Genau darum geht es: Awareness zu schaffen für
Geschichten, die gehört werden müssen.
Artist: Amelie Hennig | Words: Claudia Ippen
Anfang Juli bin ich mit Amelie Hennig zu einem Gespräch verabredet. Digital, denn sie ist
gerade in New York. Sie sitzt in einem Café, im Hintergrund läuft Musik und es entsteht
sofort eine entspannte Atmosphäre. Wir sprechen über Schauspiel, künstlerische Freiheit,
ihre aktuellen Projekte und warum sie gerade in den USA ist.
Amelie wirkt gelassen, selbstbewusst und ganz bei sich. Im Gespräch genauso wie mit dem
Weg, den sie eingeschlagen hat. Sie hat bereits in Kurzfilmen gespielt, war in
internationalen Produktionen zu sehen, schreibt an einem eigenen Projekt und übernimmt
bald eine Hauptrolle in einem Berliner Indie-Film. Auch das Theater zieht sie wieder stärker
an, sie sieht sich spielend, auf der Bühne.
Was mich besonders beeindruckt: Mit welcher Ruhe und Selbstverständlichkeit sie über
ihren Werdegang spricht. Souverän, reflektiert, dabei trotzdem nahbar, und das mit 27.
Vielleicht liegt es daran, dass sie diesen Traum schon lange verfolgt, viele Erfahrungen
gesammelt hat, im Positiven wie im Negativen, und immer drangeblieben ist.
Amelie scheint genau zu wissen, was sie will und vor allem auch, warum sie es will.
Cyte: Du bist in Regensburg geboren, lebst aber heute in Berlin. Lass uns doch hier starten.
Wie sehr bist du noch mit Regensburg verbunden und was schätzt du an Berlin?
Amelie: Ich bin in Regensburg geboren und dann nach Starnberg gezogen. Starnberg ist
eine kleine Stadt neben München, am Starnberger See. Dort habe ich gelebt, bis ich zehn
war, und bin dann mit meiner Mama nach Berlin gezogen und dort zur Schule gegangen. In
Starnberg und generell in Bayern aufzuwachsen war sehr begrenzt. Meine Mama hat mich
allein großgezogen, und das war dort manchmal schwierig. Es ist nicht unbedingt normal,
wenn man als „Zweierteam“ auftaucht. Ich bin sehr dankbar, dass wir nach Berlin gezogen
sind, weil es für mich genau richtig war, in einer Großstadt aufzuwachsen. Ich bin relativ
schnell erwachsen geworden, habe früh Verantwortung übernommen, und dafür bin ich
meiner Mutter sehr dankbar. Das hat sie auch für mich gemacht, und das schätze ich sehr.
Wenn ich alte Bekannte aus Starnberg treffe, fällt mir auf, wie unterschiedlich Lebenswege
verlaufen können, je nachdem wo und wie man aufwächst. Und auch mit welchen Themen
und Herausforderungen man sich auseinandersetzen muss, bevor man überhaupt erwachsen
ist.
Cyte: Da wird einem bestimmt auch bewusst, wie unterschiedlich offen oder verschlossen
Menschen sein können, abhängig vom sozialen Umfeld. Ich kann mir gut vorstellen, dass
das eine große Rolle spielt. Gibt es Einflüsse oder Lebensweisen aus deiner Heimat, sei es
aus Regensburg, Starnberg oder Berlin, die du ganz bewusst in deine Arbeit als
Schauspielerin einfließen lässt?
Amelie: Aus Starnberg nehme ich vielleicht vor allem das Gefühl von Freiheit mit, in dem
Sinne, dass ich heute nicht mehr dort bin. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das wirklich so
annehmen konnte. Mittlerweile verstehe ich, dass es okay ist, wenn sich Menschen
unterschiedlich entwickeln. Ich bin sehr dankbar, in einer Großstadt wie Berlin groß
geworden zu sein, anstatt in einer Kleinstadt. Auch wenn ich glaube, dass ich mich sowieso
in diese Richtung entwickelt hätte. Denn ich hatte schon früh das Bedürfnis,
auszubrechen. Was ich aus Berlin mitnehme ist das Gefühl, wirklich frei zu sein, mich
nicht in eine Schublade stecken zu lassen, mich so verhalten zu dürfen, wie ich möchte. Und
genau das hat mir meine Mama durch den Umzug ermöglicht.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man in einer Kleinstadt oft das Gefühl hat,
beobachtet zu werden. In Berlin dagegen ist man viel anonymer. Das gibt einem mehr
Raum, sich selbst auszuprobieren.
Amelie: Ja, du bewegst dich freier. In Starnberg habe ich sehr deutlich gespürt, dass viele
Menschen sich lieber in ihrem sicheren, gewohnten Umfeld aufhalten. In Berlin dagegen
prasseln unglaublich viele Einflüsse auf dich ein, auch harte. Man wird schnell mit der
Realität der Gesellschaft konfrontiert, nicht mit einer kleinen, heilen Welt.
Das lernt man auf eine andere, manchmal auch schmerzhafte Weise. Und ich glaube, genau
das hat stark dazu beigetragen, dass ich mich für die Schauspielerei entschieden habe und
dass ich den Mut hatte, einfach meinen eigenen Weg zu gehen.
Cyte: Das ist tatsächlich die perfekte Überleitung zu meiner nächsten Frage: Wie hat deine
Schauspielreise eigentlich begonnen? Hatte der Umzug nach Berlin damit zu tun? Ich habe
gelesen, dass du unter anderem an der Next Generation Schauspielschule warst, magst du
darüber erzählen?
Amelie: Meine Familie ist generell sehr sicherheitsliebend, viele arbeiten in der IT oder im
juristischen Bereich. Ich bin die Einzige in meiner Familie, die künstlerisch arbeitet. Das
war also etwas ganz Neues. Ich war während der Schulzeit schon sehr ambitioniert. Ich
wusste immer: Wenn ich etwas will, dann kriege ich das auch hin. Egal, was ist. Also habe
ich meinen Eltern gesagt: Es ist jetzt so. Ich werde das machen. Ich bin dann zur Next
Generation Schauspielschule gegangen, und dort habe ich zum ersten Mal erlebt: Ich kann
das wirklich. Ich bin gut darin. Das Feedback, das ich dort bekommen habe, war völlig neu
für mich. Vorher hatte ich so etwas nie gehört. Ich habe schon als Kind geschrieben und mit
meinen Freundinnen kleine Filme gedreht. Das war immer da, aber eben als Hobby. In
meiner Familie war das nie ein Beruf, den man sich ernsthaft hätte
vorstellen können. Nicht, weil sie es abgelehnt hätten oder mir etwas nicht
gegönnt hätten, sondern weil es für sie einfach total unrealistisch war, dass
jemand wirklich in diesem Beruf arbeitet.
Cyte: Gerade wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem „normale“ Berufe die Regel
sind, hat man oft gar keinen Kontakt zu so etwas. Wie war denn dann der Schritt an die
Schauspielschule? War das so ein Moment von: Ich will das jetzt einfach mal ausprobieren oder hat dich jemand angeschubst? Warst du eher schüchtern?
Amelie: Ich war extrem schüchtern. Aber der Impuls kam aus einem ganz tiefen
Bedürfnis. Ich wollte das unbedingt ausprobieren. Ich wusste nur nicht, wie. Ich
erinnere mich genau, wie ich am Küchentisch saß und bei der Schule angerufen habe. Ich
habe mit der Leiterin gesprochen und ihr gesagt, dass ich das gerne machen würde, obwohl
ich keinerlei Erfahrung hatte und nicht wusste, ob ich das überhaupt kann. Und sie war
unglaublich freundlich, hat gelacht und gesagt, dass alle willkommen sind, dass man keine
zehn Jahre Erfahrung braucht, um mitzumachen. Ich habe dann mit meinen Eltern geredet
und ihnen gesagt: Ich möchte das machen. Der Impuls kam ganz allein von mir. Es war das
erste Mal, dass ich wirklich auf mich selbst gehört habe und etwas getan habe nur weil ich
es wollte. Und nicht weil jemand anderes es gesagt hat. Ich glaube, genau deshalb
war dieser Schritt auch so kraftvoll: weil er wirklich aus mir selbst kam.
Cyte: Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde: Das ist mein Weg?
Amelie: Ja, das war während meiner Zeit an der Schauspielschule. Plötzlich habe ich
realisiert: Ich beschäftige mich gerade ernsthaft mit dem Gedanken, Schauspielerin zu
werden. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das funktioniert, das war für mich eine
völlig fremde Welt. Ich wusste nur: Es macht mir Spaß. Und ich wusste auch, dass ich gut
darin bin. Aber ich hatte keinen Plan, wie man in diesen Beruf überhaupt reinkommt, es
wirkte alles völlig surreal. Und dann hat meine Schauspiellehrerin Ines Bartholomäus, die
auch heute noch mein Coach ist, eine ganz tolle Frau, zu mir gesagt: Du solltest dich mal
bei Agenturen vorstellen. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir klar wurde: Wow,
das könnte wirklich was werden. Und von da an bin ich losgezogen und seitdem gehe ich
diesen Weg.
Cyte: Es geht ja nicht nur darum, was man kann, sondern, wie du eben gesagt hast, auch
darum, dass das wirklich ein Lebensweg sein kann. Dass man davon leben kann, dass es
tatsächlich ein Beruf ist, den man ergreifen kann.
Amelie: Ja, aber es ist eben auch ein Weg, den man nicht einfach allein geht. Du brauchst
Unterstützung, weil es eine kleine, ziemlich geschlossene Branche ist. Da kommst du nicht
einfach so rein. Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Ich glaube, heute ist das
vielleicht ein bisschen anders, aber damals hat sich das alles noch sehr viel abgeschlossener
angefühlt.
Cyte: Das heißt, ohne die Unterstützung von Ines wäre es vielleicht ganz anders
gekommen, oder auch gar nicht erst passiert? War das so eine Art Schlüsselmoment für
dich? Oder meinst du die Zeit in New York und später in London (Anm. d. Red: Amelie
studiert 2025 am Giles Forman Centre For Acting in London)? Spielt das alles mit rein?
Amelie: Ja, definitiv. Ich habe mich damals für Kurzfilme beworben und wurde auch viel
gebucht. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Dieses Gefühl: Du machst etwas, das
andere Menschen berührt. Du bist jemand, mit dem andere arbeiten wollen. Ich habe mich
dann auch bei Schauspielschulen in Deutschland beworben, aber es war irgendwie nie die
richtige Zeit für mich. Ich habe viele Absagen bekommen. So ist das eben auf diesem Weg.
Genauso wie du positives Feedback bekommst, bekommst du auch sehr
viel Gegenwind. Da musst du durch. Mit 22 bin ich dann nach New York
gegangen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass der traditionelle Weg in
Deutschland mit klassischer Schauspielschule für mich nicht passt. New
York war im Rückblick die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ines
hat mir am Anfang definitiv einen wichtigen Anstoß gegeben. Aber es geht nicht nur
um diesen einen Moment, sondern darum, dranzubleiben. Bis heute. Man
muss immer weitermachen, Schritt für Schritt und nach vorne schauen, auch wenn es
schwierig wird. Es gibt immer neue Etappen, auf die man hinarbeitet, und man darf sich von
Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Ohne diesen inneren Antrieb funktioniert
es nicht.
Cyte: Warum, glaubst du, hat es in Deutschland so gehakt? Und was war dann anders in
den USA?
Amelie: Gute Frage. Ich war 19, als ich hier in Deutschland vorgesprochen habe. Ich war
total jung und total unsicher. Ich habe mich damals nicht getraut, meinen Impulsen zu
folgen. Vielleicht wurde ich auch nicht richtig geleitet in den Vorsprechen. Das kann auch
passieren. Nicht, weil die Dozent:innen schlecht gewesen wären, sondern weil es einfach
nicht gepasst hat. Manchmal ist das eben auch ein Zeichen. Natürlich war ich traurig. Mein
Herz war gebrochen. Aber im Nachhinein war es gut so. In New York wurde ich gesehen
und auch gewollt. Die wollten, dass ich dort studiere. Und dadurch habe ich eine
Ausbildung bekommen, die genau zu mir gepasst hat. Die wussten, wie sie mit mir
arbeiten wollten und warum.
Cyte: War New York also so eine Art Befreiungsschlag für dich?
Amelie: Ja, absolut. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Weg gegangen bin.
Cyte: Was war rückblickend der größte Hebel für dich in New York?
Amelie: New York war wie Disneyland, jeden Tag aufregend. Ich war Anfang 20, alles war
möglich, und ich hatte keine Verantwortung. Ich habe Kurzfilme gedreht, Theater
gespielt, war viel mit Freunden unterwegs. Ich hatte nur einen kleinen
Koffer und einen Rucksack – alles andere war irgendwie egal. Es war wie eine
Wolke, auf der wir alle schwebten. Und dann kam Corona. Und mit Corona auch die
Realität. New York war wunderschön, aber irgendwann musste ich aus diesem Traum
aufwachen. Als Deutsche darf man dort nicht einfach arbeiten, also war klar: Ich muss
zurück. Aber ich habe so viel gelernt und das konnte ich in Berlin einbringen und damit den
nächsten Schritt machen. Ich habe dann wirklich tolle Jobs bekommen, auch durch den
Boom von Streaming und internationalen Projekten. Ein echtes Highlight war The Tattooist
of Auschwitz und die RTL+-Serie Gute Freunde. Allein die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Charaktere zu spielen und verschiedene Rollen auszuprobieren, war total
bereichernd. Das, was ich gelernt hatte, endlich anwenden zu können, das
war großartig. Aber es hat auch drei Jahre gedauert, bis das in Deutschland so richtig ins
Rollen kam. Und dann kam London. Das ist wieder ganz anders als damals New York. Da
war ich einfach noch viel jünger. Jetzt, noch einmal ins Ausland zu gehen, mit mehr Reife
und Erfahrung, ist eine völlig neue Art des Lernens.
Cyte: Klar, du bist älter, hast mehr Erfahrung, bringst mehr Tiefe mit. Ich kann mir
vorstellen, dass New York damals total unbeschwert war und dass es jetzt ernster, bewusster
ist, oder?
Amelie: Absolut. Schauspielerei ist ja ein ständiger Prozess: Wach bleiben,
wachsen, sich selbst und die Figuren hinterfragen. Es ist fast wie eine Art
Therapie, weil du ständig reflektierst und analysierst. Und je älter man wird,
desto tiefer wird dieser Prozess. Das habe ich in London stark gespürt: wie weit ich heute
gehen kann im Vergleich zu damals. Und wie sehr ich mich inzwischen öffnen kann. Da ist
heute viel mehr möglich als damals in New York.
Cyte: In der letzten Folge von The Tattooist of Auschwitz spielst du eine Schlüsselfigur, die
den Handlungsbogen noch einmal stark prägt. Das stelle ich mir mental ziemlich
herausfordernd vor, gerade bei so einem schweren Thema. Du hast ja eben auch gesagt:
Man geht tief rein. Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet – mental und
schauspielerisch?
Amelie: Das war alles sehr kurzfristig. Ich wurde erst zwei Wochen vorher besetzt.
Normalerweise weiß man sowas Monate im Voraus. Ich glaube aber, für die Rolle war das
sogar gut. Ich hatte trotzdem genug Zeit, um mich mit der Regie und auch unserer Intimacy
Coordinatorin auszutauschen. Dabei sind viele Fragen aufgekommen, die ich stellen und
klären konnte. Was historische Rollen so herausfordernd macht, ist die komplett andere
Lebenswirklichkeit. Diese Einfachheit, mit der damals gelebt wurde. Heute haben wir
ständig neue Eindrücke, wollen immer mehr. Dagegen standen damals ganz andere Themen
und Traumata im Vordergrund, und viele davon wurden gar nicht offen angesprochen, wie
es heute der Fall ist. Meine Figur prostituiert sich, um zu überleben. Sie entscheidet sich
ganz bewusst für diese Arbeit. Für mich war die größte Frage: Wie viel fühlt man da? Wie
viel Bewusstsein hat ein junges Mädchen in dieser Situation? Und wie zeigt man das?
Gerade als junge Frau war das sehr nah an mir dran.
Cyte: War da eher Neugierde in dir? Also das Interesse, dich dieser Frage zu stellen? Oder
hat dich das auch belastet? Immerhin gehst du da emotional sehr tief rein.
Amelie: Auf jeden Fall. Genau das ist ja das Spannungsfeld beim Schauspiel: Wie viel lässt
man an sich ran? Und wie viel muss man auch wieder loslassen? Ich bin sehr nah an
meinen eigenen Emotionen. Das ist als Schauspielerin extrem wichtig. Man
muss fühlen. Aber eben auch loslassen können. Für mich war es wichtig, diese Figur nicht als Opfer zu zeigen. Sie trifft eine Entscheidung, um zu überleben. Das macht
sie stark. Ich wollte zeigen: Sie ist nicht schwach. Sie ist pur, gutherzig, und kämpft für
sich.
Das Ganze war emotional sehr intensiv, aber auch schön, weil ich diese Figur so sehr mit
Leben füllen durfte. Für mich fühlt sich das an, als hätte ich eine weiße
Leinwand komplett bemalt. Und jetzt kann ich sie wieder wegstellen. Aber sie bleibt
trotzdem da. Ich bin stolz, dass ich ihre Geschichte erzählen durfte. Genau darum geht
es: Awareness zu schaffen für Geschichten, die gehört werden müssen.
Cyte: Das bringt mich auch gleich zu meiner nächsten Frage: The Austrian Case ist
thematisch ganz anders. Trotzdem werden auch dort reale Personen und tatsächliche
Ereignisse dargestellt. Es geht um die Geschichte des österreichischen Mörders Unterweger.
Du spielst Margret Schäfer, die von ihm entführt und ermordet wurde. Ich kann mir
vorstellen, dass es nicht immer einfach ist, die Balance zu finden zwischen der
Verantwortung gegenüber der realen Person und den historischen Ereignissen einerseits,
und deiner künstlerischen Freiheit, die Figur und dich selbst darin einzubringen,
andererseits. Wie gelingt dir diese Balance?
Amelie: Ja, ich glaube, das Wichtigste war, dass ich sehr eng mit der Regie
zusammenarbeiten konnte. Kirsten Brandt, die Regisseurin, ist auch sehr jung, was toll war.
Wir haben viel besprochen: Wie nah wollen wir an der Realität bleiben? Wie viel Freiheit
habe ich als Schauspielerin? Die Dreharbeiten waren sehr intensiv, mit vielen Gesprächen
und viel Raum, die Lücken zu füllen. Viele Szenen zeigen Margret im Auto, wo ihr klar
wird, dass es bald vorbei sein wird. Das ist so eine absurde Situation, die man sich kaum
vorstellen kann. Da greift man auf das zurück, was man an Schauspieltechnik gelernt hat:
viel Methode, um sich gut einzufühlen, aber eben auch, um das Erlebte danach wieder
loslassen zu können. Trotzdem bewegt einen das sehr. Nach so einem Dreh bin
ich oft noch zwei, drei Tage in einer ganz anderen Stimmung.
Cyte: Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich danach leer fühlt, auch weil man so viel
von sich reingegeben hat.
Amelie: Genau. Aber das ist auch schön so. Wenn mich das nicht berühren würde, wäre das
nicht gut. Je mehr ich fühle und mich einbringe, desto besser kann ich die Rolle erzählen
und desto besser geht es mir danach auch damit. Ich sehe diese Leere auch nicht als etwas
negatives, sondern als ein Zeichen, dass ich wirklich alles gegeben habe, um Margret eine
Stimme zu geben und ihre Geschichte weiterzuerzählen – eine Geschichte, die leider zu früh
zu Ende ging und die nicht so hätte enden sollen. Ähnlich war das bei Christel (Anm. d.
Red.: Amelies Rolle in The Tattooist of Auschwitz). Und genau das finde ich so
schön an der Schauspielerei, dass wir das machen und solche Geschichten
erzählen können.
Cyte: So ein Gefühl kann einen mit Sicherheit auch tragen, ist aber bestimmt auch sehr
anstrengend. Ich habe mich gefragt, ob du vorher mit Margrets Familie gesprochen hast? Amelie: Leider nicht. Ich weiß, dass das bei großen Hollywood-Produktionen manchmal
gemacht wird, bei uns war das nicht der Fall. Es ist ja auch ein sehr sensibles Thema, und
man weiß nie, wie die Familie damit umgeht. Ich habe mich aber intensiv mit Margret als
Person beschäftigt. Es gibt nicht sehr viele Informationen über sie, denn sie war eines von
vielen Opfern. Da hat man als Schauspielerin dann auch die Freiheit, die
Figur mit Leben zu füllen, ihre Biografie auszuschreiben und sich zu
überlegen, wer sie gewesen sein könnte. Das ist auch schön und
bereichernd.
Cyte: Du hast eben Gute Freunde erwähnt – magst du dazu auch noch ein paar Worte
sagen? Das ist ja wieder ein ganz anderes Projekt als The Austrian Case oder The Tattooist
of Auschwitz.
Amelie: Das war ein Projekt, bei dem wir unglaublich viel gelacht haben. Ich hatte wirklich
Glück, die Chemie mit meinem Spielpartner war toll, das hat natürlich vieles erleichtert.
Auch das ganze Team war super. Es war einfach eine sehr besondere, schöne Zeit mit viel
Witz, Leichtigkeit und Freiheit. Wir durften improvisieren, viel ausprobieren
und uns selbst nicht allzu ernst nehmen. Und genau das ist manchmal das
Schönste an einem Projekt: Wenn man mit dem Gefühl reingehen kann,
einfach spielen zu dürfen. David (Anm. d. Red.: David Dietl, der Sohn des bekannten
deutschen Regisseurs Helmut Dietl, hat Regie geführt) hat uns diesen Raum gegeben, er hat
uns vertraut und uns machen lassen. Das war ein riesiges Geschenk. Und es war definitiv
ein Projekt, das mir noch einmal bestätigt hat: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Cyte: Ich stelle mir Improvisation gar nicht so leicht vor. Man braucht ja auch eine gewisse
Chemie, um sich überhaupt öffnen zu können. Aber du liebst das, oder? Dieses
Ausprobieren, die Freiheit, das ist etwas, das du sehr schätzt.
Amelie: Total. Ich glaube, das kommt mit der Zeit, wenn man beginnt, sich in den eigenen
Impulsen wohlzufühlen. Dann entsteht Vertrauen in dich selbst, und damit
auch der Raum, mutig zu sein und Dinge auszuprobieren, selbst wenn mal
etwas völlig daneben geht. Deshalb lieben wir Schauspieler:innen die
Schauspielschule auch so sehr. Es ist der eine Ort, an dem man wirklich frei
experimentieren darf. Im Berufsalltag ist das oft schwieriger. Da geht es oft darum, „richtig“
zu sein, zu funktionieren, bewertet zu werden. Und das ist auch okay. Aber je mehr man
sich beim Drehen diese Freiheit bewahren kann, desto lebendiger wird das Spiel und desto
besser funktioniert es. Wir sind ja auch einfach nur Menschen. Und je freier ich bin, desto
mehr kann ich geben. Improvisation ist für mich eine wunderbare Möglichkeit,
mich auszudrücken. Es geht vor allem darum, im Moment zu sein, echt zu
sein, nicht zu spielen, nichts zu erzwingen.
Cyte: Das kam bei dir auch genauso rüber. Improvisation als das Gegenteil von „etwas
erzwingen“, nämlich: im Fluss zu bleiben, spielerisch zu sein. Und das bringt ja auch oft mehr Leichtigkeit und Natürlichkeit mit sich.
Amelie: Absolut. Ich dachte lange, ich kann das, also improvisieren. Aber wenn man dann
wirklich mal einen Impro-Kurs macht, merkt man, wie komplex es ist. Und gleichzeitig
ist es auch das Freiste, was man in diesem Beruf machen kann. Das ist
einfach schön.
Cyte: Lass uns von deinen vergangenen Projekten ins Hier und Jetzt kommen. Was steht
bei dir aktuell an? Ist der Sommer für dich eher eine Pause? Machst du gerade Urlaub in
New York? Oder arbeitest du an neuen Projekten? Kannst du da schon ein bisschen
verraten?
Amelie: Gerade stehen zwei tolle Dinge an, die für mich einen großen nächsten Schritt
bedeuten. Zum einen habe ich eine eigene Serie geschrieben, die ich aktuell pitche. Genau
deswegen bin ich auch hier in New York. Es ist total aufregend. Und dann drehe ich Ende
des Jahres meinen ersten Indie-Film in einer Hauptrolle. Das ist für mich etwas ganz
Besonderes, weil ich an einem Punkt bin, an dem ich solche Projekte überhaupt machen
kann. Und weil es ein Film ist, der in einem jungen Team entsteht, aus
einem echten künstlerischen Impuls heraus. Wir entwickeln das
gemeinsam, unterstützen uns gegenseitig.Das fühlt sich einfach richtig an.
Ich freue mich sehr darauf.
Cyte: Das klingt nach zwei echten Herzensprojekten. War das Schreiben schon immer
etwas, das dich interessiert hat? Oder kam das eher spontan?
Amelie: Ich habe als Kind viel geschrieben. Irgendwann habe ich aber aufgehört, wirklich
daran zu glauben, dass ich das kann. Als Schauspielerin ist man ja sehr viel mit Geschichten
beschäftigt, mit Figuren. Und nach Jahren, in denen ich viele Drehbücher gelesen habe,
habe ich angefangen zu verstehen, was Schreiben für mich bedeutet und welche Figuren ich
erzählen möchte. Also habe ich es einfach ausprobiert. So ein bisschen wie
beim Schauspiel: Ich bin reingesprungen und habe gesagt, ich mach das
jetzt einfach.
Cyte: Das ist ja oft der beste Weg. Vor allem auch bei dir. Du hast eben gesagt „wir“ –
machst du das Projekt mit jemandem zusammen?
Amelie: Ja, mit meiner Kollegin Luise Großmann. Wir haben das gemeinsam geschrieben
und sind jetzt auch zusammen hier, um es zu pitchen. Das ist definitiv nochmal eine neue
Herausforderung.
Cyte: Wie kann ich mir das vorstellen? Wie läuft so ein Pitch ab?
Amelie: Der Schreibprozess ist natürlich erstmal sehr geschützt und privat. Aber
irgendwann kommt der Punkt, an dem man das Projekt vorstellen muss und das ist eine
Seite, die ich vorher nicht kannte. Jetzt geht es darum, selbst aktiv zu werden und den
nächsten Schritt zu machen als Produzentin, als Creatorin. Das war erstmal nicht leicht, ist
aber total wichtig.
Cyte: Dann ist es bestimmt auch schön und hilfreich, das gemeinsam mit jemandem zu
machen.
Amelie: Ich bin sehr froh darüber. Wir können uns die Arbeit teilen. Und auch die
Frustration, falls es Absagen gibt. Es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn man etwas so
Eigenes und Persönliches rausgibt. Aber genauso schön ist es dann, sich auch über die
Erfolge gemeinsam zu freuen.
Cyte: Unbedingt! Ich drücke euch die Daumen, das klingt alles sehr aufregend. Magst du
noch etwas zu deinem anderen Projekt, dem Indie-Film, erzählen? Worum geht es da?
Amelie: Ich kann zumindest eine grobe Outline geben. Es ist ein sehr intensiver Film mit
einer sehr komplexen und widersprüchlichen Figur, die ich spiele. Genau das interessiert
mich. Ich darf vielschichtig arbeiten und ganz in diese Figur eintauchen, was für mich auch
ein Lernprozess ist. Der Film erzählt drei verschiedene Geschichten, die sich immer wieder
begegnen, aber dennoch eigenständig bleiben. Ich spiele in einer dieser Geschichten. Das
Ganze ist sehr „Berlin“ und auch ein bisschen provokant, worauf ich mich sehr freue. Mehr
darf ich aber leider noch nicht erzählen.
Cyte: Klingt spannend! Gibt es sonst noch ein Buch, eine wahre Geschichte oder eine
Figur, die dich so nachhaltig beeindruckt hat, dass du sagst: Das will ich irgendwann
unbedingt mal auf die Leinwand bringen?
Amelie: Oh ja, auf jeden Fall. Ich will dazu jetzt nur nicht zu viel sagen. Man weiß ja nie,
ob man es später doch macht. Aber ich habe viele eigene Geschichten, die ich angefangen
habe – aus meinem Leben, aus meiner Familie, meiner Zeit in New York. Ich lese gerade
auch wieder viele Theaterstücke. Das ist ganz toll. Das bringt mich gerade zurück zu meiner
Theaterliebe und besonders zu Stücken, die tief gehen und Figuren in Beziehungen zeigen.
Ich liebe Partnergeschichten und auch den Humor dahinter.
Cyte: Das Thema Theater schneide ich jetzt auch bei den Quickie-Fragen an – das habe ich
mich nämlich auch schon gefragt. Lass uns starten: ich stelle dir ein paar schnelle Fragen,
antworte bitte ganz spontan und denk am besten nicht zu viel drüber nach.
Was macht dich glücklich?
Freiheit.
Was macht dich richtig sauer?
Ungerechtigkeit.
Wie entspannst du dich am besten?
Musik.
Was würde deine engste Freundin über dich sagen?
Sie hat vorhin zu mir gesagt, ich sei der merkwürdigste Mensch, den sie kennt – im besten
Sinne. Ein Mix aus Purheit und etwas Seltsamen. Und dass ich das auch offen zeige. Wir
haben darüber gesprochen, wie wir auf andere wirken. Ich glaube, mein Wunsch ist es
einfach, immer authentisch zu sein.
Was war dein bisher größtes Abenteuer?
New York, meine Schauspielzeit dort.
Was wärst du geworden, wenn Schauspielerei keine Option gewesen wäre?
Ich glaube, dann hätte ich angefangen zu schreiben.
Film, Fernsehen oder Theater – was liegt dir am meisten? Wo siehst du deinen
Schwerpunkt oder auch deine Leidenschaft?
Beim Film. Das kenn ich am meisten, da bin ich Zuhause. Aber Theater ist auf jeden Fall
etwas, wo ich gerne noch mehr machen möchte.
Schreibend oder spielend?
Spielend, auf der Bühne.
Was ist deine eigene Quickie-Frage an dich?
Vielleicht: Sicherheit oder ins Ungewisse, ins Risiko, aufbrechen?
Und deine Antwort?
Risiko. Ich glaube, ich entscheide mich ganz aktiv bei allem, was ich tue, für das Risiko. In
meiner Familie habe ich gesehen, was es bedeutet, den sicheren Weg zu wählen. Ich weiß
ziemlich genau, wo ich hinwill und wo nicht. Ich vertraue mir selbst. Und ich weiß,
dass sich das Risiko am Ende lohnt.
Cyte: Was für ein schöner und passender Abschluss. Vielen lieben Dank für unser
Gespräch!