„Ich möchte gerne auch mal eine Frau spielen, die ein Arschloch ist oder eine Antagonistin. Eine Rolle, die nicht dem entspricht, was man von einer Frau erwartet.“
Actress: Jana McKinnon Words: Claudia Ippen
Wir treffen uns in der alten Maggi-Fabrik in Charlottenburg. Draußen ist es grau und eigentlich viel zu warm für einen Berliner Wintertag. Drinnen sitzen Jana und ich uns in grünen Samtsesseln gemütlich bei einem Kaffee gegenüber. Jana steht schon seit ihrer Kindheit vor der Kamera und hat in den letzten Jahren viele unterschiedliche und mitreißende Rollen gespielt. Nicht umsonst wurde sie bereits mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Vielen – so auch mir – ist Jana aus der Amazon-Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo bekannt, und aus Kim Franks Filmdebüt Wach. Wir sprechen über ihre österreichisch-australischen Wurzeln, ihre aktuellen Projekte, das Miteinander am Set, aber auch über Female Enpowerment und darüber, was ihr bei der Darstellung von Frauenfiguren besonders wichtig ist. Jana wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend, sie antwortet bedacht aber sehr offen. Ich habe den Eindruck, dass sie genau weiß, was sie will, sich aber auch immer wieder inspirieren lässt von Anderen. Sie überrascht mich, als sie von ihrer neuen Leidenschaft fürs Weightlifting erzählt. Im Laufe unseres Gesprächs sagt sie: Ich glaube, da wird noch etwas Spannendes passieren. Und genau das glaube ich auch. Ich freue mich schon drauf!
CYTE: Du bist in Österreich und Australien aufgewachsen. Die beiden Länder scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Gibt es bestimmte Aspekte der jeweiligen Kultur, die dir besonders gefallen oder die du als herausfordernd empfindest?
Jana: Ich habe als Kind ein paar Jahre in Australien verbracht, aber ich war meine gesamte Schulzeit in Österreich. Mit dem Geld meines ersten bezahlten Filmprojekts habe ich mir dann ein Flugticket nach Australien gekauft, da war ich so fünfzehn oder sechzehn. Ich habe damals ganz viel Zeit mit meinem Opa verbracht, bin gereist und habe das Land nochmal neu kennengelernt. Ab dann war ich alle paar Jahre für einige Monate dort. In den letzten dreieinhalb Jahren war es dann umgekehrt, ich habe überwiegend Zeit in Australien verbracht und war in Europa zum Arbeiten. Ursprünglich bin ich aus familiären Gründen nach Australien gereist, um Zeit mit meinem Opa zu verbringen, der damals im Sterben lag. Und dann bin ich irgendwie dort geblieben, ich fand es einfach wahnsinnig schön, dort zu sein. Ich hatte außerdem die Möglichkeit, in Australien ein tolles Projekt zu machen und zu drehen. Und so hat sich das irgendwie alles ergeben.
CYTE: Was schätzt du an dem Leben und den Menschen dort, privat oder auch beruflich?
Jana: Beide Länder, sowohl Australien als auch Österreich, sind sehr gemütlich. Zeit und Pünktlichkeit sind nicht so wichtig. Vieles funktioniert pi mal Daumen. Das kommt mir sehr entgegen, denn ich tu mich schwer mit Pünktlichkeit. Zeitmanagement ist so gar nicht meins. In Australien sind die Menschen im Arbeitskontext extrem professionell. Das fällt mir wirklich immer auf. Am Set sind sie große Crew-Strukturen gewöhnt. Es werden dort viele Hollywoodfilme und ausländische Produktionen gedreht, sie sind dort den ganzen Trubel also gewohnt. Das ist ein großer Unterschied zu Österreich und Deutschland. Alles ist größer.
CYTE: Auch die Budgets?
Jana: Das ist das interessante, denn im Verhältnis sind die Budgets dort gar nicht so viel größer. In Australien leben ja nur rund 25 Millionen Menschen. Eigentlich ist das ein sehr kleines Land mit einer kleinen Filmindustrie. So viele australische Produktionen gibt es da auch gar nicht, anders als zum Beispiel in Deutschland. Aber sie haben eben sehr viele ausländische Produktionen, das macht das ganze so professionell.
Grundsätzlich sind die Australier einfach wahnsinnig freundlich und herzlich. Es gibt schon auch diesen chit chat, den man aus den USA kennt, aber hier ist er tatsächlich ernst gemeint. Wenn dich Leute nach deinem Wochenende fragen, dann wollen sie das auch wirklich wissen. In Australien gibt es eine Art von Freundlichkeit, die mir in Europa manchmal fehlt. Ich fände es schön, wenn das hier etwas verbreiteter wäre. Ich versuche daher auch, diese Freundlichkeit selbst mitzunehmen in neue Begegnungen.
CYTE: Du bedienst dich also an dem Positiven aus den verschiedenen Welten und lässt das in dein eigenes Leben einfließen – das finde ich eine schöne Lösung. Welches Land würdest du als deine Heimat bezeichnen? Österreich, weil du dort aufgewachsen bist? Oder Australien, weil du prägende Jahre dort verbracht hast?
Jana: Meine Eltern kommen aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten. Ich fühle mich dadurch nirgendwo so richtig zuhause. Ich befinde mich irgendwo dazwischen. Wenn ich in Australien bin, dann fühle ich mich sehr europäisch. Wenn ich aber hier bin, dann fühle ich mich nicht mehr ganz so europäisch. Das ist eine seltsame Zwischenwelt, in der man sich bewegt. Und die auch manchmal zu absurden Situationen führt. In Australien spreche ich wie alle anderen und höre mich wie alle anderen an. Die Menschen denken also, ich bin genauso kulturell aufgewachsen wie sie. Ich kenne aber zum Beispiel wichtige Personen oder Ereignisse aus der australischen Popkultur nicht. Dann wirkt es manchmal so, als würde ich hinterm Mond leben. Mir fehlt dieses Wissen einfach.
CYTE: Stört dich das sehr? Oder kannst du diese Zwischenwelt auch genießen?
Jana: Ich finde es schön, dass ich beide Kulturen in mir trage. Ich habe verschiedene Werte vermittelt bekommen und kann mir herauspicken, was mir davon persönlich wichtig ist. Gleichzeitig ist es aber auch manchmal traurig, da ich nie meine Liebsten an einem Fleck zusammen haben kann. Ich vermisse meine Freunde, Freundinnen und meine Familie in Australien sehr. Man kann nicht einfach mal schnell für zwei Wochen dahin fliegen. Australien ist einfach sehr weit weg.
CYTE: Helfen dir deine österreichisch-australischen Wurzeln bei deiner Arbeit als Schauspielerin?
Jana: Ich war immer schon sehr viel unterwegs, auch als Kind. Beim Drehen ist man plötzlich für längere Zeit, ein paar Wochen oder Monate, an einem völlig neuen Ort und muss sich erst einmal zurechtfinden. Die Skills, die man dafür braucht, diese Offenheit für neue Orte und Menschen, konnte ich mir durch meine Kindheit, in der ich viel hin und her gereist bin, mit meinen Eltern und später allein, aneignen.
CYTE: Ich habe gelesen, dass du eher zufällig zur Schauspielerei gekommen bist. Du hast als Kind in den Kurzfilmen von einer Freundin deiner Mutter mitgewirkt. Was hat dich in deiner Anfangszeit in der Branche am meisten überrascht?
Jana: Gute Frage. Ich habe sehr früh mit der Schauspielerei angefangen, mit fünf Jahren. Mir war ganz lange nicht klar, dass das ein Beruf ist. Vor meinem ersten bezahlten Projekt mit fünfzehn, wusste ich nicht, dass man damit auch Geld verdienen kann. Mir war einfach nicht bewusst, dass die Schauspielerei ein Lebensweg oder eine Karriere sein kann. Für mich war das etwas, das ich in den Schulferien gemacht habe, weil ich Spaß daran hatte. Das war dann eine riesige Überraschung! Ich hatte dadurch aber auch keine Erwartungen an die Branche oder ans Filmemachen. Ich kam von einem Projekt zum nächsten und habe mich treiben lassen.
CYTE: Gibt es etwas, das dich heute daran noch überrascht?
Jana: Mich überrascht immer wieder, wie viele tolle Geschichten es noch zu erzählen gibt. Es gibt noch so viel zu erforschen, so viele Welten, die man noch erzählen und erschaffen kann.
CYTE: Das Gefühl kann ich absolut teilen. Wir kommen gleich auch nochmal darauf zurück. Vorher aber würde ich gerne noch wissen, was dein Aha-Moment war, in dem du wusstest, dass dies deine Leidenschaft ist und du das weiter machen möchtest?
Jana: Ich hatte mit siebzehn eine Phase, in der ich nichts mehr von der Schauspielerei wissen wollte. Sie hatte mich von Anfang an begleitet, und ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich gar nicht wirklich weiß, worauf ich sonst Lust habe, was ich vielleicht sogar auch lieber machen wollen würde. Ich habe mich dann entschieden, die Schauspielerei zu lassen und etwas zu studieren. Das hat nicht besonders gut funktioniert. (lacht)
CYTE: Welches Studium hast du begonnen?
Jana: Ich habe mir sehr kurz eingebildet, Romanistik studieren zu wollen. Und dann nebenbei auch in einem Café gearbeitet. Ich habe, wie viele andere, nach der Matura bzw. dem Abi gejobbt und überlegt, wo es für mich hingehen könnte. Von Film wollte ich zu der Zeit eigentlich gar nichts wissen. Der Film Wach von Kim Frank hat das geändert. Ich hatte damals noch keine Agentur. Kim hat mich irgendwie über irgendwelche gemeinsamen Kontakte gefunden und mir das Drehbuch zugeschickt. Ich habe es zwischendurch während meines Jobs im Café gelesen und konnte es nicht mehr weglegen. Da hat’s mich wieder gepackt. Der Dreh war dann auch eine sehr besondere Erfahrung. Es war mein erstes deutsches Projekt und ich musste dafür einen deutschen Akzent lernen. Kim hat an mich geglaubt und mir – ehrlich gesagt – auch ab und an einen Arschtritt verpasst. Für mich war das eine wichtige Erfahrung und Kim hat meine Arbeitseinstellung sehr geprägt. Davor war ich eine Kinderdarstellerin und es gewohnt, dass mir alles aufbereitet und angesagt wird. Wenn du dann aber erwachsen bist, macht das niemand mehr für dich. Das hatte ich irgendwie gar nicht so auf dem Schirm. Anfangs hatte ich mit dem deutschen Akzent meine Probleme. Kim hat mir zu verstehen gegeben, dass wir den Film nicht drehen können, wenn ich meine Arbeit nicht richtig mache. Er sagte zu mir, dass er mir mit dem Akzent nicht helfen könne und auch kein anderer das für mich machen kann, dass ich dafür allein verantwortlich bin. Das klingt jetzt so simpel, aber für mich war das damals eine Offenbarung. Es war das erste Mal, dass sich Regie und Drehbuch nicht an mich angepasst haben, sondern umgekehrt. Das hat meine Einstellung zum Filmemachen verändert. Und dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe zum ersten Mal ein ganzes Drehbuch auswendig gelernt und habe mich sehr stark an den Text gehalten. Ich habe das erste Mal so richtig diese Arbeit gemacht. Und das war super wichtig.
CYTE: Also war das für dich der Beginn der „erwachsenen“ Schauspielerei?
Jana: Auf jeden Fall! Danach habe ich mir eine Agentur gesucht und zum ersten Mal aus mir heraus die nächsten Schritte gesetzt, um weiterzumachen.
CYTE: Was liebst du an der Schauspielerei? Oder anders gefragt, was inspiriert und motiviert dich daran?
Jana: Das hört man wahrscheinlich immer bei dieser Frage. Aber dieses Gefühl ist sehr besonders, gemeinsam mit anderen Welten zu erschaffen, diese zu betreten und gemeinsam an diese zu glauben. Was ich am meisten daran liebe, sind die Kollaborationen. Niemand kann einen Film alleine machen, man muss mit anderen zusammenarbeiten. Und die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, haben so viel Wissen und Können. Es ist einfach wahnsinnig inspirierend, am Set zu stehen und den Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Arbeit machen. Eigentlich liebe ich das am meisten.
CYTE: Lernst du aus jeder Produktion etwas Neues?
Jana: Auf jeden Fall!
CYTE: Lass uns ein bisschen über deine Projekte sprechen. Du hast in der zweiten Staffel der australischen Serie Black Snow mitgewirkt. Kannst du uns etwas über deine Rolle erzählen?
Jana: In der ersten Staffel sehen wir den Detektiv James Cormack, der einen Vermisstenfall löst. In der zweiten Staffel ist meine Rolle, Zoe, die vermisste Person. Ihr Verschwinden ist zwanzig Jahre her, aber es wird ein neues Beweisstück gefunden, so dass ihr Fall wieder neu aufgemacht wird. Cormack ermittelt in ihrer Heimatstadt und früheren Community, und geht den verschiedenen Verstrickungen nach, die sowohl politischer Natur sind als auch mit Zoes Familie zu tun haben. Gleichzeitig werden Rückblicke von Zoe kurz vor ihrem Verschwinden gezeigt. Das unterscheidet die Serie auch von anderen Krimis oder who done it-Formaten, denn die Zuschauer tauchen gleichzeitig in zwei Welten ein. Sie lernen die vermisste Person kennen und erleben Figuren sowohl in jungen Jahren als auch wenn sie älter sind. Spannend ist, was das Leben dazwischen mit ihnen gemacht hat. Dieser Leerstelle zwischen dem Leben davor und dem Leben danach auf den Grund zu gehen, ist total interessant und diese zu füllen ein bisschen auch die Aufgabe der Zuschauer*innen.
CYTE: Beim Anschauen entsteht nach und nach ein Gesamtbild, was ich sehr faszinierend fand. Hat dich diese Erzählweise an dem Projekt besonders gereizt oder gab es noch andere Aspekte, die dich daran interessiert haben?
Jana: Ich habe die erste Staffel in meiner WG in Queensland geguckt. Das hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. Und dann habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass ich für die zweite Staffel zum Casting eingeladen wurde. Ich wollte das Projekt einfach unbedingt machen!
CYTE: Man schaut sich in Deutschland ja nicht so oft australische Produktionen an. Ich war beim Gucken total begeistert von Queensland und der Landschaft – ein weiterer Grund, sich die Serie unbedingt anzuschauen.
Jana: Ich finde es auch wunderschön! Die Landschaft ist so speziell dort. Ich habe selbst in Queensland gelebt und für mich war das schon in der ersten Staffel so schön, diese Landschaft, in der ich mich selbst bewege, repräsentiert zu sehen. Den meisten kommen Outback oder Busch in den Sinn, wenn sie an Australien denken. Aber viele Regionen an der Ostküste sind tropisch oder subtropisch. Und auch die Geräuschkulisse ist so speziell! Die Vögel, die es dort gibt, findet man nirgendwo sonst. Ich brauche nur darüber zu reden und es entsteht ein Gefühl, das mich direkt dorthin transportiert. Es ist tatsächlich so schön!
CYTE: Lass uns nochmal über deine anderen Projekte sprechen. Im März kommt der Film Der Prank in die deutschen Kinos. Außerdem hast du vor Kurzem in Portugal Tochter der Erde abgedreht.
Jana: Der Prank ist ein Kinderfilm und für mich war es das erste Mal, dass ich etwas eher Komödiantisches drehen durfte. Auch wenn meine Rolle nicht spezifisch komödiantisch ist. Das war sehr cool, weil ich das vorher noch nicht gemacht habe. Ich glaube, ich werde oft auch nicht dafür gesehen. Es war schön, das machen zu dürfen, eine Rolle mit mehr Leichtigkeit und Humor zu spielen.
CYTE: War dann direkt auch mehr Leichtigkeit am Set und beim Drehen?
Jana: Ja doch. Am Set findet man immer Leichtigkeit, auch im Humor mit den anderen Menschen, mit denen man arbeitet. Da außerdem zwei Kinder immer am Set waren, herrschte von Anfang an ganz automatisch eine achtsame Stimmung. Die ganze Crew hatte außerdem große Lust auf den Film, das hat man total gemerkt. Er ist so erfrischend, auch unpädagogisch und macht einfach Spaß. Die Story dreht sich um Lucas, seinen chinesischen Austauschschüler und einen misslungenen Aprilscherz, der einige Gefahren nach sich zieht und eine große Jagd durch die Stadt zur Folge hat – einfach sehr witzig.
CYTE: Geht das andere Projekt auch in die komödiantische Richtung oder ist es etwas ganz anderes?
Jana: Das ist was ganz anderes. Es handelt sich dabei um den Debütfilm von Lilli Tautfest. Ich war schon lange Zeit vorher in den Prozess involviert. Wir wollten seit drei Jahren diesen Film drehen und sind immer wieder unter anderem an finanziellen Hindernissen gescheitert. Wir haben den Film dann tatsächlich im Herbst an der Algarve mit sehr kleinem Budget zusammen mit Lana Cooper in der anderen Hauptrolle und einem Kind, das vor Ort lebt, gedreht. Es ist eine Mischung aus Roadmovie und Generationengeschichte: Eine junge Ausreißerin verliebt sich in die Taschendiebin Linda. Gemeinsam mit Lindas elfjähriger Tochter reisen sie die Küste entlang und entdecken ihre eigene Art zu leben und zu lieben.
CYTE: An diesen beiden Projekten erkennt man die Vielseitigkeit deiner Arbeit und Rollen. Das zeigt sich nicht nur hier, sondern grundsätzlich in all deinen Projekten. Was ist dir wichtig bei der Entscheidung für eine Rolle?
Jana: Der Prank ist ein Film, den ich gerne als Kind gesehen hätte. Das hat mich gereizt. Außerdem war es eine schöne Möglichkeit, mich auszuprobieren und etwas Lustiges zu spielen. Als ich das Drehbuch von Tochter der Erde vor ein paar Jahren gelesen habe, hatte ich sofort den Film visuell vor Augen. Das passiert nicht so oft. Ich bin sofort in die Welt eingetaucht und wurde beim Lesen richtig mitgerissen. Für mich ist das immer ein Zeichen, dass ich das Projekt unbedingt machen möchte. Besonders auch dann, wenn ich beim Lesen darüber nachdenke, wie ich die Rolle am besten spielen kann. Wenn eine Herausforderung darin steckt. Wenn ich mich frage, wie soll ich diese Szene spielen, wie soll ich das umsetzen, das kann ich ja gar nicht – dann habe ich das Gefühl, hier wird’s interessant.
CYTE: Das kann aber auch einschüchternd wirken. Der Gedanke kam mir auch als du von deiner Arbeit mit Kim am Film Wach erzählt hast. So etwas kann einen ja auch unter Druck setzen. Ebenso wie eine Szene zu lesen und nicht zu wissen, wie man sie spielen soll. Doch bei dir scheint genau das der Antrieb zu sein, der dich motiviert und herausfordert.
Jana: Ja das reizt mich schon, wenn ich neue Wege finden muss. Auch wenn ich manchmal das Impostor Syndrom habe, weil ich nie auf einer Schauspielschule war. Trotzdem finde ich es aber immer gerade dann besonders spannend, wenn ich einen neuen Weg entdecken muss, um eine Figur zu erreichen, und mir diesen Weg selbst ausgraben und erarbeiten darf.
CYTE: Gräbst du diesen Weg alleine aus oder besprichst du dich dabei mit Anderen, zum Beispiel engen Vertrauten?
Jana: Ich habe in den letzten Jahren eine sehr schöne Arbeitsbeziehung aufgebaut zu einem guten Freund, der selbst auch schreibt und Regie führt. Denn ich habe gemerkt, dass ich am liebsten im Team arbeite. Er ist ein Sparringspartner für mich. Wir lesen zusammen, wir machen Ideen-Pingpong. Ich habe gemerkt, dass es mich wahnsinnig inspiriert, wenn er Ideen und Gedanken einwirft und ich diese dann mit meinen eigenen zurückspielen kann. Und allein auch Texte laut mit jemandem zusammen zu lesen, hilft mir sehr im Prozess. Ich habe lange gebraucht, das zu erkennen. Ich dachte immer, man sei die bessere Künstlerin, wenn man alles aus sich selbst heraus schöpft und alles alleine macht. Ich bewundere es sehr, wenn Menschen das so können. Aber je älter ich werde, desto mehr kann ich mir eingestehen, dass ich nicht so funktioniere. Ich ziehe sehr viel Inspiration aus meinem Umfeld und liebe Kollaborationen.
CYTE: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Früher wurde einem in vielen Bereichen suggeriert, dass man es allein geschafft haben muss. Ich bin froh, dass sich das mittlerweile geändert hat und man anerkennt, dass man vieles nur gemeinsam schaffen kann.
Jana: Ja genau. Sich gegenseitig zu beflügeln ist das Schönste.
CYTE: Welche Frauenfigur möchtest du zukünftig mal verkörpern?
Jana: Das ist eine coole Frage. Ich bin eh sehr achtsam bei der Auswahl meiner Figuren. Und passe sehr auf, dass ich in meinen Rollen keine Klischees reproduziere, die ich selbst nicht mehr sehen möchte als Zuschauerin. Mir wäre es am liebsten, wenn Frauenfiguren alles sein könnten. Ich möchte gerne auch mal eine Frau spielen, die ein Arschloch ist oder eine Antagonistin. Eine Rolle, die nicht dem entspricht, was man von einer Frau erwartet. Ich möchte eigentlich alles verkörpern, ich will da gar keine Grenzen setzen!
CYTE: Das finde ich super! Was steht als nächstes an? Womit beschäftigst du dich in der nächsten Zeit?
Jana: Der Prank und Tochter der Erde kommen bald heraus. Ich freue mich schon sehr, die Filme selbst auch zu sehen. Und sonst besuche ich gerade Castings und streiche meine Wohnung. Ich baue mir zum ersten Mal ein kleines Nest. Das ist gerade wichtig und notwendig in meinem Leben, nachdem ich die letzten fünf Jahre sehr viel unterwegs war und aus dem Koffer gelebt habe. Und ich bin neugierig, was sonst noch so passiert. Es sind spannende Projekte im Raum, auch wenn noch nichts davon schon spruchreif ist. Irgendwas Tolles wird, glaube ich, passieren!
CYTE: Hast du einen Wunsch für die kommenden Monate oder Jahre?
Jana: Ich habe so viel, was ich noch gerne machen möchte. Mir wird auch nie langweilig. Es gibt ein paar Leute und Regisseur*innen mit denen ich wahnsinnig gerne zusammenarbeiten würde. Ich würde auch gerne reisen und mich in anderen Dingen weiterbilden. Denn ich finde man kann nur besser werden im Schauspiel, wenn man zwischendurch lebt und auch andere Erfahrungen macht. Ich werde wahrscheinlich demnächst für eine gewisse Zeit mal auf einem Bauernhof arbeiten.
CYTE: Wwoofen?
Jana: Ja genau. Wwoofen. Und einfach leben!
CYTE: Ich möchte unser Gespräch gerne abschließen mit ein paar schnellen Fragen. Antworte ganz spontan, das kann ruhig auch kurz sein, was auch immer dir in den Sinn kommt.
Was macht dich glücklich?
Jana: Gutes Essen.
CYTE: Welches Buch hat dich zuletzt begeistert?
Jana: Ich lese gerade Wellness von Nathan Hill und finde es ganz toll.
CYTE: Liest du auf Englisch oder auf Deutsch?
Jana: Beides. Das Buch gerade auf Englisch.
CYTE: Wie sieht ein perfekter Sonntag bei dir aus?
Jana: Ausschlafen, spazieren gehen, gut frühstücken und später ins Kino mit jemanden, den ich gern hab. Ganz gemütlich also.
CYTE: Welche Musik hörst du gerade?
Jana: Ich bin momentan in einer Zwischenphase, etwas gelangweilt von meiner Musik und auf der Suche nach was Neuem, wie Eusexua von FKA twigs, oder entdecke auch Altes wieder. Zum Beispiel das Debut-Album von James Blake. Aber auch meine Lieblingsband aus Wien, Buntspecht, begleitet mich gerade wieder einmal verlässlich durchs Leben.
CYTE: Was wissen wir noch nicht über dich?
Jana: Olympic Weightlifting.
CYTE: Guckst du das oder machst du das selber?
Jana: Ich mach’s selber. Ich finde Weightlifting und Powerlifting extrem enpowering – das hat mein Leben sehr verändert. Sich stark zu fühlen, macht einen großen Unterschied. Und zu wissen, dass man Kraft hat, gibt einem sehr viel Selbstbewusstsein. Das ist ein großartiges Gefühl, das ich neu für mich entdeckt habe. Das macht mir unglaublich viel Spaß! Es verändert auch die Wahrnehmung vom eigenen Körper und von Ästhetik insgesamt. Denn Frauen können auch mega sexy sein, wenn sie muskulös und stark sind. Man muss nicht zerbrechlich aussehen, um als Frau schön zu sein. Das finde ich sehr bereichernd gerade.
CYTE: Was ist dein Oscar-Favorit?
Jana: Ich habe leider noch nicht Anora gesehen. Ich liebe Sean Baker und freue mich wahnsinnig darauf.
CYTE: Was ist zurzeit dein Lieblingsstück im Kleiderschrank?
Jana: Ich habe mir gefütterte Boots gekauft und trage zum ersten Mal warme Schuhe im Winter, das verändert alles!
CYTE: Drei Essentials, die du bei einem Dreh dabei haben musst?
Jana: Raumspray für zuhause, den Duft von Zirbel mag ich gern. Sehr österreichisch. Manchmal nehme ich mein eigenes Kopfkissen mit und essenziell ist auf jeden Fall meine eigene skin care, damit ich keinen Ausschlag bekomme beim Dreh. Und tatsächlich brauche ich immer ein Gym in der Nähe für mein Weightlifting. Das kann ich nicht mitnehmen, das suche ich mir dann immer vor Ort.
Vielen Dank, liebe Jana, für das schöne Gespräch. Es hat großen Spaß gemacht! Wir wünschen dir viel Erfolg für deine kommenden Projekte und Pläne.
Jana McKinnon
Photographer: Julien Fertl
Assistant: Enrico Renje
Hair & Make-up: Sabin Bolognini
Locationscout: Jens Oellermann