Zwischen Beton und Stromkabeln: Der stille Zauber des Thomas Dillmann
Words: Henrike Heick
Photographer: Stephan Ziehen
All artworks by Thomas Dillmann@Galerie Drees
Thomas Dillmann ist einer dieser Künstler, bei denen man zweimal hinschauen muss. Nicht etwa, weil seine Bilder so laut sind. Im Gegenteil. Sie flüstern. Farbentsättigt murmeln sie etwas über vordergründig unspektakuläre Autobahnschilder, Parkbuchten, Industriegebiete, Hauswände, Baumwipfel – und lassen dabei eine seltsame Art von Fernweh und Geborgenheit entstehen. Der Betrachter weiß nicht sofort warum, aber irgendetwas in diesen Bildern berührt. Irgendetwas ist echt. Man meint ein Foto zu betrachten und in dieses Foto hineinzuversinken. Erst Sekunden später versteht man, es ist Malerei.
In Hannover malt Dillmann in seinem Atelier. Kaum Tageslicht, Neonröhren an der Decke, es ist kühl. Außer vielen Büchern, einigen wenigen Bildern an den Wänden, einem Sofa mit Tennisschlägern darauf, gibt es hier nur Leinwände, Farbtuben und tausender winziger Pinsel. Keine Ablenkung, reine Konzentration. Er hat sich selbst eine Art Bunker geschaffen, in dem nur die Bilder zählen – und ihre Entstehung. „Mörderanstrengend“ sei das, sagt er. Ein Sechs-Stunden-Tag reicht völlig. Danach ist er körperlich erschöpft, wie nach einem Tennismatch. Die Konzentration, die Präzision, der Rücken, das Stehen – es ist Malerei, aber es fühlt sich manchmal an wie Hochleistungssport in Zeitlupe.
Dass er heute vor allem in Formaten wie 40×60 oder 30×40 Zentimeter arbeitet, liegt nicht etwa an Platzmangel, sondern an der Zeit. Die großen Werke – zwei Meter breit, fünf Monate Arbeit – schafft er seltener. Der Aufwand, die Akkuratesse, das Aushalten von Detailversessenheit: Es frisst Stunden. Und das Alter, sagt er, mache es nicht leichter. Thomas Dillmann beklagt sich nicht. Es ist eher ein nüchternes Anerkennen der Realität: Kunst braucht Zeit. Und Ruhe.
**Die Gelassenheit im Bild**
Auffällig ist, was in seinen Bildern fehlt. Lebewesen. Nur kürzlich, nach 30 Jahren, tauchte zum ersten Mal wieder ein Mensch im Vordergrund auf – eine Ausnahme. Denn was Dillmann interessiert, ist nicht das Spektakel, sondern der Raum, den der Mensch hinterlässt. Die Straße, die er gebaut hat. Die Stadt, die er sich ausgedacht hat. Die Wand, an der er Plakate klebt. Es ist ein bisschen wie in den Fotografien von Stephen Shore, den Dillmann bewundert: Der Mensch zeigt sich nicht im Selfie, sondern in der Spur, die er der Welt eingeschrieben hat.
Und auch der Betrachter sieht endlich „den Rest“ – Lebewesen in Bildern ziehen unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich, “der Rest“ tritt dabei in den Hintergrund, Dillmann geht es aber genau um diesen Rest.
So malt Dillmann das, was andere übersehen würden. Eine karge Ausfallstraße in Rom. Einen schnöden Parkplatz. Eine leere Kreuzung in Spanien. Eine verwitterte Industriehalle in der französischen Provinz. Und doch passiert in seinen Bildern etwas Merkwürdiges: Sie verwandeln das Banale in etwas beinahe Erhabenes. Er schafft es, eine immense Wirkung in jedes Bild einzumalen, eine unwirkliche Anziehungskraft. Als hätte jemand einen Staubfilm von der Oberfläche der Wirklichkeit gewischt – und man sieht plötzlich klar. Ein Autobahnschild wird zur Poesie. Ein Schatten auf einer Wand erzählt von Zeit.
**Von Hessen nach Hannover**
Geboren ist Thomas Dillmann in Hessen, in einem großen, turbulenten Elternhaus. Acht Geschwister, Großeltern im Dachgeschoss, die Tante mit Familie im Anbau. Dillmann selbst war der Nachzügler, der Kleine. Die Eltern schon etwas älter, nicht mehr ganz so streng, aber die katholische Prägung – die war da. Heute sieht er das eher mit Distanz, fast mit Verwunderung, wie sehr sich die Rolle der Kirche gewandelt hat. „Das, was Jahrtausende unsere Kultur bestimmt hat, interessiert heute kaum noch jemanden“, sagt er. In manchen seiner Bilder – ein abgelegenes Kreuz, eine Mauer, die mehr andeutet als zeigt – scheint dieser Wandel durch.
**Fotorealismus unaufgeregt**
Dillmanns Stil? Fotorealismus, ja – aber nicht mit dem Vorschlaghammer. Keine Explosionen, keine Action, kein Drama. Stattdessen graues Licht, bewölkter Himmel, Farben, die fast entsättigt wirken. Und doch: ein Zauber, der sich erst mit dem zweiten Blick erschließt. Seine Bilder fordern Geduld. Man muss davorstehen. Man muss hinsehen. Dann bemerkt man, dass eine weiße Wand gar nicht weiß ist. Dass sie in Nuancen von Grau, Ocker, Grün und Rosa atmet.
Und ja: Es ist gemalt. Nicht fotografiert. Für viele der erste Aha-Moment. Denn auf den ersten Blick wirken die Bilder wie gute Fotos – aber sieht man ein zweites Mal hin – vor allem als Original –, erkennt man die Pinselstriche, die Mühe, das Handwerk. „Ich male sehr wenig“, sagt Dillmann. Damit meint er nicht den Output, sondern die Technik: Er verbringt Stunden damit, zu überlegen, bevor er den nächsten Strich setzt. Acryl ist unforgiving. Ein zu dunkler Farbton? Kaum zu korrigieren. Ein Pinselstrich zu viel? Versaut den ganzen Himmel. Das macht vorsichtig. Und verlangt eine fast meditative Haltung.
**Reisen, sehen, festhalten**
Viele seiner Motive stammen von Reisen – nicht spektakulär, eher alltäglich. Er immer auf dem Beifahrersitz (er hat keinen Führerschein), die Kamera immer bereit, knipst er stundenlang aus dem fahrenden Auto. „Ich versuche, den Kopf auszuschalten. Wenn der Instinkt sagt, das ist interessant, dann drücke ich ab.“ Warum, weiß er oft erst später. Manchmal Jahre später. Es gibt Bilder, die lagern zehn, fünfzehn Jahre auf seiner Festplatte, bevor er sie malt. Dann, wenn die Faszination bleibt – auch ohne die Erinnerung an die Reise, an die Sonne, an den Wein.
**Der Künstler als Anti-Vermarkter**
Dillmann ist kein Netzwerker. Kein Selbstdarsteller. Keine PR-Maschine. Er hat einen Galeristen, mit dem er seit über 20 Jahren zusammenarbeitet, und das reicht ihm. „Ich bin null Vermarktung“, sagt er. „Ich will ein Bild malen, das ich bin“, sagt er. Nichts anderes. Keine Strategie, keine Zielgruppenanalyse, keine Kunstmessen-Kalkulation.
Das macht ihn zu einer Ausnahme. In einer Kunstwelt, die oft schrill und laut ist, bleibt Dillmann leise. Doch wer ihn entdeckt, bleibt hängen und will mehr von der Karkheit, der Ödnis, dem Mineralischen.
**Gegen das Vergessen: Repros**
Wenn ein Bild verkauft wird, bleibt ihm nur das Repro. Und das ist Dillmann heilig. Stundenlang tüftelt er an der Farbübereinstimmung zwischen Original und Druck. Eine Graukarte, so lange bearbeitet, bis sie perfekt ist. Dann das Bild, neu abgemischt, gedruckt, verglichen. Es ist seine Art, das Werk festzuhalten. Denn wenn ein Bild weg ist, ist es weg. Und das schmerzt.
Manche Bilder, sagt er, vermisst er wirklich. Andere lässt er gerne ziehen. „Wenn jemand ein Bild will – super.“ Nur wenn es ein Lieblingsbild ist, fällt das Loslassen schwer.
**Ein Bild wie ein Gedicht**
Einmal malte Dillmann ein kleines Bild mit einem Schild vom Autobahnring in Rom – Napoli, Roma, Ausfahrt 26. „Ich dachte, das wird nie jemand kaufen.“ Sieben Anfragen später war klar: Dieses Schild war mehr als Verkehrsinformation. Es war ein Gedicht, wie eine Germanistin später zu ihm sagte. Ein Gedicht aus Richtung, Erinnerung, Gefühl. Das Unspektakuläre wird bedeutsam, wenn es im richtigen Licht steht – oder in der richtigen Malweise.
**Zukunft und Zweifel**
Natürlich fragt sich Dillmann manchmal, wie lange das noch so weitergeht. Ob er irgendwann „ausgemalt“ ist. Leer. Fertig. Aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es Motive. Noch gibt es Ideen. Noch gibt es Träume – buchstäblich. Manche Bilder kehren in seinen Träumen wieder, tauchen auf wie Gespenster, drängen sich in seinen Kopf. Er will sie malen. Noch nicht jetzt. Aber irgendwann.