Blumengarten
Photographer: Kristina Wolf

Dass ich heute mit Blumengarten spreche, ist ein kleines Wunder und eine Verstrickung von vielen Zufällen. In dieser CYTE-Ausgabe gibt es eine Backstage-Story von der Modenschau des Berliner Labels SF1OG. Während ich dort photographierte, hörte ich, wie sich zwei Modelle unterhielten. Ich nahm den Wortfetzen wahr: „Ich wusste gar nicht, dass ich singen kann, aber jetzt bin ich in einer Band!“. Daraufhin fragte ich: „Wie heißt denn die Band, in der Du singst?“ Er: „Blumengarten.“! Ich: „Kann man euch denn auf Spotify hören?“. Er: „Ja, klar, wir haben auch eine Plattenfirma.“. Ich: „Echt?!“.
Der Name schwirrte mir im Kopf rum. Wieder zu Hause, habe ich mir die Playlist von Blumengarten angehört und war total begeistert! DAS hatte ich nicht erwartet.
Aus „Ich wusste gar nicht, dass ich singen kann“ und meinen null Erwartungen, tönte mir der tröstendste Soundtrack des Jahrzehnts entgegen. In einer Zeit, in der alle sorgenvoll in die Zukunft blicken und eine Horrormeldung die nächste jagt, spenden Rayan und Sammy mit ihrem soften Sound Trost und geben Hoffnung. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Hoffnung auf eine bessere Welt. Obwohl einige Texte im ersten Moment fast kitschig wirken, rutschen sie niemals ab, sind immer glaubwürdig und aufrichtig. Gefühlvoll, ja! Sentimental, vielleicht! Aber vor allen Dingen rein und klirrend unschuldig. Und das ist wahrscheinlich alles, was die Welt im Augenblick am dringendsten braucht!

Cyte: Das ist ja schön, dass das noch geklappt hat mit uns.

Rayan: Ja, voll. Du und ich, wir haben uns ja quasi kennengelernt, da Backstage bei der SF1 OG Show. Du warst der mit der Kamera, oder?

Cyte: Genau, ich habe photographiert und du hast mit einem von den anderen Modellen gequatscht und ich hörte diesen Satz: „Ich wusste gar nicht, dass ich singen kann, aber jetzt singe ich in einer Band.“

Rayan: Ja, das habe ich wohl gesagt, das stimmt.

Cyte: Der Satz kam so leise und bescheiden um die Ecke, ich hatte gar keine Erwartungen. Dennoch ist er mir im Kopf geblieben und als ich mir dann eure Sachen auf Spotify angehört habe, war ich total geplättet. Und nach wie vor: ich bin platt, wirklich toll, was ihr macht.

Rayan: Boah, danke, das ist sehr lieb.

Cyte: Der Name Blumengarten, wie seid ihr dazu gekommen?

Rayan: Also hinter dem Namen gibt es gar keine so große Idee. Es ist schon immer ein Wort gewesen, das ich schön fand. Vielleicht ist es auch ein bisschen beeinflusst von Tyler, The Creator mit dem Flower Boy Album. Das Wort „Blumengarten“ hat so eine gewisse Ästhetik und ich hatte einfach Glück, dass Sammy ja gesagt hat. Wir haben wirklich kein einziges Mal über den Namen nachgedacht. Manchmal sieht man ja bei anderen Musikerkollegen, die dann im Laufe ihrer Karriere nochmal ihren Namen ändern. Aber wir waren so happy mit dem Namen und mir fällt kein besserer Name als Blumengarten ein. Das passt irgendwie zu uns, das passt zu unserer Band, das passt zu unserer Musik, deswegen: alles richtig gemacht.

Cyte: Band heißt im Augenblick, nur ihr beiden, oder?

Rayan: Ja.

Cyte: Und für Konzerte oder so, da holt ihr euch dann Musiker dazu?

Rayan: Genau, wir haben da ein paar Musiker, mit denen wir arbeiten. Auf der letzten Tour waren es drei MusikerInnen und auf der nächsten Tour sind es dann vier MusikerInnen, die noch mit uns auf der Bühne stehen werden.

Cyte: Wie schreibt ihr eure Lieder?

Rayan: Ich schreibe die Texte und Sammy schreibt die Musik. Ich kann leider kein Instrument spielen und deswegen ist, sobald es dann um Musik geht, immer Sammy gefragt, mich zu unterstützen oder mir zu helfen, wenn ich halt nur Text oder auch nur Textfitzel habe. Aber das gilt genauso vice versa. Es ist oft auch so, dass Sammy an einem Stück Musik gearbeitet hat, irgendwie einen Beat gebaut hat und mir den dann schickt. Und manchmal fällt mir dazu auch sofort was ein.
Wenn wir uns an ein längeres Projekt setzen, sammeln wir so die ersten Fitzel und dann irgendwann kommen wir zusammen und fangen an da durchzugehen, was uns gefällt, was nicht.

Cyte: Sammy, Du schreibst keine Texte?

Sammy: Also ich bin kein Texter, ich schreibe keine Texte, ich kann auch nicht singen und ich gebe nur meinen Input. Also wie Rayan halt Daumen hoch oder Daumen runter zum Beat gibt, gebe ich halt auch meins dazu „ey, man könnte das ja hier machen, man könnte das zu einer Bridge machen und das zu einem Refrain machen“, aber ich schreibe keine Texte.

Rayan: Wir geben uns auf jeden Fall Input, weil wir müssen ja auch beide mit allem d’accord sein So wie Sammy keine Texte schreibt, komponiere ich auch keine Musik.

Cyte: Wie beschreibt ihr diesen Stil, den ihr habt? Ich kann eure Musik ganz schwer einordnen. Es ist relativ soft vom Sound, es ist deutsch gesungen, aber es klingt nie – und die Gefahr besteht bei softem Sound in deutscher Sprache – kitschig. Und das ist so toll, wie geht das?

Rayan: Also das habe ich schon öfter gehört, dass wir diese Stellung haben, dass es dann bei uns nicht kitschig ist. Ich glaube, dass jeder Songwriter, jede Songwriterin irgendwie andere Sachen sagen darf. Das ist ein lustiges Phänomen. Ja, also ich würde sagen, unser Sound ist einfach eine Manifestation von all der Musik, mit der wir aufgewachsen sind und die wir lieben gelernt haben. Wenn so eine klassische Band, jetzt sagen wir mal early 2.000er, damals Musik gemacht hat, dann hat man halt gehört, okay, die haben Oasis gehört und ihren Sound dementsprechend daran angeglichen. Ich habe das Gefühl, damals war immer alles einfacher einzuordnen. Heute ist Musik, ihre Vielfalt mehr available, wegen den ganzen Streaming-Plattformen. Ich habe Musik nie genre-basiert gehört, ich habe Musik immer nur vibes-basiert gehört. Also wenn mir heute Skrillex gut gefällt, morgen Queen und übermorgen 50 Cent, dann ist es okay. So habe ich Musik gelernt und genau so machen wir Musik. Nicht getrieben von irgendwelchen Genre-Codes, sondern eher von Gefühlen und von Vibes. Deshalb ist unsere Musik nicht so definierbar. Wir finden gut, dass es so ist.

Cyte: Findet insgesamt gerade ein Wechsel statt? Bis vor zwei, drei Jahren war vieles, was auf deutsch war, eher so dicke-Hose-Gangster-Rap-mäßig. Dieses „Softe“ ist neu, oder? Und ist das andere, das dicke-Hose-Ding vorbei?

Rayan: Ich glaube nicht, dass es vorbei ist, das wird vermutlich nie vorbei sein. Aber ich glaube, dass sich der Space erweitert hat und sich das Männlichkeitsbild in der deutschen Gesellschaft geweitet hat. Mehrere Typen oder unterschiedliche Auslegungen von Männlichkeit kommen jetzt einfach gut bei den jungen Leuten an. Ich habe vor kurzem ein lustiges Video auf YouTube gesehen, über so Deutsch-Poesie und die Schreiber der early 2010er. Da hast du die Mark Forsters, Cluesoes und Max Giesingers, die von meiner Generation weitgehend als kitschig und uncool betrachtet werden. Und ich weiß nicht, ob das damit zu tun hat, dass diese Generation schon sehr vulnerable und männlich war.
Letztlich feiert aber dieser Charakter und dieser Typ Mann in der Musik eine Renaissance. Das sieht man nicht nur bei uns, das sieht man auch bei vielen anderen Acts, die auf eine bestimmte Art männlich sind, sich aber gefühlvoll und verletzlich zeigen. Ein Beispiel ist Berq, der gerade alles auseinandernimmt oder Zartmann. Das sind alles Acts, die jung sind und männlich aber einen anderen Weg gehen. Dass wir Teil dieser Bewegung sein können, finde ich sehr schön.

Cyte: Ihr scheint, ob bewusst oder unbewusst, einen Nerv der Zeit damit zu treffen.
Wenn die Zeiten da draußen rauer werden, braucht man eine Musik, die einen wieder auffängt.

Rayan: Ja, ich kann mir vorstellen, dass das auf jeden Fall einer der Gründe ist, weshalb uns die Menschen hören. Wie Du sagst, es ist eher unbewusst. Es kommt aus der Perspektive, aus der wir die Welt sehen und wie wir die Welt gerne hätten.

Cyte: Ihr kommt beide aus Velbert. Wie war es, dort groß zu werden?

Rayan: Boah, es war… Also, wenn ich mich in die Version von mir zurückversetze, die dort gelebt hat und die dort aufgewachsen ist, die würde jetzt wahrscheinlich sagen, nervig und scheiße. Man hatte das Gefühl, dass die Menschen dort nicht so tolerant waren für Dinge, die irgendwie anders sind oder aus der Reihe tanzen. Aber heute, aus meiner heutigen Perspektive, bin ich schon sehr dankbar, dort aufgewachsen zu sein. Über die Zeit hat sich meine Sichtweise darauf ziemlich verschoben. Sammy, wie war es bei dir?

Sammy: Ja, würde ich genauso sagen. Jetzt rückblickend, war Velbert eine ganz schöne Stadt. Es ist halt eine Kleinstadt. Jeder hatte so seine Grüppchen von Freunden und man konnte sich da nicht so ausleben, wie hier in Berlin. Das ist natürlich ganz krass anders. Rückblickend war es eine sehr schöne Kindheit, mit Fußball spielen und so. Wir sind auf eine Gesamtschule gegangen. Das war auf jeden Fall sehr prägend. Das war eine sehr große Schule und alle möglichen Leute waren da drauf. Das war auf jeden Fall sehr schön. Aber auch schön, dass wir nicht mehr in Velbert sind.

Rayan: Ich bin sehr, sehr happy, dass ich nicht mehr in Velbert bin. Ich glaube, jetzt würde mich das killen, weil da kann man sich auf jeden Fall nicht komplett kreativ ausleben und komplett man selber sein. Das wird dann doch nicht toleriert.
Aber für das Großwerden war es gut. Es hat uns stärker gemacht und uns zu den Leuten gemacht, die wir jetzt sind. Viel von dem, wie wir jetzt sind, hat mit der Sozialisierung in Velbert zu tun. Und natürlich auch unser Sound. Das sind alles Überreste aus Velbert.

Cyte: Habt ihr in Berlin mit der Musik gestartet oder war das noch in Velbert?

Rayan: Wir haben schon bei Sammy zu Hause angefangen, damals im Keller seiner Eltern. Jetzt sind wir beide in Köln. Hier bekommt man Kultur mit und hat auch als junger Mensch Spaß. Und irgendwie ist das auch eine Stadt, die jetzt nicht so schnell ins Bett geht wie Velbert. Aber wir sind halt gleichzeitig nicht super weit weg von unseren Familien.

Cyte: Euer Album, das jetzt im März rauskommt, Ich liebe Dich für immer, ist das erste, richtig? Bisher gab es EPs. Wie seid ihr da rangegangen?

Rayan: Also irgendwann war es klar, jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir ein Album machen. Wir hätten uns noch viel länger Zeit lassen können. Aber irgendwann war der Zeitpunkt, wo wir gesagt haben, okay, wir machen jetzt dieses Album.

Cyte: Kurze Zwischenfrage. Es ist schon interessant, dass ihr euch entschieden habt ein Album zu machen, das ist doch ein recht klassischer Ansatz, fast etwas rückwärtsgewandt. Heute ist es ja gang und gäbe einfach nur Songs rauszuhauen. Und dann ist das so ein Stückelwerk. Aber ihr habt euch bewusst für ein Album entschieden, weil ihr das als Form gut findet?

Rayan: Ja, voll.

Sammy: Wir haben uns dafür entschieden, weil das ein Medium ist, mit dem wir aufgewachsen sind. Und das ist das Medium, über das wir uns in Musik verliebt haben.

Rayan: Ich glaube, Sammy und ich gehören noch knapp zu der Generation, die Musik nicht nur über TikTok kennengelernt hat und deshalb einfach nur single-mäßig hört. Bei uns war es schon so, dass man Alben noch appreciated hat. Wir sind einfach glücklich, Teil der Gruppe zu sein, die dieses Medium einer neuen Generation näher bringt. Man sieht auch, wie die darauf reagieren, sie freuen sich auf das Album.

Sammy: Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, dieses Album zu machen. So wie wir das Album erarbeitet haben und so wie wir Musik machen, kann man es nicht häppchenweise rausgeben. Wir sehen es als Großes und Ganzes.

Cyte: Ein Teil des Albums ist in Frankreich entstanden, wie kam es dazu?

Rayan: Wir waren zwei Wochen mit unserer Band auf einer Album-Fahrt. Das Ziel war, Demos für das Album zu machen, so dass wir zumindest instrumental fertig wieder zurückkommen. Außerdem wollten wir gucken, was passiert, wenn wir neue Sachen schreiben. Und tatsächlich überkam uns in Frankereich echt eine Welle der Kreativität. Wir haben richtig viele neue Stücke, viele neue Songs geschrieben.

Cyte: War Frankreich zufällig gewählt oder habt ihr eine Beziehung zum Land?

Rayan: Frankreich ist einfach ein schönes Land. Wir wollten aus Deutschland raus, wir wollten eine andere Umgebung, auf andere Gedanken kommen. So weit weg wie es dann mit der Band geht, denn es musste ja das halbe Studio mit. Damit konnten wir jetzt nicht auf die Malediven oder so. Aber wir wollten ohne Ablenkung, ohne den Alltag sein, frei von Friseurterminen und Fußballspielen. Das hieß auch weg von Freunden. Keine Freundin erlaubt.

Cyte: Ist der Song Ich liebe dich für immer die erste Single, die ausgekoppelt worden ist?

Rayan: Das war tatsächlich einer der ersten Songs, die für das Album entstanden sind. Da waren wir noch nicht in Frankreich. Wenn wir an so ein Projekt rangehen, treffen Sammy und ich uns erstmal für uns, um uns in den neuen Vibe reinzufühlen. Und genau da ist halt der Song entstanden. Zum großen Teil also in Köln. Das war einfach so eine Session von uns beiden, bei der wir uns auf den Vibe vom Album geeinigt haben. Dieser Song und Erinnerung waren die ersten beiden Songs, die für das Album standen. Wir wussten sofort, dass Ich liebe dich für immer sounddefinierend sein wird und so heißt auch das Album.

Cyte: Wenn ihr dieses Album jetzt fertig gemacht habt, wie geht es dann bei euch weiter? Was sind die Pläne für die nächste Zeit?

Rayan: Jetzt kommt erstmal ganz viel Promo-Arbeit, damit das Album auch an die Leute kommt. Und dann haben wir eine Tour vom 5. bis zum 16. April, auf die wir uns vorbereiten. Wir bauen gerade das Set mit unserem Musical Director. Das proben wir und bringen es dann auf die Bühne. Und danach hoffentlich erstmal Urlaub.

Cyte: Der ist dann wohlverdient! Habt viel Erfolg mit dem Album und viel Spaß auf der Tour!