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Goldie

GOLDIE – DER VOGEL DES JAHRES*

*Einladungstext zu ihrem Geburtstag 1999 „Geburtstag der Goldammer“

Goldie in Missoni

Goldie in Issey Miyake

Goldie in GELB

Gelbe Wände, im ganzen Haus!

„Gelbe Haare“ (Zitat!) Es würde ihr nicht gefallen, wenn ich „güldene“ schriebe. Die Haare sollen gelb sein. Dieses Mal hat die Friseurin den Gelbton nicht so gut getroffen. Was soll´s. Da muss man durch.

Ich kenne nicht viele, die Doris von Goldammers Alter haben, aber ich bin sicher, es gibt nicht allzu viele ihrer Art in diesem Alter. Was toll ist! Denn dann würde Doris von Goldammer nicht in ihrer Einzigartigkeit herausragen, erhobenen Hauptes. Dann wäre die Kombination aus gelbem, zu Teilen krausem Haar und einem Knoten seidig glatten, sehr langen Haares auf dem Kopf inklusive knappen Ponys, grünen, in strenger Form gehaltenen Augenbrauen, grünem Lidschatten und roten Lippen ja normal. Dann müsste Doris von Goldammer einen praktischen Topfschnitt und sandfarben-bleiche, praktische Anoraks und bitteschön keine Farbe im Gesicht tragen, damit sie auffiele.

Denn das ist es, was sie tut. Auffallen. Und das irgendwie auf eine sehr hanseatisch vornehme Art. Unaufdringlich. Ein Kunststück, das in ihre DNA eingewoben ist. So wie ihr Stil, ihre Art Kleidungsstücke zu kombinieren und sich in ihnen wohlzufühlen, wie in ihrer eigenen Haut.

À propos: Ihre Haut ist makellos, ihre Bewegungen sind fließend, dabei unauffällig pointiert, ihre Mimik stechend berechnet, ihr Verstand blitzklar, sie strahlt vor Selbstsicherheit und Stilsicherheit – sage ich das jetzt trotz ihres Alters oder gerade deswegen? Würde ich das bei einer jüngeren Frau auch so hervorheben? Bei einem Mann? Welchen Alters auch immer? Ach sei es drum, auch darüber macht sich eine Doris von Goldammer keinen Kopf. Sie ist wie sie ist, war schon immer so und es gibt keinen Grund, sich sie in irgendeine Schublade zu denken, um sie greifen zu können. Denn sie würde auch in gar keine der vielen Schubladen passen.

Je ne regrette rien, Edith Piaf läuft während des gesamten Shootings. Und das passt, wie man sich, nach obiger Beschreibung, vorstellen können sollte, ungemein gut zu unserem Model. Sie war nach der Schule eine Zeit lang in Paris, spricht heute noch fließend Französisch und irgendwie hat sie das geprägt. Ihren Gang, ihre Gestik, wie sie ihren Kopf hält – all das hat etwas Französisches.

Stylistin: Als nächstes wollen wir dieses hier (zeigt Outfit).

Doris: Oh nee, ich glaube das geht nicht!

So sagt man auf goldammerisch höflich „Spinnst Du? Das ziehe ich auf gar keinen Fall an.“

Sie ist immer gerne und immer viel gereist. Selbstverständlich mit Louis Vuitton-Kofferset. Und mit Hut schreitet sie die Gangway hinunter. ((BILD)) ((BildUnterschrift: Doris von Goldammer betritt mallorquinischen Boden, 1974))

Und dann kommt das, was ich in meinem Kopf nicht so recht zusammenbekomme: der Job bei der Autovermietung. Sie hat dort das Team geleitet, hatte Verantwortung – und eine Uniform getragen, mit weißer Bluse aus Nyltest. Die warf sie jeden Abend in die Ecke – nicht, weil sie den Job nicht mochte, sondern um endlich in ihre eigene Haut zu steigen. Aber anders als bei so vielen, war die „eigene Haut“ selten etwas Schlichtes, so genanntes Normales. Es waren (und sind geblieben) Dries van Noten, Chloé, Issey Miyake, Callaghan, Etro.

Und da hakt es in meinem schlichten Kopf. Warum nicht ein Job in der Fashionindustrie, wo es sich um nichts Anderes dreht als um Mode, Designer, Stoffe, Farben? Warum – Verzeihung – so etwas Banales und Bodenständiges wie Autovermietung? Wie passt das zum Fashion Victim (Zitat), das einen Hauch von Glam und Kribbeln auf der Haut verspricht? Aber Doris sagt ganz trocken, fast vorwurfsvoll: „Ich brauche ja auch etwas für den Kopf. Es war spannend, ich hatte Verantwortung für ein 14-köpfiges Team, war viel unterwegs, habe später das Groß-Kundengeschäft mit betreut. Das war aufregend und ich konnte meine vielen Sprachen sprechen, Französisch, Englisch, Italienisch.“

Und dann kommt da aber doch noch der Glam dazu. Als Komparsin bei verschiedenen Produktionen, neben Hannelore Hoger oder Evelyn Hamann. Und nach der Autovermietung kamen schließlich doch die Mode-Jobs, unter anderem bei Linette im Outlet, wo sie schwelgen und schwärmen konnte, ihre Leidenschaft an die Kunden weitergab. Vier schöne Jahre waren das. Bis heute ist Linette eine ihrer Lieblingsbezugsquellen.

Es folgen die Einladungen zu Eröffnungen, Einladungen zu Vernissagen. Doris ist ein sehr gern gesehener Gast. Man schätzt sie, weil sie so aussieht wie sie aussieht und weil sie unterhaltsam ist, weil sie direkt ist, vollkommen unprätentiös („Der Fleck? Das ist kein Altersfleck, der kommt von meiner Schlupflider-OP), selbstironisch und scharfsinnig. Sie ist Mitglied in der Kunsthalle und im Museum für Kunst und Gewerbe. Sie geht gerne aus, ist gerne unter Menschen, engagiert sich.

Und dann ist sie aber gerne wieder zu Hause, in ihrem Geburtshaus, mit den gelben Wänden und der beeindruckenden Magnolie im Vorgarten und den riesengroßen Rhododendren im hinteren Garten, wo die Nachbarskatze dem Igel das Futter klaut. „Unverfrorenes Ding!“

„Goldie“

Text: Henrike Heick #lousalo – Photograph: Stephan Ziehen #stephanziehen – Styling: Anna Kühmstedt #annakuehmstedt – Make-Up: Evelyn Innerhofer #evelyninnerhofer – thanks to Melanie Arnold #melanie.arnold

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LOVE – Yves Saint Laurent

Manchmal trifft man Paare, die man zugleich hasst und liebt. Hasst, weil sie vermeintlich zu hübsch, zu talentiert, zu in love sind, sodass man nicht nicht neidisch sein kann. Und liebt, weil sie eben so hübsch, so talentiert und so in love sind, dass man sich nicht helfen kann und einfach inspiriert und berührt ist von ihrem Licht. Ich dachte immer, dass Yves Saint Laurent und Pierre Bergé so ein Paar gewesen sein müssten.

 

Meine Meinung habe ich zum ersten mal überdacht, als ich das Berbermuseum betrat, was zum Jardin Majorelle in Marrakesch gehört. Der Jardin Majorelle ist ein Garten, der sich auf dem ehemaligen Grundstück der beiden Freunde und Lebensgefährten befindet. Hier ist Yves Asche verstreut und das laute Majorelle Blau erinnert nicht mehr an den Schöpfer Jacques Majorelle, sondern an Yves. Der gab dem Ganzen zwar nicht seinen Namen, machte es aber auf den Laufstegen in Paris berühmt. Berühmt genug, dass sich die Farbe heute eimerweise verkauft. Als kleiner Trost vielleicht für die, die sich kein Yves Saint Laurent Kleid leisten können.

Der Garten ist laut und stachelig. Im wahrsten Sinne des Wortes – es ist halt ein Palmen- und Kakteengarten.

Das Berbermuseum in der Villa Oasis dagegen ist ein Ort der Ruhe. Ein Zyniker würde sagen, dass es daran liegt, dass man hier extra Eintritt zahlen muss und noch nicht mal ein instagrammable Foto machen darf. Das funktioniert halt besser vor lautem Blau. Nein, hier drinnen herrscht Stille und es funkelt ein Sternenhimmel über den Besuchern. Spiegel, Historie, bröckelnde Schönheit von alten Berber-Gewändern. Es ist fast ein bisschen andachtsvoll, wie in einer Kirche. Das Museum trägt eindeutig die feine, ruhige Handschrift von Pierre Bergé, seinem Kurator.

Wie der Name der Villa verrät, soll das Innere eine Oase sein, eine klare Abgrenzung des manchmal fast grell anmutenden Garten außen. Es scheint aber auch ein klarer Kontrast zwei unterschiedliche Menschen zu sein. Yves Saint Laurent, der Schöpfer, bestimmt auch Genie mit der gehörigen Portion kreativen Wahnsinns. Und dann Pierre Bergé, ein Ruhepol, der zusammenfügt, was schon immer zusammen gehörte, einer der nie den roten Faden verliert und so Sinn erschafft. Ruhe zum Chaos. Oase zu den Kakteen.

Vielleicht tue ich Yves unrecht, aber allein Dank dieses Museums wäre immer Pierre der an meinem imaginären Dinnertisch mit den berühmten Charakteren, nicht der gefeierte Künstler selber.

 

Pierre wurde 1930 auf der Île d’Oléron geboren. Seine Eltern erzogen ihn „liberal, tolerant, ja anarchistisch“ wie er freimütig in einigen Interviews erzählte. Schon jung interessierte er sich für Kunst und Literatur, engagierte sich politisch und setzte sich für die Rechte von Homosexuellen ein. Für ihn war homosexuell sein so natürlich wie Linkshänder sein. Diese Einstellung prägte seine journalistische Karriere und führte dazu, dass er schon früh Verfechter von Menschenrechten, dem Code Napoléon und der Ehe für alle wurde. Auch später verleugnete er seine Homosexualität im allgemeinen und seine Liebe zu Yves im besonderen nie.

 

Die beiden hätten sich schon auf der Beerdigung von Yves’ Lehrmeister, Christian Dior, 1958 kennenlernen können, der sie beide beiwohnten. Es war allerdings erst kurze Zeit später soweit, nachdem Yves seine erste Kollektion für Dior vorgestellt hatte und sich die beiden bei einem Dinner kennenlernten.

Pierre war damals noch mit dem berühmten Maler Bernard Buffet zusammen, trennte sich aber nur wenige Monate nach diesem schicksalshaften Dinner von ihm, um mit Yves zu sein. Ein Schritt, der nicht nur sein persönliches Leben, sondern wahrscheinlich auch die Modewelt für immer verändert hat.

 

“I left him to be with Yves Saint Laurent, with whom I lived for fifty years. … How could I completely change in an instant? How could I forget, cross out with a single stroke, the eight years I had spent with Bernard? … All of a sudden the unexpected happened. Maybe that unexpected thing was love at first sight.”

 

Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau. In Yves Fall war das Pierre. Er war seine First Lady, Manager, bester Freund, Komplize. Gemeinsam verbrachten sie erst als Paar, aber immer als Freunde und Geschäftspartner 50 Jahre zusammen.

 

1966 kamen sie nach Marokko. Das Land wurde für die beiden zu einem zweiten Zuhause, zu einer Manifestation und Deklaration ihrer Liebe nicht nur zueinander, sondern zur Kunst, zur Kultur und zu den Farben Afrikas. Und dass obwohl es in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft ohne Unterbrechung regnete und das La Mamounia, in dem das Paar gerne wohnte, weit von seinem heutigen Luxus entfernt war. Aber nach ein paar Tagen ging die Sonne auf und ein bedeutender Abschnitt im Leben der beiden begann.

 

“One morning we awake and the sun had appeared. A Moroccan sun that probes every recess and corner. The birds were singing, the snow capped Atlas Mountains blocked the horizon, and the perfume of jasmine rose to our room. We would never forget that morning, since in a certain way, it decided our destiny.”

Pierre Bergé, A Moroccan Passion

 

Sie kauften zuerst ein Haus in der Medina und ein paar Jahre später in Gueliz, in der Nähe des Jardin Majorelle. Diesen retteten die beiden 1980 vor dem Abriss und restaurierten sowohl den Garten als auch die Villa Oasis mit ihrem Atelier.

 

Pierre war eine treibende Kraft in ihrem Privatleben und der Vermarktung der Marke Yves Saint Laurent. Zusätzlich setzte er sich auch in Marokko für Kunst und Kultur ein und rettete unter anderem das Kulturzentrum “Librairie des Colonnes” in Tanger vor dem Aus, ein Ort in dem damals Größen wie Henri Matisse, Tennessee Williams, Truman Capote und Jimi Hendrix unterkamen.

2001 gründeten die beiden zusammen die “Fondation Jardin Majorelle”, eine später staatlich anerkannte Stiftung die verschiedene kulturelle und pädagogische Einrichtungen unterstütze. Für seinen Dienst für Marokko wurde Pierre 2016 das “Grand Cross of the Order of Ouissam Alaouite” von König Mohammed VI verliehen. Dazu kamen Auszeichnungen in Frankreich als “Grand Mécène des Arts de la Culture”, als “Grand Officier de la Légion d’Honneur” und als Oberhaupt der Opéras de Paris.

 

Marokko inspirierte sowohl die vielen Kollektionen von Yves, die hier entstanden, als auch Pierres Arbeit. Beide interessierten sich für die Kunst der Amazigh, der Berber, den Ureinwohnern Marokkos und irgendwann wurde das Atelier der Villa Oasis, einst das Museum für Islamische Kunst, zum Berbermuseum. Das Museum ist Pierres Meisterwerk. Für ihn zählte nicht nur das Resultat, sondern mehr das Kunstschaffen selber. Etwas was sich auch in der berühmten und sehr vielseitigen Pariser Privatkollektion des Paares zeigte, die Pierre nach Yves Tod versteigern ließ.

 

Es schien irgendwie normal, dass nicht nur ein, sondern zwei Museen folgen würden, die Yves und seine eigenen Werke feiern, aber die distinguierte Handschrift von Pierre tragen würden. Und wie kann es anders sein, dass eins davon in Marrakesch stehen würde.

5.000 Kleidungsstücke, hunderttausende Zeichnungen und Bücher, unzählige Erinnerungen wurden in einem epischen Projekt zusammengefügt.

 

“When Yves Saint Laurent discovered Marrakech in 1966, it was such a shock that he immediately decided to acquire a house and return on a regular basis. Fifty years later, it is therefore perfectly natural to build a museum there devoted to his work, which owed so much to this country.”

 

Das musée YVES SAINT LAURENT marrakech mag nur einen Namen tragen, aber das Innere zeigt deutlich, dass es eine Gemeinschaftsleistung der beiden ist.

 

Pierre selbst war zwar kein Künstler, aber trotzdem Genie. Wer heute in das musée geht, wird das überall erkennen, denn den Raum zwischen den Kreationen von Yves, das Dazwischen, das hat er erschaffen und mit seinem eigenen Genie berührt. Yves Saint Laurent erschuf Schönheit, aber Pierre Bergé machte diese Schönheit für die Welt sichtbar.

 

Unser Taxifahrer zuckt mit den Schultern als wir ihn nach Pierre Bergé auf dem Weg zum Museum befragen. Ja, er kannte ihn, sie hatten mal Hände geschüttelt und anscheinend wundert es nur mich, dass der Name Pierre Bergé hier in Marrakesch sogar für einen Taxifahrer Bedeutung hat. Und auch wenn er kurz vor der Eröffnung des Museums, dem letzten Werk seines Genies, gestorben ist, hat er es dennoch fertig bekommen, noch einmal Schönheit für die Welt sichtbar gemacht. “Er wusste, dass er jetzt gehen konnte,” sagt der Taxifahrer, “das ist ja oft so im Leben.”

Präsident Emmanuel Macron auf Twitter zu Pierre Bergés Tod: „Er war auf der Seite der Künstler, der Unterdrückten und der Minderheiten. Mit Pierre Bergé ist ein Führer, ein Aktivist verschwunden; eine Jahrhundertpersönlichkeit.“

CREDITS

Text: Annika Ziehen #midnightblueelephant 

Photograph: Stephan Ziehen #stephanziehen

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Modern Family

Modern Family

 

Vor uns sitzen zwei weiße Männer auf ihrer Picknickdecke. Neben ihnen ein schwarzes Mädchen, ihre langen Haare zu kleinen Zöpfen geflochten. Sie wippt im Takt der Musik mit und eigentlich ist klar, dass sie viel lieber Tanzen würde als still zu sitzen. An der Szene ist nichts weiter auffälliges, außer dass einer der Männer so sorgfältig manikürte Hände hat, dass ich meine verschämt hinter dem Rücken verstecken will, und dass das kleine Mädchen zwei Lieder später auf einmal mit Freshlyground, der beliebtesten südafrikanischen Band auf der Bühne steht. Endlich nicht mehr stillsitzen. Falls wir irgendwelche Zweifel hatten wie die drei zueinander gehören, so ist spätestens jetzt klar: so stolz kann nur ein Vater gucken. Ja sagt er, das ist seine Tochter auf der Bühne. Er zeigt und grinst, trinkt schnell noch einen Schluck von seinem Whisky-Irgendwas und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Auge, bevor seine Wimperntusche verschmieren kann.

 

So ist das eben in Südafrika, in einer Regenbogennation leben Regenbogenfamilien.

 

Ein paar Wochen später sitzt die Familie Amey bei mir zu Hause am Tisch. Owam guckt fasziniert auf meine Finger, die über die Tasten gleiten und verkündet, dass sie auch gerne so schreiben lernen möchte. Ob sie sich wirklich fürs Tippen interessiert oder ihr die Tatsache gefällt, dass ich als Teenager während meinem Schreibmaschinenkurs Mc Donald’s zum Mittag haben durfte, ist unklar. Sie mag es, wenn ihr Daddy Shawn „kocht“ denn dann gibt es Butler’s Pizza oder KFC. Oder auch mal Sushi, was sie am liebsten mag wie viele südafrikanischen Kinder, die ich kenne. Kochen sei nicht Daddy Shawns Stärke, er hat sogar mal ein hartgekochtes Ei im Topf explodieren lassen, plaudert sie aus dem Nähkästchen.

 

Daddy Dean dagegen ist ein richtig guter Koch. Das hat er sich zur Aufgabe gemacht, nachdem Owam, damals noch ein Baby und unterernährt, ein Teil ihrer Familie wurde. Damals, das war vor elf Jahren als sie das damals acht Monate alte Baby gefunden haben. Die Adoptionsagentur wollte nicht, dass zwei weiße Männer ein kleines schwarzes Mädchen adoptieren. Von der Bürokratie und Engstirnigkeit gewisser Leute haben sie sich aber nie von ihrem Plan, eine Familie zu werden, abhalten lassen. Die Antwort auf die Frage was sonst aus Owam geworden wäre, kennen Shawn und Dean ganz genau. Besonders gerne hören sie die Frage nicht und vielleicht war auch deshalb schon damals Aufgeben keine Option.

Die Lage änderte sich, als Owam drei war und die Familie umzog und damit einen neuen Adoptionsberater bekam. Die gab ihnen schließlich den inoffiziellen Rat, dass es vielleicht schneller gehen würde, wenn sie die Adoption privat vollziehen würden. Sechs Wochen später waren sie eine Familie. So ganz offiziell.

 

Dass die drei eine Familie sind, merkt man aber auch so, modern family-Konzept hin oder her. Dabei tut es wenig zur Sache, dass Shawn Friseur und ehemalige Dragqueen ist während Dean als Buchhalter fürs Parlament und nebenbei auf dem Bau arbeitet. Geheiratet haben sie vor zehn Jahren auf der Sexpo. Die hatten nämlich einen Las Vegas Stand, ein langersehnter Traum von Shawn, der billiger zu verwirklichen war, als ins echte Vegas zu fliegen.

 

Wie viele schwarze Kinder in weißen südafrikanischen Familien, wird hier mit dem Thema Adoption locker umgegangen und auch, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren ist im Gegensatz zu Deutschland nichts Neues. Bis auf einige Ausnahmen sind die Reaktionen zu den dreien überwiegend positiv. Einmal musste sich Owam vor einer Xhosa sprechenden Frau rechtfertigen, da sie die Sprache nicht spricht. Das war zwar nicht schön, war ihr aber auch eigentlich egal. Ihre eigene Herkunft zu erforschen, steht für sie gerade noch nicht an erster Stelle. Tanzen ist wichtiger und auch eigentlich das einzige was sie macht. Außer Fernsehgucken denn danach sei sie ein bisschen süchtig gibt sie freimütig zu. Und als ich sie nach ihren liebsten Serien frage, bricht auf einmal der ganze Tisch in Gesang aus – die Liebe zur Gummibärchen Bande muss gefeiert werden.

 

Owam findet es cool zwei Väter zu haben, auch wenn sie die Frage nervt, wer mit ihr Unterwäsche einkaufen geht. Das kann Daddy Shawn nämlich ziemlich gut und sie versteht die ganze Aufregung um die Frage so überhaupt nicht. Eine der vielen Selbsthilfegruppen, die Hilfe für Adoptionsfamilien geben, besuchen sie nicht. Unterstützung von außen brauchen sie nicht und Owam kriegt auf alle Fragen ehrliche Antworten. So auch ein eindeutiges Ja, als die damals fünfjährige Shawn fragte, ob er ihre Mami sei. Heute nennt sie je nach Laune „Mommy“ oder „Daddy Shawn“, aber immer er. Das findet Dean eigentlich nur ungerecht, weil Shawn im Gegensatz zu ihm Mutter- und Vatertag feiern darf.

Shawn und Owam nennt er liebevoll his girls, nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen, auch nicht die quirligen Temperamente seines Mannes und seiner Tochter.

Wie bei vielen Familien mit Einzelkindern dreht sich das meiste im Leben der Eltern um ihre Tochter. Shawn hat dabei besonders die Karriere seiner Kleinen im Blick. Seit sie vier Jahre alt war, tanzt Owam. Ballett, Akrobatik, Modern – sie liebt es alles. 36 Diplome in den Cape Town TDA Eisteddfods sprechen für ihr Talent, genauso wie die Referenz die ihr sieben von acht Schulen gaben, als Freshlyground nach einer Tänzerin suchten.

 

Wie alle fast Teenager ist Owam manchmal genervt von den genauen Zukunftsplänen, die ihre Eltern schon für sie aufgestellt haben. Aber bei genauerem Nachfragen unterscheiden sich diese gar nicht so sehr von ihren eigenen. Schule fertig machen, Tanz studieren, dann nach Amerika gehen, um zu arbeiten und dann nach Hause kommen, um eine eigene Tanzakademie zu eröffnen. Owam fügt noch hinzu, dass sie reisen will. Aber nicht, um in Thailand faul am Strand zu liegen. Lieber möchte sie mehr über Tanz in verschiedenen Kulturen lernen. Gerne auch in die Schweiz, da gibt es leckeren Käse für Daddy Dean. Und ein Haus in New York kaufen, ein Ferienhaus, denn Kapstadt ist immer noch ihr Zuhause.

 

Die Frage, ob die ganze Familie Tanz und Musik liebt beantwortet mir Owam noch bevor ich die Frage stellen kann. Da war nämlich diese peinliche Geschichte als Daddy Dean ihr während einer Tanzstunde mit einem besonders schweren Schritt helfen wollte. Trotz seiner zwei linken Füße. Das war zwar nett gemeint, klappte aber nicht besonders gut und so stolperte er und fiel hin. Owam grinst ein bisschen frech und als ob sie es besser machen will, offeriert sie mir auch eine peinliche Geschichte über sich selbst zu erzählen. On or off the record?, frage ich sie und erkläre ihr den Unterschied. Lieber off the record sagt sie und ich klappe meinen Laptop zu. Shawn guckt skeptisch. But daddy, it is all off the record! Und dann schießt sie los und erzählt mir die peinlichste Geschichte ihres fast zwölfjährigen Lebens und lacht. Wie gut, dass das off the record ist.

 

A goal is a wish with a deadline.

 

Nächstes Jahr wird Shawn 50 und Owam 13. Die beiden signifikanten Geburtstage machen Daddy Dean ein bisschen Angst – a teenager and a 50 year old? – sind aber auch Grund zum Feiern. Dafür will die Familie zur World Class Dance Tour nach Los Angeles fahren. Ein nächster Schritt auf Owams Karriereleiter und eine Chance für Daddy Dean das Zuhause von Star Wars kennenzulernen.

Wer der Famile bei der Realisierung dieses langgehegten Traums helfen möchte, kann auf der Back a Buddy Seite unter Let’s get Owam to LA! spenden und sich mit eigenen Augen von ihrem unglaublichen Talent überzeugen.

 

https://www.backabuddy.co.za/champion/project/lets-get-owam-to-la

Credits

Photograph: Dirk Schwager

Text: Annika Ziehen

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Kinds of Beauty

Kinds of Beauty

Schönheit ist ein Paradox, über Zeiten und Menschen hinweg verschieben sich Ideale und auch das Streben nach eben diesen Idealen wird versucht, verworfen, ad Absurdum geführt durch Trends, Ikonen und neue Formen von Ästhetik. Und das ist nur der äußerliche Teil des Begriffs Schönheit, der so viel mehr umfasst: Natur, Momente oder auch ein Lächeln zu richtigen Zeit, das uns schön macht. Über ihren Blick auf Schönheit erzählen Tracy, Joseph, May, Jenna und Charlotte:

Tracy und Joseph: Distanzierte, radikale Eleganz. Was denken sie über Schönheit?

„Schönheit gibt es in jeder Form und es gibt ganz unterschiedliche Formen, Schönheit zu entdecken. So geht es mir jedenfalls, ich entdecke Schönheit in vielen Dingen, die von der Gesellschaft aufgrund von Stereotypen nicht als schön angesehen werden. Wir orientieren uns in erster Linie an der alternativen Szene, früher punkiger, dann mit Goth-Elementen, heute lieben wir den New-Wave-Stil der achtziger Jahre. Wir inszenieren aber Neues daraus, etwas, das zu uns passt. Es geht um Verwandlung, wie bei einem Chamäleon, wir erfinden uns immer wieder neu. Wir freuen uns, wenn Menschen unser Stil gefällt. Das Wichtigste, um schön zu sein, ist aber das Ich, sich selbst zu mögen. Unsere Beauty-Routine ist dabei ganz reduziert, denn wir achten darauf, auch kleine Pausen von der Inszenierung einzulegen. Das schafft eine gesunde Distanz zum Äußeren. Für uns ist die Welt schon schön, wie sie ist. Ästhetisch aber wünschen wir uns die Achtziger zurück. Das wäre schön, wenn sich alle so anziehen würden wie früher.“

Wordgames (Tracy)

Familie: was ich am meisten mag

Einsamkeit: ist manchmal notwendig

Freiheit: das Beste

Geld: notwendig

Kindheit: ich war früher eher eine Einzelgängerin

Angst: Aliens

Soundtrack of my life: Soso

Perfekter Urlaub: ich habe immer Urlaub

Stadt oder Land: Stadt

Letztes Wort: Tracy Sputnik

May: Nachdenkliche, androgyne Klasse. Was bedeutet ihr Schönheit?

„Schönheit hat mit Wahrheit zu tun. Bei mir war es so, dass ich lange für androgyne Arbeit gebucht war als Model, also sowohl Männer- als auch Frauen-Shootings machte. Bei einem meiner Reisen nach New York begegnete ich Honey Dijon, die mich ansah und sagte: „Girl, du solltest anfangen, Hormone zu nehmen.“ Mit dieser Begegnung fand ich meine Wahrheit, sie veränderte mein Leben. Ich konzentrierte mich auf meinen Weg, statt nur aufs Modeln. Nach einem Shooting mit Bruce Weber für Barney’s beschloss ich, aus allen Karteien für Male-Models herauszugehen, obwohl das bedeutete, die meisten meiner Agenturen zu verlassen. Ich kehrte nach Dänemark zurück, begegnete meinem Freund, begann zu studieren ­ inzwischen habe ich einen Abschluss in Kunstgeschichte ­, modele zwar noch, aber bin nun auch Schauspielerin. 2015 war ich als erstes Transgender-Model auf einem Magazin-Cover zu sehen und im Herbst 2018 kommt mein erster Film in Skandinavien in die Kinos, „Wild Witch“. Natürlich spiele ich die Hexe. All das ist passiert, weil ich die Wahrheit erkannte und danach lebte. Sich auf äußerliche Schönheit zu konzentrieren, hilft aber auch. Als ich zurück nach Dänemark kam und viel Zeit bei Ärzten und Behörden verbrachte, arbeitete ich für eine Kosmetikmarke. Hier konnte ich mit unterschiedlichen Ausdrücken, Stilen und Looks experimentieren. Das zeigte mir, wie viel Macht jeder hat zu steuern, wie man von der Umwelt wahrgenommen wird. Weitergedacht bedeutet es, dass, wie wir in die Welt hinaustreten, sie uns auch entgegen kommt. Daher: Schmücke deine Persönlichkeit mit ein bisschen Makeup! Hin und wieder tue ich das auch noch. Ich finde schön an mir, dass ich neugierig bin, ich spüre, dass mich das schön macht, denn meine Umwelt reagiert darauf und ist von mir angezogen. Optisch mag ich am liebsten meine Augen, die viel Neugierde ausdrücken und kraftvoll sind. Dass wir in Zeiten leben, die immer mehr zu einer Akzeptanz und Wertschätzung von Unterschieden führen, macht die Welt schöner.“

Wordgames

Familie: Liebe

Einsamkeit: unvermeidbar, besser ist, damit zu leben als dagegen anzukämpfen

Freiheit: der Song von Ultra Naté „You’re free“

Geld: egal

Kindheit: unser Garten in Argentinien

Angst: ist unnötig

Soundtrack of my life: „Tom’s Diner” von Suzanne Vega DNA remix

Perfekter Urlaub: wilde Tiere und mein Freund

Stadt oder Land: Land

Letztes Wort: glückliche Zufälle

 

Jenna: Ehrliche, verrückte Wärme. Wie sieht sie Schönheit?

„Berufliche geht es bei mir ganz viel ums Äußere, klar, ich bin Friseurmeisterin, und ich liebe, was ich tue. Dabei ist meine Beauty-Routine im Alltag ganz spartanisch: Wimperntusche, Messy-Bun und los. Zu besonderen Anlässen mache ich mich auch mal eine Stunde zurecht, aber das ist die Ausnahme. Das Wichtigste ist, dass das Innere schön ist. Perfektion ist überhaupt nicht erstrebenswert und hat auch nichts mit Schönheit zu tun. Das zeigen mir auch meine Follower. Ich erreiche jeden Tag über meine Videos und Posts sehr viele Menschen. Zuerst war es eine Spielwiese für meine Einfälle und Ideen, ich hatte Spaß daran, meine Kreationen zu zeigen, mich so zu präsentieren, wie ich bin, voller verrückter Gedanken und überhaupt als denkender Mensch, denn ich nehme kein Blatt vor den Mund. Vor vier Jahren dann war mein Leben plötzlich ganz anders, ich habe innerhalb kurzer Zeit sehr wichtige Menschen verloren. Das habe ich auf meinen Kanälen auch thematisiert und gemerkt, dass so viel zurückkommt an Anteilnahme, Zuspruch und Zuneigung. Das war in allem Leid etwas sehr Schönes. Wenn ich könnte, würde ich die Welt retten. Ich gebe viel von meiner Kraft ab, engagiere mich für die DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei ; Anm. d. Red.) und bekomme durch das Engagement viel Kraft zurück von Menschen. Um die Welt schöner zu machen, braucht es Rücksicht und Nächstenliebe. Alle sollten viel öfter mal den Rückspiegel verwenden, dafür ist er da. Und wenn es einem mal nicht gut geht, sei es durch Liebeskummer oder andere Sorgen oder auch in Krankheit: Stellt euch ins Bad, nehmt euch eine Stunde oder mehr und macht euch die Haare, schminkt euch, lackiert euch die Nägel, egal was, tut es aus Liebe zu euch und eurem Körper, findet eine Zugang zu euch. Dann geht es euch besser. Und wenn ihr dann nur kurz um die Ecke in den Supermarkt geht und Milch kauft: ihr fühlt euch einfach besser und das wirkt sich auch auf eure Seele aus.“

Wordgames

Familie: ist das Wichtigste und hat größte Priorität für mich

Einsamkeit: ist die Hölle

Freiheit: ist Luxus. Daher bin ich auch selbstständig, um mir diesen Luxus erarbeiten zu können

Geld: beruhigt

Kindheit: chaotisch und unstrukturiert war’s bei mir

Angst: Meine größte Angst habe ich vor Krankheit, nicht nur auf mich selbst bezogen, sondern auch auf die Menschen um mich herum

Soundtrack of my life: Tausende! Aber wenn ich mich auf ein Lied festlegen sollte, wäre es „I’ll be missing you“ von Puff Daddy. Ich glaube nicht, dass ich das einmal nicht mehr schön finden werde

Perfekter Urlaub: Sonne, Strand, Meer und Wärme

Stadt oder Land: ich möchte gern auf dem Land leben

Letztes Wort: Da gibt es zwei „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ und „Das Leben ist eine Waage“

 

Charlotte: Natürliche, engagierte Lebensfreude. Was ist Schönheit für sie?

„Schönheit entsteht durch Bewusstsein und Selbstliebe. Und Lebensfreude macht schön, insbesondere dann, wenn sie mit anderen geteilt wird. Von klein auf habe ich getanzt, weil es mich glücklich macht und später auch zum Stressabbau. Ich begann dann, davon Videos zu machen und sie mit anderen zu teilen, nach außen also zu präsentieren, was Lebensfreude für mich ist. Darauf habe ich viele schöne Reaktionen bekommen, die mir zeigten, wie wertvoll es ist, anderen zu zeigen, wie wertvoll es ist, Glücksmomente zu teilen. Ich nehme meine Umwelt bewusst wahr, denn ich bin ein Teil dieser Welt. Wenn ich jemanden sehe, der Hilfe braucht, helfe ich, wenn ich kann. Dieses Bewusstsein zieht noch weitere Kreise. Ganz aktuell mische ich mich engagiert in die politische Debatte gegen Fremdenhass ein, die in Deutschland immer üblere Züge annimmt. Denkt nur an die ganzen Demos, die gegen Migranten gerichtet sind. Ich versuche auch, Bewusstsein zu wecken. Vor der Bundestagswahl 2017 habe ich das Programm der AFD gründlich analysiert und war erschüttert ob der Inhaltsleere und bedrohlichen Parolen. Wir alle können gemeinsam dazu beitragen, die Welt schöner zu machen. Indem wir hinsehen, uns positionieren und vor allem, wenn wir uns selbst lieben und das nach außen tragen. Und Lächeln hilft auch.“

Wordgames

Familie: Zusammenhalt

Einsamkeit: traurig

Freiheit: das beste

Geld: macht einen nicht glücklich

Kindheit: Astrid Lindgren

Angst: vor Giftschlangen

Soundtrack of my life: Filmmusik „303“

Perfekter Urlaub: nackt am Strand mit viel Obst und niemand stört einen

Stadt oder Land: Sylt und Plakias

Letztes Wort: hat immer der Lehrer

 

CREDITS

Text: Lenya Meislahn #l_meislahn

Photograph: Stephan Ziehen #stephanziehen

Hair: Jesus Rodriguez for Goldwell #jesus_rodriguet_hair #goldwell.de

Make-Up: Frauke Bergemann@Kult Artists #fraukebergemann #kultartists

Model: Jenny Miller #_jenna.miller_hair

Model: May Simon #itmaybemay

Model: Charlotte Weise #charlotte_weise

Models: Tracy + Joseph Sputnik #tracy_sputnik

Retouching: Elektronische Schönheit #elektronischeschoenheit

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Grabbing Life by the Horns

CREDITS

Text: Annika Ziehen #midnightblueelephant 

Photograph: Sara Wilson #sarawilsonpix