Zwischen Wohl und Weh: Reanalogisierung mit dem Wohlweh
Words: Sandra Groll
Illustration: Tronje Thole van Ellen
Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten durchaus Mühe gegeben, die Welt zu digitalisieren, waren dabei überraschend erfolgreich und sehen uns nun vor die Aufgabe gestellt herauszufinden, was diese Digitalisierung so mit uns anstellt. Dabei sind es weniger die digitalen Produkte, Services oder Medien, die herausfordernd sind, sondern eine unbemerkte Digitalisierung des Geistes, die ganz nebenbei vollzogen und wirksam geworden ist.
Unser von Technologie und Faszination geprägtes Alltagsverständnis des kleinen, dafür aber umso omnipräsenteren Wortes ‘digital’ blockiert dabei nicht nur erheblich die Auseinandersetzung mit dem was dort eigentlich vor sich geht, vielmehr nehmen wir uns durch ein auf technologische Aspekte reduziertes Verständnis von Digitalisierung selbst die Chance, anders zu sein, zu erleben und zu spüren und wundern uns, warum die digitalisierte Lebenswelt zu Polarisierungen neigt. Wie es scheint, sorgt Digitalisierung nicht nur für Konnektivität, permanentes In-Verbindung-Sein und für jederzeit zur Verfügung stehende Services, sie steigert anscheinend auch in einem erheblichen Maße die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden, in dem sie ihr inhärentes Versprechen – nämlich eine eindeutige, klare und dementsprechend entgegenkommende Lebenswelt zu schaffen – nicht einlösen kann. Sie – wer hätte das gedacht – verflacht und radikalisiert gleichzeitig unser Erleben.
Wie so oft, müssen wir uns, wenn wir den impliziten Grundfiguren unseres Handelns auf der Spur sind, erst einmal durch Schichten des Alltags, der Emotionen, des Wünschens und Erwartens wühlen und uns dabei auf Instrumente und Vorgehensweisen verlassen, die uns in der jeweiligen Situation zur Verfügung stehen. Da wir irgendwann einmal gelernt haben, dass es bei aller handwerklichen Tätigkeit auf die Wahl des Werkzeuges ankommt, fällt die Wahl dabei meist auf das naheliegendste, in funktional ähnlichen Situationen erfolgreich erprobte Werkzeug. Im Falle des Buddelns wäre dies sicherlich der Spaten.
Allerdings erscheint mir diese Wahlstrategie im Kontext dieses Beitrags und Lichte des beginnenden Spätsommers doch ein wenig arg fad, wie der Österreicher sagen würde. Beziehungsweise wäre der im Hinblick auf das Graben gewählte Spaten selbst eine formal logische Antwort, denn es gilt, wenn Zweck = graben, dann Werkzeug = Spaten. Relationen dieser Art kennen die Älteren unter uns noch aus dem Informatikunterricht der 1990er Jahre und natürlich waren wir stolz wie Bolle, wenn es uns gelungen ist, dies in Pascal oder Cobol in ein Stück Code zu übersetzen.
Ich würde aber in Sachen Digitalisierung des Geistes gerne ein wenig anders vorgehen und das seriöse Graben mit einem spielerischen Buddeln und Wühlen ersetzen. Denn dem Buddeln und Wühlen fehlt nicht nur Plan und Zweck, es ist auch eine ästhetisch-spielerische Praxis im Medium der Nichternsthaftigkeit. Aber ich möchte doch glatt noch einen Schritt weitergehen und die Differenzen von Ernst und Unernst sowie Zweck und Zwecklosigkeit aus guten Gründen unentschieden halten lassen. Anders gesagt: ich bin im Urlaub und wenn schon, dann möchte ich weder buddeln noch graben, sondern wühlen und suhlen, und zwar in den konträr zueinander stehenden Codierungen von Digital und Analog und damit der zentralen medientheoretischen Leitunterscheidung. Analog sind diesem Verständnis nach alle Signale, die sich kontinuierlich verändern und jeden noch so feinteilig-singulären Wert zwischen zwei Extremen annehmen können. Während Digital hingegen alle Signale sind, die aus klar trennbaren, binären Werten zum Beispiel 0 und 1 bestehen. Und da es im Weiteren um die Digitalisierung des Geistes gehen wird, wühlen wir doch als erstes einmal in dem Phänomenbereich, in dem sich unser Bedürfnis, die Welt – und unsere Erwartungen gleich – mit 0 und 1 einzuteilen eindrücklich und nachvollziehbar zeigt: nämlich in den zur groben Vorsortierung des Gegebenen gerne genutzten.
Anders als im technologisch Digitalen, für dessen komplexe Datenbankarchitekturen und LLMs längst mehrwertige Logiken benötigt werden, vollziehen wir die alltägliche Digitalisierung des Geistes auch weiterhin mit zwei Werten: 0 und 1, das heißt wir operieren mit zwei Maximalwerten und orientieren unser Handeln daran. Das bedeutet ganz klassisch, wir wollen je nach Persönlichkeitstyp dafür oder dagegen sein, ein vollständiges Ja oder Nein, maximale Reibung oder perfekte Flauschigkeit, Wohl oder Weh. Das kann nur in Enttäuschungen enden. Denn zum einen ist im Alltag völlig unklar, wann die maximale Flauschigkeit erreicht ist, zum anderen lässt sich die Welt und ihr Erleben nicht in 0 und 1 übersetzen, denn wir haben es in Sachen Digitalisierung mit einer Codierung zu tun, die quer zur Welt steht. Jenseits der digitalen Codierung liegt die Welt und damit konfuses Schlingern, grau- und grünstufige Affekte und damit die Ambivalenz und Ambiguität, also dem widersprüchlichen Erleben und der Mehrdeutigkeit von Situationen, Erwartungen und Realitätskonstruktionen. Das ist blöd, denn die Digitalisierung des Geistes führt dann nicht zu einer geordneten uns entgegenkommenden Welt, sondern zu dem Problem, dass wir es mit mehr Unordnung zu tun bekommen, da wir nun auch noch beobachten müssen, mit welchen Grundfiguren in Handlung und Erwartung wir gerade operieren.
Binärcodiertes reduziert Komplexität, legt Ordnung nahe, stiftet darin Orientierung und ermöglicht vermeintliche Erwartungssicherheit. Wer mit einem binären Schema arbeitet, muss sich mit ambiguen, also mehrdeutigen Verhältnissen nicht auseinandersetzen, er muss nur dafür sorgen, dass der jeweils nicht präferierte Codewert nicht realisiert wird, also das Wohl erreicht und das Weh vermieden wird. Oder anders herum, wenn man dazu neigt, die Welt brennen sehen zu wollen.
Nehmen wir also die Unterscheidung zwischen Wohl und Weh und teilen die Welt entsprechend ein: in Dinge und Verhältnisse, die wohltuend sind, und in Dinge und Verhältnisse, die Weh erzeugen und gehen wir davon aus, dass wir zu denjenigen gehören, die das Wohl gegenüber dem Weh bevorzugen, wenngleich auch das Weh unter bestimmten Bedingungen, das Attraktivere sein kann. Anders lassen sich Phänomene wie Rage Bait oder Doom Scrolling nicht erklären. Wenn wir also das Wohl als positiven Maximalwert einer Selbstdigitalisierung bevorzugen, dann erwarten wir von den Dingen, Services, Situationen und von unserem Selbstempfinden, dass es im Wohl keine Abstufungen und Übergangswerte gibt. Und hier wird es dann auch schon haarig, denn der Maximalwert kann nicht anders als in sich geschlossen und stimmig sein, und entweicht uns damit ins Fiktive. Der perfekte Wohl-Strandtag setzt die perfekte Außen- und Wassertemperatur ebenso voraus, wie die perfekten Wind- und Schattenverhältnisse, die perfekten Strandnachbarn, den perfekten Parkplatz und die perfekten zwischenmenschlichen Interaktionsdynamiken. Das kann nur in Enttäuschungen enden, die sich am Abend in den Restaurants an der Strandpromenade in Kommunikation und Verhalten ihren Ausdruck verschaffen. Auch hier kann die Selbstdigitalisierung weiterhin ihren Schabernack treiben. Das Stichwort lautet: Schatz, du hast mir mit deiner Laune das Abendessen und den Urlaub versaut! Diese durch Digitalisierung in Gang gesetzte Enttäuschungsmaschinerie, ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie wirtschaftliche Bedeutung besitzt, denn da wir maximale Wohlerwartungen aller Orten entwickeln, lassen sich entsprechende Angebote, Services oder Erfahrungen gestalten, die uns das entsprechende Wohl versprechen, obwohl uns der Maximalwert wie ein flüchtiger Ganove immer schon einen Schritt voraus ist. Das stresst natürlich ungemein.
Was bleibt uns somit, wenn die Digitalisierung in flüchtigen und damit unerreichbaren Werten mündet? Eine Reanlogisierung des Geistes und unserer Weltverhältnisse. Und das bedeutet nichts anderes, als sich um gepflegte Zwischenwerte zu kümmern und an diesen, Freude zu empfinden. Zwischen Wohl und Weh stehen im Analogen nämlich die kontinuierlichen Werte. Zum Beispiel das Wohlweh, das Wohlwohlweh oder das Wehwehwohl. Das Wohlweh lässt uns mit schmerzhafter Freude bei steifer Brise in der zu kalten Nordsee baden, wehige Erlösung beim Aufkratzen des Mückenstichs finden und ermöglicht uns in der Erfahrung von Widerständigkeit, die entsprechend nachhaltigen Lernmomente nach denen wir einander sind. Als Wohlwohlweh vergleicht die Nostalgie den aktuellen Sonnenuntergang mit allen schon gesehenen Sonnenuntergängen und spuckt ein bisschen Sterblichkeit in die Suppe des Momentes. Das Wehwehwohl bringt die vorangegangene Muskelaktivität und damit die eigene Fitness in Form des entsprechenden Katers in Erinnerung. Jenseits der Selbsterfahrungsschlaufen kann das Wohlweh jedoch noch mehr, denn es besitzt eine gesellschaftliche Dimension. Wer das Wohlweh praktiziert, das heißt, die Zwischenwerte sucht, dürfte weniger enttäuscht sein und tendiert weniger dazu, den Manager sprechen zu wollen oder fragwürdige Parteien zu wählen.
Die Digitalisierung des Geistes allein führt uns hingegen in eine Sackgasse, sie verdirbt die Launen – und so viel erzieherischer Impetus muss sein – auch den Charakter. Es gilt jedoch auch: Digitalisierung ist etwas Menschliches, sie entspringt unserem Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Orientierung und Erwartungssicherheit und macht uns genau aus diesem Grund blind für die Grauzonen und Übergänge, für Ambivalenz und Ambiguität, und nimmt uns dann die Fähigkeit, munter vor uns hin zu evolvieren. In der Reduktion auf 0 und 1 wird die Vielfalt der Welt in eine künstliche Einfachheit gezwängt, die nicht nur enttäuscht, sondern entfremdet. Mit bewusster Reanalogisierung des eigenen Weltverhältnisses, lassen sich die Werte zwischen 0 und 1 erkunden.
Eine Re-Analogisierung des Geistes bedeutet, dass wir uns nicht länger von maximalen Erwartungen treiben lassen, sondern in der Bereitschaft zur Ambiguität eine neue Form von Freiheit erkennen. Statt im Rausch binärer Ordnungsschemata Sicherheit zu suchen, könnten wir die Unsicherheit der Zwischenräume als Resonanzraum des Denkens und Handelns begreifen. Vielleicht liegt darin ein Ausweg aus der Enttäuschungslogik: nicht die Jagd nach maximalem Wohl, sondern die kultivierte Erfahrung von Wohlweh, Wohlwohlweh und Wehwehwohl. So wird die Digitalisierung nicht aufgehoben, sondern durch die Wiederentdeckung des Analogen ergänzt – in einem Bewusstsein, dass es nicht die Klarheit binärer Codes, sondern die Vielstimmigkeit unserer Weltbeziehungen ist, die uns lebendig macht. Und das werde ich jetzt gleich mal umsetzen mit einem Sprung in die viel zu kalte Nordsee. Eine Arschbombe ins Wohlweh.