Cyte#16

Words: Stephan Ziehen

Langsam nervt’s wirklich! In den letzten 12 Monaten gab’s so viele Wechsel in den Modehäusern wie nie zuvor. Fast monatlich wurden Creative Direktoren ausgetauscht. Mal wegen Erfolglosigkeit, mal wegen Burn-Out, mal aus taktischen Gründen, mal aus Management Gründen. Kaum einer kann sich mehr eine kleine Durststrecke erlauben. Da können sich Häuser glücklich schätzen, die noch Inhaber geführt sind und nicht den Regeln, der übermächtigen Modegiganten unterworfen sind.
Eine Zeit lang habe ich geglaubt, diese vielen Wechsel dienten dazu, die Modekonsumenten mit ständig neuen Reizen bei Laune zu halten. Jeder Führungswechsel bedeutet eine neue Pressemitteilung, Spekulationen im Vorfeld, neue Berichte über die Marke und Neugierde auf das zu Erwartende. Vielleicht hat das auch manchmal funktioniert. Aber mittlerweile wurde der Bogen überspannt. In einer Zeit, wo vieles ungewisser wird und alte Regeln keinen Bestand mehr haben, sehne ich mich nach Verlässlichkeit und Kontinuität. Modehäuser sind mittlerweile teure Ramschläden geworden, es wird alles angeboten was sich verkaufen lässt. Von DNA und einer Marken-Identität kann man nur noch selten sprechen. Ich weiß schon, Mode lebt von Veränderung und steten Wandel. Aber so ganz ohne Sinn und Verstand, wird es schwierig für mich. Bei aller Schnelllebigkeit und dem Herausstechen aus der permanenten Reizüberflutung, sehnen wir uns doch alle nach etwas mehr Beständigkeit und Ruhe. Warum kann Demna nicht etwas Gucci Glam auch bei Balenciaga machen, warum wird der Ex-Gucci Eklektizismus von Allessandro jetzt bei Valentino fortgeführt und der zeitlose Valentino Chic von Pierpaolo wandert jetzt zu Balenciaga? Und warum verlassen Jack McCollough und Lazaro Hernandez ihr eigenes Label Proenza Schouler, um die Creative Direction bei Loewe anzutreten, dessen J. W. Anderson jetzt den Feminismus von Maria Grazia neu erfinden muss oder wahrscheinlich aus Dior das neue Loewe macht? Sarah Burton hat bei Givenchy schon gezeigt, wie gut sie das Archiv durchleuchtet hat und wie geschmeidig sie sich von McQueen zu ihrem neuen Arbeitgeber bzw. gleicher Arbeitgeber nur neues Label, gehäutet hat. Michael Rider löst Hedi Slimane bei Celine ab, der übrigens vorher bei Ralph Lauren war, und was Mathieu Blazzy bei Chanel bewirken wird ist auch noch offen. Aber für irgendwas wird dieses absurde Theater hoffentlich gut sein – vielleicht hilft es ja wirklich, das Interesse an der Mode wieder zu beleben und endlich die gefallenen Umsätze zu heben. Meine Sorge ist aber, das dieser Aufmerksamkeits-Booster der Häuser ein bißchen zu früh kommt, denn solange die allgemeine Stimmung so schlecht ist, wird auch durch neue Designer keiner so richtig in Kauflaune versetzt.
Wenn wir dann noch erfahren was aus Hedi, Sabato und Maria Grazia wird, dann sind wir Fashionistas wieder glücklich – zumindest bis uns das nächste mal wieder richtig langweilig ist und wir wieder mit Kaufverweigerung drohen, um wieder etwas Leben in die Bude zu bringen. Nur dürfen wir nicht glauben, das die Klamotten besser oder toller werden, die bleiben wie immer:
Mal eine Saison super cool und die nächste Saison wieder etwas schwächer, weil es am Ende immer Menschen sind, die sie sich ausdenken und daher niemals perfekt sein können oder wollen – und was heißt schon perfekt …?

P. S.:
Mittlerweile haben einige der Neubesetzungen ihre Entwürfe gezeigt und was soll ich sagen,
es ist zwar alles anders, aber wie zu erwarten, wurde das Rad nicht neu erfunden.
J.W. Anderson hat seine erste Dior Männer Kollektion gezeigt, die wirklich nicht schlecht war, aber besser oder interessanter als Kim Jones war’s nicht. Immerhin gab’s wohl über eine Milliarde Views auf allen möglichen Plattformen. Michael Riders Version von Celine war eine Mischung aus Phoebe Philo und Ralph Lauren, wahrscheinlich besser verkäuflich als die letzten Entwürfe von Hedi, aber im wesentlichen war es nur ein neuer Besen, der jetzt mal eine Weile besser kehrt.
Man kann wirklich nur hoffen, daß nach all dem Wirbel, der Wechsel sich für die ganzen Häuser auszahlt, denn die Konsumflaute bei den Luxushäusern hatte sicher nicht sehr viel mit bisher langweiliger Mode zu tun. Selbst die Reichen und Superreichen sind etwas zurückhaltender mit ihren Ausgaben geworden: Denn all die Krisen der Welt treffen auch sie und auch wenn sie ihnen nur die Kauflaune verdirbt. Vielleicht hätte man auch einmal die absurde Preispolitik überdenken können, die seit einiger Zeit um sich greift? Vielleicht wäre auch ein klares Designbild wieder hilfreich und nicht austauschbare Riesenkollektionen, bei denen von jung bis alt für jeden was dabei ist?
Aber dennoch: Es bleibt spannend, noch haben nicht alle Neuen ihre Kollektionen gezeigt …