen, nur dass es eben Bilder sind.“

Cyte: Woran arbeitet ihr gerade?

Franz: Im Prinzip ist es eine Art Labor, in dem wir an verschiedenen Schauspieltechniken arbeiten. Wir setzen uns gerade viel mit Visualisierung auseinander. Das heißt, wir visualisieren gemeinsam starke Bilder, um diese dann im Spiel umzusetzen. Zuschauer merken sehr schnell, wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler kein konkretes Bild vor Augen hat. Das wird dann oft langweilig. Mit einem klaren Bild, von dem was man erzählen möchte, wird der Stoff sofort lebhaft für das Publikum.

Cyte: Das musst du mir genauer erklären. Geht es darum, Emotionalität und Glaubhaftigkeit

rüberzubringen? Das stell ich mir nämlich sehr schwierig vor, insbesondere wenn man eine Szene zum ersten Mal oder auch zum wiederholten Male spielt.

Franz: In der Schauspielausbildung lernt man Techniken, um Emotionalität abrufen zu können, ohne

immer selbst wie beim Method Acting die gesamte Intensität der Gefühle zu spüren. Die

Visualisierungen wiederum helfen dabei, die Erzählungen lebhaft zu halten. Auch durch neue Bilder,

die man sich immer wieder sucht. Es geht um fantasievolle Bilder, die den Text anregen. Es ist eine Art Strategie, ähnlich wie zum Beispiel das Arbeiten mit Subtexten. Wir lernen, einen eigenen Text unter das Stück zu legen, nur dass es eben Bilder sind. Ob ich jetzt zu sehr abdrifte?! (lacht)

„Es waren immer auch Begegnungen mit Menschen, die mich zur Schauspielerei und an andere Orte gebracht haben.“

Cyte: Stichwort Schauspielausbildung. Du hast Deine in Paris absolviert. Wie kam es

dazu?

Franz: Ich habe erst BWL studiert, teils in Deutschland teils in China, in London meinen MBA gemacht und fünf Jahre im Bereich Finance gearbeitet. Ich habe irgendwann gemerkt, dass Finance zwar ein

spannendes Feld ist, mich aber nicht wirklich bewegt. Ich konnte mir nicht vorstellen, meinen

Lebensabend damit zu verbringen. Als Teil des MBAs konnte ich einen Schauspielkurs belegen,

geleitet von John Lightbody, einem Schauspieler der u.a. am National Theatre gespielt hat. Da habe ich dann gemerkt, dass ich einen Zugang zur Schauspielerei habe. Und dass Schauspiel tatsächlich ein eigener Beruf ist, den man lernen kann. Das war mir vorher gar nicht so klar! Aus meinem Abiturjahrgang haben alle recht klassische Berufe gewählt, im Schauspielkurs in London kam ich das erste Mal in Kontakt mit anderen Schauspielern, mit Theater und Film. Und jetzt muss ich ein bisschen ausholen … Während meines Studiums in China, habe ich eine ganze Reihe von Französinnen und Franzosen kennen gelernt, durch die ich die Sprache gelernt habe und die mir dann später vom Cours Florent in Paris erzählt haben. Es waren irgendwie immer auch Begegnungen mit Menschen, die mich zur Schauspielerei und an andere Orte gebracht haben.

„Am meisten reizen mich komplexe Figuren, die am Rand der Gesellschaft

stehen, Brüche haben und nicht sofort lesbar sind.“

Cyte: Finance und Wirtschaft gilt ja als recht sichere Berufswahl. War für dich der Wechsel zur

Schauspielerei schwierig? Hast du das Ganze am Anfang noch parallel laufen lassen oder bist du

sofort auf volles Risiko gegangen?

Franz: Ich habe weiter in Finance gearbeitet, um mir das Schauspielstudium zu finanzieren. Nach dem

Abschluss war mir klar, dass die Schauspielerei das ist, was ich machen möchte. Und dass es keinen

Weg mehr zurückgibt. Und so ein großes Sicherheitsbedürfnis habe ich eh nicht. Ich weiß gar nicht

wie ich das beschreiben soll. Aber BWL war vielleicht eher so ein Versuch, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Da studiert man halt BWL und ist erfolgreich, was auch immer das bedeuten soll. Ich komme aus Magdeburg, aus einer Familie mit klassischer Ostbiographie, d.h. mein Vater hat KFZ-Meister und meine Mutter OP-Schwester gelernt. Ich war der erste aus meiner Familie, der Abitur gemacht und studiert hat. Ich hatte einfach keinerlei Bezug zu Kunst, das war ganz weit weg. Eigentlich schade, dass einem künstlerische Berufe wie zum Beispiel Schriftsteller, Maler, Schauspieler in der Schule nicht näher gebracht werden.

Cyte: Du bist gerade am Theater für eine Master Class, hast in Theaterstücken, Fernsehserien und

Filmen mitgespielt. Was reizt dich davon am meisten?

Franz: Sowohl Theater als auch Film haben beide ihre Berechtigung und ganz eigene Reize. Das

Spannende beim Theater ist der direkte Kontakt mit dem Publikum, auf das man sich jedes Mal

wieder aufs Neue einlassen muss. Das Besondere beim Film ist diese kurze extreme Anspannung vor

der Kamera. Dieses Abrufen, und dann ist’s auch schon vorbei. Tatsächlich interessieren mich aber die Inhalte am meisten. Es geht mir gar nicht so sehr um das Format. Für mich ist es wichtig, dass

sowohl der Stoff als auch die Figuren interessant sind. Und dass ich mich mit beiden

auseinandersetzen kann. Am meisten reizen mich komplexe Figuren, die am Rand der Gesellschaft

stehen, Brüche haben und nicht sofort lesbar sind.

„Viele Menschen meiner Generation beschreiben eine Art Phantomschmerz, einen Verlust von einem Land, dass wir selbst gar nicht erlebt haben.“

Cyte: Ich finde das merkt man auch an der Auswahl deiner Rollen und Projekte. Sowohl Alice als auch

The New Look oder auch die zdf-Serie Himmel & Erde behandeln gesellschaftlich relevante

Persönlichkeiten und Themen.* Insbesondere Himmel & Erde hat mich nachdrücklich beeindruckt. In

einer Folge sagt eine geflüchtete Ukrainerin zu ihrer Schwester: „We can go wherever we want for

free, but not back home“. Da musste ich noch lange drüber nachdenken. Welche Bedeutung hat die

Serie, aber vielleicht auch das Zitat für dich persönlich?

Franz: Das war ein tolles Projekt. Vor allem auch weil ukrainische Filmschaffende die Möglichkeit

hatten, ihre Geschichte und Perspektive in Deutschland zu erzählen. Viele Beteiligte kamen aus der

Ukraine. Für mich persönlich war es spannend, sie alle kennenzulernen und mit ihnen arbeiten zu

können. Und ihre Geschichten zu hören! Die beiden Frauen zum Beispiel, mit denen ich gedreht habe, die ja auch wirklich noch sehr jung sind, mussten von zuhause weg und plötzlich im Ausland, in Kroatien, leben. Durch die Serie und den Austausch mit den anderen bin ich in Berührung mit der ukrainischen Community gekommen, das war spannend. Ohne hier irgendwas gleichstellen zu wollen, es ist ein komplett anderer Zusammenhang, keine Frage. Aber ich beschäftige mich gerade sehr viel mit Ostdeutschland. Ich komme ja von dort. Und dazu passt das Zitat wie ich finde auch sehr gut. Denn viele Menschen meiner Generation beschreiben eine Art Phantomschmerz, einen Verlust von einem Land, dass wir selbst gar nicht erlebt haben. Und ich meine das gar nicht im nostalgischen Sinne oder im Sinne von „Ich möchte dieses Land zurück“. Aber ich muss eben trotzdem feststellen, dass ich einfach anders sozialisiert wurde und andere Erfahrungsräume habe als Gleichaltrige aus dem Westen. Es ist auf jeden Fall ein Thema, das mich und viele Menschen aus dem Osten, mit denen ich mich austausche, gerade umtreibt.

Cyte: Das kann ich gut verstehen. Zumal es dabei ja auch um Heimat, Identität und Wurzeln geht.

Überall hingehen zu können, nur nicht da wo man herkommt, stell ich mir sehr schwierig vor.

Franz: Ich habe in den Nuller-Jahren Abitur gemacht und da gab es das Verständnis, dass man überall

hingehen kann. Das löst sich gerade wieder auf. Man merkt, dass sich viele Sachen verändern, von

denen man dachte, dass sie vollkommen normal und selbstverständlich sind.

„Ich glaube, dass Filmförderungen und Fernsehsender noch mehr Mut haben könnten (…)“

Cyte: Welche Rolle meinst du spielen Filme und Serien bei der Sensibilisierung von uns Zuschauenden

oder auch der Gesellschaft für solch wichtige sozialen Themen? Und welche Verantwortung siehst du

als Schauspieler dabei?

Franz: Zum einen habe ich als Schauspieler eine Verantwortung der realen Person gegenüber, die ich spiele. Bei Alice spiele ich Jean-Marc Reiser, der das Comicmagazin Hara-Kiri mitgründete und seine Zeichnungen später im Magazin Charlie Hebdo veröffentlichte. Da wollte ich ihm natürlich als Person gerecht werden. Zum anderen finde ich es ganz grundsätzlich wichtig, dass durch Filme oder Serien unterschiedliche Perspektiven aufgezeigt werden und Erzählungen Öffentlichkeit finden, die sonst nur einen begrenzten Raum im gesellschaftlichen Diskurs haben. Ich glaube, dass Filmförderungen und Fernsehsender noch mehr Mut haben könnten, solche Geschichten zu erzählen.

Cyte: Wie beeinflusst dich persönlich die Arbeit an derartigen Projekten? Hat es Auswirkungen auf

dein eigenes Denken und Handeln?

Franz: Jedes Projekt, egal wie groß oder klein, lang oder kurz, hinterlässt Spuren, und zwar sowohl

die Arbeit an dem Stoff als auch die Figuren selbst. Bei Jean-Marc Reiser bleibt zum Beispiel sein

Blick auf die Welt. Aber auch sein Lachen.

Cyte: Und geben dir gewisse Projekte auch wieder Ideen für neue Projekte? Oder ist dir vorher schon

genau klar, was als nächstes kommt?

Franz: Nee gar nicht. Im Gegensatz zu meinem vorherigen Job, hat man seinen Weg nicht so klar

abgesteckt. Das kann man auch glaube ich nur bis zu einem gewissen Grad selbst beeinflussen.

Wichtig ist der Austausch mit anderen Menschen. Ich bin schon sehr oft durch einen Film oder eine

Begegnung auf ein neues Thema oder eine Idee gekommen.

„Wie sehe ich die Biografien meiner Großeltern, die Entwertung vieler Biografien nach dem Mauerfall, die Lebens- und Anpassungsleistung meiner Eltern (…?)“

Cyte: Gibt es denn bestimmte Themen, die dir besonders am Herzen liegen und die du gerne in

Zukunft behandeln möchtest?

Franz: Es gibt mehrere Themen, die mich gerade umtreiben. Eins haben wir gerade angerissen, der

Osten. Mich interessiert, wie meine Generation aufgewachsen ist, wie wir selbstbewusst einen eigenen Umgang mit unseren ostdeutschen Biografien finden und welche Geschichten wir erzählen wollen. Meine Familie zum Beispiel. Wie sehe ich die Biografien meiner Großeltern, die Entwertung vieler Biografien nach dem Mauerfall, die Lebens- und Anpassungsleistung meiner Eltern, die aus Magdeburg in den Harz gezogen sind, wo meine Mutter beispielsweise die einzige Mutter in meiner Schulklasse war, die gearbeitet hat? Diese Perspektiven werden noch zu selten erzählt, aber sie werden langsam sichtbarer und es gibt einige wenige Regisseure wie Andreas Dresen, der sich schon lange mit solchen Biografien beschäftigt. Aber auch sein Film Gundermann hat über 10 Jahre gebraucht, um erzählt werden zu können.**

Dann beschäftigt mich derzeit das Leben und die Biografien meiner Großmütter. Das sind sehr

starke Frauen. Die beiden leben glücklicherweise noch. Ich fühle mich ihnen sehr verbunden und

verbringe gerne Zeit mit ihnen. Ihr Leben, ihre Lebensleistung und ihr Lebensmut beeindrucken mich sehr. Eine meiner Großmütter lebte eine Zeit lang in Solingen, kurz bevor die Mauer gebaut wurde, die andere ist sehr jung Mutter geworden, beide haben seit den 50ern in verschiedensten Berufen gearbeitet und waren immer auch für ihre Familien verantwortlich. Ich würde mich freuen, wenn ich es schaffe, ihre Erfahrungen und Perspektiven auf unsere Zeit auf irgendeine Weise sichtbar zu machen! Dieser Austausch zwischen den Generationen ist, glaube ich, sehr wichtig. Oft heißt es ja, dass ältere Menschen jüngeren keinen Platz machen. Aber ich finde eigentlich, dass es eine gegenteilige Bewegung gibt, hin zu einer zunehmenden Verjüngungstendenz. Alles und jeder muss irgendwie jünger werden. Ich finde genau diesen Austausch mit älteren Menschen sehr wertvoll, auch um sich selbst zu erden und für sich zu prüfen, was eigentlich wichtig ist und was nicht.

Ich werde versuchen genau diese gesellschaftlichen Themen weiter in meine Arbeit einfließen zu lassen und vielleicht mache ich irgendwann selbst einen Film darüber oder schreibe ein Buch.

Vielen Dank, Franz, für das tolle Interview. Es hat sehr viel Spaß gemacht!

*Der Film Alice aus dem Jahr 2022 porträtiert Alice Schwarzer, die feministische Ikone der deutschen

Frauenbewegung. Die Apple TV+ Serie The New Look spielt während des Zweiten Weltkrieges und

zeigt die Geschichte des Modehauses Dior. In der ZDF-Serie Himmel & Erde – Небо та Земля,

nominiert für den Grimme-Preis, erzählen ukrainische Filmschaffende Geschichten von Ukrainern und Ukrainerinnen (https://www.zdf.de/serien/himmel-und-erde).

**Gundermann ist eine Biografie und Musikfilm über den Liedermacher Gerhard Gundermann. Der

Film kam 2018 in die deutschen Kinos. Die Arbeiten an dem Film begannen aber bereits 2006.

Franz Liebig

Actor: Franz Liebig
Words: Claudia Ippen

Photograph: Stephan Ziehen
Styling+ Outfits: von Uwe
Grooming: Mily Serebrenik@Bigoudi
Productions-Assistance: Nina Virus

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PEOPLE

Coverlette

Who are you? What’s your profession?Gideon Rubin, I’m A London based painter. Why are you interested in sustainability?I’m a bit like a hoarder so it helps I don’t throw anything away. much prefer re-using, to re-appropriate. i collect old photos, toys etc… For years I’ve been painting on little cardboards, I just cut up used boxes to small pieces and paint over them with gauche colours. I love the feeling of making something quite precious out of the most mundane, throw away stuff.   And what made change your mind?
Age, and seeing where we at. it a very different perspective..  What has to change – in your opinion –  to make this world a better place?People. I don’t think it about how long humanity lasts, its under what conditions, what kind of life we want to have. We have to find a way to work together, individually, as industries, countries  – think and act on it globally but we are so far from it.Energy-crisis, war, covid, populism. Do you still watch the news? Much less then i used to, still read the papers but keeping to the headlines, i skim through the rest. I figured reading more news doesn’t help me understandanything better really…Who is your idol?So many artists, musicians, writers, poets that make life much more bearable. State of mind?’Inspiration exists, but it has to find you working’  Picasso.

Who are you?Jean-Pierre BraganzaWhat’s your profession?Fashion Designer (@Coverlette) zero-waste menswear brand.Why are you interested in sustainability?It’s just so sad and depressing to think that we could slip into self-destruction and lose so much of the beauty and diversity of life out of sheer laziness and greed. I hope that humanity is better than that and we can shift our behaviour and force corporations to behave differently in time.And what made change your mind?Over the last few decades fashion became something disposable, a completely pointless cycle of trends and status. The value and appreciation of design and craftsmanship was lost. Trying to bring back a tiny bit of that consideration is why I started the Coverlette brand. I could only bear to work with existing vintage pieces and textiles, working with the constraints of the utilitarian design of military garments, and bringing the incredible artistry of the hand-woven antique coverlets back to life by combining them.What has to change – in your opinion – to make this world a better place?Corporations have to be held responsible for the pollution and garbage that they create. Why do we allow them to create endless plastic packaging and toxins that invade the water and air? Anything that comes in plastic should have a heavy tax added, with all of the revenue going to clean up waterways.Energy-crisis, war, covid, populism. Do you still watch the news?Yes every morning. Probably not a healthy habit.Who is your idol?Henry Rollins and Maynard James KeenanState of mind?Comfortably numb.

Who are you? What is your profession?
I am Izzet Ers, a London based fashion designer and artist with a Turkish Jewish background. I just launched Imago (@imago.circle), an up-cycle fashion collective and am one half of The Sinistry, a contemporary art partnership with the artist Bert Gilbert (@thesinistry).Why are you interested in sustainability? And what made you change your mind?I have always had an interest in textiles and other materials from the past, as they all carry within them their own story. Through my work in the fashion industry over the last twenty years and witnessing the monstrous amount of overproduction and waste,  I’ve come to the realisation that one’s creativity has to be the most precious feature in this kind of work as it’s the only thing in this life that comes from a truly inexhaustible source.What has to change – in your opinion –  to make this world a better place?I feel that there is an over-valuation of growth in general, creating new things with new materials in a never ending and self-consuming cycle, and it’s time to break this. Energy-crisis, war, covid, populism. Do you still watch the news?I don’t watch the news but I keep informed in other ways.Who is your idol?Carl JungState of mind?One of the mantras from The Sinistry’s Game of Life Manifesto gives an answer to this:Be uncontainable yet sustainable!

Who are you?Jade McSorley, a sustainable fashion advocate and fashion futurist. What’s your profession?I am the co-founder of LOANHOOD, a fashion rental community supporting emerging designers, independent brands and just really cool wardrobes. I am also a model of 15 years and undergoing my PhD on digital fashion and sustainability at the University of Creative Arts. Why are you interested in sustainability?I guess working as model for so long and working for a lot of fast fashion brands allows you to see the industry from such a unique perspective. I could see the rise in production and the decrease in quality and soon found it didn’t sit well with me as a person in the industry promoting and selling more clothes. I got interested in sustainability as I wanted to find a way to love fashion but without the guilt associated with consuming in a world that is affected by climate change. I ended up going back to study my MA in Fashion Futures at London College of Fashion that explored the complexities of sustainability
within a fashion context. I found it both scary and uplifting as I came to see sustainability as an opportunity for fashion to reset, to be more creative, less impactful to our planet and more beneficial to people and communities. And that is what we strive to do at LOANHOODAnd what made change your mind?Same as aboveWhat has to change – in your opinion – to make this world a better place?I think, from a top-down approach, government needs to make some big changes if we are going to really speed up change. They understand and do too little and I worry they will act when it is too late. Many will argue it is already too late. But I also think it is important to never underestimate the power of the consumer. Instead of waiting for government to step in, there is so much that we can do as individuals and make different choices. If we as consumers speak up, industry and government will have to listen! So I would say to anyway who wants to go a buy a new outfit for a new week, first think about whether you need it, and then think about alternative ways in which you can get it – resale, rental, borrow from friends and family – there are so many amazing businesses out there are sustainably driven and as consumers we need to support them. Energy-crisis, war, covid, populism. Do you still watch the news?I think it is important to know what is going on in the world and affecting the people of our planet. However, I think, like most people, I find it hard to watch and stay positive throughout the day. I have stopped watching the news on the morning first-thing but I will keep aware of what’s going on through different media channels throughout the day. I don’t want to be ignorant to those that are going through such challenging times and I think more than ever we need to be there for each other. Who is your idol?Oh, there are many amazing people in the world who inspire me and keep me going. Alexandria Ocasio-Cortez is a force to be reckoned with and I find her so be insightful, empathetic, and articulate in the way she addresses those in power. David Attenborough for reminding us about the beauty of nature. And Iris Apfel for reminding us about the fabulousness of fashion.State of mind?In flux! Sometimes I feel anxious about the world and where we are heading and then the next minute, I am full of positivity and feel like we can create change.


The Coverlette brand is one-of-a-kind clothing created in London from vintage garments + antique textiles. After running a ready-to-wear brand for 12 years in London, Jean-Pierre Braganza was tired of the cycle of seasonal wholesale fashion and needed to find a way to focus on his true passion; design. The lockdown of 2020 brought a new, enforced slowness, and at this point he discovered the incredible beauty of antique coverlets. Loomed in the 17th and 18th centuries by European settlers in North America, the stories of these people are often told through the images woven into the fabric. Finding a way to bring this incredible craftsmanship back to life turned into the Coverlette brand. Antiques that may have been packed in an attic have been transformed into a unique and meaningful piece, meant to be worn, loved and kept forever.

Who are you? What’s your profession?Gideon Rubin, I’m A London based painter. Why are you interested in sustainability?I’m a bit like a hoarder so it helps I don’t throw anything away. much prefer re-using, to re-appropriate. i collect old photos, toys etc… For years I’ve been painting on little cardboards, I just cut up used boxes to small pieces and paint over them with gauche colours. I love the feeling of making something quite precious out of the most mundane, throw away stuff.   And what made change your mind?
Age, and seeing where we at. it a very different perspective..  What has to change – in your opinion –  to make this world a better place?People. I don’t think it about how long humanity lasts, its under what conditions, what kind of life we want to have. We have to find a way to work together, individually, as industries, countries  – think and act on it globally but we are so far from it.Energy-crisis, war, covid, populism. Do you still watch the news? Much less then i used to, still read the papers but keeping to the headlines, i skim through the rest. I figured reading more news doesn’t help me understandanything better really…Who is your idol?So many artists, musicians, writers, poets that make life much more bearable. State of mind?’Inspiration exists, but it has to find you working’  Picasso

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PEOPLE

About Anna

Heading to a breakfast meeting with Dr Anna Marazuela Kim triggered a torrent of questions, emotions, and reflections. A sharp shaft of sunshine accompanies me during a brisk 20-minute walk to Berlin’s Cafe Benedict. Bathed in this sumptuous light, the German capital’s expanse of differing architectural styles, wide treeless boulevards and surfeit of graffiti and posters all come into full view. The walk compels reflection on the city’s beauty – one of the many themes that engages Anna’s fertile intellect as an internationally renowned cultural historian. The mental preparation for the interview with Anna led to an initial exposure to Chat GPT’s computing intelligence. My Berlin host had rattled off several questions the AI-platform suggested for the encounter with the serious cultural historian. Not for the first time, I was so impressed by this nascent technology that the slate of questions swiftly vanished from my memory by the time breakfast was shared with Anna.
Decked out in an elegant yet understated black outfit, Anna politely greets us before dashing off to the powder room. Our conversation is scheduled to be held over breakfast, but Anna orders tea and her meal only after we speak. The immediate if not enduring impression remains that of someone seeking to bend life and time to her terms, her pace. Anna Marazuela is an American-born, London-based academic who applies a multidisciplinary approach to study cities and seeks to foster democratic values in urban life. But we are meeting on the eve of Berlin Fashion Week and Anna also stands on the edge of a radically new professional and personal adventure.
Our conversation begins with an obvious question – is Berlin a beautiful city? Anna responds with a lengthy arc that begins with summarising her academic studies (on the history of art and architecture and Italian renaissance); research initiative (leading the cultural strand of the Thriving Cities project in the US); and the personal experience of being a regular visitor to the German capital. But Anna’s reflective nature means eschewing the offer of simple answers, hence a measured argument delivered with deliberative precision. “Berlin possesses very beautiful urban architecture and has invested in compelling renovations of its cultural institutions, but the city’s beauty also stems from its street culture and street fashion. In Berlin this is entirely self-made, with a basis in club culture, an aesthetics of personal expression and the notable absence of money. Berliners believe in their city’s authentic beauty, one that contrasts with German formalism and modernism. This produces an interesting kind of tension where a distinctive urban beauty offers a textural richness that coexists with, and resists, the shiny gentrification to which global cities are prone.”
She continues – “In trying to articulate the idea of beauty in cities, one of the questions I’ve tried to address is how graffiti could be considered a kind of ugly beauty. Because beauty is not just window dressing or putting bright furniture on the street. Also, we recognize beauty in its absence: the debilitating effect of slums and deprivation on human capabilities. So, I was thinking about beauty broadly in relation to what really makes us able to thrive, what moves us, brings out capacity or perception for emotion, passion and care for the places that we live. We are seeing the attrition of public spaces in this city and others, with a far greater number of derelict buildings being earlier transformed into clubs or art galleries. Most Berliners would say that even though there are grand public spaces, there is also less public space than before. In my work on developing urban planning strategies in London, we advocated promoting spaces with a generous public realm because societal mixing has assumed greater importance. One of the things you immediately notice in continental Europe is the generous use of public space, for example, people sitting on an outdoor bench and reading or streets also constituting an indelible part of public space. London has belatedly recognised that a creative talent like Storzmy cannot emerge without minority communities being supported.”
The conversation shifts to Anna’s recent work in support of Ukrainian artists. Her marriage of academic and activism summons memories of the adage – action without thought is blind and thought without action is futile. “I was invited last November before the war started to a Kyiv forum due to a consulting report I wrote for a global network of cultural districts. The initiative convened many partners to create the first district of contemporary arts and culture in the historic centre of Kyiv. This brought together amazing people and I completely fell in love with the city and the project. Since February of last year, I have been trying to advance a lot of different projects and initiatives in support of cultural workers in exile.” As is so often in Anna Marazuela’s life journey, personal relations underpin her efforts. In this case, she met the two female curators of the Kyiv-based contemporary art gallery (The Naked Room Gallery) and helped them to support Ukrainian cultural workers and artists. “We need to applaud this generation that has stayed and built their country after independence. Intellectuals that could have easily left the country for appealing jobs at Columbia or Harvard and this heroism is being repeated by the younger generation.”

She sagely adds that “the war in Ukraine is essentially a culture war because Putin believes that the country has no legitimate culture of its own but should be viewed solely as a lesser satellite. Therefore, promoting Ukrainian culture remains an important imperative to empower artists with platforms to grant them heightened visibility and support their work in exile.” She also believes that the Ukrainian cause is ably led by President Zelensky in part through his deep understanding of the power of creative communication. We briefly meander into the realm of fashion when she mentions “I have been supporting these young women who are doing a fashion design popup, bringing great Ukrainian brands to London. One of those brands is featured here in Berlin.”

Now the earnest segue into fashion was unavoidable with Anna, the serious academic who is about to walk the runway at this year’s Berlin Fashion Week. My invitation for her to share the rationale behind this creative leap was greeted by the now customary measured and reflective response. “This was completely accidental and let me clarify that I can’t say that I am seriously modelling just yet as I have only done this a couple of times. But it happened that three times in one year I was street cast as a model in both London and Berlin. An award-winning film director contacted me after seeing a portrait someone else made of me and registered an interest to working with me.” Other chance personal encounters emerged including with a young German street casting professional for Julia Lange who canvassed the academic’s interest to model. Anna was initially hesitant but later recognized that the spontaneous meeting was propitious as she was reflecting on leaving her academic job to escape its resultant stress and heavy bureaucratic nature. “I dreamt about returning to a project-based life and being surrounded by creative people. So immediately I wrote her and was invited to do a photo shoot with a black shirt but no makeup. I found all this surprising as it was happening to me as an older person, my entire life identifying as an intellectual and activist to be taken seriously.”

Through yet another serendipitous meeting, Anna met the German fashion designer Marcel Ostertag in Berlin. “I arrived at a friend’s architect studio, and as the toilet was under repair, I had to use one at a hotel across the street. It was a stunningly beautiful sunny summer day, I woke up early, put on a kimono robe and flip flops and started walking from the hotel to Mitte in search of breakfast. I met an artist visiting from Munich who invited me to a design pop up around the corner featuring some fabulous designers. There I bought a jacket as I needed something for a special night at the Berghain – the legendary techno nightclub in Berlin. Suddenly Marcel walks in, looks at me and asks if I would walk the runway for him for Berlin Fashion Week. This time I was ready, so I immediately said yes! I walked for Marcel last July and found it to be a great experience. His warmth, support and advice has made it all possible.”
The leap onto the catwalk evoked something deeply personal in Anna Marazuela. Part of this stems from her fondness of professional collaboration, love of design and beauty. But there was something even more profound that catapulted this mature American woman into fashion modelling. “Berlin makes me feel alive, animated, excited and engaged, and therefore I always feel attractive here. Growing up in the US Midwest in the wake of the Vietnam War, I was regularly subject to hatred and prejudice. As a result, I grew up feeling ugly – a sensation compounded by this weird sort of sexual vibe emanating from American soldiers returning from military duty in Asia. This was extremely toxic and alienating as a young person, so I became rather studious and wore glasses to navigate safe spaces of university and academia. I never felt attractive until I went to Brown University, when multiculturalism began to be valued. That was important for someone like me with my Spanish and Korean heritage.”
Unsurprisingly, Anna ventures into modelling bent on pursuing this on her own terms and tied to her intellect and interests. “When I pose, I remain unaware of the impact either on the photographer, clothes or audience. How does one project intelligence while modelling clothes? As an intelligent person entering fashion, one has to address the issue of sustainable fashion and one’s relationship to buying clothing. Yet, I remain acutely aware that I am now just entering the fashion industry and therefore being radically outspoken would be neither wise nor appropriate.” But she insists on embarking on professional collaborations that are consistent with her set of values.
Marcel Ostertag joins us with his opulent whiff of perfume and expressive personality. He shares his perspective on what he saw in Anna to trigger an interest in her modelling his designs. “The first time I saw her, her beauty was obvious. But she also has something inside which is coming out along with an appealing style. Beyond that, Anna has something really mysterious about her as well. I tend not to see age in women but rather beauty and confidence and strength and power. I like women who have a story in life, who are creative, who are personalities. I don’t like to book just blank models that do one show after the other but lack personality.”
Ostertag introduces the philosophy behind his new collection “We have been in the pandemic kind of underground for a couple of seasons with more concrete and more down to earth clothing. But now we are back. I think the new collection reflects a kind of split between Berghain and Studio 54. There is a 1970s vibe, but the clothing items remain both youthful and fresh.” Ostertag further notes that the national mood in his own country is depressing with the impact of the Ukrainian war and energy-fuelled rampant inflation. “With this collection, I want people to have fun again, go out again, inspire and reclaim life.”
Anna interjects and rightly reserves the last words for herself. “I think the first thing that struck me about Marcel is this incredibly positive energy in an industry that I am quite sure is not just demanding but also brutal. I love his spirit of collaboration, openness, and optimism. With this invitation to model, I seem to be coming into myself after many, many years and a heavy load of personal struggle. Something is emerging and I’m grateful to people like Marcel who can see this potential in me.”

 

Words: Junior Lodge
Photographer: Stephan Ziehen
Hair+Make-Up: Lisa Neubauer@Bigoudi

All outfits: La Bande/Berlin
All jewellery: Luise Zücker/Berlin