Enno Bunger: Was berührt, das bleibt

Freiheit, Freundschaft, Liebe, Leiden, Tod … …es ist eine Krux mit dem Leben und es ist eben nicht immer ein Ponyhof. Der Wahlhamburger Enno Bunger hat sich vier Jahre für sein neues Album Zeit gelassen und packt thematisch mal so richtig aus.

Seine ersten fünf Singleauskopplungen sind eine Art fünfteiliger Zyklus, der seltsamerweise auf dem Album in anderer Reihenfolge zu finden ist als auf YouTube, wo eine Geschichte in fünf durchnummerierten Videos erzählt wird.

Nur der Künstler oder die Plattenfirma kennt das Geheimnis der unterschiedlichen Zählweise.
Aber was bietet uns der blasse Enno musikalisch auf seinem vierten Album? Eigentlich ist fast alles wie immer, nur diesmal fehlt ein wenig die Rauheit in der Ballade. Irgendwie scheint „Was berührt, das bleibt“ etwas glattgebügelt, obwohl dieses Album wohl sehr persönlich ausgefallen ist.

So ist „Ponyhof“ die vertonte Hochzeitsrede für seinen besten Freund, „Stark sein“ und „Konfetti“ beschäftigen sich mit dem Tod einer guten Freundin und auch sonst scheint Enno eine dunkle Phase durchgemacht zu haben. Entsprechend sind die Songs des Pianobarden eher getragen (die beiden Opener „Kalifornien“ und „Bucketlist“ bilden da eine Ausnahme).

Getragene Lieder waren zwar schon immer ganz Bungers Ding, allerdings bot er auf seinem letzten Album „Flüssiges Glück“ auch einige dancige und rockige Momente an, die ihm gut zu Gesicht standen.

So berührt das Album leider nicht ganz so wie der Titel beschreibt und es bleibt auch nicht so richtig hängen. Manchmal kratzt der liebe Enno sogar am Kitsch, da er textlich und musikalisch ab und an zu dick aufträgt.
Das Album „Flüssiges Glück“ aus dem Jahr 2015 habe ich gefeiert, da es weiter gegangen ist und sich etwas getraut hat. Textzeilen wie „Willst du eine Bleibe haben, folge einem Leichenwagen“ (aus dem Übersong „Hamburg“), „Niemand malt so schön wie wir den Teufel an die Wand“ („Neonlicht“) hatten doch eine andere Qualität. Trotzdem sollte man sich das neue Werk von Enno Bunger ruhig (sozusagen im doppelten Sinne) einmal anhören, da es durchaus auch seine großen Momente hat (u.a. „Weichzeichnungsfilter“).
Er sollte allerdings aufpassen, dass es nicht doch so kommt, wie er im Song „Am Ende des Tunnels“ (auch von „Flüssiges Glück“, dieses Album bitte dringend anhören) beschreibt:

Hey Enno dein Lied, das ist so schön ruhig
Das klingt ja wie Xavier Naidoo”
Irgendwo brennt eine Sicherung durch
Ich steh auf, rufe “Nein!” und schlag zu

Die Orsons: Orsons Island

Willkommen auf der Reise nach Orsons Island, Kapitel 1: Virtuelle Realität – Ewig schon wach“:
Ja, so geht das neue Album von der Deutschrap-(Super)Group „Die Orsons“ los. Noch ein Konzeptalbum? Hilft ja nix, nun ist das schon das dritte Konzeptalbum in dieser Rezi-Rubrik und ich find’s toll …. The Return of the Concept Album, ich kann ja auch nichts dafür.
Was die Orsons auf ihrem fünften Album da zusammengeschustert haben, hat es in sich.

Jetzt gehen sicherlich bei einigen Lesern gleich die Lampen an, schon wieder so ein Deutschrap-Autotune-Kram? Nein, keine Angst. Trotzdem finden sich auch auf „Orsons Island“ getunte Passagen, die aber eher als Kunstgriff genutzt werden. Bartek (auch bekannt als Plan B), Kaas, Maeckes und Tua nehmen sich dem Autotune Thema sogar in „Mozart“ auf ganz spezielle humorvolle Weise an:
Sogar Live-Gesang immer ‘n bisschen getuned
Für die Jüngeren ist es schon cool
Doch die Älteren fragen: „Was hat das mit Hip-Hop zu tun?“

…und erwischt …Mist.

Im zweiten Kapitel wird es etwas nachdenklicher. Der Tag nach der endlosen Party. Großartig der Song „Sog“, ein einschmeichelndes und dann abgefahrenes Songmonster, das musikalisch kaum einzuordnen ist. Tua liefert mit „Feuer und Öl“ ein Liebeslied der speziellen Sorte, bevor Kaas im düsteren „Schneeweiß“ sich die Seele aus dem Leib singt und völlig durchdreht.

Mit dieser musikalischen Wundertüte geht es auch in den nächsten zwei Kapiteln weiter.
Kapitel 3 „Der Aufbruch“ wird positiver und die Orsons werden fast beschwingt, schließlich nähert man sich der Insel, die man dann in Kapitel 4 „Die Ankunft“ erreicht. Der letzte Track „Dir, dir, dir“ zeigt dann noch einmal das besondere Texttalent der Orsons. Sie schaffen es immer wieder, den Hörer auf eine falsche Fährte zu locken, bevor der Song dann plötzlich eine neue Wendung nimmt. Tja Pech gehabt. Reingefallen.
Die Insel – übrigens waren die vier Rapper tatsächlich mehrfach gemeinsam auf Inselurlaub und ließen sich dadurch zum neuen Album inspirieren – endet dann übrigens mit den Worten des ersten Kapitels „Ewig schon wach“…juhu, da ist es wieder …ich liebe es.

 

Was haben wir da jetzt aber eigentlich gehört? Rap? Ja, nein …. Pop? Ja, nein …. Breakbeat …. Ja, nein. Trap? Nein. Endlich, kein Trap. Eigentlich wird auf der „Insel“ sogar genauso viel gesungen wie gerappt. Kaas haut gesanglich wirklich einiges raus, aber auch die anderen drei Orsons singen viel. Alles ist so wie es sein sollte, schräg, musikalisch spannend, zwischendurch ernst und trotzdem auch humorvoll.

Was aber wirklich auffällig ist, ist die Produktion des Albums.

Was Tua da gezaubert hat ist unglaublich. Überall passiert etwas, fette Beats lassen die Löcher aus dem Käse fliegen und was da alles neben der Hauptmelodie an Effekten, Stimm- und Geräuschschnipseln noch so durch die Speaker fliegt, lässt das Ohr begierig lauschen.
Tua war für mich auch schon vor diesem Album mein Nummer 1 Deutschrap-Produzent, was er hier aber geklöppelt und gedreht hat, ist schon extrem fett. Er hat eine ganz besondere Handschrift und kann echte Stimmungen erzeugen. Da kann Miksu mit seiner Gangsterrapmischerei einpacken und selbst das Kitschkrieg-Team kommt da nicht so richtig ran. Man höre sich mal Tuas Soloalben an (vor kurzem ist auch von ihm ein neues Album erschienen) oder auch den tollen, von Tua produzierten Song „Athen“ von Max Herre.

Jetzt schließe ich dieses Schwärmerei-Kapitel und sage nur noch:
Hier steht’s schwarz auf weiß,
Die Orsons sind die Nummer … “

Das kleine Vorwort
Jetzt ist der Plattenrezensent durchgedreht. Was soll denn das? Nur deutschsprachige Mucke, warum? Tja, warum? Das frage ich mich auch und ich kann euch keine richtige Antwort geben. Einerseits war der Redaktionsschluss im Sommer und der Sommer ist saure Alben Zeit, die spannenden Veröffentlichungen lassen noch etwas länger auf sich warten und andererseits, warum nicht. Ich habe in den letzten Cyte Ausgaben viel über deutschsprachige Musik (vor allem Rap) geschrieben, allerdings kein einziges deutschsprachiges Album besprochen. Das ändere ich nun und danach ziehe ich mich in mein Kämmerlein zurück und warte auf die neue Helene Fischer Platte … nicht!

Die Inselplatte

Georg Danzer: Ruhe vor dem Sturm
Mein Güte … Georg Danzer … jetzt träumt wohl nicht nur ganz Wien von Kokain, voll peinlich … Ich sage: NA UND!!!??
Ja, Georg Danzer war Österreicher (Gott hab ihn selig), der Anfang der siebziger Jahre seine erste Platte veröffentlicht hat. Die erste Scheibe aus dem Jahre 1972 „Der Tschik“ ist wohl inzwischen ein Kultalbum, das irgendwie nach einem österreichischen Tom Waits klingt, sehr gewöhnungsbedürftig. Irgendwann hatte Danzer auch kleinere Hits außerhalb Österreichs (Sex-Appeal, War das etwas Haschisch, Ganz Wien träumt von Kokain), das ist und war mir aber eigentlich egal, da meine Inselplatte etwas später veröffentlicht wurde.
Wir reisen einfach mal zurück in der Zeit in das Jahr 1981. Ibizagate war weit weg und Strache war damals noch ein kleiner 12jährger Scheißer, jetzt ist er halt größer.
Hätte er sich damals das Georg Danzer Album „Ruhe vor dem Sturm“ angehört, dann … ja dann … vielleicht, dann hätte aus ihm eventuell etwas werden können. Nun ja … … …

Was macht diese Platte für mich so faszinierend? Das Album ist zum Beispiel ein Zeitdokument, da sich 1981 die Friedensbewegung gegen die Stationierung der SS-20 Mittelstreckenraketen in Deutschland formiert hatte und Danzer mit seinem Song „Frieden“ den Soundtrack für die Demonstrierenden lieferte.

Viel spannender aber sind die ersten fünf Songs (damals noch Seite 1 der Schallplatte). Angefangen bei kindlichen Fieberträumen, über die schreckliche Schulzeit, die erste pubertäre und extrem schmerzliche Liebesenttäuschung bis zum Hippieurlaub auf Kreta.

Ein Songzyklus, den man mit viel Fantasie als österreichisches „The Wall“ im Schnelldurchlauf bezeichnen könnte, vor allem weil auch die restlichen Songs des Albums einen neuen Songreigen eröffnen, der sich mit Krieg, Protest und Selbstbestimmung beschäftigt. Alles Themen, an denen sich auch Pink Floyd (im speziellen Roger Waters) auf ihrer „Steinchen“ Platte abarbeiteten. Wie es sich für ein Konzeptalbum gehört, schließt das Album so, wie es angefangen hat … juhu, ich liebe es.
Musikalisch klingt das Ganze übrigens nicht nach 80er Sound, sondern relativ zeitlos. Es gibt keine E-Drums und keine quietschigen Keyboards und somit kann man sich diesen musikalischen Wurf von Georg Danzer auch heute noch gut anhören.

Ja, ja, ich weiß, ich höre euch sagen: „Ach du meine Güte, politische Texte auf Deutsch oder noch schlimmer Österreichisch und das von so einem seltsamen Liedermacher, wer will denn so etwas?“
Nun, heutzutage wahrscheinlich kein Mensch mehr, umso schöner ist es, den Staub von der Scheibe zu pusten und diese hier noch einmal hervorzuholen. Wer sich auf diese Zeitreise traut (für alle, denen es zu peinlich sein sollte: bei den Streaminganbietern kann man auch auf privaten Modus umschalten), wird sich wundern, wie aktuell die Themen noch sind.
Ich bleib dabei, ab in den Koffer mit dem Album und auf zur Insel.

Apache 207: Singles

Was muss das muss, hat meine Oma immer gesagt …hmmm, oder war es doch jemand anderes? Na egal.
Über Apache 207 muss ich etwas schreiben, denn Apache ist im Moment The hottest Shit in Raptown. Bei Redaktionsschluss hatte der Musiker noch kein Album veröffentlicht, aber immerhin schon zwölf Singletracks.
Was gibt es noch über „Deutschraps Miroslav Klose“ – so bezeichnet er sich in seinem Song „Kein Probem“ – zu berichten? Leider nicht viel, da er bisher keine Interviews geben möchte und er nur durch seine Musik und seine Videos spricht.

Was Apache musikalisch abliefert ist ziemlich neu. Er bricht mit den dumpfen Rapmustern musikalisch, textlich und auch im Style.
Bei Apache rulen die 80ties, der Funk und durch seine Stimme auch der Soul. Wenn Apache singt, dann staunt man, da er eine ziemlich krasse und warme Stimmfarbe hat. Und weil er so hervorragend singen kann, braucht er auch keine Autotune, er nagelt die Tracks einfach mal so.
Seine Videos strahlen ebenfalls einen ganz besonderen Charme aus. Statt fette Autos fährt er golden glitzernde Rollerblades, statt mit Geld um sich zu werfen, wirft er sich von einem Türdach in die Arme seiner Kumpels. Er trägt Badelatschen, Pullover auch mal in der Karotten-Hose oder Lederweste, hat dazu lange Haare und singt in einer schwimmenden Telefonzelle oder auf der Ladefläche eines LKWs. Das alles ist wirklich sehenswert und ziemlich schräg.
Klar, auch er verwendet explicit lyrics, nur irgendwie anders. Wer singt schon Textzeilen wie:
Ihnen ist nicht recht wie ich mein Brot mache.
Sie werden gepusht von hinten, wollen mich mundtot machen.
Hätten sie dir mal lieber Colgate empfohlen, Brate,
denn dein Mund riecht ja mal voll kacke.“

Im Netz werden schon Vergleiche zu Falco gezogen, nicht nur weil Apache auch gerne Sonnenbrille trägt, sondern weil er so eigen ist.

Der Ludwigshafener ist auf dem Weg, eine richtig großen Nummer zu werden. Auch wenn er sich wegen seines Namens und eines Videos schon den Vorwurf der Cultural Appropriation gefallen lassen musste, sollte ihn das nicht aufhalten.
Ich jedenfalls lasse Apache 207 hochleben und freue mich auf die nächsten Tracks, da er endlich mal eine neue Attitüde in die eingefahrene Deutschrapszene bringt.

Ich kann nur sagen, höchste Hör- und Videoguckstufe, Brate!

Lustigerweise sind wir durch den 80ties Sound von Apache 207 mit der letzten Rezi in dieser Cyte Ausgabe wieder in den 80er Jahren gelandet. Also eigentlich …hab ich jetzt ja fast eine Konzept-Rezi-Reihe geschrieben, es hört da auf, wo es angefangen hat …juhu …ich liebe es! J

 

Ufo361: Wave
So, jetzt will ich mal flexen. Deutschrap und zwar von der Spaß-für-Kids-Sorte. Ufo361 leuchtet grad sehr hell am Deutschrap-Himmel und auch mir ist der Stern schon lange aufgefallen.
Die Kids lieben das Autotune-Ufo und irgendwie hat dieses Flugobjekt etwas Faszinierendes. Warum eigentlich Ufo361? Weil er mit einen unidentifizierten Flugobjekt in Kreuzberg gelandet ist? Naja fast: Er heißt eigentlich Ufuk mit Vornamen und der alte Postzustellbezirk von Kreuzberg war 36/61. Und schon ist der Rapname geboren. Jetzt kannst du dir auch deinen eigenen Rapnamen bauen, blöd nur wenn man im Berlin-Grunewald oder Hamburg-Blankenese geboren ist, dann kommt das nicht so cool.
Jetzt aber fair bleiben und lauschen … ui, der erste Track beginnt überraschend, mit chilliger Gitarre und schwebenden Flächen, dann kommt die Wave, damit meint Ufo361 natürlich sich selbst, da er über uns wie eine Welle gekommen ist. Echt interessanter Track, hat was.
Auch der nächste Song ist nett. Cooler Beat, alles sehr sphärisch und an den Autotune Gesang/Rap gewöhnt man sich schnell, da dadurch alles so soft rüberkommt, passt schon.

Was soll ich noch so schreiben, jetzt singt grad der kleine Data Luv (geboren 2004) als Feature „Hol mir noch nen Shot“ und … ach menno … ich bin zu alt dafür.

Man muss Ufo361 aber eins lassen, er hat es drauf gechillte Beats zu programmieren oder programmieren zu lassen und er hält die Stimmung.

“On time“ zusammen mit Gunna ist sicherlich ein Highlight des Albums mit dem kitschigen Cover. Auch nicht schlecht, der Track mit Yung Horn.
Irgendwann ist die Wave dann aber ausgelaufen und was ist hängen geblieben? Hm, nicht viel, außer, dass man die Scheibe gut durchhören kann, wenn man auf so etwas steht.
Ufo geht es nicht um ein musikalisches höher, schneller, weiter, sondern wohl eher darum, in seiner Cloud Rap Wolke zu bleiben und da kann man ja mal mitschweben.
Allerdings … … … die Texte… … laaaannnnngggweilig. Digger, mal ehrlich, du bist schon über 30 Jahre alt und singst immer noch über diese öden Rapstandards (STANDARD). Manchmal ist mir das auch alles etwas zu zielgruppenrelevant anbiedernd. Muss doch echt nicht sein. So bleibt Ufo361 am Ende doch nur Durchschnitt, der musikalisch zwar etwas fluffiger geworden ist, textlich aber immer noch pubertär in das Autotune-Mikro säuselt.

CREDITS

Text: Dirk Eichhorn #don_squirrel